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So furchtbar lange bin ich ja noch nicht bei Facebook, aber eines habe ich festgestellt: für Musiktermine findet sich dort ein wahres Füllhorn der Möglichkeiten. Aus aller Welt werde ich von Flötisten, Verbänden und Geschäften zugeschüttet mit Einladungen zu Kursen, Konzerten, Wettbewerben usw.

So auch kurz vor dem Jahreswechsel. Flutissimo, eine von mir sehr geschätzte Adresse in Sachen Flöte, lud zum Workshop mit Thomas von Lüdinghausen. Zunächst nach Xanten für einen Abendworkshop am 3. Januar, kurz darauf war dieser ausgebucht und eine zweite Möglichkeit bot sich in Sankt Augustin am 2. Januar. Wie wunderbar, ich konnte noch umbuchen und die kurze Anfahrt in meine ehemalige Heimatstadt wählen, anstatt mich Freitags bis Xanten durchfummeln zu müssen.

Für 30 Euro sollte es also einen dreistündigen Kurs beim aktuellen Soloflötisten der Stuttgarter Philharmoniker und Dozenten der Hochschule für Musik in Stuttgart geben. Im Preis enthalten waren Wasser, Obst und ein handliches Skript zum Abend. Preis-Leistung war also schon mal in jedem Fall absolut unschlagbar.

Kurz vor knapp als vorletzte angekommen, fand ich eine Gruppe von insgesamt 11 interessierten Flötisten aller Alterstufen, Geschlechter und Fortschrittsgrade vor. Die Damen waren mit neun Teilnehmern allerdings mal wieder klar in der Überzahl.

Was kann man mit einer so heterogenen Gruppe in drei Stunden anfangen? Das hatte ich mich vorher auch schon gefragt und lernte an diesem Abend: alles wesentliche.

Los gings mit „Trockenübungen“ ohne Flöte. Zunächst gymnastische Übungen zur Lockerung der Muskulatur insbesondere von Nacken, Wirbelsäule und Schultern. Die Haltung unseres heißgeliebten Instruments ist ja leider nicht dazu angetan, Orthopäden zu Freudenschreien anzuregen. Die Empfehlung unseres Kursleiters lautete, sich die wenigen Minuten vor jeder Übeeinheit, die länger als eine Stunde dauert, zu nehmen.

Das schöne daran ist, dass auch gleich der Kreislauf und die Atmung ein bisschen aktiviert werden, wie ich finde.

Schritt zwei waren Atemübungen. Ziel der Arbeit war die reflektorische, sprich automatische und natürliche „inaktive“ Atmung (meine Lehrerin zeichnet für solche Atmungen gerne kleine Säckchen unter die Noten statt spitze Pfeile oben drüber. Sehr bildhaft, finde ich). Sozusagen der natürliche Druckausgleich, wenn innen keine Luft mehr ist, außen aber wohl. Schließlich ist es alles andere als einfach, die Luft einfach einströmen zu lassen. Zu erkennen ist diese Schwierigkeit an den mitunter sehr lauten Einatemgeräuschen beim Spielen, die den Widerstand hörbar machen.

Thomas von Lüdinghausen trainierte mit uns zunächst ohne Flöte, wobei die Einatempause streng rhythmisch immer weiter zu verkürzen war (ganz schön schwer, für mich jedenfalls).

Im nächsten Schritt wurde die korrekte Haltung der Flöte geübt. Für die meisten recht ungewohnt, da praktisch ohne Drehung der Wirbelsäule. Das ergibt eine Fußstellung, die völlig anschaulich mit der Uhrzeigerstellung bei zwei Minuten vor 2 beschrieben wurde, wobei auf zwölf Uhr dann der Notenständer stehen sollte.

Nachdem die Position bei allen einigermaßen saß, konnte nun die Atemübung mit Flöte wiederholt werden, auch nicht wirklich einfacher als ohne (das Zählen jedenfalls).

Als nächstes ging der Fokus Richtung Luftstrom. Der soll eigentlich immer gleich intensiv durchgehalten werden, auch wenn artikuliert werden muss. Das ist alles andere als ein Selbstverständlichkeit. Der Trick dabei ist, die Luft nicht hinter der Zunge aufzustauen. Das geht nur, wenn die Zunge oben am Gaumen hinten zwischen den oberen Backenzähnen festliegt und nur ein möglichst kleiner Teil der Spitze für den Anstoß sorgt. Ein Kunststück und für mich sehr übenswert.

Unterstützt werden kann der gleichbleibende Luftstrom, indem man die Übung mit gleichzeitigem Singen und Spielen durchführt. Ich kenne das als Maßnahme, den Hals zu öffnen, gleichzeitig scheint es aber auch die Atmung zu stimulieren. Der Unterschied ist im Anschluss an diese Übung jedenfalls klar hörbar.

Das nächste Thema des Abends war die Fingertechnik. Da fragt sich erneut: wie geht das mit Leuten, die so unterschiedlich weit fortgeschritten sind? Und es ist ganz einfach: behandle die Grundlagen. Daran muss jeder immer arbeiten und es gibt auch bei jedem was zu verbessern.

Zunächst also eine unverkrampfte Handhaltung an der Flöte, die allen Fingern (vor allem auch dem rechten kleinen Finger) gleiches Bewegungsvermögen lässt. Ich werde wohl meinen Haltungsabschnitt auf Flutepage nochmal korrigieren müssen….. Die richtige Haltung erkennt man daran, dass die Flöte ruhig liegen bleibt, auch wenn man ohne kleinen Finger der rechten Hand spielt und zum Beispiel das cis ohne linken Daumen umspielt. Die Flöte wird dann nur zwischen linkem Zeigefingergrundglied und rechtem Daumen ausbalanziert.

Für die rechte Hand kann man die korrekte und unverkrampfte Betätigung der Klappen am besten üben, indem man den rechten Daumen mal wegnimmt. Nicht einfach, aber sehr effektiv, auch dann wenn die rechte Hand beim Üben mal zu fest wird. Ohne Daumen kein Griff, ohne Griff kein Krampf.

Es folgte die bekannte aber schwer umzusetzende Anweisung, nicht mehr zu drücken als nötig um die Klappe zu schließen und die Finger nicht weiter zu heben als für die Öffnung der Klappe erforderlich. Das ist Teil der unendlichen Geschichte des Flötenübens…..

Als Tipp zum effektiven Üben schwerer Stellen folgte dann noch die Rhythmisierungstechnik, bei der in Tönen einer Reihe mit gleichen Notenwerten jeweils einer verlängert wird. Dieser verlängerte wandert dann von der ersten Note der Gruppe zur zweiten, dann zur dritten usw. Es ergeben sich x Varianten, wobei jede drei bis vier mal zu wiederholen ist. Das führt dazu, dass man unabhängig von Tonhöhen und Intervallen jedem Ton des Laufs einmal mehr Aufmerksamkeit widmet, sozusagen ein Spotlight auf ihn richtet. Super für das Hirn und perfekt, um eine schwere Stelle schneller draufzubekommen.

Wir haben das ganze noch auf ein Duett angewendet, dass wir mit Flötenorchester zum Schluss aufgeführt haben.

Ein sehr gelungener Abend bei dem wohl jeder was mitnehmen konnte. Tolle Idee, tolle Durchführung und fantastisches Preis-Leistungsverhältnis. Ich wäre jederzeit wieder dabei. Das kann sich jeder leisten, vom Aufwand zeitlich sowie finanziell.

