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Manchmal kommt ja so das eine zum anderen. Bei mir war das beispielsweise eine Altflöte, die seit ca. 5 Jahren in meinem Besitz ist und eigentlich erst einmal (für Jekyll & Hyde) so richtig produktiv (sprich mit Zuhörern) zum Einsatz kam. Geübt habe ich dann auch nicht sonderlich viel drauf. Die Versuche, ein vollständiges Flötenquartett auf die Beine zu stellen, weil man das Ofenrohr da öfter brauchen kann, sind bisher auch nicht ganz erfolgreich gewesen.

Die zweite Zutat, das was dazu gekommen ist zur Altflöte, war die Bekanntschaft mit dem überaus engagierten, engergiegeladenen und sympathischen Kopf und Herz hinter Flutissimo (Namen nenne ich hier grundsätzlich nicht). Der neben seinem unermüdlichen Einsatz für die Böhmflöte als Upgrade für alle Spielmannszüge auch gleich noch ein Flötenorchester gegründet hat und leitet. Das Projektorchester NRW.

Irgendwann bekam ich eine Aufnahme von ihm, geschickt per Mail mit dem Kommentar “leider sind wir in den tiefen Flöten noch etwas dünn”….. da zählte ich eins (eine allmählich oxidierende Altflöte) und eins (eine fehlende Altflöte) zusammen und heraus kam eine Anmeldung zur Probenphase des Orchesters letztes Wochenende.

Als ich vor einigen Wochen (oder Monaten?) meine Anfrage diesbezüglich startete, wurde ich kurz danach durch zahlreiche Mails von den verschiedenen engagierten Mitorganisatoren bezüglich der erforderlichen Schritte erleuchtet, erhielt Zugriff auf den Mitgliederbereich der Homepage und wurde sanft und perfekt in Richtung Probentag begleitet.

Die erste Pirsch durch Forum, Anmeldesystem etc. erfüllte mich zum einen mit Bewunderung für diese vollkommen durchdachte Organisation und Fürsorge, zum anderen spürte ich bei einigen der vereinsmässigen Kollektivmaßnahmen (z. B. alle brauchen die exakt gleiche Pultleuchte, wer keine hat, spielt nicht mit) meine mit dem Alter immer tiefer sitzende Unverträglichkeit mit dem deutschen Vereinswesen wieder einmal aufmuggen.

Kurz vor der Probe begab ich mich also auf das Portal und lud die dortigen Noten runter. Die ganzen alten Mails habe ich in der mir eigenen Ignoranz nicht nochmal gelesen. Das führte dazu, dass ich innerhalb von zwei Tagen (am ersten brach ich aus Verzweiflung irgendwann ab) meinem Drucker ein Kilo Papier abrang. In einer anderen Einheit gezählt: ca. 30 Arrangements gab es im Portal, ich habe sie alle geholt und gedruckt.

Abringen beschreibt dabei nur meinen Umgang mit dem aus Altersstarrsinn bockigen Brother-Drucker, der immer erst mal ca. 20 Seiten problemlos druckt und dann je gedruckte Seite gerne ca. 5 mal Papierstau beseitigt hätte…. grrrrrrr.

Sonntag morgen fiel ich dann pflichtschuldig kurz nach 8 aus dem Bett, schnappte mir das Papierbündel (wollen die das alles spielen????) und düste Richtung Wülfrath (für alle wie mich Unkundigen: auf der Nord-Ost-Schiene betrachtet zwischen Mettmann und Wuppertal aber etwas nördlich). Schöne Landschaft, dazu der erste strahlend blaue Sommerhimmel dieses Jahres, was will man mehr?

Dort angekommen finde ich die perfekte Organisation und eine für ein so großes Ensemble mir vollkommen neue Disziplin vor. Zunächst wird der Beitrag für den Probentag kassiert (10 Euro, dafür gibt es Kopien, wenn Noten fehlen und ein warmes Mittagessen). Meine kurzsichtige Frage nach dem richtigen Sitzplatz (weiß ich denn, wie die Stimmen im Flötenorchester verteilt sind?) zeigt wiederum, dass ich gute Organisation nicht gewohnt bin: auf jedem unbesetzten Stuhl liegt ein Namensschild (wow). Unbesetzt sind aber gar nicht so viele, da ca. 20 Minuten vor Probenbeginn tatsächlich schon viele mit ausgepacktem Instrument vor ihren Notenständern sitzen. Auch dafür nochmals meine Ver- und Bewunderung.

Ich platziere mich also und harre der Dinge die da kommen. Sehr schnell lerne ich, dass man natürlich nicht 30 Werke aufzuführen gedenkt (hätte zur sonstigen Organisation auch nicht gepasst), vielmehr wäre ich gut beraten gewesen, nochmal die Mails alle durchzusehen, da gab es nämlich ein gültiges Programm mit ca. 10 Titeln. Dafür hätten auch ich und mein bockiger Drucker vermutlich höchstens ne halbe Stunde gebraucht (seufz) und ich hätte in der Probe nicht stets mit zunehmender Verzweiflung den ganzen Haufen nach dem gewünschten Stück durchsuchen müssen.

Ich lerne außerdem, dass man nicht aus NRW sein muss, um hier zu spielen (meine Nebensitzerin ist aus Aschaffenburg angereist, nochmal wow, warum das “wow” ist, zeigt die Karte für alle Geographie-Dilettanten (ich bin einer)).

Außerdem lerne ich einiges über Spielmannszüge und deren aktuelle Modernisierungsarbeit (Nebensitzerin andere Seite). Ich lerne, dass es hier viele Menschen gibt, die Arrangements für Flötenorchester schreiben, häufig wohl als Bearbeitung von Blasorchesterausgaben. Ich darf mir das Genick von den sanften Tönen einer Kingma-Subkontraflöte kitzeln lassen (das macht in meinem Hinterkopf ein leises “will haben” zum Dauerhintergrund). Und ich merke schnell, wer 8 Stunden mit einer Altflöte mit geradem Kopf spielen will, der sollte zuvor seinen rechten Arm trainieren (aua).

