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In der Reihe Atlantis Musikbuch ist diese Textsammlung 1996 erschienen. Die Übersetzung des Werkes von David Brown aus dem Englischen hat Tobias Döring gemacht. Alles in allem 291 Seiten mit Klappen am vorderen und hinteren Buchdeckel, die als Lesezeichen genutzt werden können. Die 15 Kapitel

  • Präludium : Kindheit und Studienjahre
  • Die Moskauer Jahre
  • Die Krise
  • Erste Eindrücke – und Mehr (Teil I: 1879-90)
  • Das „ewige Kind“ – und der Misanthrop
  • Das Leben auf dem Lande
  • Dirigent und Berühmtheit
  • Drei Komponisten
  • Tschaikowsky in Gesellschaft: Begegnungen
  • Vorlieben, Charakterzüge und Eigenarten
  • Zwei Würdigungen
  • Erste Eindrücke – und Mehr (Teil 2: 1888-93)
  • Die letzten Jahre
  • Wie starb Tschaikowsky?
  • Postume Notizen und Nachrufe

werden eingeleitet von Vorwort und einer editorischen Notiz und durch eine Zeittafel, ein Quellenverzeichnis sowie ein Personenregister abgerundet.

Dieser Aufbau zeigt schon den wissenschaftlichen Anspruch und die Ernsthaftigkeit der Darstellungen. Brown zitiert aus zahlreichen Veröffentlichungen, in denen Zeitgenossen Tschaikowskys aus Ihrer Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse und Eindrücke vom Komponisten berichten. Jedem Ausschnitt sind Anmerkungen zur Person der jeweiligen Autoren vorangestellt, so dass sich die Textausschnitte gut einordnen lassen.

Unter den zitierten Zeitgenossen sind viele russische Musiker, Künstler und Komponisten, sowie Interpreten und Dirigenten aus der ganzen Welt. In Zusammenwirkung mit den einleitenden Texten ergibt sich damit auch eine Skizze der Kunst- und Musikszene der damaligen Zeit in Moskau.

Die verschiedenen Erinnerungen zeichnen ein ausgesprochen sympathisches Bild des Komponisten. Bei mir entsteht beim Lesen dann immer sogleich der Wunsch, denjenigen kennengelernt zu haben. Besonders witzig finde ich dabei, dass mir auch seine Musik (insbesondere natürlich die berühmten Ballette) schon immer sehr zu Herzen gegangen ist. Meiner Empfindung nach passt der in diesem Buch skizzierte Mensch sehr zu den traumhaften Melodien, die seiner Feder entstammen.

Das Kapitel zu Tschaikowsky’s Tod stellt die zeitgenössischen offiziellen Berichte zum Cholera-Tod den späteren Zitaten zu einem Ehrengerichtsurteil aufgrund seiner Homosexualität mit anschließendem Selbstmord ohne Bewertung nebeneinander.

In der abschließenden Zeittafel werden Ereignisse aus dem Leben und Schaffen des Komponisten dem Geschehen der Zeit- und Kulturgeschichte direkt gegenüber gestellt.

Alles in allem ein interessantes Buch, das mir den Menschen hinter der von mir ohnehin geliebten Musik näher gebracht hat.

Lang, lang ist’s her, dass ich hier zuletzt geschrieben habe, noch länger, dass es sich dabei um eine Buchbesprechung handelte. An dem heute hier zu besprechenden Werk liegt es aber nicht, das hat mich schon sehr begeistert. Manchmal reicht eben die Zeit einfach nicht….

Erschienen im Verlag Artemis & Winkler ist „Musiker und Mächtige“ von Veronika Beci eigentlich eine gut gemachte Vermischung von Musik- und Weltgeschichte. Biographien von Komponisten werden in den zeitlichen und politisch-gesellschaftlichen Kontext gestellt, Werke vor dem Hintergrund von Zeitgeist und Weltlage dargestellt, analysiert und interpretiert. Dabei kommt die persönliche Meinung der Autorin nicht zu kurz und das ist in meiner Wahrnehmung gerade eine Stärke des Buchs.

Die Hardcover Ausgabe im DIN A 5-Format umfasst über 380 Seiten inkl. Literaturverzeichnis und Personenregister. Erstmals 2001 erschienen, ist die Ausgabe unter der ISBN 3-538-07126-8 zu finden.