Zu erwähnen sind noch die tollen Räumlichkeiten der Musikschule Sankt Augustin. Da scheint sich eine produktive Zusammenarbeit mit dem örtlichen Flötenhändler Flutissimo anzubahnen. Was könnte sinnvoller sein?

Impulse…

1 Kommentar

…. was für ein vielseitiger Begriff. Abgesehen von der physikalischen Bedeutung des „Impulses“ wird der Begriff ja in vielerlei Zusammenhang verwendet: einem Impuls folgen, impulsiv, Impulse geben etc.

Mir hat sich dieses Wort seit ein paar Tagen im Kopf festgesetzt und zwar im Zusammenhang mit einem Kammermusikkurs, den ich letzte Woche besucht habe, quasi als dessen Quintessenz.

Zunächst mal in alt gewohnter Weise die Fakten: Ich war von Montag Abend bis einschließlich Samstag auf einem Kammermusikkurs der Werkgemeinschaft Musik in der Jugendbildungsstätte in Altenberg. Es handelte sich um einen reinen Bläserkurs für zwei Quintette. Dabei sollten von jedem Quintett ein Werk und von beiden Quintetten zusammen zwei Dezette erarbeitet werden, wobei die Stimmen zwischen beiden Dezetten jeweils getauscht wurden. Der Dozent war Peter Wuttke, Oboist (Barockoboe) aus Essen.

Dem Namen nach und vom Erzählen kenne ich den Kurs schon lange durch eine Freundin, die früher immer da war. Dieses Jahr bin ich da gelandet, weil mich eine Oboistin fragte, die ich von einem anderen Kurs im letzten Jahr kenne. Erstaunlicherweise fehlte tatsächlich eine Flöte zur vollen Besetzung. So was gibt es eigentlich gar nicht. Die einmalige Chance ergriff ich spontan und freute mich fortan und war auch nervös, da die Veranstaltung durchaus den Ruf eines hohen Niveaus hat.

In Sachen Quintett standen zur Auswahl das vierte Quintett von Sobeck und die Ligeti-Bagatellen.  Ich wünschte mir frühzeitig Ligeti, weil der bei mir schon lange im Schrank steht und von meinen zwei Quintetten keines dazu zu motivieren ist, sich mit dem auseinanderzusetzen. Fortan habe ich dann heftig geübt, auch ein bisschen Piccolo, im Ligeti muss man ja wechseln.

Als Dezette waren Florent Schmitt (Lied und Scherzo) und eine Serenade von Jadassohn. Ich wählte für ersteres Flöte und war damit bei letzterem die zweite Stimme.

Bei der Anreise zeigte sich als erstes, dass die Unterkunft ein echter Knüller war. Zweierzimmer mit eigenem Bad und in super gutem Renovierungszustand. Die Mitmusiker waren bunt gemischt, im Alter zwischen Anfang zwanzig und um die 50, zwei Studenten und eine Menge engagierter Amateure. Menschlich passte das prima, wie die Woche (inklusive der späten Abende) noch zeigen würde.

Der Ligeti ist rein technisch nicht so wahnsinnig schwer. Die Dynamik (ganz häufig pp) und die Taktwechsel dagegen ließen zusammen mit den Tempoangaben schon einigen Spaß beim Proben erwarten. Und so war es dann auch.

Meine alte „Intonationsphobie“ war in dieser Woche gar kein Thema. Mit der Oboistin stimmte es von Anfang an wirklich gut und an dieser Front hatte ich keine Probleme. Zu meiner Überraschung dominierte dagegen das Thema „Rhythmus“ die ganze Woche. „Zu meiner Überraschung“ sage ich, weil ich eigentlich im Rhythmus eher immer eine meiner Stärken gesehen habe. Und mit dem Stichwort „Rhythmus“ sind wir dann auch schon wieder beim Titel. Im Ligeti drehte sich alles um Impulse. Den Anfangsimpuls, damit alle das Tempo verstehen, den Impulsen bei den plötzlichen Tempowechseln, Taktwechseln oder stringendi und ritardandi. Als Flöte ist man da häufig sehr in der Pflicht.

Prinzipiell kenne ich das aus meinen regelmässigen Kammermusikaktivitäten in verschiedenen Ensembles. Plötzlich aber war es unendlich schwer, diese Impulse zu geben. Wie kams? Ich habe viel darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass diese Form des „Leitens“ früher schon immer mal schwierig für mich war und eigentlich aktuell überall gut klappt, weil ich mich kompetent dafür fühle, die mit mir Musizierenden zu führen. In Altenberg allerdings war ich gefühlt in der „Defensive“, traute mir das nicht recht zu, hatte viel Respekt vor den Mitmusikern und fühlte mich gar nicht in der Position, denen irgendetwas vorzugeben. Ein Teufelskreis, der zu immer mehr Korrekturen, immer weniger Selbstbewusstsein und immer mehr Fehlern (inklusive abstürzender Töne in der dritten Oktave) führte.

Donnerstag war ich am Tiefpunkt, empfand mich als absoluten Bremsklotz der Nation und brachte irgendwie gar nix mehr auf die Reihe (meine Wahrnehmung). Da half nur frische Luft, einsame Analyse und ein paar Worte mit einigen meiner Mitmusiker in der Mittagspause. Das brachte mich jedenfalls wieder in probentaugliche Form. Freitag Abend hatten wir dann eine Art Generalprobe für die Quintette (gegenseitiges Vorspielen des geprobten Werkes). Gleich in unserer sichersten Nummer, der ersten, ging so manches übel schief und  dennoch kamen wir durch. Außerdem lag es nicht ausschließlich an mir, dass manches nicht klappte. Auch mancher meiner aus meiner Sicht so deutlich überlegenen Mitmusiker patzten und auf einmal schöpfte ich etwas Mut. Eine eigenartige Reaktion auf unsere Fehler.

Samstag stand dann dass Abschlusskonzert im Haus Fuhr in Essen (wunderschöner Saal) an. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal so nervös gewesen zu sein. Der Schmitt zu Anfang klappte nicht besonders. Es folgte Sobeck und dann Ligeti. Die 25 Minuten während unsere Kollegen musizierten waren für mich geradezu gespenstisch. Dann ging es raus und auf die Bühne. Und irgendwie fluppte es erstaunlich gut. Ich denke, die beste Version, die wir die ganze Woche hinbekommen hatten (in Summe).

Ab Sonntag hallte dann die Woche in mir nach. Kein so ganz positiver Blick zurück. Was ist da bloß alles passiert? Der Kurs war ein Impuls für mich. Der Anstoß dafür, meine musikalischen Aktivitäten ganz neu zu überdenken. Wie kann ich mich weiterentwickeln, wenn in den Kammermusikproben, an denen ich teilnehme, keiner da ist, der mich wirklich korrigiert, der mich auf  die Dinge, die ich selbst gar nicht bemerke, hinweist? Wenn in meinen Ensembles kaum Repertoire auf das Pult kommt, das mich zum Üben bringt? Wenn sich in jahrelangem Zusammenspiel kein gemeinsames musikalisches Empfinden und keine Ensembledynamik entwickelt? Ich habe mich schon oft gefragt, ob das nicht anders ginge. So gerne würde ich in Gruppen spiele, in denen ich irgendwo im Mittelfeld oder am unteren Ende der Leistungsskala wäre. Momentan habe ich nur ein Trio, in dem wir alle auf gleichem Niveau musizieren, ansonsten sehe ich das nicht (ich weiß, das klingt vermessen und unbescheiden, sorry dafür).

