blog-FLOETE

Der Blog zu flutepage.de

Durchsuche Beiträge in Üben

Als kleine Abwechslung zwischen den vielen Berichten vom Flöten Festival in Freiburg kommt jetzt mal wieder eine Buchbesprechung. Schon vor einigen Wochen habe ich hier kurz von diesem Buch berichtet. Jetzt hat es doch noch ganz schön lang gedauert, durch den Schinken durchzukommen. Das lag aber nicht daran, dass das Buch langweilig oder schlecht zu lesen gewesen wäre, nein eher daran, dass ich so viel zu tun hatte und mir der Schmöker von sicher gut einem Pfund Gewicht zum Reisen einfach zu unhandlich war.

Damit wären wir auch schon wieder bei den üblichen äußeren Fakten zum Buch. Der Band ist etwas größer als DIN A 5, gute 3 cm dick und als Paperback gebunden. Der Autor ist Manfred Spitzer, ein Arzt, Psychologe und Philosoph aus Baden-Württemberg, die in seiner Freizeit musiziert. Der Titel lautet Musik im Kopf, erschienen ist das ganze im Schattauer Verlag. Insgesamt umfasst der Schinken über 460 Seiten.

Nun also zum Inhalt. Gegliedert ist das Buch in fünf Teile:

  • ein einleitender allgemeiner Teil
  • Musik hören
  • Musik erleben
  • Musik machen
  • Musik verstehen.

Diese Abschnitte sind jeweils nochmals in mehrere Kapitel unterteilt (alles in allem 17 Stück davon). Die Kapitel sind nochmals in Abschnitte mit eigenen Überschriften unterteilt. Diese kleinsten Einheiten sind selten mehr als ein oder zwei Seiten lang. Die Kürze der einzelnen Abschnitte macht neben der Sprache die gute Lesbarkeit aus. Im ganzen Werk ist immer zu spüren, dass der Autor ein Musikbegeisterter ist. Das Ganze ist sehr informativ aber trotzdem nicht trocken und sprachlich nicht übermäßig wissenschaftlich oder abgehoben.

Im einleitenden Teil wird hauptsächlich die gesellschaftliche, religiöse und kulturelle Bedeutung von Musik dargestellt, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart.

Der Abschnitt „Musik hören“ vollzieht alles erforderliche von der Klangentstehung bis zum Merken des Gehörten nach. Das heißt, es beginnt mit der Schallentstehung (Physik, Akustik), geht weiter mit dem Empfang von Tönen im Ohr und ihrer Verarbeitung im Gehirn (Mischung aus Akustik, Physiologie und Neurologie). Der vierte Abschnitt erklärt die Bedeutung von Intervallen, Harmonie und Disharmonie. Auch hier vermischen sich Physik und Neurologie. Es folgt ein Kapitel zur Bedeutung des Gedächtnisses für das Musik hören.

Der zweite Hauptteil „Musik erleben“ spielt sich praktisch ausschließlich im Gehirn ab. Was können Föten im Mutterleib hören und wie wirkt es sich auf deren Entwicklung aus? Wie und funktioniert die Verarbeitung von Musik im Gehirn? Dann widmet sich der Autor ganz dem Thema Rhythmus und Tanz. Abgeschlossen wird die Frage des musikalischen Erlebens mit dem absoluten Gehör im Vergleich zum relativen.

Im dritten Teil „Musik machen“ wird zunächst die direkteste Form, das Singen, besprochen. Dazu gehören Erläuterungen zu den beteiligten Organen (Stimme, Atmung, Phonation etc.). Im nächsten Abschnitt folgt instrumentales Musizieren (Blattspiel, Unterschiede zwischen Mann und Frau, ein Blick auf die Hände und Fragen zu Technik und Ausdruck). Abgerundet werden diese Darstellungen durch „Musizieren lernen“ und gemeinsames Musizieren (hier spürt man den Musiker mit Leib und Seele besonders).