Die chronologischen Darstellungen sind in achtzehn Kapitel gegliedert:

  • Immer schon: Musik und Politik – Eine spannungsvolle Beziehung
  • Musiker und Mächtige – Ein Blick durch die Jahrhunderte
  • An den Höfen der Großen – Mittelalter, Renaissance, Barock
  • Fürstendienst und Bürgerstolz – Mozart, Haydn, Gluck
  • Der vergessene Jakobiner – Johann Friedrich Reichardt
  • Schreckensoper – Die Große Revolution und ihre Musik
  • Napolen, Viktoria! Beethoven, Gloria! – Ludwig van Beethoven
  • Idyllisches Biedermeier? – Schubert, Mendelssohn, Silcher, Lortzing
  • Zwischen Emanzipation und Resignation – Die Zeit nach 1848
  • Davidsbündler – Robert Schumann
  • Das Judentum in der Musik – Jüdische Komponisten und ihre Gegner
  • Pomp and Circumstance – Musiker und ihr Vaterland
  • Siegesfanfaren und Zwischentöne – Musiker zwischen Kaiserreich, Belle Époque und Erstem Weltkrieg
  • Tonkunst unterm Hakenkreuz – Das Dritte Reich der Musik
  • Entartete Musiker – Verfolgung, Exil und Widerstand
  • Wir sind die Moorsoldaten – Musik im Konzentrationslager
  • Zwischen Staatspreis und Gulag – Schostakowitsch: eine Gratwanderung
  • Nichts ist in einem Gemeinwesen so förderlich wie die Musik – Musiker und Mächte der Gegenwart

Der Titel, der vielleicht eher auf Beziehungen zwischen Musikern und Machtträgern hinweist, ist vielleicht ein wenig irreführend. Das Buch stellt vielmehr dar, wie sich Komponisten und Musiker mit Systemen und Regimen arrangiert haben oder auch nicht. Dabei wird unvermeidlich auch jeweils ein Bild der Gesellschaftsstrukturen und Nöte gezeichnet. Geschichtliches und Politisches wird dabei mit Musikalischem eng verwoben. Einzelne Biographien werden recht ausführlich dargestellt, andere Namen nur im Kontext oder bezüglich einzelner Werke oder Ereignisse angesprochen. Die Wahl der Schwerpunkte ist dabei klar an der Komplexität der Beziehung der jeweiligen Person zu den Machtstrukturen orientiert. So wird beispielsweise Schostakowitsch‚ wechselhafte Beziehung zur sowjetischen Führung ausführlich behandelt. Das Dritte Reich nimmt natürlich einen großen Abschnitt in Anspruch, da hier sowohl die Seite derer, die sich mit der Führung arrangiert hatten oder es zumindestens versuchten, als auch die Emigranten und auch die Opfer, Lagerhäftlinge, behandelt werden.

Beci gelingt es gut, für jede behandelte Epoche eine passende Form und Sprache zu wählen. Ihre persönliche Meinung sowohl zu gängigen Interpretationen und Einordnungen als auch zu geschichtlichen/musikgeschichtlichen Vorgängen ist immer spürbar. Gerade das finde ich beim Lesen besonders angenehm. Wie könnte man zum Dritten Reich auch nicht Position beziehen?

Für mich ein sehr spannendes, informatives und lesenswertes Buch, das beschreibt, was mich mit am meisten fasziniert: die Verwebung des Lebens mit der Musik und umgekehrt.

Das heute besprochene Buch hält, was es im Titel verspricht: heute geht es um eine ganz klassische Biographie. Verfasst von Wilhelm Keitel und Dominik Neuer und erschienen 1992 im Verlag Albrecht Knaus wird die angenehm lesbare Biographie ergänzt durch einen Quellennachweis, eine Zeittafel, ein Werkverzeichnis (gleichzeitig Opernführer in Sachen Rossini), ein Verzeichnis mit Kurzinformationen zu allen im Buch vorkommenden Komponisten (hauptsächlich stilistische Einordnung ihres Werkes) und ein Stichwortverzeichnis. Wissenschaftlich fundiert also und ordentlich ausgearbeitet.

