Lang, lang ist’s her, dass ich hier zuletzt geschrieben habe, noch länger, dass es sich dabei um eine Buchbesprechung handelte. An dem heute hier zu besprechenden Werk liegt es aber nicht, das hat mich schon sehr begeistert. Manchmal reicht eben die Zeit einfach nicht….

Erschienen im Verlag Artemis & Winkler ist „Musiker und Mächtige“ von Veronika Beci eigentlich eine gut gemachte Vermischung von Musik- und Weltgeschichte. Biographien von Komponisten werden in den zeitlichen und politisch-gesellschaftlichen Kontext gestellt, Werke vor dem Hintergrund von Zeitgeist und Weltlage dargestellt, analysiert und interpretiert. Dabei kommt die persönliche Meinung der Autorin nicht zu kurz und das ist in meiner Wahrnehmung gerade eine Stärke des Buchs.

Die Hardcover Ausgabe im DIN A 5-Format umfasst über 380 Seiten inkl. Literaturverzeichnis und Personenregister. Erstmals 2001 erschienen, ist die Ausgabe unter der ISBN 3-538-07126-8 zu finden.

Die chronologischen Darstellungen sind in achtzehn Kapitel gegliedert:

  • Immer schon: Musik und Politik – Eine spannungsvolle Beziehung
  • Musiker und Mächtige – Ein Blick durch die Jahrhunderte
  • An den Höfen der Großen – Mittelalter, Renaissance, Barock
  • Fürstendienst und Bürgerstolz – Mozart, Haydn, Gluck
  • Der vergessene Jakobiner – Johann Friedrich Reichardt
  • Schreckensoper – Die Große Revolution und ihre Musik
  • Napolen, Viktoria! Beethoven, Gloria! – Ludwig van Beethoven
  • Idyllisches Biedermeier? – Schubert, Mendelssohn, Silcher, Lortzing
  • Zwischen Emanzipation und Resignation – Die Zeit nach 1848
  • Davidsbündler – Robert Schumann
  • Das Judentum in der Musik – Jüdische Komponisten und ihre Gegner
  • Pomp and Circumstance – Musiker und ihr Vaterland
  • Siegesfanfaren und Zwischentöne – Musiker zwischen Kaiserreich, Belle Époque und Erstem Weltkrieg
  • Tonkunst unterm Hakenkreuz – Das Dritte Reich der Musik
  • Entartete Musiker – Verfolgung, Exil und Widerstand
  • Wir sind die Moorsoldaten – Musik im Konzentrationslager
  • Zwischen Staatspreis und Gulag – Schostakowitsch: eine Gratwanderung
  • Nichts ist in einem Gemeinwesen so förderlich wie die Musik – Musiker und Mächte der Gegenwart

Der Titel, der vielleicht eher auf Beziehungen zwischen Musikern und Machtträgern hinweist, ist vielleicht ein wenig irreführend. Das Buch stellt vielmehr dar, wie sich Komponisten und Musiker mit Systemen und Regimen arrangiert haben oder auch nicht. Dabei wird unvermeidlich auch jeweils ein Bild der Gesellschaftsstrukturen und Nöte gezeichnet. Geschichtliches und Politisches wird dabei mit Musikalischem eng verwoben. Einzelne Biographien werden recht ausführlich dargestellt, andere Namen nur im Kontext oder bezüglich einzelner Werke oder Ereignisse angesprochen. Die Wahl der Schwerpunkte ist dabei klar an der Komplexität der Beziehung der jeweiligen Person zu den Machtstrukturen orientiert. So wird beispielsweise Schostakowitsch‚ wechselhafte Beziehung zur sowjetischen Führung ausführlich behandelt. Das Dritte Reich nimmt natürlich einen großen Abschnitt in Anspruch, da hier sowohl die Seite derer, die sich mit der Führung arrangiert hatten oder es zumindestens versuchten, als auch die Emigranten und auch die Opfer, Lagerhäftlinge, behandelt werden.

Beci gelingt es gut, für jede behandelte Epoche eine passende Form und Sprache zu wählen. Ihre persönliche Meinung sowohl zu gängigen Interpretationen und Einordnungen als auch zu geschichtlichen/musikgeschichtlichen Vorgängen ist immer spürbar. Gerade das finde ich beim Lesen besonders angenehm. Wie könnte man zum Dritten Reich auch nicht Position beziehen?

Für mich ein sehr spannendes, informatives und lesenswertes Buch, das beschreibt, was mich mit am meisten fasziniert: die Verwebung des Lebens mit der Musik und umgekehrt.