Ja, richtig gelesen. Das gibt es auch als Buch. Die bekannte, damals wohl sehr einzigartige Konzertserie aus dem amerikanischen Fernsehen wurde von Bernstein sozusagen in ein Buch übertragen. Natürlich ging das nicht eins zu eins. Hier also wie gewohnt zunächst ein paar „technische Daten“ zu der Ausgabe, die ich gelesen habe. Ich möchte gleich voraus schicken, dass es das auch als ziemlich aktuelles Taschenbuch und, hier besonders sinnvoll, als Audio-CDs.

Meine Ausgabe ist von 1985, etwas über DIN A 5 groß und aus sehr holzigem, dickem Papier. Der Druck ist zweifarbig, so dass die Bilder mit Schwarz und Rottönen ausgeführt sind.  Alles in allem sind es fast 190 Seiten, eine Diskographie darin enthalten.

Leonard Bernstein

Konzert für junge Leute

Die Welt der Musik in neun Kapiteln

Albrecht Knaus Verlag München und Hamburg, 1985

ISBN 3-8135-0396-8

Wie im Untertitel ersichtlich, gibt es neun Inhaltskapitel, das sind:

  • Was ist eine Melodie
  • Musikalische Atome: die Intervalle
  • Was bedeutet Musik
  • Was ist klassische Musik
  • Humor in der Musik
  • Volksmusik im Konzertsaal
  • Was ist Impressionismus?
  • Was ist Instrumentation?
  • Was ist symphonische Musik

Danach kommt das schon erwähnte Schallplattenverzeichnis und davor ein Vorwort von Bernstein. Der Text ist gespickt mit massenweise Notenbeispielen und cartoonhaften Zeichnungen.

Die Kapitelüberschriften zeigen schon, dass der Meister sich da ganz schön schwere Themen vorgenommen hat. Im ersten Kapitel werden die Bausteine einer Melodie, die Themen und deren Wiederholung und Veränderung erläutert. Dazu kommen Ausführungen darüber, warum manche Menschen kompliziertere Musik für „unmelodisch“ halten, weil sich viele Stimmen kreuzen und das Thema nicht so deutlich zu hören ist oder weil es eine sehr, sehr lange Melodie ist, die keine Wiederholungen hat (z. B. bei Wagner).  Ich fand dieses Kapitel vielleicht mit das schwierigste, es ist außerdem eines der längsten.

Das Intervall-Kapitel ist etwas einfacher, weil anschaulicher. Bernstein stellt dar, dass ein Intervall aus zwei Tönen besteht, die entweder nacheinander oder gleichzeitig ertönen. Er schreibt von der Richtung (bei nacheinander gespielten Tönen) und von der Konstruktion von Stücken aus Intervallen, die immer wiederkehren in verschiedenen Lagen und Richtungen. Das ist wirklich sehr spannend. Musikalische Analyse für Kinder. Ich denke, dass die Beschreibungen auch ganz gut verständlich sind, wenn ein Kind schon Noten lesen und vielleicht ein Instrument spielen kann.

In dem Kapitel über die Bedeutung von Musik geht es darum, dass manche Stücke durch ihren Titel oder einen begleitenden Text Bezug zu Gegenständen, Gefühlen oder Landschaften haben. Bernstein relativiert diese „Bedeutung“. Für ihn ist Musik immer nur Musik. Dieser Grundsatz wiederholt sich auch in anderen Kapiteln immer wieder. Er illustriert diese „Absolutheit“ der Musik an Beispielen, in denen er sich zu Tondichtungen andere Geschichten ausdenkt und beschreibt. die gewählten Beispiele gehen von Don Quixote  über „An der schönen blauen Donau“ bis zu „Bilder einer Ausstellung“. Eine tolle Auswahl, gerade auch für Kinder, finde ich. Und natürlich hat er recht, der Bezug zur realen Welt und zur Welt der Worte besteht in unseren Köpfen und in ganz persönlichen Assoziationen.