Unter dem abschließenden Topic „Musik verstehen“ sind Fragen zur Evolution der Musikwahrnehmung und des Musizierens zusammengefasst (Musik im Tierreich und bei unseren Vorfahren), emotionale Wirkung von Musik auf den Menschen, was wirkt wie auf wen? Die „Nutzung“ von Musik an den Beispielen der Werbung, der Filmmusik und der musikalischen Akustik von Konzertsälen. Den Abschluss bildet Musik im Zusammenhang mit der menschlichen Gesundheit, dazu zählen sowohl spezifische Erkrankungen bei Musikern als auch Ausführungen zur Musiktherapie.

Die Vielzahl der behandelten Inhalte zeigt schon, dass die Darstellung nirgends ganz in die Tiefe gehen kann. Dennoch wird ein gut verständliches Bild jedes Bereichs gezeichnet. Dazu versorgt einen der Autor mit unzähligen Literaturverweisen (20 Seiten Literaturverzeichnis), die ein tieferes Studium zu jedem der Themen ermöglichen. Abgerundet wird das alles durch ein Stichwortregister.

Im Vorwort empfiehlt der Autor, das ganze zweimal zu lesen und jetzt wo ich durch bin, könnte ich dem zustimmen. Ich werde es allerdings nicht tun, weil da noch so viele andere Bücher warten, auf die ich sehr gespannt bin. Das Buch enthält unglaublich viele spannende Details, die mir zuvor nicht bekannt waren. Zum Beispiel gibt es im Ohr Muskeln, die bei lauten Geräuschen automatisch die Schallwahrnehmung dämpfen, um das Ohr zu schützen. Es gibt aber auch Menschen, die diese Muskeln willentlich anspannen und damit die Lautstärke runterregeln können, wenn das nicht cool ist.  Ein anderes Beispiel ist, dass die Satzmelodie, die sich am Ende immer nach unten bewegt, sich auch aus der Druckabnahme in der Lunge des sprechenden erklären lässt. Überall ist also auch Physik im Spiel. Es ist einfach unglaublich faszinierend, wie perfekt wir konstruiert sind. Manchmal kann man schon ins Grübeln kommen, ob das ausschließlich die Evolution vollbracht haben soll?

Das Ganze ist ein Plädoyer für die Musik und vor allem für das gemeinsame Musizieren. Nochmals besonders deutlich wird das im Schlussabschnitt:

„…So können wir mit Musik vielleicht ein Stück dem Wahren, Guten und Schönen nähern. Das wäre doch etwas! Also auf geht’s: A one, a two, a one-two-three-four…..“

Ich kann das Buch absolut empfehlen, wer sich für Musik interessiert kann hier viele neue Perspektiven finden, lernt, wie Musik machen und hören wirklich funktioniert und blickt über den Tellerrand. Und das Ganze dann auch noch unterhaltsam und einfach „nett“. Eine echte Fundgrube.

Fast hätte ich es gar nicht mitbekommen, wenn ich nicht einen Weckruf per Mail bekommen hätte. ON Neue Musik Köln veranstaltet vom 13.2.-23.3. ein Festival unter dem Titel Hommage à Horatiu Radulescu. Von dem Komponisten hatte ich zuvor offen gestanden noch nie gehört. Von einem der Mitwirkenden aber sehr wohl: Pierre-Yves Artaud. Zum einen habe ich erst kürzlich eine DVD gesehen, auf der Unterrichtsstunden von ihm dokumentiert sind, zum anderen habe ich sein Buch gelesen. Artaud spielte am 19. März, also gestern ein Konzert mit Werken Radulescus in der Kunst-Station St. Peter und für heute war ein vierstündiger Meisterkurs angesetzt, in dem Werke des gleichen Herrn besprochen werden sollten. Aktive Teilnahme nur für „Profis“, aber passiv ging und kostete nur schlappe 10 Euro. Also habe ich heute einen Tag Urlaub…..