Alles in allem umfasst das fest gebundene Buch im DIN A 5 Format so ca. 320 Seiten, wovon die eigentliche Biographie ca. 230 Seiten ausmacht. Die Gliederung unterscheidet folgende Lebensabschnitte:

  • Anfänge und Aufbruch: Pesaro, Bologna 1792-1805
  • Ausbildung und Ausbruch: Bologna 1805-1810
  • Erste Erfolge: Venedig 1810-1815
  • Verpflichtungen: Neapel 1815-1822
  • Zwischen den Stühlen: Rom, Mailand 1817
  • Begegnungen: Wien 1822
  • Ausflüge: Paris – London 1823
  • Impulse, Intrigen, Irritationen: Paris 1824
  • Die Romantik, Rossini und die Deutschen: Paris 1825-1831
  • Mitten im Leben vom Tod umfangen: Bologna, Florenz – Bologna, Florenz 1855-1868

Einige dieser Abschnitte werden nochmals in verschiedene thematische Unterkapitel eingeteilt.

Die Biographie beleuchtet das, was ich je länger ich mich mit Biographien und Hintergründen befasse, immer wichtiger finde: den Einfluss der Politik und gesellschaftlichen Lage auf den Komponisten und sein Werk. Bei der Lektüre von Biographien stelle ich immer wieder fest, dass alleine die ungefähre Kenntnis der Lebensdaten eines Komponisten in meinem Kopf in den seltensten Fällen zu einer Verknüpfung mit Zeitgenossen führt (Ausnahme Bach und Händel). Sehr häufig stelle ich dann in Biographien verwundert fest, mit wem einer so alles Verkehr pflegte (ob nun alleine in Korrespondenz, indirekt durch Presse und Kritiker oder auch real). Teilweise prallen da für mich Welten aufeinander, Musik und Menschen, die ich so überhaupt nicht (zeitlich) miteinander verknüpft hatte. Hier im Buch vielleicht am offensichtlichsten: Rossini und Wagner.

Es bewahrheitet sich, was ich bei meinem kürzlich beschriebenen Workshop bei Camilla Hoitenga auch von ihr gehört habe: die Lebensdaten alleine reichen zur Einordnung nicht. Die Tradition in der ein Komponist schreibt, seine Ideen, Ideale und Vorstellungen sind wesentlich um einem Werk gerecht zu werden.

Rossini lebte in einer Zeit rasanter Entwicklung: politisch, gesellschaftlich und auch musikalisch. Für den Flötisten wird das bei Betrachtung obiger Jahreszahlen ganz klar: in seine Lebensphase fällt auch die Geburtsstunde der Böhmflöte, der schleichende Wechsel von Travers- auf Querflöte. Gleiches gilt aber auch für die Entwicklung der Oper, dem Haupttätigkeitsfeld Rossinis. Italienischer Belcanto und romantische deutsche Oper wie Freischütz und später gar Wagner.

Wesentlich ist hier auch die Entwicklung der Strukturen. Opernhäuser, früher an Würdenträger und Adelige geknüpft, werden nun zu Wirtschaftsbetrieben, mit allen Vor- und Nachteilen, die so eine Veränderung mit sich bringt. Interessant in diesem Zusammenhang auch, dass vor Rossini einem Komponisten praktisch keine Rechte an seinem Werk blieben. Rossini hat hier quasi als erster bessere Konditionen für sich verhandelt und auch Partituren und Rechte zurückgefordert. Er arbeitet auch in einer Zeit, in der allmählich Musikverlage für das Auskommen eines Komponisten wesentlich werden.

Rossini hat extrem schnell gearbeitet und war ein totaler Popstar seiner Zeit. Gleichzeitig war er ein kränkelnder und unglücklicher Mensch im Alter. Seine letzte Oper Wilhelm Tell wurde bereits 1829 uraufgeführt, da war der Komponist gerade 37 Jahre alt! Danach entstand noch geistliche Musik und Instrumentalmusik (ich empfehle die Gesamtaufnahme seiner Alterssünden durch Stefan Irmer).