Dazu kommen Muggen, die meist mit einer Probe auskommen, wo also niemals wirklich an den Stücken gearbeitet wird. Auch nicht förderlich für eine echte Weiterentwicklung. Im Unterricht lerne ich immer sehr viel, allerdings ist das eine etwas andere Ebene, mehr in instrumentaler Spieltechnik und natürlich auch musikalischer Gestaltung, allerdings eben ohne die Aspekte des Zusammenspiels und der Kommunikation im Ensemble, die ich in Altenberg als Defizite identifiziert habe.

Ich habe das Bedürfnis, meine musikalischen Fähigkeiten und mein Selbstverständnis als Flötistin neu zu definieren, einen anderen Bezugsrahmen für mein Spielen zu finden. Nur wo und wie? Ich möchte nicht mehr so abhängig von Feedback und meinen Ängsten sein, bräuchte mehr Mut zum Fehler und Selbstbewusstsein, dann hätte ich viel souveräner spielen können. Die erforderliche Sicherheit, um den „Ton“ angeben zu können, wo es nötig ist, oder auch nur die eigene Stimme durchzuziehen, stammt beim alltäglichen Musizieren offensichtlich alleine aus der Wahrnehmung einer Überlegenheit hinsichtlich Instrumentenbeherrschung, musikalischer Erfahrung und Repertoirekenntnis (als „Legitimation“ sozusagen). Sobald das Umfeld wechselt und versiertere Musiker mich umgeben, knicke ich ein und büße alle musikalische Souveränität ein. Nicht gut.

Was also bleibt? Eine Menge zum Grübeln, ein Haufen Baustellen und einige zu treffende Entscheidungen bezüglich der Zukunft meiner Kammermusikaktivitäten. Ein denkwürdiger Kurs und nachdrücklicher Impuls im Frühjahr, das war er wohl für mich, der Kammermusikkurs in Altenberg.

 

 

In Windeseile waren die ersten beiden Tage vergangen. Da es Samstag Abend eigentlich schon ein bisschen Sonntag morgen war, musste der tägliche Warm-up mit Jürgen Franz schon wieder dran glauben. Los ging es für uns erst um 11 Uhr mit der Masterclass bei Renate Armin-Greiss. Auf sie war ich schon besonders gespannt. Ein Interview in Flöte aktuell vor einigen Monaten und ein Besuch von ihr in Düsseldorf (öffentlicher Unterricht und ich hatte keine Zeit) hatten mich neugierig gemacht.

Auch bei Frau Armin-Greiss waren wieder drei Schüler auf der Tagesordnung. Die erste junge Frau war aus Serbien extra für das Festival angereist. Sie spielte die 24. Caprice von Paganini. Beim Anspielen des Stückes überzeugte sie mich sehr, das klang sehr individuell und gestaltet. Frau Armin-Greiss erläuterte zunächst einiges zum Stück. Da dies die 24. und letzte der Capricen ist, stellt sie eine Art Finale dar und fasst alle Einzelthemen der vorherigen Capricen zusammen. Außerdem wies sie darauf hin, dass das Original für Violine eine Oktav tiefer notiert ist. Frau Armin-Greiss empfahl eine italienische Ausgabe in Bearbeitung von Maha Luciata (konnte ich online nicht finden), die besonders nahe am Originaltext bleibt.

Als gute Übungsstücke zum Spannungsaufbau empfahl Frau Greiss-Armin die Passacaglia von Dohnanyi, les Folie d’Espagne von Marais und die Trocknen Blumen von Schubert. Außerdem hilft das Üben von Doppelklängen.

Die zweite Kandidatin spielte die Suite von Widor. Hier ginge es Frau Greiss-Armin vor allem um die Gestaltung der Bögen. Die Analyse der richtigen Atemstellen basierte hauptsächlich auf der harmonischen Entwicklung.

Als dritter Fall der Stunde trat ein junger Mann italienischer Herkunft vor das Publikum. Er spielte eine Andersen Etüde aus op. 15. Beim ersten Anspielen war ich irgendwo zwischen sprach- und fassungslos. Das war eher ein Maschinengewehr als eine Flöte. Null Melodie, null Zusammenhang, null Musik, dafür aber saumäßig schnell. Frau Greiss-Armin nahm ihn sanft aber beharrlich in die Mangel und versuchte im klar zu machen, dass das nicht das Ei des Kolumbus war. Sie wies darauf hin, dass die Metronom-Angaben fehlerhaft seien (viel zu schnell). Sie erzählte von ihren eigenen Erfahrungen mit dieser Etüde während des Studiums (Andersen op. 15 war die Bibel bei Nicolet). Wichtig war ihr die Zweistimmigkeit. Auch hier wurden die Atemstellen diskutiert, die sich wiederum nach dem harmonischen Verlauf richten sollten. Übrigens gibt es bei der Königlichen Dänischen Bibliothek kostenlos die Erstausgabe der Etüden zum Download.

Als Bild für die Aufgabe des Musikers beim Spielen führte Frau Greiss-Armin einen Bergführer an. Der Flötist muss den Weg kennen und ihn so vermitteln, dass der Zuhörer ihm folgen kann. Schönes Bild. Es war eine sehr interessante Stunde, obwohl der Plan von Frau Greiss-Armin ein ganz anderer gewesen war. Sie hatte eine Stunde zu Syrinx und Bilitis von Debussy geben wollen. Obwohl Frau Wentorf von der DGfF die Idee ganz toll gefunden hatte, war sie irgendwo in der Vorbereitung einfach verloren gegangen.

Als zweiter Punkt unserer persönlichen Tagesordnung hatten wir den Meisterkurs bei Karl-Heinz Schütz ausgesucht. Eigentlich sollte der im gleichen Raum stattfinden, war aber verlegt worden und wir huschten in den anderen Hörsaal und platzierten uns auf die Treppe. Aufgrund unseres Irrwegs hatte der Unterricht schon begonnen. Auf dem Pult stand die Freischütz-Fantasie von Taffanel. Herr Schütz sagte im wesentlichen das gleiche wie Frau Greiss-Armin. Er meinte, man müsse den Zuhörer an der „Nase“ packen, was faktisch  das gleiche war wie der Bergführer in der vorherigen Stunde. Die wesentlichen Aussagen zum Stück und zur Studentin war einmal, dass das Tempo durchlaufen muss („keine Privat-Tempi“). Als nächstes ging es ums Luftholen. Die junge Frau ließ die Flöte am Kinn und hob sozusagen den ganzen Kopf, um den Mund zu öffnen. Nun wurde geübt, einfach nur den Kiefer fallen zu lassen. Eigentlich logisch und dennoch nicht so leicht umzusetzen, wenn man es anders gewohnt ist.

Im Gegensatz zu allen bisherigen Meisterklassen hatte Herr Schütz nur zwei Leute zu versorgen. Als zweites kam die Martin Ballade. Die junge Frau spielte wunderschön, sehr musikalisch und ausdrucksvoll. Ein Problem waren allerdings ihre Noten, die Ausgabe war nicht blätter-tauglich. Da nach Aussage von Schütz zwei Notenständer erst für Werke nach 1945 angemessen sind, bot er sich an, zu blättern. Allerdings war er bald so versunken in ihr Spiel, dass er das Blättern vergaß. Auf den Wink mit den Augen flog er dann durch den halben Hörsaal. Zu komisch.

Schütz wies darauf hin,  dass Martin stilistisch zwischen Syrinx von Debussy und Density von Varese steht. Er erklärte außerdem , dass technisch schwierige Stellen in allen Tempi gespielt werden müssen. Das heißt, es ist nicht gut, wenn man ein Stück nur schnell kann und nicht auch langsamer, sonst geht es schief, wenn der Pianist mal langsamer spielt.

Alles in allem war auch dieser Meisterkurs sehr interessant. Schön war auch zu sehen, wie die jungen Damen Herrn Schütz anschmachteten (sah zumindest so aus). Zwei gut investierte Stunden waren das gleich zu Beginn des Tages.

Nach einer Mittagspause und einem weiteren Besuch auf der Ausstellung (noch mehr Noten und ein paar CDs, außerdem ein Piccolo-Kopf zum Testen von den Brüdern Mehnert). Ab ca. 14 Uhr saßen wir dann wieder im Konzertsaal.

Es folgten vier verschiedene Konzerte: Renate Greiss-Armin, Bülent Evcil, Robert Aitken und Peter-Lukas Graf. Jetzt kam doch noch der Debussy, der am Morgen zu kurz gekommen war. Syrinx fand ich ziemlich schnell, aber sonst sehr interessant. Frau Greiss-Armin hatte sich eine Begleiterin aus Karlsruhe mitgebracht. Das Konzert war kurz und spannend. Ich glaube, ich werde mal die Augen nach Meisterkursen bei dieser Frau aufhalten.

Der nächste Flötist, Bülent Evcil, war im Programm falsch geschrieben (Vor- und Nachname vertauscht, u statt ü). Er ist ein Schüler Galways und das war sehr gut zu hören. Sein Programm war relativ lang: Oblivion von Piazzolla (schön), Yunusun Mezarinda von Ekren Zeki Un, Sultani Yegah Sirto von Sadi Isilay (sehr schön), Kocekce – Dance Rhapsody von Dede Effendi, Karneval von Venedig von Briccialdi und eine Bearbeitung von drei türkischen Volksliedern, die der Flötist selbst zusammen mit Yusuf Yalcin arrangiert hatte.

Am Programm kann man schon sehen, dass es eigentlich eine Tür zur orientalischen Musik öffnen sollte, Werbung für die Musik seines Landes. Der Piazzolla und der Briccialdi fielen da eigentümlich raus. Herr Evcil spielte mit Cordula Hacke, der haus und Hof Begleiterin des DGfF. Irgendwie schien es anfangs, als könne der Flötist sie nicht leiden, oder sei schlecht auf sie zu sprechen (vielleicht wegen der Fehler im Programm?). Jedenfalls machte er einige ziemlich eigenartige Gesten, postierte sich im Rücken der Pianistin (obwohl die ihn bat, doch etwas nach vorn zu kommen). Das Zusammenspiel war zeitweise schwierig (kein Wunder, sie hatte ja keinen Rückspiegel) und er wirkte genervt und ungehalten. Sein Spiel war hoch virtuos, der Ton typisch Galway. irgendwie sprang der Funke allerdings nicht über, zum einen, da er wie ein Stockfisch auf der Bühne stand, zum anderen, da seine Negativ-Ausstrahlung bezüglich Frau Hacke keine Sympathisanten im Saal fand. Seltsamerweise wurde er sehr freundlich, fast herzlich nachdem das Programm durch war. Handkuss, Händeschütteln, Strahlen…. vielleicht war er nur nervös gewesen? Es war jedenfalls ein seltsames Konzert. Ich denke, ich werde irgendwann eine zweite Chance suchen, falls ich ihn mal wieder irgendwo hören kann.

Der nächste Programmpunkt, Robert Aitken, war für mich eines der Highlights des Festivals. Er ist einer der ganz großen Namen für mich, ich habe drei sehr interessante CDs mit ihm. Auch er ist schon über siebzig und gehört zur weissharigen Ehrenlegion der Flötisten (für mich jedenfalls). Auf dem Programm standen nur zwei Werke, beide sehr modern. Zunächst „An Idyll for the Misbegotten“ von George Crumb für Flöte und drei Schlagzeuger, dann „Ghosts and Gargoyles“ von Henry Brant. Dieses Werk ist für einen Solo-Flötisten (Aitken), Dirigent, Schlagzeug und acht weitere Flötisten (2 Piccoli, 2 Altflöten, 2 Bassflöten, 2 Flöten) geschrieben. Die verschiedenen Flötenduette sind dabei im Saal verteilt (darum auch der Dirigent). Das Oktett war besetzt mit Jan Junker, Linn Annett Erno, Hans-Udo Heinzmann, Shing-Ing Lin, Katarzyna Bury, Thomas von Lüdinghausen, Lars Asbjornsen und Jorn Schau.

Beide Stücke waren sehr eindrucksvoll und gut zu hören. Die Trommeln verschiedener Größe im ersten Werk passten perfekt zur Flöte (die in beiden Stücken abgenommen wurde, leider mit leichtem Obertonmangel). Im zweiten Stück kam Aitken spielend auf die Bühne, musste zwischen Flöte, Piccolo und Bassflöte wechseln und später auch spielend wieder von der Bühne gehen (erschwert durch sein leichtes Humpeln). Er war der erste Flötist, den ich gehört habe, bei dem all die modernen Spieltechniken (Singen und Spielen, Whistletöne, Multiphonics etc.) völlig selbstverständlich und natürlich in die Musik einflossen. Das war vielleicht das interessanteste und innovativste der Konzerte dieses Festivals (außer vielleicht Matthias Ziegler, der konnte da mithalten). Toll! und schön, dass Aitken extra über den Teich kam um hier zu sein.

Den Abschluss der gesamten Veranstaltung machte das Konzert von Peter-Lukas Graf. Auch er ist bereits 84 Jahre alt. Er spielte mit seiner Tochter am Klavier. Das Programm bestand aus der Sonate F-Dur KV 376 von Mozart, den 3 Romanzen von Schumann (im Original für Oboe) und der Martin Ballade. Die Gestalt von Herrn Graf, mit unverändert dichtem weißen Schopf auf dem Kopf und kerzengerader Haltung) beeindruckte schon bevor er zu spielen begann. Tonqualität und -volumen sind nicht mehr wie sie einmal waren. Das kann wohl auch gar nicht gehen. Die Technik war weiterhin unglaublich virtuos. Von Stück zu Stück wurde die Musik immer fließender. Zwischen den Stücken verließen die beiden nicht die Bühne (im Gegensatz zu den meisten anderen Musikern dieses Festivals). Als Zugabe gab es einen kompletten Satz Bach auswendig (wow). Es war ein Erlebnis, Herrn Graf, der einer der ersten Flötisten war, die ich in meiner Jugend kannte und von denen ich Platten hatte, auch in hohem Alter nochmals live zu erleben. Von der DGfF gab es einen Blumenstrauss, überreicht von Frau Wentorf.