Was ist mein Fazit? Nie habe ich einen disziplinierteren, motivierteren oder besser organisierten Haufen von Hobbymusikern (und ein paar Profis) erlebt (und ich habe schon manches mitgemacht). Unser musikalischer Leiter hat mich mit der hier, wie auch in allen bisherigen sonstigen Begegnungen und Umständen, gezeigten gleichbleibenden Geduld, Freundlichkeit und Motivationskunst überzeugt (afrikanische Musik? dann stehen wir doch mal auf und tanzen das, genial). Ich gestehe, die Musikauswahl ist nicht so ganz die meine und Altflöte spielen sehr viel anstrengender als angenommen. Da ich in der vorangegangenen und den kommenden Wochen zunehmend feststellen musste, dass es mir nicht bekommt, wenn ich am Wochenende nicht wenigstens einen halben Tag frei habe, werde ich wohl nicht zum Dauergast aller Probephasen (wenigstens nicht dieses Jahr). Aber ich denke darüber nach, dass ich so ein Orchester für manchen Flötenschüler gerne zum lebendig werden lassen des Gelernten gehabt hätte und dass das für jeden Flötisten, der kein Ensemble oder Orchester hat, eine perfekte Umgebung ist, um gemeinsam zu musizieren.

Und da vor allem tiefe Flöten immer fehlen und ich mir denke, es gibt auch andere, die sich so ein Ding gekauft haben, das nun meist nur rumliegt, kann ich nur sagen: meldet Euch an! Man muss ja nicht aus NRW sein und wenigstens die Altstimmen sind sooooooo schwer nicht.

Als kleine Abwechslung zwischen den vielen Berichten vom Flöten Festival in Freiburg kommt jetzt mal wieder eine Buchbesprechung. Schon vor einigen Wochen habe ich hier kurz von diesem Buch berichtet. Jetzt hat es doch noch ganz schön lang gedauert, durch den Schinken durchzukommen. Das lag aber nicht daran, dass das Buch langweilig oder schlecht zu lesen gewesen wäre, nein eher daran, dass ich so viel zu tun hatte und mir der Schmöker von sicher gut einem Pfund Gewicht zum Reisen einfach zu unhandlich war.

Damit wären wir auch schon wieder bei den üblichen äußeren Fakten zum Buch. Der Band ist etwas größer als DIN A 5, gute 3 cm dick und als Paperback gebunden. Der Autor ist Manfred Spitzer, ein Arzt, Psychologe und Philosoph aus Baden-Württemberg, die in seiner Freizeit musiziert. Der Titel lautet Musik im Kopf, erschienen ist das ganze im Schattauer Verlag. Insgesamt umfasst der Schinken über 460 Seiten.

Nun also zum Inhalt. Gegliedert ist das Buch in fünf Teile:

  • ein einleitender allgemeiner Teil
  • Musik hören
  • Musik erleben
  • Musik machen
  • Musik verstehen.

Diese Abschnitte sind jeweils nochmals in mehrere Kapitel unterteilt (alles in allem 17 Stück davon). Die Kapitel sind nochmals in Abschnitte mit eigenen Überschriften unterteilt. Diese kleinsten Einheiten sind selten mehr als ein oder zwei Seiten lang. Die Kürze der einzelnen Abschnitte macht neben der Sprache die gute Lesbarkeit aus. Im ganzen Werk ist immer zu spüren, dass der Autor ein Musikbegeisterter ist. Das Ganze ist sehr informativ aber trotzdem nicht trocken und sprachlich nicht übermäßig wissenschaftlich oder abgehoben.

Im einleitenden Teil wird hauptsächlich die gesellschaftliche, religiöse und kulturelle Bedeutung von Musik dargestellt, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart.

Der Abschnitt “Musik hören” vollzieht alles erforderliche von der Klangentstehung bis zum Merken des Gehörten nach. Das heißt, es beginnt mit der Schallentstehung (Physik, Akustik), geht weiter mit dem Empfang von Tönen im Ohr und ihrer Verarbeitung im Gehirn (Mischung aus Akustik, Physiologie und Neurologie). Der vierte Abschnitt erklärt die Bedeutung von Intervallen, Harmonie und Disharmonie. Auch hier vermischen sich Physik und Neurologie. Es folgt ein Kapitel zur Bedeutung des Gedächtnisses für das Musik hören.

Der zweite Hauptteil “Musik erleben” spielt sich praktisch ausschließlich im Gehirn ab. Was können Föten im Mutterleib hören und wie wirkt es sich auf deren Entwicklung aus? Wie und funktioniert die Verarbeitung von Musik im Gehirn? Dann widmet sich der Autor ganz dem Thema Rhythmus und Tanz. Abgeschlossen wird die Frage des musikalischen Erlebens mit dem absoluten Gehör im Vergleich zum relativen.

Im dritten Teil “Musik machen” wird zunächst die direkteste Form, das Singen, besprochen. Dazu gehören Erläuterungen zu den beteiligten Organen (Stimme, Atmung, Phonation etc.). Im nächsten Abschnitt folgt instrumentales Musizieren (Blattspiel, Unterschiede zwischen Mann und Frau, ein Blick auf die Hände und Fragen zu Technik und Ausdruck). Abgerundet werden diese Darstellungen durch “Musizieren lernen” und gemeinsames Musizieren (hier spürt man den Musiker mit Leib und Seele besonders).

Unter dem abschließenden Topic “Musik verstehen” sind Fragen zur Evolution der Musikwahrnehmung und des Musizierens zusammengefasst (Musik im Tierreich und bei unseren Vorfahren), emotionale Wirkung von Musik auf den Menschen, was wirkt wie auf wen? Die “Nutzung” von Musik an den Beispielen der Werbung, der Filmmusik und der musikalischen Akustik von Konzertsälen. Den Abschluss bildet Musik im Zusammenhang mit der menschlichen Gesundheit, dazu zählen sowohl spezifische Erkrankungen bei Musikern als auch Ausführungen zur Musiktherapie.

Die Vielzahl der behandelten Inhalte zeigt schon, dass die Darstellung nirgends ganz in die Tiefe gehen kann. Dennoch wird ein gut verständliches Bild jedes Bereichs gezeichnet. Dazu versorgt einen der Autor mit unzähligen Literaturverweisen (20 Seiten Literaturverzeichnis), die ein tieferes Studium zu jedem der Themen ermöglichen. Abgerundet wird das alles durch ein Stichwortregister.

Im Vorwort empfiehlt der Autor, das ganze zweimal zu lesen und jetzt wo ich durch bin, könnte ich dem zustimmen. Ich werde es allerdings nicht tun, weil da noch so viele andere Bücher warten, auf die ich sehr gespannt bin. Das Buch enthält unglaublich viele spannende Details, die mir zuvor nicht bekannt waren. Zum Beispiel gibt es im Ohr Muskeln, die bei lauten Geräuschen automatisch die Schallwahrnehmung dämpfen, um das Ohr zu schützen. Es gibt aber auch Menschen, die diese Muskeln willentlich anspannen und damit die Lautstärke runterregeln können, wenn das nicht cool ist.  Ein anderes Beispiel ist, dass die Satzmelodie, die sich am Ende immer nach unten bewegt, sich auch aus der Druckabnahme in der Lunge des sprechenden erklären lässt. Überall ist also auch Physik im Spiel. Es ist einfach unglaublich faszinierend, wie perfekt wir konstruiert sind. Manchmal kann man schon ins Grübeln kommen, ob das ausschließlich die Evolution vollbracht haben soll?

Das Ganze ist ein Plädoyer für die Musik und vor allem für das gemeinsame Musizieren. Nochmals besonders deutlich wird das im Schlussabschnitt:

“…So können wir mit Musik vielleicht ein Stück dem Wahren, Guten und Schönen nähern. Das wäre doch etwas! Also auf geht’s: A one, a two, a one-two-three-four…..”

Ich kann das Buch absolut empfehlen, wer sich für Musik interessiert kann hier viele neue Perspektiven finden, lernt, wie Musik machen und hören wirklich funktioniert und blickt über den Tellerrand. Und das Ganze dann auch noch unterhaltsam und einfach “nett”. Eine echte Fundgrube.

Fast hätte ich es gar nicht mitbekommen, wenn ich nicht einen Weckruf per Mail bekommen hätte. ON Neue Musik Köln veranstaltet vom 13.2.-23.3. ein Festival unter dem Titel Hommage à Horatiu Radulescu. Von dem Komponisten hatte ich zuvor offen gestanden noch nie gehört. Von einem der Mitwirkenden aber sehr wohl: Pierre-Yves Artaud. Zum einen habe ich erst kürzlich eine DVD gesehen, auf der Unterrichtsstunden von ihm dokumentiert sind, zum anderen habe ich sein Buch gelesen. Artaud spielte am 19. März, also gestern ein Konzert mit Werken Radulescus in der Kunst-Station St. Peter und für heute war ein vierstündiger Meisterkurs angesetzt, in dem Werke des gleichen Herrn besprochen werden sollten. Aktive Teilnahme nur für “Profis”, aber passiv ging und kostete nur schlappe 10 Euro. Also habe ich heute einen Tag Urlaub…..

Aber fangen wir von vorne an. Gestern Abend Konzert. Ich gestehe, ich war zuvor noch nie in der Kunst-Station und so kam es, dass ich direkt vom Büro kommend mit einem anderen Zuhörer erst mal rund um die Kirche irrte, um im Dunkeln den offiziellen Eingang zu finden. Für passive Meisterkurs-Teilnehmer gab es ermässigten Eintritt. Kurz nachdem ich mich auf einem recht zentralen Platz niedergelassen hatte, begann die Einführung. Normalerweise suche ich diese Vorerklärungen nicht auf, in diesem Fall jedoch schien es mir sinnvoll, da im Schriftverkehr zum Meisterkurs erklärt wurde, die Noten könne man ohne Hilfe sowieso nicht lesen, daher werde das zu besprechende Stück erst im Kurs bekannt gegeben. Da fand ich ein bisschen Erklärung vor dem Hören dann schon ganz interessant.

Die Kirche war ca. zur Hälfte gefüllt schätze ich, das war mehr als ich befürchtet hatte. Der Meisterkurs war nach Anmeldeschluss nämlich noch stark unterbesetzt, wodurch ich überhaupt erst davon erfahren hatte, das sprach dafür, dass die Werbung nicht gut funktioniert hatte.

Die Einführung hielt ein älterer Herr aus Brüssel, den man leider dank mannigfaltiger Nebengeräusche (schnaufen, zu viel Spucke etc.) recht schwer verstand. Er war persönlich mit dem verstorbenen Komponisten befreundet und berichtete hauptsächlich Schwänke aus deren gemeinsamer Vergangenheit sowie allgemeines zu dessen Stil und Werdegang. Ich hätte mir etwas zu den aufgeführten Stücken gewünscht, das fehlte leider, aber dennoch bereitete einen das Gesagte prinzipiell auf alles Folgende vor.

Radulescu gehört zu den so genannten Vertretern der “spektralen Musik”. Das heißt, er arbeitet mit reiner Stimmung und der Obertonreihe. Es geht um Resonanz und natürliche Klänge. Klanggestaltung steht im Vordergrund. Die Werke des gestrigen Abends zeigten einen Querschnitt seines Werdegangs, wodurch sie stilistisch doch einigermaßen verschieden waren.

Es fing an mit Bassflöte und Cello. Neben Artaud saß Catherine Tunnel, die Witwe des Komponisten. In der Tag fand ich in diesem Stück vieles was in der Einführung angesprochen worden war wieder. Die Musik wurde von liegenden Klängen dominiert, dunkle Klangfarben und tiefe Töne standen im Vordergrund. Ein schlichtes Motiv war leicht zu erkennen, ebenso die Struktur des Zusammenspiels. Die Flöte erklang relativ konventionell, wohingegen das Cello mit neuen Spieltechniken und ungewohnten Klängen aufwartete. Alles in allem eine Musik, die zum Entspannen und Versinken tauchte. Es fing also gut an.

Das zweite Werk für Gitarre und Einspielungen, etwa 10 Jahre vor dem ersten komponiert, gefiel mir dagegen nicht besonders. Die Einspielungen waren elektronisch erzeugte Geräusche irgendwo zwischen Zirpen und Tropfen, die relativ nervös und unstrukturiert durchliefen. Mit dem was die Gitarre machte, hatte das irgendwie gar nix zu tun, jedenfalls konnte ich keine Verbindung erkennen. Der Gitarre wurden kaum Töne entlockt, die man als Gitarrentöne hätte identifizieren können. Eher perkussive Geräusche und mit dem Bogen gestrichen irgendetwas zwischen Didgeridoo und Panflöte (diesen Effekt fand ich allerdings ganz spannend). Insgesamt war das gar nicht meins.

Das dritte Werk, entstanden zeitnah zum ersten und später nochmals überarbeitet, wurde von einem Bläserquintett, Bratsche und Flöte (Herr Artaud) dargeboten. Auch diesem Werk konnte ich nicht so viel abgewinnen. Ich stellte fest, wie befremdend es auf mich wirkt, wenn die Beteiligten lange fast ohne Blickkontakt jeder vor sich hinspielt. Erst in der zweiten Hälfte des langen Werkes konnte ich deutlich Kommunikation zwischen den Mitwirkenden ausmachen, das war irgendwie eine Erleichterung. Auch hier überwiegend lange liegende Töne in allen Stimmen. Die Musiker sind zur Improvisation innerhalb dieses Rahmens aufgerufen. Ich empfand das insgesamt als nicht sooooo gelungen.