Aber fangen wir von vorne an. Gestern Abend Konzert. Ich gestehe, ich war zuvor noch nie in der Kunst-Station und so kam es, dass ich direkt vom Büro kommend mit einem anderen Zuhörer erst mal rund um die Kirche irrte, um im Dunkeln den offiziellen Eingang zu finden. Für passive Meisterkurs-Teilnehmer gab es ermässigten Eintritt. Kurz nachdem ich mich auf einem recht zentralen Platz niedergelassen hatte, begann die Einführung. Normalerweise suche ich diese Vorerklärungen nicht auf, in diesem Fall jedoch schien es mir sinnvoll, da im Schriftverkehr zum Meisterkurs erklärt wurde, die Noten könne man ohne Hilfe sowieso nicht lesen, daher werde das zu besprechende Stück erst im Kurs bekannt gegeben. Da fand ich ein bisschen Erklärung vor dem Hören dann schon ganz interessant.

Die Kirche war ca. zur Hälfte gefüllt schätze ich, das war mehr als ich befürchtet hatte. Der Meisterkurs war nach Anmeldeschluss nämlich noch stark unterbesetzt, wodurch ich überhaupt erst davon erfahren hatte, das sprach dafür, dass die Werbung nicht gut funktioniert hatte.

Die Einführung hielt ein älterer Herr aus Brüssel, den man leider dank mannigfaltiger Nebengeräusche (schnaufen, zu viel Spucke etc.) recht schwer verstand. Er war persönlich mit dem verstorbenen Komponisten befreundet und berichtete hauptsächlich Schwänke aus deren gemeinsamer Vergangenheit sowie allgemeines zu dessen Stil und Werdegang. Ich hätte mir etwas zu den aufgeführten Stücken gewünscht, das fehlte leider, aber dennoch bereitete einen das Gesagte prinzipiell auf alles Folgende vor.

Radulescu gehört zu den so genannten Vertretern der „spektralen Musik“. Das heißt, er arbeitet mit reiner Stimmung und der Obertonreihe. Es geht um Resonanz und natürliche Klänge. Klanggestaltung steht im Vordergrund. Die Werke des gestrigen Abends zeigten einen Querschnitt seines Werdegangs, wodurch sie stilistisch doch einigermaßen verschieden waren.

Es fing an mit Bassflöte und Cello. Neben Artaud saß Catherine Tunnel, die Witwe des Komponisten. In der Tag fand ich in diesem Stück vieles was in der Einführung angesprochen worden war wieder. Die Musik wurde von liegenden Klängen dominiert, dunkle Klangfarben und tiefe Töne standen im Vordergrund. Ein schlichtes Motiv war leicht zu erkennen, ebenso die Struktur des Zusammenspiels. Die Flöte erklang relativ konventionell, wohingegen das Cello mit neuen Spieltechniken und ungewohnten Klängen aufwartete. Alles in allem eine Musik, die zum Entspannen und Versinken tauchte. Es fing also gut an.

Das zweite Werk für Gitarre und Einspielungen, etwa 10 Jahre vor dem ersten komponiert, gefiel mir dagegen nicht besonders. Die Einspielungen waren elektronisch erzeugte Geräusche irgendwo zwischen Zirpen und Tropfen, die relativ nervös und unstrukturiert durchliefen. Mit dem was die Gitarre machte, hatte das irgendwie gar nix zu tun, jedenfalls konnte ich keine Verbindung erkennen. Der Gitarre wurden kaum Töne entlockt, die man als Gitarrentöne hätte identifizieren können. Eher perkussive Geräusche und mit dem Bogen gestrichen irgendetwas zwischen Didgeridoo und Panflöte (diesen Effekt fand ich allerdings ganz spannend). Insgesamt war das gar nicht meins.

Das dritte Werk, entstanden zeitnah zum ersten und später nochmals überarbeitet, wurde von einem Bläserquintett, Bratsche und Flöte (Herr Artaud) dargeboten. Auch diesem Werk konnte ich nicht so viel abgewinnen. Ich stellte fest, wie befremdend es auf mich wirkt, wenn die Beteiligten lange fast ohne Blickkontakt jeder vor sich hinspielt. Erst in der zweiten Hälfte des langen Werkes konnte ich deutlich Kommunikation zwischen den Mitwirkenden ausmachen, das war irgendwie eine Erleichterung. Auch hier überwiegend lange liegende Töne in allen Stimmen. Die Musiker sind zur Improvisation innerhalb dieses Rahmens aufgerufen. Ich empfand das insgesamt als nicht sooooo gelungen.

