…. was für ein vielseitiger Begriff. Abgesehen von der physikalischen Bedeutung des „Impulses“ wird der Begriff ja in vielerlei Zusammenhang verwendet: einem Impuls folgen, impulsiv, Impulse geben etc.

Mir hat sich dieses Wort seit ein paar Tagen im Kopf festgesetzt und zwar im Zusammenhang mit einem Kammermusikkurs, den ich letzte Woche besucht habe, quasi als dessen Quintessenz.

Zunächst mal in alt gewohnter Weise die Fakten: Ich war von Montag Abend bis einschließlich Samstag auf einem Kammermusikkurs der Werkgemeinschaft Musik in der Jugendbildungsstätte in Altenberg. Es handelte sich um einen reinen Bläserkurs für zwei Quintette. Dabei sollten von jedem Quintett ein Werk und von beiden Quintetten zusammen zwei Dezette erarbeitet werden, wobei die Stimmen zwischen beiden Dezetten jeweils getauscht wurden. Der Dozent war Peter Wuttke, Oboist (Barockoboe) aus Essen.

Dem Namen nach und vom Erzählen kenne ich den Kurs schon lange durch eine Freundin, die früher immer da war. Dieses Jahr bin ich da gelandet, weil mich eine Oboistin fragte, die ich von einem anderen Kurs im letzten Jahr kenne. Erstaunlicherweise fehlte tatsächlich eine Flöte zur vollen Besetzung. So was gibt es eigentlich gar nicht. Die einmalige Chance ergriff ich spontan und freute mich fortan und war auch nervös, da die Veranstaltung durchaus den Ruf eines hohen Niveaus hat.

In Sachen Quintett standen zur Auswahl das vierte Quintett von Sobeck und die Ligeti-Bagatellen.  Ich wünschte mir frühzeitig Ligeti, weil der bei mir schon lange im Schrank steht und von meinen zwei Quintetten keines dazu zu motivieren ist, sich mit dem auseinanderzusetzen. Fortan habe ich dann heftig geübt, auch ein bisschen Piccolo, im Ligeti muss man ja wechseln.

Als Dezette waren Florent Schmitt (Lied und Scherzo) und eine Serenade von Jadassohn. Ich wählte für ersteres Flöte und war damit bei letzterem die zweite Stimme.

Bei der Anreise zeigte sich als erstes, dass die Unterkunft ein echter Knüller war. Zweierzimmer mit eigenem Bad und in super gutem Renovierungszustand. Die Mitmusiker waren bunt gemischt, im Alter zwischen Anfang zwanzig und um die 50, zwei Studenten und eine Menge engagierter Amateure. Menschlich passte das prima, wie die Woche (inklusive der späten Abende) noch zeigen würde.

Der Ligeti ist rein technisch nicht so wahnsinnig schwer. Die Dynamik (ganz häufig pp) und die Taktwechsel dagegen ließen zusammen mit den Tempoangaben schon einigen Spaß beim Proben erwarten. Und so war es dann auch.

Meine alte „Intonationsphobie“ war in dieser Woche gar kein Thema. Mit der Oboistin stimmte es von Anfang an wirklich gut und an dieser Front hatte ich keine Probleme. Zu meiner Überraschung dominierte dagegen das Thema „Rhythmus“ die ganze Woche. „Zu meiner Überraschung“ sage ich, weil ich eigentlich im Rhythmus eher immer eine meiner Stärken gesehen habe. Und mit dem Stichwort „Rhythmus“ sind wir dann auch schon wieder beim Titel. Im Ligeti drehte sich alles um Impulse. Den Anfangsimpuls, damit alle das Tempo verstehen, den Impulsen bei den plötzlichen Tempowechseln, Taktwechseln oder stringendi und ritardandi. Als Flöte ist man da häufig sehr in der Pflicht.

Prinzipiell kenne ich das aus meinen regelmässigen Kammermusikaktivitäten in verschiedenen Ensembles. Plötzlich aber war es unendlich schwer, diese Impulse zu geben. Wie kams? Ich habe viel darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass diese Form des „Leitens“ früher schon immer mal schwierig für mich war und eigentlich aktuell überall gut klappt, weil ich mich kompetent dafür fühle, die mit mir Musizierenden zu führen. In Altenberg allerdings war ich gefühlt in der „Defensive“, traute mir das nicht recht zu, hatte viel Respekt vor den Mitmusikern und fühlte mich gar nicht in der Position, denen irgendetwas vorzugeben. Ein Teufelskreis, der zu immer mehr Korrekturen, immer weniger Selbstbewusstsein und immer mehr Fehlern (inklusive abstürzender Töne in der dritten Oktave) führte.