Es folgte Klavier solo. Zu Beginn eine emotionsfreie Aneinanderreihung von Einzeltönen, sehr seltsam. Mit dem Verlauf des Stückes stellten sich für mich allerdings mehr Zusammenhänge dar und ich fand es insgesamt zum Ende hin immer interessanter und schöner. Der Ausklang mit Pedal entsprach dann auch wieder dem, was ich nach der Einführung als spektrale Musik erwartet hätte, hier wurde mit Resonanzen gearbeitet.

Der nächste Programmpunkt, Flöte und Gitarre, war ein Frühwerk aus den sechziger Jahren. Zwischen beide Musiker wurde eine junge Frau zum Blättern postiert (das habe ich so noch nie gesehen). Es waren deutliche Strukturen erkennbar, die Musiker kommunizierten sichtbar miteinander. Ich scheine diese Zusammenhänge zu brauchen, das gefiel mir wieder ganz gut.

Der Höhepunkt kam aber, wie es sich gehört, am Schluss. Eine mehrsätzige Sonate für Cello und Klavier. In jeder Hinsicht faszinierend und sehr schön. Die Cellistin lebte diese Musik so sehr, das Zusammenspiel war perfekt (nur mit der Blättererin gab es einmal ein Problem). Geprägt von anspruchsvollen Spieltechniken auf dem Cello und verschiedentlich auch wieder unter Einsatz von Resonanzen, riss mich dieses Werk wirklich mit. Einfach schön, fand ich.

Es gab denn auch noch eine Zugabe daraus, den eingängigsten Satz, der deutlich die Rumänischen Wurzeln des Komponisten durchblicken ließ. Ein gelungener Abend. Allerdings hatte der mir etwas steif und brummelig erscheinende Artaud auch ein etwas zwiespältiges Gefühl bezüglich meines gebuchten Meisterkurses hinterlassen. Ziemlich albern erschienen mir die Horden von Umbaupersonal, die unzählige Mikros zwischen den Stücken postierten. Dies war vermutlich der Aufnahme durch den Deutschlandfunk geschuldet, der das Konzert irgendwann ausstrahlen wird. In jedem Fall herrschte zwischen Helfern und Musikern ein Missverhältnis, fand ich.

Heute morgen ging es dann per KVB zur Alten Feuerwache. Dort, im Südtrakt, 2. Obergeschoss, sollte der Meisterkurs stattfinden. Auch hier war ich vorher noch nie. Die Feuerwache zu finden war ja kein Problem. Auf dem Gelände dann den Südtrakt im Regen zu entdecken, schon eher. Ich stiefelte also die Treppe hoch um im genannten Raum (Großes Forum) einen vollkommen leeren Saal vorzufinden, in dem eine Teilnehmerin mutterseelenalleine mit ihrem Koffer rumstand. Es war nicht mehr ganz eine halbe Stunde bis zum Beginn des Kurses und wir hatten beide das Gefühl, am falschen Ort zu sein.

Nach und nach tröpfelten dann aber weitere Teilnehmer und mit als letzte dann auch die Vertreterin des Veranstalters ein. Wir stellten Stühle und Notenständer auf, sie verteilte Kopien des zu besprechenden Stücks für Flöte solo und wir warteten auf den Meister, der dann auch ziemlich genau um 10 Uhr erschien.

Zu meiner Überraschung gab es nur zwei aktive Teilnehmer (und das beim Spottpreis von 40 Euro) und mit mir 5 passive (einer kam ganz spät noch dazu).

Artaud fragte zur Eröffnung ab, wer welches Stück spielen wolle. Die beiden aktiven Teilnehmer hatten Mei von Fukushima und Voice von Takemitsu gewählt. Er schien mir etwas überrascht und vielleicht auch ärgerlich, weil ja keiner das Radulescu-Stück machen wollte. Mir schien, dass ihm nicht bekannt war, dass wir vor Beginn gar nicht wussten, was aufgelegt werden sollte. So erzählte er uns etwas zur Geschichte des Werks und seiner Zusammenarbeit mit Radulescu, etwas darüber, wie er am Pariser Konservatorium mehr durch Zufall während des Studiums an die Neue Musik geriet und sich über die Jahre zu einem wahren Spezialisten dieses Fachs entwickelt hat.

Ich stellte schnell fest, dass er ein sehr freundlicher und umgänglicher Mensch ist, der leider nur unter einer fiesen Erkältung litt, was vermutlich den Eindruck des Vorabends erklärt.

Ganz unumwunden erklärte er, dass vieles was Komponisten der Neuen Musik schrieben, so gar nicht spielbar sei und der Interpret versuchen müsse, mit Augen und Hirn herauszufinden, was der Komponist ausdrücken wollte, welchen Klang er sich vorgestellt habe, als er das so aufschrieb. Das läge daran, dass unsere Notenschrift eben sehr begrenzt sei (da hat er zweifellos recht). Als Ursprung vieler Schwierigkeiten nannte er auch ein Buch von Bruno Bartolozzi “New Sounds for Woodwinds”, erschienen 1967, in dem erstmals Multiphonics, Viertelstöne und ähnliches beschrieben wurden. Artaud sagte, dieses Buch sei voller Fehler und weil alle Komponisten der damaligen Zeit daraus sozusagen entnahmen, was möglich ist, sind viele Stücke nicht spielbar.  Daraus ergibt sich, wie er wörtlich sagte: “Don’t respect the text, respect the music.”

Herr Artaud erklärte, dass mit einer Ringklappenflöte insgesamt ca. 900.000 Griffkombinationen möglich sind, von denen beim Spielen in der temperierten Stimmung nur 42 genutzt werden. Er empfahl ganz allgemein, beim Erlernen eines neuen Werkes anhand des Notenbildes sich eine Vorstellung der Musik zu erarbeiten und Aufnahmen erst dann anzuhören, wenn man eine eigene Interpretation erarbeitet hat. Er unterstrich dies mit einer Anekdote: in den 60er Jahren gab es die meiste Flötenmusik in Frankreich nur von Rampal aufgenommen. Darunter auch die Bach-Sonaten. Im Fall der C-Dur Sonate war Rampal allerdings tatsächlich ein Fehler unterlaufen, er hatte ein zusätzliches Viertel als Pause eingebaut. Das führte dann dazu, dass alle französischen Flötisten diesen Fehler auch machten, weil sie ihn durch Anhören der Aufnahme so verinnerlicht hatten. Aufgeflogen ist das erst, als Artaud mit einem italienischen Pianisten diesen Satz spielen wollte (der kannte die Aufnahme nicht.