Ein spannender Lebenslauf also. Was gibt Rossinis Werk für Flötisten her? Zum einen sind da seine wunderbaren Opernmelodien, die es in Bearbeitungen für zwei und mehr Flöten oder auch für Bläserquintett gibt. Außerdem geistern seine frühen Quartette zum einen als Bläserquartett (Quintett ohne Oboe) und zum anderen für Flöte mit Streichtrio durch die Welt. Bekannt natürlich auch Chopins Variationen über ein Thema von Rossini. Für Flöte mit Klavier oder Harfe gibt es zudem ein Andante und Allegro verlegt. Rossinis musikalischen Humor kann man im Katzenduett in einer Bearbeitung für Flöte, Klarinette und Klavier persönlich kennen lernen.

Unabhängig von dieser eher spärlichen Flötenliteratur ist mir allerdings einfach seine Musik sympathisch. Der Barbier von Sevilla war eine meiner schönsten Opernerfahrungen und die Leichtigkeit seiner Musik hat mir schon manche Stunde versüßt.

Zurück zum Buch kann ich nur sagen, dass ich die Lektüre genossen habe, die so kurzweilig war, dass ich das Werk in kürzester Zeit verschlungen hatte (was nicht für jede Biographie gilt). Daher für alle interessierten hier nochmal die bibliographischen Informationen in Zusammenfassung:

Wilhelm Keitel – Dominik Neuner

Gioachino Rossini

1. Auflage 1992, Albrecht Knaus Verlag GmbH, München

ISBN 3-8135-0364-X

  • Sonntag den 27. April 2014 bringt Arte von 16:45 bis 18.05 Uhr in 3 Folgen eine Dokumentation, die ein Jahr verschiedene Studenten der Juilliard School in New York begleitet hat: Tänzer, Musiker und Schauspieler.
  • Ebenfalls auf Arte, direkt im Anschluss 18.05 Uhr bis 19.15 Uhr eine Aufnahme der Berliner Philharmoniker unter Rattle von den zwei letzten Mozart-Symphonien, aufgenommen in Luzern 2013
  • Wiederum auf Arte kommt am Montag den 28. April 2014 um 0.00 Uhr ein fast einstündiges Portrait des Komponisten Isang Yun, gleichzeitig ein Dokument der Spaltung Koreas.
  • Am ersten Mai 2014 überträgt die ARD von 11 bis 13 Uhr das Europakonzert der Berliner Philharmoniker
  • 9.-11. Mai 2014, Forum Artium in Georgsmarienhütte: Flöte und Traversflöte mit Klaus Holsten (220 Euro, Studenten 180 Euro, passive Teilnahme 100 Euro, Unterkunft 130 Euro)
  • 25.-28. September 2014, Forum Artium in Georgsmarienhütte: Traversflöte mit Barthold Kuijken (250 Euro, Studenten 200 Euro, passiv 120 Euro, Unterkunft 200 Euro)

Das Buch, das ich heute hier vorstellen möchte, ist eine sehr ausführliche Biographie des französisch-amerikanischen Flötisten Georges Barrère, der in New York Mitbegründer des dortigen Flute Club war. Die Autorin, Nancy Toff, war selbst Jahre lang Präsidentin dieses Clubs und ist bis zum heutigen Tag dessen Archivarin.

Die mir vorliegende Ausgabe ist ein Hard-Cover-Band, deutlich größer als DIN A 5 aber nicht ganz DIN A 4 und umfasst inklusive aller Verzeichnisse im Anhang fast 440 Seiten, natürlich komplett auf Englisch, wie der Titel verrät. Hier alle bibliographischen Angaben in der Übersicht:

Nancy Toff

Monarch of the flute

The life of Georges Barrère

Oxford Press 2005, ISBN 13 978 0 19 517016 0

Das Buch gibt es bei Amazon auch in einer Ebook-Variante (natürlich kindle), oder als Taschenbuch. Wo ich das Hardcover her hatte, weiß ich gar nicht mehr. Die Papierqualität ist leider nicht sooooo super, dafür ist das aber auch für unter 20 Euro zu bekommen.

Die Widmung auf dem inneren Deckblatt gilt einer Schülerin Barrères und einer der ersten professionellen Flötistinnen Amerikas: Frances Blaisdell.

Nancy Toff beschreibt das Leben des für Amerika so bedeutenden Flötisten in insgesamt 19 Kapiteln. Dem folgt eine Würdigung durch die Autorin, zwei Verzeichnisse mit Werken, die ihm oder seinen Ensembles gewidmet wurden und solchen, die von ihnen uraufgeführt wurden. Es schließen sich die Endnoten, eine Bibliographie und ein Stichwortverzeichnis an.