Es folgte Klavier solo. Zu Beginn eine emotionsfreie Aneinanderreihung von Einzeltönen, sehr seltsam. Mit dem Verlauf des Stückes stellten sich für mich allerdings mehr Zusammenhänge dar und ich fand es insgesamt zum Ende hin immer interessanter und schöner. Der Ausklang mit Pedal entsprach dann auch wieder dem, was ich nach der Einführung als spektrale Musik erwartet hätte, hier wurde mit Resonanzen gearbeitet.

Der nächste Programmpunkt, Flöte und Gitarre, war ein Frühwerk aus den sechziger Jahren. Zwischen beide Musiker wurde eine junge Frau zum Blättern postiert (das habe ich so noch nie gesehen). Es waren deutliche Strukturen erkennbar, die Musiker kommunizierten sichtbar miteinander. Ich scheine diese Zusammenhänge zu brauchen, das gefiel mir wieder ganz gut.

Der Höhepunkt kam aber, wie es sich gehört, am Schluss. Eine mehrsätzige Sonate für Cello und Klavier. In jeder Hinsicht faszinierend und sehr schön. Die Cellistin lebte diese Musik so sehr, das Zusammenspiel war perfekt (nur mit der Blättererin gab es einmal ein Problem). Geprägt von anspruchsvollen Spieltechniken auf dem Cello und verschiedentlich auch wieder unter Einsatz von Resonanzen, riss mich dieses Werk wirklich mit. Einfach schön, fand ich.

Es gab denn auch noch eine Zugabe daraus, den eingängigsten Satz, der deutlich die Rumänischen Wurzeln des Komponisten durchblicken ließ. Ein gelungener Abend. Allerdings hatte der mir etwas steif und brummelig erscheinende Artaud auch ein etwas zwiespältiges Gefühl bezüglich meines gebuchten Meisterkurses hinterlassen. Ziemlich albern erschienen mir die Horden von Umbaupersonal, die unzählige Mikros zwischen den Stücken postierten. Dies war vermutlich der Aufnahme durch den Deutschlandfunk geschuldet, der das Konzert irgendwann ausstrahlen wird. In jedem Fall herrschte zwischen Helfern und Musikern ein Missverhältnis, fand ich.

Heute morgen ging es dann per KVB zur Alten Feuerwache. Dort, im Südtrakt, 2. Obergeschoss, sollte der Meisterkurs stattfinden. Auch hier war ich vorher noch nie. Die Feuerwache zu finden war ja kein Problem. Auf dem Gelände dann den Südtrakt im Regen zu entdecken, schon eher. Ich stiefelte also die Treppe hoch um im genannten Raum (Großes Forum) einen vollkommen leeren Saal vorzufinden, in dem eine Teilnehmerin mutterseelenalleine mit ihrem Koffer rumstand. Es war nicht mehr ganz eine halbe Stunde bis zum Beginn des Kurses und wir hatten beide das Gefühl, am falschen Ort zu sein.

Nach und nach tröpfelten dann aber weitere Teilnehmer und mit als letzte dann auch die Vertreterin des Veranstalters ein. Wir stellten Stühle und Notenständer auf, sie verteilte Kopien des zu besprechenden Stücks für Flöte solo und wir warteten auf den Meister, der dann auch ziemlich genau um 10 Uhr erschien.

Zu meiner Überraschung gab es nur zwei aktive Teilnehmer (und das beim Spottpreis von 40 Euro) und mit mir 5 passive (einer kam ganz spät noch dazu).