Neben diesen und vielen weiteren allgemeinen Geschichten und Empfehlungen erläuterte Artaud uns Besonderheiten zu Radulescu, Fukushima und Takemitsu. Dabei fand ich besonders beeindruckend, auf welch umfangreiche Kenntnisse der japanischen Kultur und der Lebenswege der Komponisten er für seine Anmerkungen zurückgreift. Seine Arbeit ist tatsächlich ganzheitlich. Er setzt die Werke in den zeitgeschichtlichen Kontext und den Zusammenhang der Komponisten-Biographie. Das wird dadurch erleichtert, dass er die Komponisten dieser Generation alle persönlich kannte und aktiv mit ihnen gearbeitet hat. Auf dem Stuhl vor uns saß ein großes Stück Musikgeschichte. Vieles was er sagte erschien mir geradezu weise. Gerade auch Voice, das ich vor ca. zwei Monaten in Düsseldorf noch von Pahud gehört hatte, erschloss sich mir durch seine Kommentare viel besser als zuvor.

Noch ein paar besondere Highlights: wenn ein Glissando zu spielen ist, dann spielt man das mit den Augen (er schiebt die Brille hoch in die Haare, spielt einen Ton, guckt zu seinen Füssen und der Ton wird tief, er guckt an die Decke und der Ton geht hoch). Wie übt man für neue Musik? Skalen (oder Moyse bzw. Gaubert, wie er immer sagte) mit Flatterzunge, mit viel Wind (Nebengeräusch) oder als Whistletöne spielen. Und er führte vor, wie man das auch im Repertoire nutzen kann. Ein Lauf aus einem Vivaldi-Konzert mit Flatterzunge und da war genau das Hörerlebnis aus dem letzten Pahud-Konzert (der ja auch bei ihm studiert hat, da wird mir einiges klar).  Zum Anfang von Mei verlangte er Bewegungslosigkeit von der Flötistin (da bewegt sich die Musik ja auch nicht, dann musst du das auch nicht tun).

Kurz, was er sagte war eigentlich so klar, so logisch und doch so schwer umzusetzen. Denn, wie er auch sagte, wir müssen unsere Klangvorstellungen und Erwartungen ändern, müssen Abstand nehmen von unseren Maßstäben, die wir für das “alte” Repertoire entwickelt haben, wenn wir neue Musik machen wollen. Die eigentliche Schwierigkeit ist die Programmierung im Kopf und nicht die Spieltechnik.

Es war ein sehr lehrreicher und aufregender Kurs. Ich freue mich, ihn live erlebt zu haben und werde vieles mitnehmen. Die Organisation fand ich ziemlich mangelhaft und ich fürchte, dass ihm das auch nicht gefallen haben kann. Zumal der Raum kaum beheizt war (ich jedenfalls war am Ende durchgefroren) und er mit seinem Husten und nur einem Pappbecher Kaffee für die vier Stunden sicher mehr gelitten hat als wir.

 

Google Alerts ist eine Fundgrube. Für mich jedenfalls. Vor ca. 2 Wochen meldete mir Google da einen Forumsbeitrag, in dem der 2. Hagener Flötentag angekündigt wurde. Ein ganzer Tag mit Workshops und einer Instrumentenausstellung von Flutissimo, dazu Sofortreparaturen (kleinerer Art) durch den Flötenbauer Nold. Klang nach einem interessanten Programm.

Da habe ich also, anstatt wegen ein paar Kleinigkeiten nach Sankt Augustin zu Flutissimo zu fahren, mich dort mit Flutissimo-Chef Bernd verabredet und parallel dazu beim Veranstalter, dem Flötenorchester Schöne Töne Hagen, angemeldet und einen einzelnen Workshop zum “Schnuppern” gebucht.

Angeboten wurden Workshops von Krzysztof Kaczka (bei dem war ich, Soloflötist des Guangzhou Symphony Orchestra), Sita Herber (Diplom-Flötistin), Jil Gräfen (Hagen), Tanja Rödel (Flutissimo), Wiebke Klostermann (Flötenstudentin), Markus Klein (Diplom-Flötist), Markus Nold (Flötenbauer), Karin Steenstra (Flutissimo), Claudia Rahtge (Flutissimo) und Bernd Wysk (Flutissimo).

Die Workshops waren hauptsächlich in Richtung Flötenorchester ausgerichtet (Spielen auf Bass- und Altflöten, Ensemblespiel in verschiedenen Schwierigkeitsstufen, Schnupperkurs für Kinder). Daneben gab es aber auch allgemeinere Workshops wie “Singen und Spielen für Anfänger” oder die Workshops mit Herrn Kaczka.

Berichten kann ich wie gesagt nur von letzterem. Wir waren insgesamt 9 Personen unterschiedlichsten Alters und verschiedenster flötistischer Erfahrung. Los ging es mit einer Vorstellungsrunde: Vorname und wie lange jeder schon spielt. Das ging von ca. 2 Jahren bis zu über 30 Jahren (und das war leider ich).

Herr Kaczka bemühte sich mit seinem lockeren Stil, die Runde entspannt zu halten. Leider ist es in solchen Konstellationen immer so, dass Nervosität und ein “Wettbewerbsgefühl” herrschen (ich habe das jedenfalls noch nie anders erlebt). In diesem Fall hat es der Dozent geschafft, diese Anspannung weitgehend zu reduzieren. Leider gab es dennoch Stimmen, die eine Teilung des Kurses vorschlugen, “damit sich die Fortgeschrittenen nicht langweilen”. Ich glaube, für Anfänger im Erwachsenenalter ist die Mischung aller vielleicht am schwersten zu ertragen, weil man schon “groß” ist und dennoch vielleicht schlechter spielt als andere jüngere. Ich habe früh angefangen und kenne dieses Gefühl in diesem Fall nicht (aber bald vielleicht im Zusammenhang mit Geige). Dennoch möchte ich hier alle Musiker in einer solchen Situation ermuntern, sich keinen Kopf über solche Dinge zu machen und forsch drauf los zu probieren. Es handelt sich ja nicht um eine Konkurrenzsituation, alle wollen Spaß an der Musik haben und etwas lernen, egal wie alt oder wie weit.

Ich habe den größten Respekt davor, sich Wünsche neben dem Beruf oder danach im Ruhestand zu verwirklichen, zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Es ist schade, wenn das Erlernen von Musik so stark auf Kinder und Jugendliche fokussiert wird. Musik machen tut jedem gut.