Damit war das Festival zu Ende. Keine Abkündigung oder ähnliches, die Türen öffneten sich, die Leute gingen raus und redeten noch ein paar Worte. Die Ausstellung war praktisch schon vollständig abgebaut, die Räume wirkten verwahrlost. Irgendwie blieben alle Enden offen.

Wir hatten glücklicherweise noch eine Nacht im Hotel und einen Tag Urlaub gebucht und konnten so das Wochenende noch schön beim Abendessen und mit einer gemütlichen Heimfahrt ausklingen lassen.

Was ist nun das Fazit? Für mich war es ein schönes und erlebnisreiches Wochenende. Dennoch gibt es da Optimierungspotential. Ein Programm mit allen Raumangaben in handlichem Format (DIN A 4 Faltblatt oder so) wäre schön gewesen, Eine Vorankündigung der Stücke in den Meisterkursen im Internet wäre auch schön gewesen. Der erste Tag hätte besser etwas später beginnen können (oder viel früher, dann weiß man gleich, dass man am Tag zuvor anreisen muss). Ein Schlusswort im Abschlusskonzert, vielleicht zusammen mit der Verkündung des Gewinners des Ensemble-Wettbewerbs, wäre toll gewesen. Irgendwie habe ich ein Gemeinschaftsgefühl vermisst, das sicher durch Moderationen oder ähnliches hätte entstehen können. Eine gute Idee wäre auch gewesen, die Notenaussteller vor dem Konzertsaal zu postieren, so dass im Saal nicht so viel vom Ausprobieren zu hören gewesen wäre. Kleinigkeiten all das…..

Hier als Nachlieferung auch noch ein paar Bilder vom Festival (bei Konzerten und Kursen war Fotografieren verboten). Herzlichen Dank nach Viersen an die Fotografin Regine Jansen!

Nach den Meisterkursen ging es nach einer kurzen Pause mit Shoppingabstecher (wir beide hatten synchron unsere Mitschreib-Materialien zuhause vergessen, eine eher dämliche Form der Telepathie) in den Konzertsaal. Dort hatte man mittlerweile fast eine halbe Stunde Verspätung gegenüber dem gedruckten Programm.

Während des ganzen Festivals wurden die Türen zum Saal während der Konzerte in jeder Applausphase geöffnet. Dazwischen waren die Türen verschlossen, die Griffe von außen nicht zu betätigen. Der „Türöffner“ saß während des Konzertes im Saal und vor der Tür war (auch dank der unermüdlichen Instrumententests in nicht mal 10 Metern Abstand) kaum zu hören, ob im Saal gerade gespielt wurde, oder nicht.

Wir also ab in den Saal und auf dem von der Bühne aus linken Flügel gesetzt. Der erste Programmpunkt war András Adorján im Trio mit Wen-Sinn Yang (Cello) und Adrian Oetiker am Klavier. Gespielt wurden ein Trio von Haydn und eines von Mendelssohn-Bartholdy (im Original für Violine, Cello und Klavier aber bearbeitet vom Komponisten selbst).

Auch Adorján hatte ich zuvor nie gehört und war entsprechend gespannt. Man merkte von Beginn, dass diese drei gut eingespielt waren. Leider war allerdings auf unseren Plätzen die Akustik etwas unausgewogen und der Flügel zu laut. Dennoch kam die Spannung und Stimmung gut rüber. Besonders der Mendelssohn war wirklich sehr schön und der Pianist absolut bewundernswert.

Im Programm nahm diese Veranstaltung 1 Stunde und 45 Minuten ein. Gedauert hat das Konzert vielleicht etwas mehr als eine halbe Stunde, aber man wusste ja nicht, ob die bezüglich der Länge noch freie gute Stunde nicht gekürzt würde, um damit die halbe Stunde Verspätung wieder reinzuholen. Wir blieben also sicherheitshalber sitzen, denn wenn man zu spät kommt, ist die Türe ja zu. Zudem füllte sich der Saal zunehmend, weil ca. ab 19 Uhr keine Parallelangebote mehr im Programm standen.

Wir wechselten aufgrund der akustischen Defizite in den Mittelblock und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Das war als nächstes Davide Formisano. Meinen Begleitern (mittlerweile zwei) war der wohl bekannt, mir nicht. Wie der Name ahnen lässt ein Italiener, der aktuell die Flötenprofessur in Stuttgart innehat.

Mit in etwa der vor der Pause vorgelegten Verspätung ging es also los. Formisano wurde von Michael Baumann begleitet, der an diesem Abend insgesamt fast drei Stunden als Begleiter auf der Bühne mit den verschiedenen Flötisten schuftete. Und obwohl man davon ausgehen muss, dass da kaum Proben stattgefunden hatten, fand bei allen kleinen Unstimmigkeiten den Klavierbegleiter wirklich fantastisch (was nicht überraschen kann, wenn man seinen Lebenslauf gelesen hat).

Formisano startete mit der Prokofiev Sonate, es folgte Joueurs de Flûte von Roussel und dann Airs valasques von Doppler. Bereits beim Auftritt des Flötisten wurde ganz klar, dass er keinen Mangel an Selbstbewusstsein hat, fast wie ein Stierkämpfer betrat er die Bühne und nahm huldvoll den tosenden Applaus entgegen. Mit glasklarem rundem Ton und einer absolut brillianten, perlenden Technik bewies er, dass er den Applaus durchaus verdiente. Noch nie zuvor habe ich einen Solisten gesehen, der während eines Stückes den Blick hebt und, wie ein Leuchtturm sein Licht, die Augen von links nach rechts über den ganzen Saal streifen lässt. Und das nicht nur einmal. So perfekt er spielte, diese Attitüde irritierte mich etwas, es schien, als ginge es durchaus mehr um ihn als um die Musik…. So blieb er auch der einzige an diesem Abend, der nach zwei erneuten Auftritten auch noch eine Zugabe gab (Bach Partita auswendig). Stilistisch gefiel mir die allerdings weniger. Er scheute sich auch nicht, bei einem weiteren Auftritt durch schwungvolle Gesten, den für ihn zu schwächlichen Applaus noch etwas anzuschüren. Very italian.

Dank Zugabe und Applausorgien mit noch mehr Verspätung als Formisano trat nun die mir seit mittags bekannte Andrea Lieberknecht auf. Das gewählte Abendkleid mit Spaghettiträgern würde ich als eher unvorteilhaft bezeichnen, nachdem ich sie mittags ganz leger in Jeans und Strickjacke gesehen hatte. Sie eröffnete die laut Programm ihr zur Verfügung stehenden 45 Minuten mit der Partita c-moll von Bach. Auch hier war wieder Herr Baumann am Klavier. Frau Lieberknecht brachte verkrumpelte Papiertaschentücher mit auf die Bühne und legte sie auf dem Notenständer ab, so dass auch das Publikum noch Sicht darauf hatte. Diese dienten, wie sich herausstellte, dazu sich den Mund nach jedem Stück zu wischen und sie dann wieder an gleicher Stelle zu deponieren. Sehr gewöhnungsbedürftig. Nach dem Bach stützte sich die Solistin bei der Verbeugung am Flügel ab, ging ab und kehrte lange nicht wieder. Das führte in unserer Reihe schon zu Spekulationen über ihren Gesundheitszustand und ob sie wohl weiterspielen würde. Sie tat es, es folgten die Sinfonische Kanzone von Karg-Elert (immer wieder schön) und die Sonate von Erwin Schulhoff (mir neu aber sehr schön). Das komplette Programm überzeugte mich musikalisch sehr, sehr gefühlvoll und farbig vorgetragen. Die Bewegungsdynamik war allerdings etwas gewöhnungsbedürftig, zumal sie so viel Bewegung am Morgen noch versucht hatte einer der Studentinnen abzugewöhnen.

