Kammermusik ohne “Dirigent” oder “Gruppenleiter” oder “Lehrer”. Das ist ja eigentlich die Regel, wenn man nicht gerade an einer Musikschule musiziert. Und doch bergen diese Auge-in-Auge-Konstellationen unter gleichgesinnten Mitmusikern ganz eigene Herausforderungen.

In so einer Gruppe von drei bis zehn Musikern ist es gar nicht einfach, vernünftige Proben hinzubekommen. Proben, die allen Vergnügen bereiten und gleichzeitig auch noch dazu führen, dass man am Ende ein Stück einigermaßen beherrscht. Für eine richtige Probe braucht es ja auch einen Plan:

  • was probt man,
  • wie probt man,
  • was läuft falsch,
  • wer hat welche Probleme mit einem Stück.

Die Vorstellungen zu jedem einzelnen dieser Punkte können beliebig weit auseinander gehen. Und dann zeigen sich die Eigenheiten der verschiedenen Kollegen: einer ist grundsätzlich das “Opfer” der Unzulänglichkeiten anderer: “Ihr seid alle zu laut”, “Du gibst den Einsatz nicht eindeutig” usw. Diese Einstellung verhindert garantiert, dass man darüber nachdenkt, was man vielleicht selbst anders oder besser machen könnte. Alle anderen haben Schuld und darum hilft es ja auch nichts, selbst etwas zu ändern. Keine Selbstkritik… keine Korrektur… keine Verbesserung.

Und dann gibt es manchmal auch einen, der allen anderen erklärt, wie es geht. Wie man zählt, wie man intoniert und vielleicht auch noch, wie man das Instrument spielt. Selbst wenn er es selbst nicht einmal beherrscht. Solche machen sich meist am aller schnellsten bei allen unbeliebt. Die Kritik wird abgelehnt, egal ob sie ganz oder teilweise berechtigt ist. Auch hier ist kaum Aussicht auf Verbesserung der Situation.

Aber wie geht es dann? Schwierig. Ich denke, man muss sich erst mal kennen lernen. Wenn man sich ein bisschen kennt, dann hat man auch mehr Vertrauen zueinander. Und dann sollte jeder mal was sagen und zwar im “richtigen” Ton. Freundlich bleiben, mehr Vorschläge machen als Anweisungen zu geben. Es ist schwierig und nicht jeder kann Kritik, in welcher Form auch immer, vertragen. Es braucht Fingerspitzengefühl und Humor und Selbstkritik. Und natürlich ist alles einfacher, wenn man sich wirklich gut versteht. Wenn Freunde miteinander musizieren.

Wenn das mit dem Ansprechen der Problemstellen funktioniert, dann muss man nur noch eine für alle taugliche Lösung für das Ausmerzen dieser Probleme finden. Auch hier gibt es viele Möglichkeiten: Harmonien aufbauen, Stimme für Stimme. Schnelle Stellen langsam proben, mit Metronom oder ohne, Zusammenhänge und Strukturen sezieren. Manche wollen einfach ein Stück immer wieder ganz spielen. Andere bestehen darauf, nur vorher geübtes zu spielen und wollen in der Probe gar nicht so recht arbeiten. Andere üben ihre Stimme während der Probe und stören damit den Probenablauf.

Noch ein wesentlicher Punkt: Wie geht man mit Fehlern um? Abbrechen oder weiterspielen? Auch hier ist Einigkeit wichtig. Wenn einer grundsätzlich das Instrument senkt, sobald was nicht klappt, werden alle, die gerne musizieren möchten, darüber wahnsinnig.

Was ist also das Fazit? Musik ist etwas sehr persönliches. Aus diesem Grund ist man beim Musizieren auch sehr angreifbar, man gibt etwas sehr privates Preis, wenn man es gut macht. Und man möchte mit Respekt behandelt werden. darum sollte man auch andere mit Respekt behandeln. Man soll und muss sich Mühe geben. Aber wenn es nicht funktioniert, wenn die Chemie und die Vorlieben nicht zusammen gehen, dann muss man es einfach lassen.

Eine Variante des Miteinander habe ich noch vergessen. Es gibt auch Konstellationen in denen alle zusammen einmütig einem Mitspieler die Führung überlassen, weil alle ihn oder sie als dafür kompetent akzeptieren. Das macht alles einfacher. Nur auch in diesem Fall muss derjenige, der das Heft übernimmt, diese Vollmacht zu schätzen wissen und sorgsam mit dem entgegengebrachten Vertrauen umgehen.

Zusammen Musizieren muss eben auch das sein: zusammen. Einigkeit macht stark. Natürlich sind Diskussionen möglich und auch hilfreich. Nur Streit ist übel und bringt gar nichts. Kommunikation und Miteinander, man kann es wohl nicht bei vielen Gelegenheiten besser trainieren…