Vermutlich war ich heute der Grund für dieses “Problem”. Alle anderen kannten sich wohl schon irgendwie über das Flötenorchester Schöne Töne oder auch aus dem Projektorchester NRW. Nur ich war “neu” und “fremd” und vermutlich wusste keiner so recht, was ich da will, wie ich da hinkomme etc. Aber gefragt hat auch keiner….. täte mir leid, wenn es für die anderen Teilnehmer die Situation verkompliziert hat, dass ich da war….

In unserem Workshop ging es um Atmung und die Öffnung von Hals- und Kieferbereich für einen offenen Ton. Als Mittel zum Ziel gab es viel bewährtes (und mir schon bekanntes) aus De la Sonorite von Moyse aber auch Neues. Beispielsweise der Einsatz von Flatterzunge als Lockerungsmassnahme beim Spielen war mir unbekannt. Auch sehr spannend: Einen Ton aushalten und gleichzeitig im Glissando nach unten singen. Je tiefer gesungen, je lockerer wird der Hals. Beides kombiniert, zusätzlich vielleicht noch mit ultralangsamem Vibrato (“Oma-Vibrato”), alles ohne Anstoß…. gute Methoden zur Lockerung und Vergrößerung des Klangs.

Es war total beeindruckend, wie Kaczka für jeden die passenden Worte hatte, wie fünf Minuten Arbeit immer wieder eine hörbare Verbesserung des Klangs erbrachten. Meine eigene relative Kurzatmigkeit (nicht richtig eingespielt und vormittags, sonst geht auch mal etwas mehr als heute) führte glücklicherweise auch zur Entspannung derer, die vielleicht vor jemandem mit so langer Spielerfahrung ungerechtfertigten Respekt oder Scheu empfanden (war mein Eindruck anfangs, da könnte ich im Boden verschwinden).

Kaczka selbst ist eine lebende Luftpumpe. Riesenton, ewig lange Phrasen. Ein Power-Flötist. Ich fand seine lockere, nette, aufmunternde aber auch fordernde Art für eine solche Veranstaltung perfekt.

Nach dem Kurs gab es Zeit, die riesige Instrumentenausstellung von flutissimo zu betrachten und natürlich auch auszuprobieren. Vom Piccolo bis zur Bassflöte, von der 300-Euro-Schülerflöte bis zur handmade Vollsilberröhre war alles da. Im Foyer gab es Getränke und Brötchen.

Die Ausstellung wurde fleißig frequentiert von Musikern aller Kaliber. Beratung war gewohnt gut und ausführlich. Instrumente konnten sogar in Workshops ausgetestet werden. Alles das in einem kleinen Gemeindehaus der evangelischen Kirche in einem Hagener Wohngebiet, veranstaltet von einem Flötenorchester. Jede Workshop-Teilnahme kostete übrigens 10 Euro, dafür gab es zwei Stunden Gruppenunterricht von einem Profi. Hut ab, ich bin begeistert. Echte Breitenarbeit. Vielleicht könnte man das noch mit einer Notenausstellung ergänzen, das wäre perfekt.

Vielen Dank nach Hagen! Ich denke, ich war vermutlich nicht zum letzten Mal da.

Das heutige Buch habe ich nicht nur gelesen, sondern auch “ausprobiert”. Zu großen Teilen jedenfalls. Es handelt sich um Übungen, die dazu führen sollen, dass man längere Phrasen spielen kann, mehr Klang entwickelt und weniger verspannt.  Wie gewohnt zunächst ein wenig allgemeines und äußerliches. Das Büchlein ist etwas größer als DIN A 5 und ziemlich dünn (87 Seiten).  Erschienen ist es im Zimmermann Verlag.  Hier die bibliographischen Infos:

Regula Schwarzenbach – Letizia Fiorenza

Höhenflüge mit Bodenhaftung

Die Methode Atem-Tonus-Ton für Flötistinnen und Flötisten

Ein Übungsbuch für Neugierige

Neben sieben Inhaltskapiteln finden sich ein Vorwort, eine Einführung, ein Anhang mit Begriffsdefinitionen, ein Literaturverzeichnis und die Biografien der Autorinnen und der Fotografin. Der inhaltliche Aufbau ist:

  1. Vorbereitende Übungen (lockern und Körperbewusstsein schaffen)
  2. Die Kraft aus Beinen und Becken (wichtig für den tiefen Atem)
  3. Die Brustresonanz (Lockerung des Brustbereichs, gut für Atmung und Klang)
  4. Die Kopfresonanz (Lockerung von Kiefer und Rachen, wichtig für Atmung und Klang)
  5. Übungen mit Hilfe einer Partnerin oder eines Partners
  6. Die Verbindungen
  7. Die Brücke zur Musik

Ganz grundsätzlich finde ich das Buch und seine “Aussage” sehr sinnvoll und auch hilfreich. Ich glaube, die Übungen können einen flötistisch und auch in Sachen “Wohlbefinden” weiterbringen. Mein Problem bei der Bewertung des Systems ist, dass ich diese und ähnliche Übungen schon seit mehreren Jahren in Einzelstunden mit einem “Trainer” oder “Therapeuten” mache. Beim Ausprobieren der einzelnen Übungen merke ich, dass mir unbekannte Bewegungsabläufe nur nach Text und Bild schwer nachzuvollziehen sind, bzw. ich aus meiner Erfahrung aus den Übungsstunden skeptisch bin, ob das alles so richtig ist, wie ich es mache. Ein anwesender Trainer korrigiert ziemlich viel oder zeigt auch Spielräume auf. Das finde ich sehr hilfreich. Ein Buch kann das natürlich nicht leisten.

Ich gehe die Übungen jetzt mal von vorne nach hinten durch und gebe meinen Senf dazu. Wen das anspricht, dem möchte ich in jedem Fall empfehlen, vielleicht zu versuchen, mal einen Wochenendkurs oder so etwas für solche Übungen zu besuchen, danach ist es sicher auch nach Buch einfacher.

