Demjenigen, der hier schon öfter mal vorbei gesehen hat, mag es aufgefallen sein. Heute keine Buchbesprechung, sondern eine -empfehlung. Ich wage mich ausnahmsweise etwas weiter heraus, weil dieses Buch mich wirklich total überrascht hat.

Vor einigen Wochen habe ich begonnen, sozusagen systematisch mein Regal leer zu lesen. Im Normalfall habe ich immer zwei „Parallelbücher“ (manchmal noch ein drittes zu technischen Fragen des Webdesign). Eines für die normale Lektüre vor dem Einschlafen, im Zug oder in der Badewanne. Das Buch für alle Fälle sozusagen, das kann musikalisch sein, aber auch ein Krimi, ein Roman, eine Biographie. Ein zweites Buch zum „Ausschlachten“ für die Webseite hier. Dann sitze ich mit dem Notebook vor dem Fernseher, lese und verarbeite alles passende hier auf flutepage. Für solche „Arbeitsbücher“ taugen eher stark strukturierte Bücher, Lexika, Fachbücher und ähnliches.

Das Buch, das ich heute hier vorstelle (und empfehle), war ein Buch der ersten Kategorie. Ein richtiges Lesebuch. Meine bisherigen Erfahrungen mit Musiksoziologie haben mir gezeigt, dass das nichts ist, was man mal eben „nebenbei“ liest. Hier also erst mal die „technischen“ Daten:

Urs Frauchiger

Was zum Teufel ist mit der Musik los

Eine Art Musiksoziologie für Kenner und Liebhaber

Buchclub Ex Libris Zürich

Vorname des Autors und Verlag deuten schon darauf hin: hier spricht ein Schweizer. Das wurde mir (die ich natürlich nicht auf den Namen des Autors und den Verlag geachtet hatte) auf der ersten Seite am Ausdruck „parkierte Autos“ offensichtlich.

Zur Lesesituation: Eine lästige Erkältung mit laufender Nase, Halsschmerzen und gelegentlichem Fieber hat mich diese Woche zwei Tage an Bett und Sofa gebunden. Und als der letzte Roman dann ausgelesen war, kam mir „Urs“ in die Hände. Ein nicht ganz 140 Seiten starkes Hardcover-Büchlein in ca. DIN A 5-Format. Nach meinen Erfahrungen mit Adorno und Kollegen rechnete ich mit eher schwerer Kost und einer geringen Lesegeschwindigkeit. Das war am Dienstag. Am Mittwoch war ich durch :).

Dieses Buch ist so manches, aber weder trocken noch anstrengend. Ich konnte Schmunzeln, Lachen und Nicken. Und das, obwohl Herr Frauchiger ein Adorno-Freund ist. Das schöne ist, er erklärt was er meint, verwendet Worte und Beispiele, die man (ich jedenfalls) gut verstehen und nachvollziehen kann. Ein paar Beispiele anhand von Kapitelüberschriften:

  • Man bittet, nicht auf den Dirigenten zu schiessen
  • Publikumsbeschimpfung
  • Wieviel Demokratie erträgt die Musik?
  • Kammermusik in einer Zeit ohne Kammern?

Das Büchlein schreibt von der Instrumentalisierung der Musik zum Gefügigmachen der Bevölkerung, zum Geldverdienen, zum Ruhm erwerben und zu allem möglichen sonst. Es schreibt über den Verlust des Gefühls beim Spielen und Hören, über Startum und Amateurmusizieren, Musikschulen und alles, was einem sonst im musikalischen Alltag so begegnet.

Der Autor benutzt fiktive Dialoge, erfundene Geschichten, eine Rede (die er vermutlich auch mal so gehalten hat, könnte ich mir denken) und sonstige erfundene Dokumente. Jedes Kapitel ist ganz eigenständig. Er zitiert und seziert Äußerungen von Musikwissenschaftler-Kollegen (z. B. „Im Allgemeinen herrscht Einigkeit darüber, dass durch Musik emotionale Erscheinungen beim Hörer ausgelöst werden“ von Carl Dahlhaus). Er spricht (oder brüllt) den Leser per Du an und löst damit ebenfalls „emotionale Erscheinungen“ aus.

Keiner kommt gut weg, das Radio nicht, das Fernsehen schon gar nicht, die Politik nicht und nicht die Dirigenten. Aber ich habe keinen erhobenen Zeigefinger gefunden, sondern einen von Herzen schreibenden Überzeugungsautor.

Wenn da nicht so viele andere Bücher ständen und lägen…. ich finge direkt nochmal von vorne an zu lesen. Und die Sprache ist für mich auch sehr ansprechend, trotz oder wegen der schweizerischen Tönung, wer kann das sagen?

Und nun noch ein Zitat, das mir sehr aus der Seele sprach (muss aber nicht für alle Romane gelten):

"Romane über Komponisten z. B. darf man nicht lesen. Da unterschieben viertklassige Schriftsteller erstklassigen Komponisten drittklassige Gedanken und Gefühle"