Was ist klassische Musik? Gute Frage. Wie nennt man das denn am besten? Bernstein kommt zu „exakte Musik“ im Gegensatz zu Jazz, Volksmusik und Pop, wo es viele unterschiedliche Versionen eines „Songs“ gibt. Der Hauptunterschied ist das genaue Aufschreiben der Musik und das Befolgen dieser Anweisungen des Komponisten durch die Interpreten. Ich finde, das ist eine gute Definition, weil es wirklich der Hauptunterschied ist, wie mir scheint. Damit sind auch die jazzigen Rhythmen und Harmonien in neuerer „klassischer Musik“ ganz klar Teil der exakten Musik, so ist es ja schließlich auch (Bernstein ist da ein gutes Beispiel). Gleichzeitig geht Bernstein auch auf  die Epochen in der Musik ein, eben z. B. die Klassik. Mozart und Haydn als Vertreter der Klassik, Beethoven als der Türöffner für die Romantik.

Überraschende Wendungen, das ist es, was den Humor in der Musik ausmacht. Von Prokofjew bis Haydn, Überraschungen gibt es in vielerlei Gestalt: überraschende Dynamik, nicht erwartete Harmonien, Stimmungswechsel. Es gibt sehr viele Möglichkeiten. Manches davon wird sich allerdings nur dem geübten Hörer erschließen (das denke ich, hat Bernstein nicht geschrieben), weil eine Überraschung nur möglich ist, wenn man eine Erwartung hat und die ergibt sich aus Hörerfahrungen. Nett fand ich auch, dass hier das Fagott als der Clown im Orchester benannt wird.

Unter der Überschrift „Volksmusik im Konzertsaal“ beschreibt Bernstein insbesondere die Auswirkung des Sprachrhythmus und der Sprachmelodie auf die Volksmusik eines Landes. Von echten Volksmusik-Zitaten bis zu dem indirekten Einfluss von Volksmusik auf die Kompositionen der ganz großen. So erklären sich dann auch die nationalen Eigenheiten klassischer Musik.

Das Impressionismus-Kapitel behandelt als Schwerpunkt La Mer von Debussy. Hier wird nochmals Bezug auf das Klassikkapitel genommen. Der Unterschied in der Kompositionstechnik, den eingesetzten Harmonien, der Pentatonik und Bitonalität in Debussys Werk. Gut gemacht und in verdauliche Stücke verpackt. Entweder wurde ich immer mehr mit diesem Buch warm oder es wurde immer besser. Ich weiß nicht so genau.

Das vorletzte Kapitel behandelt nicht nur Instrumentation sondern auch, was ja erforderlich ist, die Instrumentenfamilien und ihre Spezifika. Es nennt einige typische Besetzungen wie Streichquartett oder Solosonaten mit Klavierbegleitung. Als musikalisches Beispiel dient hauptsächlich der Bolero von Ravel.

Als Abschluss beschreibt Bernstein noch symphonische Musik, deren Haupteigenschaft oder eindeutiges Kennzeichen die Entwicklung ist. Alle gängigen Durchführungstechniken von Umkehrung, Verkleinerung, Vergrößerung etc. werden ausgeführt und an Beispielen gezeigt. Das Beispiel ist eine Brahms-Sinfonie und die Konstruktion, die Bernstein offenlegt ist in der Tat fantastisch.

Alles in allem würde ich sagen, dass das Buch für Kinder, die ein Instrument spielen und Grundkenntnisse in Musiktheorie haben, lesbar ist. Von Vorteil wäre sicher ein Klavier, eine große CD-Sammlung zum Nachhören der genannten Beispiele oder ein Elternteil, der die Beispiele am Klavier vorspielen kann. Einiges ist schon ziemlich anspruchsvoll, aber die Tatsache, dass Bernsteins persönliche Begeisterung und Liebe für die Musik fast aus jeder einzelnen Zeile herauszulesen ist,  sollte das Werk für Kinder eigentlich noch attraktiver machen, denke ich.