Artaud fragte zur Eröffnung ab, wer welches Stück spielen wolle. Die beiden aktiven Teilnehmer hatten Mei von Fukushima und Voice von Takemitsu gewählt. Er schien mir etwas überrascht und vielleicht auch ärgerlich, weil ja keiner das Radulescu-Stück machen wollte. Mir schien, dass ihm nicht bekannt war, dass wir vor Beginn gar nicht wussten, was aufgelegt werden sollte. So erzählte er uns etwas zur Geschichte des Werks und seiner Zusammenarbeit mit Radulescu, etwas darüber, wie er am Pariser Konservatorium mehr durch Zufall während des Studiums an die Neue Musik geriet und sich über die Jahre zu einem wahren Spezialisten dieses Fachs entwickelt hat.

Ich stellte schnell fest, dass er ein sehr freundlicher und umgänglicher Mensch ist, der leider nur unter einer fiesen Erkältung litt, was vermutlich den Eindruck des Vorabends erklärt.

Ganz unumwunden erklärte er, dass vieles was Komponisten der Neuen Musik schrieben, so gar nicht spielbar sei und der Interpret versuchen müsse, mit Augen und Hirn herauszufinden, was der Komponist ausdrücken wollte, welchen Klang er sich vorgestellt habe, als er das so aufschrieb. Das läge daran, dass unsere Notenschrift eben sehr begrenzt sei (da hat er zweifellos recht). Als Ursprung vieler Schwierigkeiten nannte er auch ein Buch von Bruno Bartolozzi „New Sounds for Woodwinds“, erschienen 1967, in dem erstmals Multiphonics, Viertelstöne und ähnliches beschrieben wurden. Artaud sagte, dieses Buch sei voller Fehler und weil alle Komponisten der damaligen Zeit daraus sozusagen entnahmen, was möglich ist, sind viele Stücke nicht spielbar.  Daraus ergibt sich, wie er wörtlich sagte: „Don’t respect the text, respect the music.“

Herr Artaud erklärte, dass mit einer Ringklappenflöte insgesamt ca. 900.000 Griffkombinationen möglich sind, von denen beim Spielen in der temperierten Stimmung nur 42 genutzt werden. Er empfahl ganz allgemein, beim Erlernen eines neuen Werkes anhand des Notenbildes sich eine Vorstellung der Musik zu erarbeiten und Aufnahmen erst dann anzuhören, wenn man eine eigene Interpretation erarbeitet hat. Er unterstrich dies mit einer Anekdote: in den 60er Jahren gab es die meiste Flötenmusik in Frankreich nur von Rampal aufgenommen. Darunter auch die Bach-Sonaten. Im Fall der C-Dur Sonate war Rampal allerdings tatsächlich ein Fehler unterlaufen, er hatte ein zusätzliches Viertel als Pause eingebaut. Das führte dann dazu, dass alle französischen Flötisten diesen Fehler auch machten, weil sie ihn durch Anhören der Aufnahme so verinnerlicht hatten. Aufgeflogen ist das erst, als Artaud mit einem italienischen Pianisten diesen Satz spielen wollte (der kannte die Aufnahme nicht.

Neben diesen und vielen weiteren allgemeinen Geschichten und Empfehlungen erläuterte Artaud uns Besonderheiten zu Radulescu, Fukushima und Takemitsu. Dabei fand ich besonders beeindruckend, auf welch umfangreiche Kenntnisse der japanischen Kultur und der Lebenswege der Komponisten er für seine Anmerkungen zurückgreift. Seine Arbeit ist tatsächlich ganzheitlich. Er setzt die Werke in den zeitgeschichtlichen Kontext und den Zusammenhang der Komponisten-Biographie. Das wird dadurch erleichtert, dass er die Komponisten dieser Generation alle persönlich kannte und aktiv mit ihnen gearbeitet hat. Auf dem Stuhl vor uns saß ein großes Stück Musikgeschichte. Vieles was er sagte erschien mir geradezu weise. Gerade auch Voice, das ich vor ca. zwei Monaten in Düsseldorf noch von Pahud gehört hatte, erschloss sich mir durch seine Kommentare viel besser als zuvor.