Mit mittlerweile noch deutlich mehr Verspätung betrat der nächste und bisher jüngste Solist die Bühne: Denis Bouriakov, ein shooting star der Flötenszene, mir bis dahin auch unbekannt. Der junge Mann wirkte eher etwas schüchtern und farblos, spielte aber wie der Teufel. Makellloser Klang, unfassbar schnelle und exakte Zunge und Finger. Mit Unterstützung von Herrn Baumann (der Held des Abends für mich, bei so unterschiedlichen Charakteren, die er da zu bedienen hatte) gab er das mit Abstand längste Programm des Tages zum besten: Violin-Sonate in e-moll von Bach (unfassbar schnell), Fantasie von Gaubert. Es folgte ein Solostück von T. Ichiyanagi namens „In a living memory“, dann die Poulenc-Sonate (ich liebe sie) und La Campanella von Paganini, ein Rausschmeisser um nochmals die Virtuosität zu beweisen. Als maximaler Kontrast zu Frau Lieberknecht stand Bouriakov praktisch vollkommen starr und ohne eine Miene zu verziehen vor seinem Notenständer. Bei aller Brillianz und Perfektion des Spiels vermisste ich da noch etwas Bühnenpräsenz und Kontakt mit dem Publikum. Aber er ist noch soooooo jung, das kommt bestimmt noch.

Inzwischen war es fast elf Uhr abends (statt 21.30 Uhr wie im Programm notiert). Aufgrund der geschlossenen Cafeteria und keiner Pause mehr seit ca. 14 Uhr knurrten die Mägen, die Augen vielen beinahe zu und es wurde diskutiert, wie man wohl nach Ende der Veranstaltung noch an etwas Essbares kommen könnte. Sitzen kostete Anstrengung und ein bisschen mehr Sauerstoff wäre auch durchaus willkommen gewesen.

Vom nächsten Auftritt wollte ich aber wenigstens noch eine Nummer mitnehmen, angekündigt war nämlich das Flötenquintett Quintessenz aus Leipzig. Die vier Damen im kleinen schwarzen und ihr Mitkämpfer an der Bassflöte eroberten die Bühne und Gudrun Hinze war die erste Protagonistin des Abends, die das Wort an uns richtete. Da wurde mir erst bewusst, wie sehr das eigentlich die ganze Zeit gefehlt hat. Das Ensemble gab fünf Stücke zum besten, jedes von einem anderen Mitmusiker angesagt. Das gesprochene Wort zusammen mit der schwungvollen Darbietung erzeugten in der Tat eine Art „hallo-Wach“-Effekt und wir haben uns das ganze Programm angehört. Das bestand aus „La Danse de Puck“ von Debussy, vier Sätzen aus dem Sommernachtstraum, einer Parodie auf den Karneval von Venedig (von Dietrich Sprenger), der Rigoletto-Fantasie und einem Überraschungs-Narrenstreich. Bis zu diesem Konzert kannte ich Quintessenz nur dem Namen nach. Von Gudrun Hinze kannte ich eine sehr geliebte Piccolo-CD. Das Ensemble aber übertraf meine Erwartungen bei weitem. Die erste Flötistin, postiert in der Mitte, füllte mit ihrem strahlenden Ton und Musikalität den Saal und verzauberte selbst die übermüdetsten Zuhörer. Ihre Mitmusiker standen ihr aber kaum nach, Intonation und Zusammenspiel perfekt, musikalische Gestaltung erst recht und dann noch die eine oder andere humoristische und/oder choreographische Einlage. Ergänzt wurde das Programm unter dem Titel „Narrenspiele“ von einer lautstarken Ratsche und einer Kazoo-artig klingenden Flöte (ich vermute mal eine Matusi-Flöte mit Membran). Ein wirklich perfekter Abschluss für uns um 23.30 Uhr in der Nacht.

Auf dem Programm stand jetzt noch Tilmann Dehnhard mit einem modernen Programm, ich fürchte allerdings, nachdem der Saal schon bei Quintessenz nur noch zu weniger als der Hälfte gefüllt war, dass dieser maximal noch eine handvoll Zuhörer vorfand. Wir jedenfalls machten uns vom Acker und landeten nach einer kurzen Irrfahrt auf der Suche nach dem Hotel unserer Mitstreiterin bei einem zwielichtigen McDonalds um wenigstens noch etwas in den Magen zu bekommen. Gegen 0.30 Uhr lagen wir dann glücklich und erschlagen in den Betten und hatten schon vereinbart, den morgendlichen Warm-up um 9.00 Uhr tapfereren Flötern zu überlassen. Ein bisschen Schlaf und ein ordentliches Frühstück waren nach diesem ereignisreichen Tag dringend erforderlich.

Das Gesamtfazit war für diesen Auftakt: schön, anstrengend und relativ schlecht organisiert. Wir nahmen uns vor, die folgenden zwei Tage uns selbst die erforderlichen Pausen zu schaffen. Für den Konzertabend wäre etwas weniger mehr gewesen……

Tag zwei folgt in Kürze…….

 

Heute Nachmittag hatte ich eine Probe im Gemeindesaal einer Kölner Gemeinde für Gottesdienst und ein kleines Matinee-Konzert morgen. Direkt im Anschluss fand in der Kirche ein Konzert des Gospel-Chores des neuen Organisten der Gemeinde statt. Der Chor kommt, genau wie der Organist aus Wuppertal und ist gut 30 Mann/Frau stark. Da ich mit dem Chef der Truppe ja auch gelegentlich spiele, war es nahe  liegend, sich das Konzert anzuhören, wenn ich schon da bin….

Wir haben fast bis Beginn der Veranstaltung geprobt und kamen daher ganz knapp vor Beginn in die Kirche. In der zweitletzten Bank waren noch Plätze zum Gang frei, ansonsten war es ziemlich gut gefüllt, was für diese Gemeinde nicht unbedingt die Regel ist. Ich war zunächst sehr positiv überrascht.

Das Konzert begann und in seinem Verlauf musste ich leider zu der Meinung kommen, dass ein bisschen weniger und dafür interessierteres Publikum vielleicht angenehmer gewesen wäre. Nach der ersten Nummer gab es eine Begrüßung durch die Pfarrerin und durch den Dirigenten (gleichzeitig Organist, wie gesagt). Ich erfuhr, dass nach dem Konzert noch Freibier und für angemeldete Gäste ein Abendessen geplant war. Vielleicht war das der Grund, dass die Bänke so gut gefüllt waren?

Der Chor mit E-Piano-Begleitung schlug sich ordentlich, es gab drei Solisten, Händeklatschen und ein wenig Choreographie. Die Stücke waren schön und es wäre schön gewesen, einfach zuhören zu können. Ich für meinen Teil lasse mich von Konzerten gerne „einwickeln“, tauche ab aus dem Alltag und verliere mich im Zuhören. Leider scheine ich mit dieser Form des Genießens ziemlich alleine zu sein.