  •  Dehnen als Vorbereitungsübung – gute Idee, vor allem nach einem Tag Büroarbeit oder ähnlichem. Macht den Kopf frei und erleichtert den Einstieg. Werde ich beibehalten
  • Körpergerechte Haltung im Stehen: mit Füßen parallel, nicht durchgedrückten Knien, Schwerpunkt auf den Zehenballen - nicht ganz neu aber sinnvoll. Das mit dem Gewicht auf den Ballen ergibt sich bei mir spätestens, wenn ich mit Restluft spiele. Gar nicht bewusst, hat sich einfach ergeben.
  • Körpergerechte Haltung im Sitzen: ganz wichtig und viel schwerer als Stehen (finde ich). Ich habe die Tage jetzt auch endlich mal im Sitzen geübt, wenn man einen geeigneten Hocker schon für die Übungen geholt hat, dann ist der Weg nicht mehr so weit. Interessant war für mich Beckenbewegung, die ich aus meinen Übungsstunden kenne, aber ich habe das nie bewusst fürs Flötespielen verwendet. Kommt übrigens aus der Feldenkrais-Ecke. Das Becken-Kippen hilft, mit dem Atem tief zu kommen. Sehr gute Übung!
  • Federn in der körpergerechten Haltung auf den Ballen und runter mit den Fersen. Sehr gut, macht locker und aktiviert die Atmung noch weiter. Werde ich auch weiterhin machen vor dem Üben.
  • Standbein und Spielbein: Das habe ich nicht richtig hinbekommen. Irgendwie wird das nicht organisch bei mir. Eines der Beispiele, bei denen ich mir Führung wünschen würde. Es geht darum, beim Spielen bzwl Atmen das Gewicht von einem Bein aufs andere zu verlagern.
  • Widerstand – sich Aufrichten: bekomme ich auch nicht so recht hin. Vielleicht habe ich auch ein Koordinationsproblem.
  • Körperschwung (in die Knie, vorbeugen, aufrichten mit Armschwung): mache ich einfach vor dem Üben. Das kenne ich aus einem Übungsprogramm, dass ich in den 90ern mal angefangen habe: Callanetics, war auch gut für den Rücken. Die Übung macht wach und locker, ebenfalls ein guter Übergang vom Alltag zum Musizieren. Daumen hoch!
  • Beckenkreis: perfektes Mittel gegen Rückenschmerzen und Verspannungen. Auch Feldenkrais. Das kann ich gut, weil ich das in den Übungsstunden oft mache. Im Sitzen ist natürlich nahe am Spielen. Generell kann ich empfehlen die gleichen Bewegungen mit dem Becken mal auf dem Rücken liegend zu machen. Viel einfacher, viel entspannender und gerade für Anfänger ein guter Start. Ich nehme für die Sitzübungen übrigens den FROSTA-Hocker von Ikea. Unter 10 Euro, Höhe ist ziemlich gut, für mich eine perfekte Lösung.
  • Ball an der Wand: Konnte ich nicht üben, ich habe noch keinen Ball, will mir aber einen besorgen.
  • Beckenhocke: habe ich auch nicht gut hinbekommen. Zur Aktivierung des Beckenbodens gibt es aber auch noch eine Übung aus dem Callanetics-Programm: Knien, Hände links und rechts der Knöchel hinten und dann Po nach vorne (wie ein gespannter Bogen) und wieder runter. In der gedehnten Stellung ruhig ein bisschen aushalten.  Ist einfacher, finde ich….
  • Hängebauchschweinchen: geht zwar, war für mich aber jetzt keine richtige Offenbarung.
  • Spielen auf einem Bein: cool, erstaunlich und etwas, das ich gerne in meinem Programm behalten will. Wenn man balancieren muss, verändert sich das ganze Spiel und das zum Guten, finde ich. Genial einfach!
  • Nehmen Sie Platz! (während der Phrase aus dem Stand mit dem Hintern auf den Hocker, so dass man genau beim höchsten Ton unten ankommt) Funktioniert für mich nicht, weil ich nicht weiß, wie lange ich runter brauche oder wann ich da sein werde. Müsste man vielleicht mit Spiegel versuchen. Seltsam.
  • Kreisen der Schultern: einfach und hilfreich. Gut ist aber auch, die Schulter hoch zu ziehen bis zum Ohrläppchen und dann Schulter und Kopf parallel hoch und runter zu nehmen. Auf der unbeteiligten Seite lösen sich die Muskeln. Ganz cool!
  • Armschwung mit Flöte (Flöte mit einer Hand halten, die andere schwingt “blind” ran, wechselseitig): einfach, machbar. Kann man öfter mal machen.
  • der kleine Körperkreis: konnte ich nicht so recht nachvollziehen. Da mache ich lieber die Lockerungsübungen, die ich von meinem “Trainer” habe.
  • Summen mit Hilfe der Hände: interessant und tatsächlich irgendwie aktivierend.
  • Singen und spielen: immer gut, um den Halsbereich zu lockern, das mache ich seit Graf’s Check-up. Empfehlenswert!
  • Wirbelsäule abrollen: sehr gut, bekannt von Callanetics und Gyrotonics.
  • Kopf neigen: Beim Einatmen den Kopf  nach vorne bewegen ist für mich irgendwie anti. Müsste ich nochmal probieren. Beim ersten Mal war es nur befremdlich.
  • Pinselstriche: Beim Spielen den Kopf bewegen. Sehr interessant und auch übenswert, denke ich. In der Art minimaler Bewegungen gibt es viele Richtungen, in denen man Kreise machen kann. Gut zum Entspannen.
  • Beweglichkeit des Kiefers: kenne ich auch aus meinen Übungsstunden. Mit Hilfe ist das aber einfacher. Alleine finde ich es schwierig.
  • Obertöne spielen: auch seit Check-up im Repertoire. Nix neues aber empfehlenswert.
  • Kopfresonanz: die Sachen habe ich nicht ausgiebig getestet.
  • Übungen zu zweit: Habe ich nicht gemacht, sieht aber hilfreich aus und ist für Unterricht in der Gruppe sicher eine gute Idee.
  • Die Verbindungen: verschiedene Übungen, um Koordination zu verbessern und die isolierten Bewegungen miteinander zu verknüpfen. Auch diese Übungen sind mir aus Feldenkrais und Kinesiologie bekannt. Auf jeden Fall sinnvoll.

Im Abschlusskapitel “Die Brücke zur Musik” wird erklärt, wie man das Ganze (wie andere Veränderungen des eigenen Spiels auch) in sein Musizieren integrieren kann.