Donnerstag war ich am Tiefpunkt, empfand mich als absoluten Bremsklotz der Nation und brachte irgendwie gar nix mehr auf die Reihe (meine Wahrnehmung). Da half nur frische Luft, einsame Analyse und ein paar Worte mit einigen meiner Mitmusiker in der Mittagspause. Das brachte mich jedenfalls wieder in probentaugliche Form. Freitag Abend hatten wir dann eine Art Generalprobe für die Quintette (gegenseitiges Vorspielen des geprobten Werkes). Gleich in unserer sichersten Nummer, der ersten, ging so manches übel schief und  dennoch kamen wir durch. Außerdem lag es nicht ausschließlich an mir, dass manches nicht klappte. Auch mancher meiner aus meiner Sicht so deutlich überlegenen Mitmusiker patzten und auf einmal schöpfte ich etwas Mut. Eine eigenartige Reaktion auf unsere Fehler.

Samstag stand dann dass Abschlusskonzert im Haus Fuhr in Essen (wunderschöner Saal) an. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal so nervös gewesen zu sein. Der Schmitt zu Anfang klappte nicht besonders. Es folgte Sobeck und dann Ligeti. Die 25 Minuten während unsere Kollegen musizierten waren für mich geradezu gespenstisch. Dann ging es raus und auf die Bühne. Und irgendwie fluppte es erstaunlich gut. Ich denke, die beste Version, die wir die ganze Woche hinbekommen hatten (in Summe).

Ab Sonntag hallte dann die Woche in mir nach. Kein so ganz positiver Blick zurück. Was ist da bloß alles passiert? Der Kurs war ein Impuls für mich. Der Anstoß dafür, meine musikalischen Aktivitäten ganz neu zu überdenken. Wie kann ich mich weiterentwickeln, wenn in den Kammermusikproben, an denen ich teilnehme, keiner da ist, der mich wirklich korrigiert, der mich auf  die Dinge, die ich selbst gar nicht bemerke, hinweist? Wenn in meinen Ensembles kaum Repertoire auf das Pult kommt, das mich zum Üben bringt? Wenn sich in jahrelangem Zusammenspiel kein gemeinsames musikalisches Empfinden und keine Ensembledynamik entwickelt? Ich habe mich schon oft gefragt, ob das nicht anders ginge. So gerne würde ich in Gruppen spiele, in denen ich irgendwo im Mittelfeld oder am unteren Ende der Leistungsskala wäre. Momentan habe ich nur ein Trio, in dem wir alle auf gleichem Niveau musizieren, ansonsten sehe ich das nicht (ich weiß, das klingt vermessen und unbescheiden, sorry dafür).

Dazu kommen Muggen, die meist mit einer Probe auskommen, wo also niemals wirklich an den Stücken gearbeitet wird. Auch nicht förderlich für eine echte Weiterentwicklung. Im Unterricht lerne ich immer sehr viel, allerdings ist das eine etwas andere Ebene, mehr in instrumentaler Spieltechnik und natürlich auch musikalischer Gestaltung, allerdings eben ohne die Aspekte des Zusammenspiels und der Kommunikation im Ensemble, die ich in Altenberg als Defizite identifiziert habe.

Ich habe das Bedürfnis, meine musikalischen Fähigkeiten und mein Selbstverständnis als Flötistin neu zu definieren, einen anderen Bezugsrahmen für mein Spielen zu finden. Nur wo und wie? Ich möchte nicht mehr so abhängig von Feedback und meinen Ängsten sein, bräuchte mehr Mut zum Fehler und Selbstbewusstsein, dann hätte ich viel souveräner spielen können. Die erforderliche Sicherheit, um den „Ton“ angeben zu können, wo es nötig ist, oder auch nur die eigene Stimme durchzuziehen, stammt beim alltäglichen Musizieren offensichtlich alleine aus der Wahrnehmung einer Überlegenheit hinsichtlich Instrumentenbeherrschung, musikalischer Erfahrung und Repertoirekenntnis (als „Legitimation“ sozusagen). Sobald das Umfeld wechselt und versiertere Musiker mich umgeben, knicke ich ein und büße alle musikalische Souveränität ein. Nicht gut.

Was also bleibt? Eine Menge zum Grübeln, ein Haufen Baustellen und einige zu treffende Entscheidungen bezüglich der Zukunft meiner Kammermusikaktivitäten. Ein denkwürdiger Kurs und nachdrücklicher Impuls im Frühjahr, das war er wohl für mich, der Kammermusikkurs in Altenberg.