Mein Proben-Mitmusiker musste nach wenigen Titeln gehen, weil seine zwei Kinder nach einem halben Tag Proben, bei denen sie zugehört hatten, verständlicherweise nach Hause wollten. Danach saß ich dann alleine da und versuchte mich auf die Musik zu konzentrieren. Das war ziemlich schwierig, da vor mir, neben mir und hinter mir eigentlich permanent geredet wurde. Einen wesentlichen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen konnte ich da kaum feststellen. Plätze tauschen, rein und raus gehen, tuscheln, lachen…. es war die volle Bandbreite dabei. Ich frage mich nur, warum muss man dafür in ein Konzert gehen?

Im Verlauf des Konzertes wurde vom Chor natürlich auch geschnippt und geklatscht. Ebenso von meinen Bank-Nachbarn. Eine Wahrnehmung der Differenz zwischen dem Chor (klatschen auf 2 und 4) und den eigenen Aktionen (irgendwo grob um die 1 und 3) war da anscheinend nicht vorhanden. Dafür amüsierte man sich wohl auch zu sehr über die seltsame Frau (das war ich), die da saß und versuchte trotz der permanenten Aktivitäten des Vordermannes (nach links beugen um mit der Nachbarin zu reden, nach rechts rutschen, nach rechts beugen, mit dieser Nachbarin reden, gerade sitzen, wieder nach rechts, wieder nach links, Jacket gerade ziehen (dafür halb aufstehen)….) vielleicht einen Blick auf den Chor zu erhaschen und sich irgendwie auch auf die Musik zu konzentrieren. Das war für meine Banknachbarn ausgesprochen amüsant, dass da jemand zuhören wollte. Fremde Welt eben….

Wenn man schon mal gehört hat, dass Kinder vor allem durch Nachahmung lernen, muss man sich nicht wundern, wenn Kinder in Konzerten unruhig sind, haben sie es doch von Ihren tuschelnden, rumrutschenden, aufstehenden Eltern genau so gelernt. Die zwei bereits den ganzen Tag ruhig gestellten Jungs meines Übe-Partners waren still gewesen, die Kinder meines Bruders können bei einem Konzert zuhören. Heute konnten das weder die Kinder noch die Erwachsenen….

Hat ein Chor, der sich auf ein Konzert vorbereitet, von Wuppertal nach Köln kommt und einen ganzen Nachmittag für Probe und Konzert opfert ohne Eintritt zu nehmen, keinen Respekt verdient? Ich finde das unhöflich. Es schadet der Konzentration der Musiker oder Sänger, es stört diejenigen, die zuhören möchten. Es wäre doch einfach, im Fernsehen oder Radio ein Konzert zu genießen, da kann jeder nebenher tun was er will, es wird niemanden stören.

Hätte Eintrittsgeld etwas geändert? Vermutlich wären weniger Leute gekommen und die hätten dann vielleicht auch zugehört. Das ist kein Appell gegen freie Konzerte. Es ist ein Appell für ein Mindestmaß an Achtung für die Ausübenden. Das gilt auch für die Philharmoniekonzerte, für Publikum, das nach dem letzten Ton im Laufschritt den Saal verlässt.

Besonders befremdet hat mich, dass mir einige Zappelphilippe als aktive Mitglieder der Gemeinde bekannt sind. Ist ein Konzert nur eine Veranstaltung, um den Terminkalender voll zu bekommen? Ist das der Versuch, durch Programm wieder mehr Interesse an der Gemeinde zu erzeugen? Meinetwegen… aber wenn es mich selbst nicht interessiert, dann bleibe ich draußen. Ganz sicher ist ein Konzert nicht der Ort für irgendwelche Problemgespräche, wie sie anscheinend auf der Bank vor mir stattfanden.

Das heute war extrem schade und es hat mir ziemlich die Laune verdorben. Morgen spiele ich in der gleichen Gemeinde. Im Regelfall sind da maximal 10 Zuhörer, die aber diese Bezeichnung dann auch verdienen. Hoffen wir, dass das morgen nicht viel anders sein wird….

Gestern war es wieder so weit. Emmanuel Pahud war in der Philharmonie. Ein durchaus häufiger Gast in den letzten Jahren, wie nicht nur ich festgestellt habe. Gestern war er in Begleitung des Franz Liszt Kammerorchesters aus Ungarn. Zu unserer großen Überraschung war das Nachmittagskonzert um 16 Uhr fast vollständig ausverkauft.

Nachdem wir unsere Plätze eingenommen hatten (der Nachteil eines Platzes in der Mitte sind die vielen Leute, an denen man vorbei muss um hinzukommen, wenn man nicht sehr früh dran ist und das schaffe ich selten), hatten wir perfekten Blick auf einen Halbkreis von Notenständern, die auf Steh-Höhe eingestellt waren. Außerdem das schöne Cembalo der Philharmonie und drei weitere Pulte zum sitzend spielen. Mich hat dieser Aufbau sehr an mein letztes Pahud-Konzert in der Philharmonie erinnert. Da war er mit dem Kammerakademie Potsdam und seinem Friedrich-Geburtstagsprogramm unterwegs. Und das Orchester spielte im Stehen… sehr beschwingt und mitreißend. Entsprechend erfreut war ich über diesen Anblick.

Die Eröffnungsnummer war das dritte Brandenburgische von Bach. Die Aufstellung der Musiker und ihre stehende Beweglichkeit führte zu einer schwungvollen und plastischen Darbietung dieses wohlbekannten Werks. Kein bisschen staubig oder trocken. Eine würdige Eröffnung, die die Sehnsucht nach dem Solisten nicht übermächtig werden ließ.

Nach dem verdienten Applaus strömte eine Menge zusätzlicher Streicher auf die Bühne, Stühle wurden aufgestellt (ich war ein bisschen enttäuscht deswegen) und im Handumdrehen saßen da knappe 20 Streicher auf der Bühne. Kurz danach federte Pahud im gewohnt sportlich-tänzerischen Trab auf die Bühne. Kein Dirigent weit und breit, das wiederum war eine gute Nachricht, fand ich.

Pahud eröffnete mit dem „La Tempesta die Mare“-Konzert von Vivaldi. Nicht unbedingt mein Lieblings-Vivaldi, aber das macht ja nichts. Der Konzertmeister und Pahud ersetzten einen Dirigenten vollkommen. Die Mischung von Streichern und Flöte war einfach perfekt. Pahud tänzelte vor dem Notenständer herum und brillierte in gewohnter Weise. Die Streicher begleiteten elegant und leicht und da keine Vermittlung durch einen Dirigenten zwischen den Partien klemmte, klappte das sehr unmittelbar. Eine schöne Lösung für das Programm. Pahud überraschte im Vivaldi mit einer Artikulation, die ich noch nie gehört habe. Für Doppelzunge war es viel zu schnell, es klang wie rhythmische Flatterzunge mit Griffen, so dass rasend schnelle Skalen entstanden. Unglaublich.