In Deutschland dürfte Barrère den aller meisten kein Begriff sein, daher zunächst ein paar Fakten zu ihm. Geboren und aufgewachsen in Frankreich, studierte er dort am Koservatorium bei Altes, mit dem er nicht so gut zurecht kam, und anschließend bei Taffanel. Er besetzte in Paris einige Orchesterstellen, teilweise auch parallel (soll heißen zur gleichen Zeit). Die Perspektiven in Frankreich waren allerdings bei der aktuellen Konkurrenz (Hennebains, Gaubert, Lafleurance etc.) nicht so golden. 1905 folgte er daher einer Einladung nach New York, wo er den Rest seines Lebens (neben den vielen Tournee-bedingten Abwesenheiten) wirkte.

Er wird Soloflötist der New York Symphony (später Teil des New York Philharmonic). Er war ab der Gründung der Juillard School dort Lehrer, gründete zunächst in Paris und später auch in New York verschiedene Kammermusikensemble und arbeitete sowohl an einer Wiederentdeckung der Barockmusik als auch an der Verbreitung aktueller Werke. Unter den zahlreichen Uraufführungen, an denen er beteiligt war, ist unter anderem der Nachmittag des Faun von Debussy (spielte er noch in Paris als erster) und Varèses Density.

Diese kurze Zusammenfassung zeigt schon, wie rege er war. In der Würdigung am Ende der Biographie vergleicht Toff ihn nicht zu unrecht mit Rampal, der in den 60ern-80ern zu einer großen Popularität der Flöte und ihrer Musik beitrug. Zu Zeiten Barrères war diese Öffentlichkeitsarbeit noch durchaus mühsam, da erst in einer späten Phase seiner Karriere Radio und Plattenaufnahmen zur Verfügung standen. Barrère verbrachte einen großen Teil seines Lebens mit Konzertreisen durch ganz Amerika und mit dem Knüpfen von Kontakten zu wohlhabenden Sponsoren für seine verschiedenen Ensemble, Konzertreihen und Tourneen.

Spannend fand ich insbesondere den Einblick in die musikalischen und gesellschaftlichen Strukturen der Zeit und das Schlaglicht auf die Amerikanisch – Französischen Verhältnisse gerade im Bereich Musik. Bei Ankunft Barrères in New York herrschten dort musikalisch die Deutschen vor. Zu Beginn wurden die Musiker im Orchester für Proben gar nicht bezahlt (kann man sich heute auch nicht mehr so recht vorstellen). Die Gewerkschaften vertraten zunächst ausschließlich die Rechte der Musiker vor Ort, bei Ankunft herrschte daher viel Widerstand gegen die französischen Musiker, die Damrosch für sein Orchester rekrutierte.

Bald waren gerade bei den Holzbläsern die Franzosen absolut führend und beherrschten die Musikszene. Auf den Konzertprogrammen standen deutsche und französische Werke, amerikanische Musik spielte fast keine Rolle. Barrère arbeitete während seiner Tätigkeit in New York stetig an der Verbreitung der Werke einheimischer Komponisten, gleichzeitig begründete er in Amerika eine Vererbung der französischen Flötentechnik. Bald waren alle Lehrpositionen an den bedeutenden Konservatorien mit seinen Schülern besetzt und noch heute kann vermutlich beinahe jeder amerikanische Flötist seine Wurzeln bis zu ihm zurück verfolgen (Kincaid, Lora, Baker (zu Zeiten, als er schon nicht mehr selbst spielen konnte) waren alle seine Schüler).

Zu den beeindruckenden Namen, die einem in dieser Biographie begegnen, gehören Caplet, Casella, Fauré, Varese, Toscanini etc.  Die Schaffensperiode Barrères fällt in die Hochzeit der Flöte und er war ein bedeutender Motor für die Holzbläser-Kammermusik. Alleine das macht diese Biographie schon sehr interessant.

Das Werk beruht auf einer sehr ausführlichen Recherche. Demzufolge bestehen die Darstellungen hauptsächlich aus dem, was heute über die Zeit von vor über 100 Jahren noch zu finden ist: Konzertprogramme und Konzertkritiken. Das ist wohl auch der Grund, warum sich das ganze ein wenig schwer liest. Es ist zwar total spannend, was Barrère so alles gespielt hat und wo, die Auflistung der Konzerte und Konzertreisen, Besetzungen und Werke ist allerdings auf die Dauer etwas trocken. Das Privatleben des Flötisten ist eher unterbelichtet, was aber auch in Ordnung ist, schließlich ist er aufgrund seiner musikalischen Tätigkeiten von Interesse.

Deutlich wird in jedem Fall, dass er wohl ein sehr lebensfroher und netter Mensch war. Sein Lebensstil brachte in ständig in Geldnot, er war unfassbar fleißig und musste neben Unterricht und Konzertieren permanent für Sponsoren sorgen. Er war also nicht nur Musiker, sondern auch Geschäftsmann und wohl auch ein Marketing-Profi (z. B. pflegte er seinen französischen Akzent, weil er beim Publikum gut ankam). Tragisch fand ich das Ende seiner Karriere: ein Schlaganfall machte die rechte Hand praktisch unbrauchbar. Dennoch hat er noch eine Zeit lang unterrichtet.

Am Ende der Lektüre bin ich mit dem Gefühl übrig geblieben, dass ich ihn gerne kennengelernt hätte. Da ich die vielen Repertoirehinweise noch nutzen möchte, habe ich mir zusätzlich auch das durchsuchbare Kindle-Buch besorgt, um es „auszuschlachten“.

Zu allerletzt hier noch der Ausdruck meiner Hochachtung an die Autorin für diese unfassbar umfängliche Recherche. Wirklich toll, vielen Dank!

Es ist nicht schwer zu erraten, dass es sich bei diesem Buch um eine Biographie handelt, genauer um eine Autobiographie. Allerdings nicht, wie man vielleicht auf blog-FLOETE erwarten würde, um die eines Flötisten. Nein, es geht um einen Dirigenten: Fritz Busch. Der Name war mir wohl bekannt, allerdings ohne dass ich damit besonders viel verbunden hätte. Für alle, denen es ähnlich geht, hier ein paar Eckdaten: Geboren 1890 in Siegen und verstorben 1951 in London gehört Fritz Busch zur wenig zu beneidenden Generation, die beide Kriege erleben musste. Aus armen Verhältnissen stammend verdiente sich die Familie mit Tanzmusik Geld dazu, Fritz konnte dann in Köln Klavier und Dirigat studieren und landete nach Stationen in Riga, Pyrmont, Aachen und Stuttgart schließlich an der Semperoper in Dresden, von wo ihn die Nazis nach Amerika vertrieben. Soweit der Kurzlebenslauf.

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Zum Buch selbst: ein Hardcover in gelber Leinenbindung (da war auch ein Schutzumschlag, wie der aussieht kann ich aber nicht mehr sagen) mit weniger als 250 Seiten. Sehr handlich und mit einem praktischen Lesezeichen fast wie ein Gesangsbuch. Das Büchlein ist 1978 im Henschelverlag in Berlin erschienen. Es handelt sich, wie vorne vermerkt ist, um eine geringfügig gekürzte Ausgabe mit einem posthumen Nachwort eines Musikers aus der Dresdener Staatskapelle, der noch unter Busch gespielt hatte. Es ist die 3. Auflage einer DDR-Ausgabe.

Das Inhaltsverzeichnis am Ende des Büchleins weist folgende Kapitel aus:

  • Elternhaus und Kindheit
  • Lehrjahre
  • Riga
  • Bad Pyrmont
  • Aachen
  • Krieg
  • Stuttgart
  • Dresdner Anfänge
  • Bayreuth
  • Dresdner Jahre
  • Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und Abschied von Deutschland
  • Coda
  • Nachwort

Dazu kommen einige schwarz-weiss Fotografien aus verschiedenen Lebensabschnitten. Der sprachliche Stil war mir sehr angenehm, schlicht und doch gut formuliert, wobei selbstverständlich die beinahe 60 Jahre seit Verfassen des Textes spürbar sind, was mir aber wie gesagt sehr angenehm war. Dies zeigt sich vor allem in der Wortwahl (einige Beispiele von der ersten Seite: Bauersleute, prachtvolles Haar, von graziler Statur, sich seßhaft machen….), die bunter ist, als man dies heute von nicht-literarischen Büchern hoffen würde (jedenfalls nach meiner Erfahrung).

