Seelenmassage

Vielleicht ist das ja die wahre und beste Motivation für das Musizieren: In harten oder unglücklichen Zeiten bietet mir das Spielen immer eine Fluchtmöglichkeit. Wenn es gut läuft, ist das die totale Entspannung und vollkommene Ablenkung von allen Katastrophen, Alltagsstress, Beziehungsärger oder Zukunftsängsten.

Es ist natürlich zunächst eine Herausforderung, die Gedanken aus dem Sumpf der schlechten Gefühle und Grübeleien überhaupt so weit zu lösen, dass man sich auf die Musik und auch die Aussage der jeweiligen Komposition konzentrieren kann. Ob man, falls man selbst wählen darf, eher zu einem der eigenen Stimmung entgegengesetzten Werk greift, um sich selbst aus einer trüben Stimmung in eine fröhliche sozusagen im Auftrag der Musik herauszuziehen, oder ob man ein schwermütiges Stück wählt, um den eigenen Gefühlen ein Ventil zu geben und im Musizieren wirklich loslassen zu können, was ja oft sonst nirgends so leicht möglich ist. Beide Wege können funktionieren, glaube ich. Welcher einem mehr liegt, mag eine Typfrage sein oder abhängig vom jeweils vorliegenden Problem.

Seit ich ein neues Körpergefühl, eine effektivere Atmung für mein Spiel entwickeln konnte (danke an meinen Lehrer), ist das eigentlich noch intensiver geworden. Wenn man eine wirklich tiefe Atmung erreicht und die Luft frei strömen lassen kann, ist irgendwie der ganze Körper beteiligt. Das tiefe Atmen und Strömen lassen erfordert das Lösen aller Verkrampfungen und macht damit irgendwie freier. Sicher haben viele schon mal bemerkt, dass sich, wenn einen etwas bedrückt, auch die Brust verengt, es einem die Luft abschnürt, die Schultern und das Genick verkrampfen. Es ist ein bisschen als hielte man die Luft an oder versuchte, sich kleiner zu machen, als man ist.

Wenn man es nun schafft, sich auf die Musik und die Flöte wirklich einzulassen, kann es gelingen, diese Verkrampfungen wieder zu lösen und es tatsächlich strömen zu lassen. Das ist ein wunderbares Gefühl. Mit der Luft fliegen die schlechten Gedanken geradezu mit weg. Nach dem Musizieren ist man ein wenig leichter als zuvor. Die Luft und die Töne strömen durch einen und wenn man nicht alleine spielt, dann fließt im besten Fall auch irgendwas zwischen einem und den anderen Musikern, so dass das Zusammenspiel sich verselbstständigt. Hören und Spielen wird irgendwie eines, sozusagen (ist das schwer zu beschreiben).  Ich denke,  in den besten Momentan entsteht das, was man in der Psychologie auch als „Flow“ bezeichnet.

Ich hatte die Freude, innerhalb von einer Woche gleich zweimal so eine Befreiung zu erfahren. Letzte Woche bei unserem Bläsertag habe ich einen ganzen Tag über nichts nachgedacht, obwohl aktuell genug zu entscheiden und zu überlegen wäre. Ein ganzer Tag fast völlig ohne finstere Gedanken (Flow kam nicht zustande, dafür waren wir wohl zu viele und auch zu unterschiedliche Musiker). Und heute, nach einer weiteren Woche mit schlechten Nachrichten und trüben Aussichten, hatte ich fast drei Stunden wunderbarstes Musizieren, um alle Probleme und Fragezeichen aus meinem Kopf zu bekommen. Wer hat geholfen? Eine gute Freundin am Klavier und die wunderbare Suite for Flute und Jazz Piano von Bolling. Vielleicht trug dazu auch die Tatsache bei, dass dies eines meiner Lieblingsstücke in Teenagerjahren war. Damals habe ich es unzählige Male mit der Schallplatte zu spielen versucht (tatsächlich Schallplatte, nicht CD, daran merkt man, wie lange das her ist). Mit sehr wechselhaftem Erfolg.

Heute konnte ich es live musizieren und habe gemerkt, dass nach all den Jahren noch unglaublich vieles in meinem Gedächtnis haftete und ich nach Gehör wusste, wann ich einsetzen muss. Die Bewertung der einzelnen Sätze, soll heißen, wie gut mir was gefällt, hat sich allerdings seitdem ein wenig geändert. Heute höre und spüre ich andere Qualitäten in manchen Stellen als damals. Und das ist auch gut so, es gibt mir das Gefühl, dass sich etwas bewegt hat…. zum Guten. Hin zu mehr Musik…… Und nun, nach dem Entstauben der Gedanken und Gefühle: Auf in ein schönes Wochenende. Gegrübelt wird frühestens wieder ab Montag 🙂

Ein Gedanke zu „Seelenmassage“

  1. “Welche musikalische Interaktion ist für welchen Menschen in welcher Situation hilfreich? (Bunt, 1998, 25)Mit dem dänischen Philosophen Hans Siggard Jensen betrachtet Leslie Bunt Kunst als einen Weg, Realität zu verstehen; mit Nietzsche erinnert er daran, dass auch das Schmerzhafte und Tragische in der Musik lebensbejahend sein kann. (vgl. Bunt, 1998, 192)„Es muss unterschieden werden zwischen dem Einsatz kreativer Vorstellungskraft, um musikalisch zu improvisieren, und dem Ringen um musikalische Perfektion einer Komposition oder der Interpretation eines Musikstücks.“ (Bunt, 1998, 45)Für Leslie Bunt steht nicht das vollendete künstlerische Produkt im Vordergrund der Musiktherapie. „Der Prozess selbst ist wichtiger als das Endergebnis …“ (Bunt, 1998, 45)“Musiktherapie bietet Möglichkeiten, aktives Zuhören, Bewusstsein und Reaktionen zu entwickeln …“ (Bunt, 1998, 48)„Bei Musik und Kunst geht es auch um Struktur, Logik und Ordnung.“ (Bunt, 1998, 192)„….aber die Überbetonung des irrationalen Selbstausdrucks in der Musik kann auch zu weiterem Chaos und Fixierung auf eine introspektive Richtung führen.“ (Bunt, 1998, 192)Musiktherapie mit Leslie Bunt bietet sowohl dem Pädagogen wie auch dem Therapeuten reichhaltige Möglichkeiten für die Förderung kommunikativer und interaktiver Fähigkeiten und eignet sich hervorragend für die ressourcenorientierte, integrative und multimodale Arbeit der RIM-Pädagogik beziehungsweise RIM-Therapie.Bunt, Leslie (1998) Musiktherapie. Eine Einführung für psychosoziale und medizinische Berufe. Weinheim: Beltz.

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