Noch ein paar besondere Highlights: wenn ein Glissando zu spielen ist, dann spielt man das mit den Augen (er schiebt die Brille hoch in die Haare, spielt einen Ton, guckt zu seinen Füssen und der Ton wird tief, er guckt an die Decke und der Ton geht hoch). Wie übt man für neue Musik? Skalen (oder Moyse bzw. Gaubert, wie er immer sagte) mit Flatterzunge, mit viel Wind (Nebengeräusch) oder als Whistletöne spielen. Und er führte vor, wie man das auch im Repertoire nutzen kann. Ein Lauf aus einem Vivaldi-Konzert mit Flatterzunge und da war genau das Hörerlebnis aus dem letzten Pahud-Konzert (der ja auch bei ihm studiert hat, da wird mir einiges klar).  Zum Anfang von Mei verlangte er Bewegungslosigkeit von der Flötistin (da bewegt sich die Musik ja auch nicht, dann musst du das auch nicht tun).

Kurz, was er sagte war eigentlich so klar, so logisch und doch so schwer umzusetzen. Denn, wie er auch sagte, wir müssen unsere Klangvorstellungen und Erwartungen ändern, müssen Abstand nehmen von unseren Maßstäben, die wir für das „alte“ Repertoire entwickelt haben, wenn wir neue Musik machen wollen. Die eigentliche Schwierigkeit ist die Programmierung im Kopf und nicht die Spieltechnik.

Es war ein sehr lehrreicher und aufregender Kurs. Ich freue mich, ihn live erlebt zu haben und werde vieles mitnehmen. Die Organisation fand ich ziemlich mangelhaft und ich fürchte, dass ihm das auch nicht gefallen haben kann. Zumal der Raum kaum beheizt war (ich jedenfalls war am Ende durchgefroren) und er mit seinem Husten und nur einem Pappbecher Kaffee für die vier Stunden sicher mehr gelitten hat als wir.

 

Fremdgehen

Keine Kommentare

Seit etwas über eine Woche tu ich das. Ich gehe fremd mit einer Geige :)

Ich habe die Geige, auf der meine Mutter als Kind ein paar Stunden hatte, vom Dachboden geholt und richten lassen und probier jetzt ein bisschen aus. Zuerst musste ich neben der Generalüberholung von Geige und Bogen (die ein fachlich bewanderter Musikkollege für mich eingefädelt hat) noch eine Schulterstütze und Kollophonium einkaufen. Dazu habe ich mir aus dem Antiquariat eine Geigenschule für Erwachsene gegönnt.

Als Instrument und Bogen frisch überholt zurück waren, musste ich natürlich direkt probieren. Ich habe mir die Schule geschnappt und einfach mal ein bisschen ausprobiert. Und ich war sehr überrascht, zum einen weil es gar nicht soooooo schrecklich klang, wie ich befürchtet hatte (wenigstens nicht alle Töne), zum anderen, weil es mir total viel Spaß gemacht hat.

Das Gefühl, den Ton mit der Hand (sprich dem Bogen) führen zu können, ist irgendwie cool. Außerdem kann man die Hände bei ihrer Arbeit beobachten, auch sehr praktisch, vor allem für den Anfänger. Schnell bemerkte ich, dass  mir schon nach zwanzig Minuten die Knochen weh taten (Schultern, Arme und Genick). So ging es also nicht weiter. Nach knapp einer Woche kümmerte ich mich um eine erste Unterrichtsstunde, die ich vergangenen Donnerstag dann hatte.

Cool! Ich hatte die Schulterstütze falsch zusammengesetzt und falsch rum an die Geige gesetzt. Außerdem hatte ich die Geige total falsch zwischen Wange und Schulter geklemmt. Die Bogenhaltung war natürlich auch daneben… naja, eben alles. Ich weiß schon, warum ich ein Verfechter von qualifiziertem Unterricht bin.

Bei der Erklärung der korrekten Haltung konnte ich dann erstaunlich viele Parallelen zu Flöte feststellen. Natürlich ist erst mal sozusagen alles andersrum. Aber wie bei der Flöte ist der rechte Daumen sozusagen das Auflager für den Geigenbogen, der kleine Finger hält durch Aufsetzen von oben die Balance. An der linken Hand liegt der Geigenhals genau wie die Flöte am ersten Gelenk des Zeigefingers an und natürlich sollen alle Finger immer schön gebogen und die Gelenke nicht durchgedrückt sein. Kommt mir alles total bekannt vor.

