Frei nach der aktuellen Anti-Aids-Kampagne, habe ich mich gestern mal wieder am Improvisieren versucht. Als bekennender Noten-Abhängiger ist das für mich immer eine ganz spezielle Herausforderung. Noten sind ja irgendwie eine Deckung, ein Handbuch, was zu tun ist.  Jedenfalls taugen sie immer gut dazu, sich dahinter zu verstecken.

Gestern habe ich also mit einer lieben und ausgesprochen fähigen befreundeten Pianistin unserer dritten Frau im Trio ein Geburtstagsständchen auf ihrer Party gebracht. Auf dem Programm standen Caravan, Girl from Ipanema und Take five (zum Anhören siehe unten). Alle drei in recht schlichten Arrangements in Art eines Songbooks. Und alle drei dazu gedacht, variiert zu werden. Wir hatten das natürlich auch geübt, Abläufe abgesprochen usw. Insgesamt drei Proben und dann gestern „die Show“.

Festgestellt habe ich, während der Proben und erst Recht im gestrigen Ernstfall, dass ich eigentlich immer ein bis zwei Durchläufe oder ca. 20 Minuten brauche, um mich reinzufinden und vor allem auch, um frei zu werden und mich zu „trauen“. Das hat mir gestern natürlich gefehlt. Probeläufe gehen ja vor Publikum schlecht….

Außerdem bekam ich mal wieder bestätigt, dass nach einem guten Essen, zwei Kölsch und entspannter Unterhaltung der Sprung auf „die Bühne“ kaum mehr möglich ist. Ein bisschen zu müde, ein bisschen zu wenig konzentriert und ganz ohne die erforderliche Anspannung. Nicht so gut……

Auch eine frühere Erfahrung, dass es beim Improvisieren für mich sehr wesentlich ist, eine Klangvorstellung von dem zu haben, was meine Finger da greifen, schon bevor der Ton erklingt, wurde bestätigt. Gelernt habe ich das erstmalig als Teenager bei den ersten Improvisationsversuchen auf dem Alt-Saxophon. Da ich notorisch nie geübt habe und die Griffe denen der Flöte in weiten Bereichen gleichen, war ich immer aufs neue irritiert, wenn ich was gegriffen habe und der erklingende Ton dann regelmässig eine kleine Terz darüber lag (Alt-Saxophon ist in Es gestimmt, Flöte in C). Das ging so gar nicht. Auf der Flöte kam mir das bei meinen seltenen Versuchen schon einfacher vor, weil ich hier tatsächlich eine korrekte Erwartung des zu hörenden Klangs habe.

Gestern also hatten wir es mit einem angekündigt sehr tiefen Klavier zu tun. Und ich glaube in der Tat, das hat zu meiner Verwirrung noch beigetragen (so weit da noch was beizutragen war).

Da es ein Klavier war, das wie so häufig an der Wand stand, fehlten auch die bei der Probe dank Flügel häufig ausgetauschten Blicke, da ich nur in den Nacken meiner Begleitung starren konnte…. schade.

Trotz allem, es hat gut geklappt (nicht so gut wie in den Proben leider), was ich vor allem der Professionalität und guten Reaktionszeit meiner lieben Mitmusikerin zu verdanken habe, die über meine Aussetzer souverän hinweggespielt hat. Danke!

Wichtig ist, dass es beiden Geburtstags“kindern“ gut gefallen hat und anscheinend auch den Gästen. Wichtig ist auch, dass ich meinen inneren Schweinehund bezwungen habe (normalerweise trau ich mich ja gar nicht), wichtig ist, dass es uns beiden viel Spaß gemacht hat und das Vorfreude auf mehr macht.

Gelernt habe ich, was ich eigentlich auch schon wusste, dass man für gutes Improvisieren wirklich viel üben muss. Man muss das Harmonieschema gut kennen, man sollte sich irgendwelche Patterns und Linien überlegen, man muss die Harmonien sicher in den Fingern haben (wenigstens Skalen und Akkorde). Das ist richtig viel Arbeit, für die man sich auch noch selbst einen Plan, ein Vorgehen entwickeln muss. Der zunächst verlockende Eindruck, keine Noten, absolute Freiheit, keine Arbeit ist also grundlegend falsch.

Und das gleiche gilt natürlich auch für Improvisieren im Klassischen. Ich sollte da noch eigene Kadenzen für Carl Philipp Emanuels Solosonate kreieren. Das gleiche Problem. Es ist so schwer, die Deckung zu verlassen…..

Ich denke, dieses freie Spielen ist aber total wichtig. Und ich hoffe (und glaube), dass dies in modernem Instrumentalunterricht ein fester Bestandteil ist. Kindern fällt das sicher viel leichter und sie gewöhnen sich dann frühzeitig daran. Ich glaube einfach, dass es ein sehr wesentlicher Bestandteil von Musikalität und Gestaltung ist, auch mal ohne Noten auszukommen. Und ich für meinen Teil leider manchmal darunter, dass mir das so schwer fällt bzw. ich es eigentlich gar nicht kann.

Hier unsere Playlist zum Anhören: