Kurz vor der Premiere zu die Gezeichneten gab es im Kölner Stadtanzeiger ein Interview mit dem Musikdirektor Stenz über das Stück. Er sprach darin von der Farbigkeit der Musik und von Lautmalerei. Das hat mich total neugierig gemacht. Und da ich den Namen „Schreker“ zuvor noch nie gehört hatte, wollte ich mir das unbedingt ansehen. Also habe ich eine gute, musikbegeisterte Freundin gefragt, ob sie mitkäme und wir haben uns Karten besorgt.

Aufgrund der Sanierung des Opernhauses wird aktuell an Ausweichspielorten aufgeführt. In diesem Fall war die Inszenierung im Palladium angesetzt. Ohne die Räumlichkeit zu kennen, besorgte ich Karten in der günstigsten Kategorie. Das waren 11 Euro für einen Platz auf der Galerie.

Am Donnerstag sind wir also beide direkt von der Arbeit aus aufgebrochen auf die „Schäl Sick“. Es stellte sich heraus, dass am gleichen Abend im direkt gegenüberliegenden E-Werk ebenfalls eine Veranstaltung war und aufgrund der Menschenmassen für beide Veranstaltungen kein Parkplatz zu bekommen war. Es blieb also nix übrig, als auf einen der Bezahlparkplätze zu fahren. Das machte nochmals 3,50 Euro zusätzlich.

Wir waren gerade dabei, den Wagen am Ende der Reihe bereits geparkter Autos abzustellen, als so ein protziger Mercedes SUV anbrauste und aus dem offenen Fenster ein offensichtlich unter Bluthochdruck leidender alter Knacker (das Wort „Herr“ machte er kurz darauf selbst unpassend) anbrauste und schon beim Einbiegen durch das Fenster das Rumpöbeln anfing („blöd muss man sein“ und ähnliches). Wir parkten fertig ein (was ja nicht ging, solange er mit Schwung uns schneidend angefegt kam). Beim Aussteigen proletete er dann fleissig weiter, lautstark und mit rotem Kopf. Auch er scheint dem Irrtum zu unterliegen, dass man Kultur außerhalb des gleichnamigen Beutels in Form von Eintrittskarten für Opern, Konzerte und Ausstellungen erwerben kann. Ein dunkler Anzug und ein fettes Auto ersetzen aber leider weder Benehmen noch soziale Fähigkeiten. Manches kann man einfach nicht kaufen….

Wir machten uns also leicht verwundert bis verstimmt auf dem Weg zum Veranstaltungsort. Dort war ich positiv überrascht, die Atmosphäre in dieser ehemaligen Industriehalle war ausgesprochen schön, der Raum im Foyer großzügig und ausreichend frische Luft vorhanden.

Um die Aufführung nicht durch Magenknurren zu stören, besorgten wir uns erst mal jeder eine Laugenbrezel und ein Glas Wasser. Damit waren wir jeder weitere 5 Euro los. Als letzte Aktion vor der Suche nach den richtigen Plätzen, wollten wir noch jeder ein Programm. Nochmal 3,50 Euro pro Person. Damit waren wir jetzt umgerechnet auf den einzelnen bei Kosten von ca. 21 Euro. Doch nicht mehr ganz so günstig…..

Es stellte sich heraus, dass die Bühne im Palladium in der Mitte des Raums sozusagen den tiefsten Punkt bildet. An der längeren Seite der Halle sitzt auf einer Seite das Orchester. Auf dieser und der gegenüberliegenden längeren Seite war auch die Galerie, sozusagen im oberen Stock. Auf jeder Seite der Halle eine einzelne Reihe Stühle. Auf den Kopfseiten des Saals befinden sich die beiden Tribünen einander gegenüberliegend und ansteigend wie in einem Stadion. Das Orchester sitzt ebenfalls zwei-etagig. Die Holzbläser auf einem Plateau oberhalb der Streicher, Blechbläser und Schlagzeug war neben der einen Tribüne hinter einem Vorhang verborgen.

Die Bühne in der Mitte des Raums war eine freie Fläche mit ein paar alten Schrottautos und zwei gläsernen „Hütten“, die erhöht diagonal gegenüber an den Rändern der Bühne aufgestellt waren.

Wir saßen auf der Galerie gegenüber des Orchesters und hatten so auf den für uns vielleicht spannendsten Teil der Aufführung den besten Blick. Leider waren Teile der Bühne durch eines der Häuser verdeckt. Das war nicht viel und daher war es nicht schlimm. Es war allerdings der Ort, an dem gleich zu Beginn eine Leiche versteckt wurde.

Die Oper war auch ein Schulprojekt des Gürzenich. Es waren also massenhaft Teenager anwesend. Besonders passend, da Sex eine nicht unerhebliche Rolle spielte (in einer Szene waren ca. 10 simultan kopulierende Paare auf dem Boden zugange. Tolle Wahl für ein Schulstück….