Die Biografie  beschreibt die verschiedenen Etappen des Werdeganges eher kurz und allgemein, gewürzt wird das Ganze durch zahllose Anekdoten. Im Gesamten ergibt sich eine sehr kurzweilige Mischung aus erlebter Musikgeschichte (der Mann hat Reger, Richard Strauss, Hindemith und manche andere Größe persönlich gekannt), Geschichte (Teilnehmer des ersten Weltkriegs und Flüchtling vor der Nazidiktatur) und persönlichen und musikalischen Auffassungen. Ich habe es wirklich gerne gelesen, obwohl ich im allgemeinen kein übermässiges Interesse an Dirigenten habe.

Highlights waren für mich, dass Busch als Kind fast alle Instrumente ausprobiert, gespielt und auch gelehrt hat (genannt werden Trompete, Piccolo, Kontrabass und natürlich Klavier, was er später studiert hat, außerdem in Riga Horn etc.) und auch alle Genres irgendwann bediente (Tanzmusik in der Jugend, Klavierrepertoire, Bläserensemble, Oper etc.). Heutzutage wird im deutschen Musikbetrieb ja eher auf Spezialisierung gesetzt, damals noch nicht, und wenn man den Text so liest, erhält man den Eindruck, dass diese breite Vorbildung und Offenheit durchaus nicht geschadet hat.

Auch sehr schön war für mich als Exilschwaben der Bericht über Ankunft und Leben in Stuttgart. Busch als Wahl-Rheinländer (nach Studium in Köln und Arbeit in Aachen), der sich in der Schwaben-Metropole sehr wohl gefühlt hat, Gastfreundschaft und Atmosphäre in den höchsten Tönen lobt. Das hört man tatsächlich so eher selten und hat mich irgendwie angerührt. Ähnlich nett ist es, Orte beschrieben zu finden (wenn auch zu einer völlig anderen Zeit), zu denen man selbst einen Bezug hat. Die Familie Busch verlebte Fritz Schulzeit in Siegburg, wo ich einige Jahre in der Musikschule unterrichtete und von wo ich den Zug zur Arbeit genommen habe, später dann studiert er in Köln und beschreibt Konzerte des Gürzenich-Orchesters. Das spricht einen ganz anders an als Schilderungen aus der großen weiten Welt….

Dazu kommen natürlich die schon beeindruckenden Erzählungen von den Begegnungen und der Zusammenarbeit mit den verschiedenen Komponisten und Orchestern. Ich neige immer dazu, Namen wie Reger, Strauss oder Hindemith irgendwo außerhalb der Zeitzählung in meinem Kopf zu führen, solche Biographien tragen dann immer sehr dazu bei, die Herren auch in den Lauf der Geschichte ordentlich einzureihen. Und man stellt fesst, die liegen zeitlich viel näher beieinander als gedacht und irgendwie auch viel näher bei uns, als gefühlt. Neben den ganz Großen, die jeder kennt, tauchten aber auch einige weniger bekannte Namen auf, über die ich schon früher mal durch Noten, CDs oder Bücher gestolpert war und die durch ihr Auftreten in Anekdoten oder als Protagonisten im Musikleben plötzlich an Profil gewannen.

Eine weitere Entdeckung war der Name Donald Francis Tovey, ein britischer Komponist, mit dem Busch in der Aachener Zeit zu tun hatte und dessen Beschreibung mich sehr neugierig gemacht hat. Tatsächlich habe ich eine CD mit Musik für Flöte und Streicher gefunden, auf der sich ein Werk von ihm findet. Noch habe ich es nicht gehört, aber ich werde berichten und bin gespannt.

Erstaunlich fand ich die relative „Ungerührtheit“ mit der von den Kriegserlebnissen und anderen schweren Zeiten berichtet wird. Man merkt hier wohl den Zeitgeist, dass Gefühle und Privates nicht nach außen getragen werden, auch das Privatleben des Dirigenten spielt eine sehr untergeordnete Rolle. Schreibstil und fehlendes Selbstlob führt zusammen mit den Anekdoten zu einer sehr unaufdringlichen Lektüre, die das Gefühl übrig lässt, dass er wohl ein angenehmer Mensch gewesen sein muss, für den in der Tat die Musik im Zentrum stand, nicht sein Ruhm. Old school……

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