Insgesamt dient dieses Programm schon mal dazu, den eigenen Körper mehr wahr zu nehmen. Das ist eine Hauptveränderung, die ich erlebe, seit ich regelmäßig in dieser Richtung tätig bin. Man merkt Verspannungen früher und kann auch besser los lassen. Das ist schon mal super. Wesentlich ist für mich das Verständnis, dass das Becken unser Zentrum ist. Ein großer, schwerer Knochen mit vielen Muskeln dran, dem man ruhig auch viel der Arbeit machen lassen kann. Das gilt fürs Flöten aber auch für andere Bewegungsabläufe. Mein “Trainer” spricht manchmal von der Vorstellung, das Becken sozusagen wörtlich als Schale zu betrachten. Das ist ein gutes Bild. Für das Spielen kann man sich dann vorstellen, dass die Luft dieses Becken füllt, wie Wasser.  Ich denke, jeder hat andere Bilder, die ihn ansprechen oder ihm einleuchten. Wichtig ist, sich kennenzulernen und auch ernst zu nehmen. Es ist einfacher Bewegungsgewohnheiten zu ändern, als ich gedacht hätte. Und es führt zu sehr viel Veränderung im Klang. Nur nicht zu ehrgeizig sein, nehmt Euch Zeit, gebt sie Euch. Bei mir wurde durch das Training der Atem in jedem Fall freier und die Phrasen länger. Natürlich gepaart mit dem Flötenunterricht, den ich nehme.

Alles in allem ein vielversprechendes Buch, ein Kurs für diese Methode wäre mal reizvoll. Die positive Wirkung kann ich voll bestätigen, auch wenn ich nicht exakt die selben Übungen gemacht habe. Feldenkrais und andere körperorientierte Methoden machen ähnliches. Das hier vorgestellte Programm ist vermutlich expliziter in Richtung “Leistungsatmung” ausgerichtet.

Atemlosigkeit

2 Kommentare

Normalerweise bin ich relativ wenig nervös, wenn ich irgendwo spielen muss. Die Nervosität, die da ist, verschwindet dann auch in der Regel beim Spielen. An Heilig Abend war das leider ein bisschen anders. Ich habe mit dem Trio (Flöte – Klarinette und Klavier) zum ersten Mal wirklich ganz öffentlich gespielt. Im 18 Uhr Gottesdienst der evangelischen Kirche in Brauweiler haben wir eine Triosonate von Reinhard Keiser und die Sicilienne von Faure gespielt. Das Trio ist für mich die musikalisch fortgeschrittenste Besetzung in der ich derzeit spiele. Bei uns passt irgendwie alles gut zusammen und so können wir auf Augenhöhe entspannt miteinander musizieren, Dynamik, Agogik, Kommunikation, Intonation…. es klappt einfach. Ich glaube, das war auch der Grund dafür, übermäßig nervös zu sein. Ich wollte alles, wollte die Qualität aus der Probe auch öffentlich reproduzieren können. Das Ergebnis war ein dicker Klumpen an der Stelle, an der normalerweise das Zwerchfell sitzt. Tiefe Atmung ging einfach nicht und leider hat sich das auch während des ganzen Gottesdienstes nicht wirklich geändert.

Diese Erfahrung passte in einen Themenkomplex, der mich schon eine Weile beschäftigt. Atemlosigkeit, Tiefatmung, Luftführung… ein total wichtiges Thema beim Flöte spielen.

Ich hatte die letzten Jahre immer extrem das Gefühl, viel zu wenig Luft zu haben. Insbesondere auch nachdem ich vor ca. 5 Jahren meine neue Flöte gekauft habe. Ein anderer Schnitt des Mundlochs, ein dickwandigeres Instrument… man braucht mehr Luft für die gleiche Phrase. Ich war lange sehr unzufrieden. Im vergangenen Jahr hat sich das sehr gebessert, mittlerweile bin ich manchmal richtig stolz, wie weit ich mit einem Atem kommen kann und ich habe wieder viel mehr Spielraum für die musikalische Gestaltung. Wie kommt das?

Die Reichweite des Atems wird logischerweise hauptsächlich von zwei Faktoren beeinflusst: der Menge der verfügbaren Luft (Atemvolumen) und dem Verbrauch beim Spielen. Ich denke, bei mir hat sich beides gewandelt. Für den Verbrauch ist es wichtig, jeden Ton exakt anzuspielen, so dass möglichst keine Luft vergeudet wird. Für das Atemvolumen ist wichtig, wie man Luft holt, welche Räume man im Körper nutzen kann und wie man das Ein- und Ausströmen kontrollieren bzw. geschehen lassen kann.

In beiden Punkten habe ich in den letzten zwei Jahren im Unterricht viel gelernt. Gleichzeitig hatte ich aber fast ungewollt Unterstützung von anderer Seite. Ich gehe seit einigen Jahren regelmäßig in eine Übungsstunde für den Rücken. Angefangen habe ich mit Gyrotonics. Nach dem Wechsel meines “Therapeuten” wird das Programm jetzt auch mit Feltenkrais ergänzt. Ich hatte schon dauernd das subjektive Gefühl, dass diese Übungen, die auch die Rippen lockern, neue Bewegungsmuster, eine bessere Haltung, die Entspannung der Schultern und viele andere Effekte mit sich bringen, meine Atemkapazität verbessern. Aber das war natürlich nur ein Gefühl.

Was ich im Unterricht erklärt bekam, konnte ich meiner Meinung nach teilweise nur umsetzen, weil ich durch die Übungen ein Bewusstsein für Muskeln und Körperpartien gewonnen habe, die ich in meinem Bürojob jahrelang ignoriert oder misshandelt hatte und die auch erst durch die Übungen wieder beweglich geworden sind. Diese Kombination war für mich sehr fruchtbar.

Eine Bestätigung für meine Vermutung habe ich vergangene Woche beim Beginn der Lektüre des Büchlein Atem-Tonus-Ton gefunden. Das “Übungsbuch für Neugierige” wendet sich speziell an Flötisten. Und siehe da, in diesem Büchlein habe ich viele mir schon aus meinem Rückentraining bekannte Übungen wieder entdeckt, die hier explizit dem Zweck der Unterstützung von Atmung und Flötenspiel gewidmet sind. Mein Gefühl hat also nicht getäuscht.

Ich denke, für jeden Blasmusiker kann es nur von Vorteil sein, seinen Körper besser kennen zu lernen und ihn ergonomischer einzusetzen. Das kann zu einem Füllhorn neuer Möglichkeiten führen. Zu den Details bezüglich des Büchleins werde ich in Kürze noch einen Bericht schreiben, wenn ich durch bin und die Sachen mal alle ausgetestet habe. Die Vertrautheit mit einigen der Übungen zusammen mit der von mir empfundenen Veränderung meines Flötenspiels seit ich in dieser Richtung aktiv bin, machen mich aber auch hinsichtlich des vorgeschlagenen Übungsprogramms sehr optimistisch.

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