Beim Spielen kann man sehr vom geübten Gehör profitieren, weil das Finden der Griffpositionen vielleicht für den Anfänger eine der schwersten Aufgaben ist. Tatsächlich funktioniert das Korrigieren nach vielen Jahren Musizieren sehr viel besser als für Kinder, die gerade erst beginnen, ihre Ohren musikalisch zu nutzen.

Verspannungen bekomme ich auch nach dieser ersten Stunde noch beim Spielen. Die Konzentration darauf, den Bogen richtig zu halten oder die Griffe zu finden, führt bei mir einfach zu Verkrampfung. Ein wichtiger Trick fürs Üben ist das Trennen von links und rechts. Momentan streiche ich also nur leere Seiten und zupfe, wenn ich greife. Das ist vergleichbar mit dem Üben auf dem Kopfstück ohne Griffe bei der Flöte. Es zeigt sich also, aller Anfang ist einerseits schwer, vor allem aber auch ähnlich für alle Instrumente. Ich bin voller Erwartung und Vorfreude :)

Ich bin ein Blattspieler. Irgendwie schon immer gewesen, vermutlich auch, weil ich als Kind fast nie geübt habe. Blattspiel ist meiner Meinung nach hauptsächlich eine Konzentrationsfrage, eine intellektuelle und weniger eine musikalische Leistung. Assoziatives Denken ist von Vorteil, eine schneller Erfassung des Notentextes von Nöten.  Die Tatsache, dass ich ganz gut vom Blatt spielen kann, bringt mir viele der wenigen Muggen, die ich so habe. Für einen Kirchenmusiker ist es sehr praktisch, wenn man sich einfach hinstellen und etwas spielen kann, nachdem es nur einmal oder gar nicht zuvor zusammen gespielt wurde. Minimaler Aufwand also. Das ist gerade bei reduzierten Kirchenmusiketats natürlich ein schlagendes Argument.

So schön ich es finde, auf diesem Weg zu Muggen zu kommen, so schade finde ich es, dabei dann immer nur an der Oberfläche der Musik zu kratzen. Auf der anderen Seite probe ich mit so vielen Kammermusik-Ensembles, mit denen wir aber keine Auftritte haben. Damit fehlen Ziele und auch hier wird zwar ein bisschen ausgearbeitet aber nicht bis ins letzte Detail, weil eben ein echtes Ziel fehlt.

Im Endergebnis bin ich aktuell immer ein bisschen unzufrieden, weil ich das Gefühl habe, eine echte Herausforderung fehlt. Ein Stück, das wirklich Arbeit verlangt, ein relativ technisch einfaches Stück, das musikalisch ausgereizt wird. Irgendwas, auf das man im Endergebnis richtig stolz sein kann.

Vielleicht wäre es ja besser, nicht vom Blatt spielen zu können? Andererseits gäbe es dann vielleicht keine Muggen mehr. Eine ausgewogene Mischung, das wäre sehr schön. Ich spiel ja auch gern vom Blatt, aber in der Probe täte es das auch…..

Gegenwartskunst

Keine Kommentare

Wie kommt man bei einem Konzert über das Lampenfieber weg? Wie schafft man, dass Musik überzeugend klingt? Wie kann Musik, das Üben oder eine Probe zur Entspannung beitragen? Ich glaube, die Lösung für alle diese Fragen liegt darin, ganz in der Gegenwart zu sein. Wenn man es schafft, sich ganz auf den Klang zu konzentrieren, ganz im Moment, in der Musik zu sein, dann ist man nicht nervös, dann kann man abschalten und dann klingt es auch am besten. Das gilt natürlich für Konzerte, aber besonders auch für Proben. Wenn man in der Probe nicht zu hundert Prozent bei der Sache ist, wenn man die Zeit nur „ableistet“ oder nur das nötige tut, dann kann man die Probe auch einfach lassen. Um richtig zu proben, muss man ja auch tatsächlich das proben, was man später im Konzert spielen möchte. Das heißt, man muss alles hineinlegen, absolut überzeugen wollen und den Ausdruck „leben“. So macht es dann auch am meisten Spaß und man entwickelt sich weiter.