Dem Vivaldi und dem gebührenden Applaus für alle Beteiligten, folgte eine Suite von Purcell (zum Schauspiel „The Moor’s Revenge“). Auch hier profitierte die Musik von der direkten Kommunikation und erhöhten Aufmerksamkeit, die ohne Dirigent alle fest an den Konzertmeister band. Ansonsten konnte man dem Werk anhören, dass es dreißig Jahre älter als der Vivaldi war und noch dazu aus einer nördlicheren Region kam, es hatte nicht die Leichtigkeit des Vivaldi.

Der nächste Programmpunkt führte wieder den Maestro auf die Bühne. Eine weitere Reminiszenz an das vergangene Jahr: C-Dur Konzert vom alten Fritz. Für Pahud mehr ein spielerisches Vergnügen als eine echte Herausforderung. Ich hatte in dieser ersten Hälfte des Konzerts, die hiermit abgeschlossen wurde, schon das Gefühl, dass er sehr zur Unterhaltung spielte. Ein bisschen war ich an den großen James Galway erinnert, dem ja häufig zu wenig Ernsthaftigkeit vorgeworfen worden war. Nicht dass Pahud nicht stilistisch korrekt gespielt hätte, nur die Programmauswahl schien mir bis hierher sehr auf Gefallen ausgerichtet (eine erlaubte Zielsetzung natürlich). Leichte Kost aber sehr gut genießbar. Ein Konzert wie eine große Portion Eis.

Es folgte die Pause mit unfassbar langen Schlangen vor den Waschräumen (bei denen in solchen Fällen der Wasserdruck nicht mehr zum Spülen genügt, wie ich kürzlich bei einem Konzert von Sabine Meyer lernen musste). Das Publikum war im Schnitt noch etwas älter als gewöhnlich. Nicht wie in Düsseldorf, wo eine unübersehbare Menge von jüngeren Damen und Mädchen das Bild prägten. Versammelte Flötenstudentinnen und -schülerinnen der Region. Dort war natürlich der Saal kleiner, aber gestern dominierte in jedem Fall offensichtlich die Ruhestandsfraktion. Wir kämpften uns über die verstopften Treppen (für dieses Publikum ist die Stufendichte in der Philharmonie eine echte Herausforderung).  Im menschengefüllten Foyer konnte ich zunächst die zuvor auf den Treppen im Stau erspäten Bekannten nicht mehr entdecken. Bis wir sahen, dass es schon in der Pause einen Signiertisch gab, an dem mutterseelenallein Pahud saß. Keine Schlange davor, gar nix. Aber mein lieber Lehrer im Gespräch mit ihm. So wurde ich also meinem Grundsatz untreu, dass ich mir nie Autogramme abhole. Ich neige gar nicht zum Personenkult und was mich an Pahud interessiert ist etwas für die Ohren, sein Flötenspiel, nicht seine Signatur. Was soll’s, da war kein Mensch und es war eine witzige Gelegenheit Mr. Faust zu überraschen, der den Solisten unterhielt, von dem keiner eine Unterschrift wollte (Vielleicht hätte man frühzeitig Hinweise anbringen sollen, dass es in der Pause Autogramme gibt?).Signiertes Konzerprogramm

Bis wir die Treppe wieder runterkamen, war schon wieder der Pausengong zu hören und wieder mussten wir an unzähligen Knien vorbei zu unserem Platz (diesmal aber von der anderen Seite, Gerechtigkeit muss sein, wenn man in der Mitte sitzt).

Bei solchen Konzerten trifft man unweigerlich auf viele bekannte Gesichter. Die meisten davon kennt man mit einem silbernen Rohr quer vor dem Gesicht. So auch gestern. Der liebe Kollege aus dem Projekt-Blasorchester tippte uns kurz vor dem Saaleingang auf die Schulter. Eine gute Gelegenheit, gleich Werbung für den anstehenden nächsten Programmpunkt zu machen. Die Ballade von Martin. Ein super schönes Stück, auf das ich mich schon die ganze erste Hälfte gefreut hatte.

Auch jetzt wieder Auftritt des Orchesters und des Solisten, ohne Dirigent. Das Cembalo war in der Pause verschwunden und gegen einen Flügel getauscht worden. Obwohl er nur minimal geöffnet war, fand ich ihn ein wenig laut. Pahud spielte phänomenal, die Streicher begleiteten perfekt, trotz all der kniffligen Rhythmen (hier wäre vielleicht eine dirigierende Hand eine echte Hilfe gewesen). Die in der Tendenz eher düsteren Farben des Werkes, der spürbare Nebel in den leisen, tiefen Flötenteilen…. es war ein Stimmungsbild.

Der Schnitt zum folgenden Mozart-Divertimento der Streicher war denkbar hart, das fand ich ein wenig schade. Der Eindruck aus der ersten Konzerthälfte, dass dieses Ensemble auf Barock spezialisiert sein könne, war durch den Martin getilgt. Auch die Leichtigkeit des Mozarts inklusive der erstaunlichen Spannungen im Largo meisterten sie ebenso überzeugend wie das bisherige Programm. Zwischen Cello und Flügel stand auch bei diesem Werk, wie schon den ganzen Abend, dieser lange dünne Bassist, der seinen Kontrabass schwang wie einen Tanzpartner. Er selbst mit ausgeprägter Mimik und Körpersprache, ganz Musik. Neben dem schwer arbeitenden Konzertmeister wohl die eindrücklichste Erscheinung in diesem Orchester.

Zum Abschluss des Programms folgte das Flötenkonzert e-moll von Mercadante. Sehr passend nach dem Mozart. Eine Gelegenheit für den Solisten, nochmals alle Register zu ziehen. Klangfülle, Ausdrucksstärke, technische Brillianz. Auch hier wieder mit Tanzeinlagen und zeitweilig ausladenden Gesten als Orientierung für die Begleiter. Ein runder Abschluss für ein unterhaltsames Programm aus dem der Martin herausragte wie ein Leuchtturm (für mich wenigstens).

Ein tolles Konzert, Beifallsstürme, Blumen (mit denen man auch anstoßen kann, wie alle sehen konnten). Als Zugabe gab es die Badinerie von Bach, die mit einem Raunen aus dem Publikum begrüßt wurde (warum freuen sich immer alle so sehr, etwas zu hören, das sie schon in- und auswendig kennen?). Pahud spielte diesmal auswendig, variierte das Thema frei (bis hin zu jazzig anmutenden Synkopen). Der Saal tobte. Leider eigentlich nur der halbe Saal, die andere Hälfte war schon wieder auf den Treppen unterwegs zum Ausgang. Den ungarischen Musikern auf der Bühne schien dieses Fluchtverhalten nicht geläufig. Erstaunte Blicke von der Bühne auf die Ränge. Kein Wunder, dass danach keine weitere Zugabe mehr folgte. Manchmal empfinde ich es als peinlich den Musikern gegenüber, Teil eines solchen Publikums zu sein. Wenn es nach elf Uhr abends ist, kann ich das vielleicht noch irgendwie nachvollziehen. Aber an einem Sonntag gegen 18 Uhr? Was kann einen da antreiben? Die Angst, im Parkhaus nicht schnell genug zum Ausgang zu kommen? Ich finde den Blick auf die dem Ausgang zustrebenden Rücken peinlich, wie muss es sich für den Künstler auf der Bühne anfühlen? Übrigens fehlten gestern natürlich auch nicht die Hustenanfälle zwischen den Sätzen, die einen Glauben machen könnten, nicht die Grippe grassiere in Köln sondern vielmehr die Tuberkulose.

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