Jetzt aber zum eigentlichen: zum Werk, der Musik und den Sängern. Das Stück ist relativ kompliziert, so dass ich hier nicht alles aufzählen möchte. Im wesentlichen geht es aber um Hässlichkeit, Sehnsucht und Vorurteile. Ein hässlicher Mann verliebt sich in eine Schöne und sie sich in ihn. Allerdings ist das ihrerseits nur von kurzer Dauer. Er macht der Stadt eine Schenkung und ist plötzlich dafür gefeierter Held. Gleichzeitig schiebt ihm der Adel, der zuvor von ihm profitierte, deren Schandtaten in die Schuhe und er wird geächtet. Zu guter Letzt tötet er den jungen schönen Grafen, der ihm zuvor seine Verlobte ausgespannt hat. So viel zur unvollständigen Kurzversion.

Es waren sehr viele große und kleine Rollen besetzt und alle haben sie gut gesungen. Am besten gefiel mir aber die Hauptrolle des Hässlichen (der gar nicht wirklich hässlich war).  Er wurde gesungen von Stefan Vinke. Ausdruck, Stimmvolumen und Textverständlichkeit (das ganze ist komplett in Deutsch) waren perfekt, die Rolle sehr glaubwürdig verkörpert. Ich war total beeindruckt, wie er gegen das riesige spätromantisch dicke Orchester ankam. Alle anderen waren wie gesagt auch gut, ihn fand ich aber tatsächlich am beeindruckendsten. Insgesamt konnte man auch den Texten gut folgen. Trotzdem gab es zusätzlich noch Monitore, auf denen mitgelesen werden konnte.

Die Inszenierung fand ich nicht so besonders. Eine im Text als Fast-Idylle bezeichnete Insel als Schrottplatz darzustellen, erschließt sich mir nicht ganz. Zumal die düstere Seite dieser Insel (missbraucht zur Schändung armer Jungfrauen) im Text ja überdeutlich erläutert wurde. Es gab also keine Not, irgendwelche versteckten Inhalte zu verdeutlichen. Es wird ziemlich albern, wenn dann x Statisten zwischen den dreckigen Schrottlauben rumlaufen und von paradiesischer Schönheit berichten. Die Mischung von modernen Kostümen (insbesondere Motorradjacke der Geliebten, Blaumann des Hauptdarstellers und Polizei- und Sanitäteruniformen im Finale) und Bekleidung der Oberklasse des 16. Jahrhunderts mit Halskrausen und Reifröcken erschloss sich mir auch nicht wirklich. Wenn man so verfremdend inszeniert, sollte man meiner Meinung nach den Text auch gleich anpassen, dann wäre es nicht ganz so absurd.

Der Text selbst war teilweise etwas eigen, vieles wurde sehr ins Detail auserläutert und die Formulierungen waren etwas befremdlich. Aber das störte nicht wirklich. Ganz im Stil Wagners (als dessen Erbe Schreker einst galt), war das Libretto auch vom Komponisten.

Die Ankündigung einer sehr farbigen Musik bewahrheitete sich. Das Orchester in romantischer Riesenbesetzung (3 Flöten und Piccolo, zwei Konzertharfen etc.) erklang in teilweise filmmusikhafter Klangmalerei. Teils etwas schmalzig, aber so gehört sich das. Die Stimmungen, die schon im Text so überdeutlich buchstabiert wurden, wurden in der Musik geradezu gespiegelt. Die eine oder andere Gänsehaut blieb bei mir da nicht aus.

Alles in allem ein Werk, das sich eigentlich selbst erklärt und daher vielleicht für die Inszenierung etwas unergiebig ist. Im Finale rutschte die Kölner Inszenierung dann leider in eine Ecke irgendwo zwischen billigem Horrorfilm (der Mann mit durchgeschnittener Kehle steht auf, Hand am blutenden Hals und wankt mit erhobener Hand noch ein bisschen über die Bühne) und Tatort bzw. CSI (Polizisten in den alten grünen NRW-Uniformen sperren den Tatort mit rotweißem Flatterband, Sanitäter mit Leuchtwesten versorgen die in Scharen in Ohnmacht gefallenen Zuschauer). Auch die plakativen Sexszenen und die uniformierten Vergewaltigungsopfer (Lederstiefel, heller Trenchcoat und Sonnenbrille) fand ich ein wenig übertrieben. Ich hätte mir ein wenig Mut zum Minimalismus gewünscht. Die Musik kann dieses Werk ganz gut tragen und im Text erklären sich die Figuren und ihre Motivation ausführlichst.

Für die Sänger war die „Bespassung“ von zwei gegenüberliegenden Publikumsblöcken eine Herausforderung. Während längerer Arien wurde dann von einer Seite zur anderen gewendet und wechselseitig angesungen. Ich denke, wir waren auf unserer Galerie wirklich gut aufgehoben, denn auch die unten konnten Teile der Bühne sicher nicht überblicken. Außerdem hat man aus der Vogelperspektive eigentlich nie das Gefühl, dass einem jemand den Hintern zuwendet.

Ich werde jetzt jedenfall mal die Augen nach anderen Schreker-Werken aufmachen. Mir hat das wirklich gut gefallen. Und vielleicht hat unser verhinderter Fahrlehrer ja doch noch von irgendeinem Mit-Operngänger ein bisschen späte Sozialisierung erfahren… dann hätte er doch tatsächlich noch von dem Abend profitiert.