Ich habe das früher nicht getan, bin von Probe zu Probe gerannt und habe nur vor mich hin gedudelt. Das ist Beschäftigungstherapie, mehr nicht. Musik ist ja eine Gegenwartskunst, das heißt, sie findet absolut im jetzt und hier statt. Selbst wenn man was aufnimmt, kann man ja nur aufnehmen, was auch gespielt wurde.  Eine Korrektur ist nicht möglich, das macht die absolute Konzentration so wichtig. Wenn ich nun beim Spielen abschweife, an eine schwere Stelle oder den nächsten Satz denke, oder womöglich an das Bier danach, dann kann es fast nur schief gehen. Schwierig ist das insbesondere bei einfachen Stücken, für die man diese Konzentration nicht zwingend benötigt. Aber gerade da kann man mit voller Konzentration besonders viel rausholen.

Auch hier merkt man wieder, das hat was von Autogenem Training oder Meditation.

Im Job habe ich gerade richtig viel zu tun. Projektabschluss zum Monatsende, da muss ein dicker Bericht fertig sein. Arbeitstechnisch heißt das täglich so neun bis zehn Stunden vor dem PC sitzen und mit Word, Worten und Zahlen kämpfen. Die einzigen zwischenmenschlichen Kontakte finden dann in der Mittagspause statt, dazwischen stürzt Word auch mal ab, dann muss ich Daten auswerten, Informationen nachschlagen etc. Alles in allem ein recht trockenes Geschäft, dass sich im Hirn einnistet wie der Holzwurm. Auf dem Heimweg, zuhause und manchmal auch nachts drehen sich dann die Gedanken noch um das wie und was, ist das zu schaffen, wo mache ich weiter, was habe ich vergessen. Abschalten? Ein echtes Problem….

Und obwohl ich eigentlich, wenn ich um halb acht heimkomme, müde und unfit aufs Sofa sinke, habe ich festgestellt, dass es sich lohnt, sich zum Üben aufzuraffen. Wenn ich das nämlich tue, dann wird der Kopf frei. Tonübungen haben was von Meditation irgendwie. Luft fließen lassen, den Ton an den Lippen und in den Fingern spüren. Je stupider, je besser. Sonorite zum Einspielen, dann auch ein bisschen Technik (Tonleitern im Maximaltempo), da denken überhaupt nur die Finger. Das Körperliche am Spielen läßt mich irgendwie wieder zusammenfinden, Kopf und Rest,  und der Körper, der den ganzen Tag vernachlässigt und ignoriert wurde, hat wieder zu tun.  Das ist geradezu heilsam.

Oft komme ich an solchen Tagen gar nicht über die Übungen raus, weil mir Stücke oder gar richtig Üben viel zu anspruchsvoll sind. Aber wenn es sich dann doch ergibt, wenn der Ton gut ist, alles fließt und das Gefühl einfach Lust auf mehr macht, dann ist das die eine halbe Stunde des Tages, die mir wirklich was gibt, wo ich dann endlich mal wieder das Gefühl habe, dass ich noch lebe.  Und wenn nicht, zwanzig Minuten oder eine halbe Stunde Ton und ein bisschen Technik, das reicht schon, um richtig auf der Höhe zu bleiben und wenigstens nicht mehr ausschließlich an die Arbeit zu denken. So eine Art Softreset. Für mich ganz ungewohnt, mein Leben lang habe ich das eigentlich immer gemieden und wollte nur spielen. Und jetzt bin ich ein wahrer Tonübungssüchtiger. Vielleicht ist das ja auch so eine Art flötistische Altersweisheit. :)

Switch to our mobile site

%d Bloggern gefällt das: