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Es ist ja manchmal nicht zu erklären, was einem morgens so alles in den Kopf kommt. Ich lag heute oder gestern morgen etwas vor dem Wecker schon wach und irgendwie habe ich über Worte nachgedacht. „Hören“, das ist ja ein elementares Verb für Musiker. Nun gibt es ja eine Art Synonym zu „hören“. Das etwas mundartlicher oder umgangssprachlicher angehauchte „horchen“. Natürlich ist da auch ein Beigeschmack von spionieren oder mithören, wenn man „horchen“ verwendet. „Hören“ ist wohl in jedem Fall gebräuchlicher, vor allem auch in Musikerkreisen.

Nun gibt es ja aber auch zusammengesetzte Begrifflichkeiten, in denen die beiden Verben verwendet werden. Und, warum auch immer, morgens im Bett kam mir das Wort „aufhören“ in den Kopf. Das hat ja nun mit Ohren gar nix zu tun. Warum heißt das dann so? Ich habe gegoogelt und keine wirkliche Antwort darauf gefunden.

Wenn wir uns nun aber dem Synonym „horchen“ zuwenden, dann heißt „aufhorchen“ ja nun was ganz anderes als die gängige Verwendung von „aufhören“ (beenden). Beim Aufhorchen erhöhen wir die Aufmerksamkeit. Ein weiteres analoges Beispiel ist: „gehorchen“ und „gehören“…. ganz verschieden.

Deutsch ist spannend…. vermutlich sind es einfach vollkommen verschiedene Stämme, aus denen sich klanggleiche neudeutsche Worte gebildet haben. Aber es bleibt faszinierend, dass man alle Vokabeln so völlig ohne Hinterfragen verwendet und einem, außer in einem schlaflosen Moment, die Widersprüche oder Klangverwandtschaften eigentlich gar nicht auffallen….. horch, horch (oder auch audi, audi) :)

Eine Woche Urlaub, das war genau richtig, um dieses Taschenbuch auszulesen. Es geht um “Das Glück der Musik“, mal wieder von Ortheil. Dieses mal ist es kein Roman, sondern ein ganz spezielles Buch, eine Art „Hörtagebuch“. Ortheil hat 2005 in einer Art Selbstversuch die Musik Mozart`s in sein Leben integriert. Das ist jetzt eigentlich falsch formuliert, da diese Musik wohl schon sehr lang oder auch immer Teil seines Lebens ist. Was ich meine ist ein ganzes Jahr, in dem er täglich Werke von Mozart gehört hat. Klingt zunächst vielleicht unspektakulär,  doch jeder weiß, dass man es nicht immer schafft, überhaupt Musik zu hören und dass man (ich jedenfalls) ja auch gerne etwas mehr variiert. Jeden Tag Mozart bedeutet also schon eine gewisse Anstrengung.

Die schriftliche Aufarbeitung dieses Selbstversuchs ist bei Luchterhand erschienen. Entstanden ist ein Taschenbuch mit 221 sehr kurzweiligen Seiten. In Art eines Tagebuchs schreibt Ortheil kurze Absätze mit Datumsbezug. Die Texte beschreiben, wie er die Musik in seinen Alltag integriert hat, wo er was und wie (Lautstärke, Ohrstöpsel oder Lautsprecher, Beschäftigung während des Hörens…) gehört hat, setzen Mozart in direkten Bezug zum Hier und Heute. Er schreibt über die Stücke, ihre Entstehungsgeschichte,  Auszüge aus Mozart`s Biographie und auch seinen persönlichen Bezug zu den verschiedenen Werken. Es ist sowieso ein sehr persönliches Buch. Ortheil ist ein hervorragender Pianist und wirklicher Fachmann für Musik. Die persönliche Note dieses Buches (das vermutlich nie erschienen wäre, wenn Ortheil nicht bereits einen Namen als Autor hätte, ein Noname-Autor hätte vermutlich keinen Verleger für ein solches Buch gefunden) hat mich dazu gebracht, über mein Verhältnis zu Mozart`s Musik nachzudenken.

Als Kind war ich fast so etwas wie ein Mozart-Fan. Er war mir der liebste klassische Komponist. Seine Musik, so weit ich sie kannte, war für mich leicht verständlich, sie klang fröhlich und mich haben die Geschichten über das Wunderkind fasziniert. In der Grundschule haben wir dann irgendwann „Reich mir die Hand mein Leben“ besprochen. Eine wunderbare Melodie, die meine positive Einstellung zu Mozart noch bestärkte. Ich kaufte damals auch ein oder zwei Biographien, Mozart war sozusagen einer meiner Helden.

Mit dem älter werden erschlossen sich mir auch andere klassische Werke. Mit dem Erlernen der Querflöte rückte Quantz in die Rolle des Helden (die Flöte, die ich zur Konfirmation geschenkt bekam, habe ich nach ihm benannt). Ich musste auch feststellen, dass es für Querflöte wenig Originalwerke von Mozart gab. In den Duettheften fanden sich kleine Stücke, für Flöten bearbeitet, aber das war es auch schon. Ich habe um das Abitur und kurz danach die Zauberflöte live gesehen und auch Don Giovanni zweimal. Die Opern gefielen mir und natürlich auch die Flötenkonzerte. Darüber hinaus klang mein Interesse an Mozart ab. Je mehr ich später die sinfonischen Werke von Mahler, Bruckner,  die Flötenmusik der Romantiker und ähnliche spätere Werke kennenlernte, desto mehr schätzte ich die großen Besetzungen, die etwas schrägeren Harmonien und diese intensiven Klänge. Mozart wurde mir zu „einfach“ oder zu „langweilig“. Ich mochte die Sinfonien nicht, wenn ich sie in der Philharmonie hörte, zu wenig Bläser, zu „leise“.

Mit der Lektüre von Ortheils Buch ist mir das erst so richtig bewusst geworden. Er beschreibt Klänge und Strukturen, Stimmungen und Werke so lebendig, dass ich nun unbedingt eine Mozart-Gesamtaufnahme haben möchte. Ich möchte mich wieder mit Mozart beschäftigen. Ortheil hat wie ein Appetitanreger gewirkt. Meine Flöten-Fixierung wurde in den letzten Jahren (glücklicherweise) ohnehin bezüglich meiner Hörgewohnheiten allmählich „aufgeweicht“. Jetzt möchte ich unbedingt die Klavier-, Violin- und Kammermusik Mozarts kennenlernen.

Was ich als Kind mit Mozart verband, waren kleine Tänze und Melodien, wie sie sich in unzähligen Blockflöten-Heftchen finden oder in Anfängersammlungen für Klavierschüler. Es ist Zeit, das Bild zu vervollständigen, mein Mozart-Bild erwachsen werden zu lassen. Darauf freue ich mich.

Für Musikfreunde ist dieses Buch eine Fundgrube, finde ich. Ein ungewöhnliches Buch, vermutlich geradezu einzigartig. Eine Liebeserklärung und auch ein Blick auf den Menschen Ortheil, was ich, da ich seine Bücher sehr schätze, auch genossen habe.

Neben meiner Beziehung zu Mozart hat mich das Buch auch meine Hörgewohnheiten reflektieren lassen. Im Buch beschreibt der Autor, wie er in Kirchen (wenn sonst keiner da war), in Zugabteilen oder gar im Frühstückraum des Hotels Musik hörte. Der Bezug zwischen Gehörtem und der Umgebung bzw. dem Raum des Hörenden ist ein wesentliches Thema des Buches. Ich für meinen Teil war nie ein wirklicher Hörer. Ich höre Musik im Auto, allerdings meist eher Pop-Radio (WDR2 zum Beispiel). Gelegentlich auch Klassik von CD (das geht mit einem Hybrid besser als mit meinen früheren Benzinern). Ansonsten höre ich seit einigen Jahren im Büro Klassik. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht, es tut mir gut und ich lerne endlich viel mehr Musik kennen. Zuhause höre ich so gut wie nie (früher habe ich beim Wochenendfrühstück Sinfonien gehört und beim Putzen Pop oder Rock). Meine Hörgewohnheiten haben sich mit jedem Umzug, mit jeder neuen Wohnung geändert. Ich habe eine zeitlang versucht, auf meinem Fussweg zur Arbeit Musik vom mp3-Player zu hören, meist die Stücke, die ich gerade geübt habe. Für mich hat das nie funktioniert. Ich fühle mich entfremdet, wenn ich im Freien Musik auf den Ohren habe. Das ist ganz seltsam und schwer zu beschreiben. Eine kurze Zeit habe ich in Hotels auf Dienstreise zum Einschlafen Klassik gehört, ich wollte damit etwas gutes für mich tun, Privatsphäre in der „aufgezwungenen“ Fremde. Das war auch nicht das richtige. So blieb und bleibt Musik für mich immer auf ganz private Räume beschränkt. Die Verknüpfung von Orten mit Musik gibt es für mich nur in der Musikausübung.  Ich bedauere das seit der Lektüre des Buches. Auch hier hat mir das Werk Lust auf mehr gemacht, auf mehr Mut, mehr Musik und ein bisschen Experimentieren.

Ich denke, dass meine Unfähigkeit zum Improvisieren, die Gebundenheit an Noten auch mit meinen Hörgewohnheiten zusammenhängt. Ich weiß, dass Hören der Schlüssel zum Spielen ist. Ich habe seit langem das Hören auf mein Spielen entdeckt und entwickelt. Jetzt denke ich, dass auch das Hören von Musik ganz allgemein, ein wesentlicher Schlüssel ist. Musik kommt über das Ohr in den Kopf, das könnte der Weg sein, sich von Noten zu befreien und auch mal „einfach zu spielen“. Mich macht das ganz aufgeregt und neugierig. Jetzt muss ich nur noch den Schritt ins Experimentieren gehen. Musik mitnehmen, draußen hören, entdecken, genau wie Ortheil in seinem Buch. Sehr aufregend. Für mich war diese Lektüre ein Türöffner (hoffe ich wenigstens)…..

Fehleinschätzung

1 Kommentar

In den verschiedenen Kammermusik-Besetzungen, in denen ich schon gespielt habe, ist mir immer wieder das gleiche Phänomen begegnet. Nicht nur bei anderen, sondern natürlich auch bei mir selbst. Äußerungen wie „ich kann das noch nicht richtig, darum kann ich nicht darauf hören, was Du da machst“. Auch im Orchester (egal ob Blas- oder Sinfonie-) hört man das immer wieder, dort noch mit der Variante, dass man nicht gucken kann, was der Dirigent macht, weil man so mit den eigenen Noten beschäftigt ist.

Ich glaube das ist grundsätzlich ein Irrtum. Hier gilt Mut zur Lücke. Nach meiner Erfahrung werden gerade schwere Stellen viel einfacher, wenn man auf den Kontext hört. Plötzlich macht der Rhythmus Sinn, weil er sich mit anderen Stimmen ergänzt oder man stellt fest, dass jemand anders kurz davor oder gar gleichzeitig die gleichen Figuren spielt und kann sich daran orientieren. Oder man bemerkt schlicht, dass die schweren Begleitfiguren nur so schwer waren, weil man sie in Panik viel zu schnell angegangen ist und dann alles komisch war, weil nämlich der arme Mensch, der eigentlich die Melodie „zelebrieren“ sollte, nur noch gehetzt seiner Stimme nachhechelt.

Meistens führt die mutige Entscheidung, in erster Linie zu hören und dafür dann auch mal ein paar Noten zu opfern oder meinetwegen ein falsches Vorzeichen zu tolerieren, dazu, dass plötzlich alles viel einfacher wird. Und nicht nur das, es macht auch mehr Spaß und klingt besser. Je älter ich werde, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass die Vorstellung, sich für das Konzentrieren auf eine Sache, hier das Spielen, gegenüber äußeren „Einflüssen“, zum Beispiel den Tönen der Mitmusiker, abschotten zu müssen, für Musik einfach vollkommen falsch ist. Es geht nicht so sehr um die reine Konzentration, es geht um eine Art Fließen. Es geht nicht darum, sich nicht ablenken zu lassen, sondern darum, sich voll auf die anderen einzustellen. Sich einlassen, öffnen und „kommunizieren“ (doofes Modewort) ist der Trick.

Ein guter Trick ist, sich die Stimmen in den Noten zu notieren, die gerade von besonderem Interesse sind. Ich kenne das mit Stimmbenennung (besser Instrumentbezeichnungen als Namen, das hilft bei Wechseln im Ensemble 😉 ). Auch Brillen oder Ohren haben sich sehr bewährt. Eine sehr nette Variante finde ich, sind Willi’s Herzchen als Markierungen. Eigentlich führen auch solche Einzeichnungen einzig dazu, die Aufmerksamkeit vom Notenbild wegzulenken. Ich möchte wetten, wer sich traut wird feststellen, dass vielleicht mehr „falsche“ Noten erklingen, die Bögen und der Sinn aber viel besser ankommen und plötzlich alles klingt.

Ich glaube, das schönste Gefühl beim Musizieren und auch das, was uns alle irgendwie süchtig danach macht, ist dieses gemeinsame Schwingen oder Fließen. Wenn plötzlich einer ritardiert und alle machen mit, obwohl es nicht da steht. Oder nach einer schönen Passage vergurkt sich einer oder kann das Tempo nicht halten und alle machen plötzlich langsamer und warten ein bisschen auf ihn. Das hat was von Vereinigung…. ganz unsexuell aber genauso befriedigend und genauso erfüllend….. kitschig und sentimental? Stimmt, aber ich bin sicher, wer das mal hatte, möchte es immer wieder. Das macht den Suchtfaktor aus. Und die größte Überraschung ist, dass das auch mit einem ganzen Orchester funktionieren kann.

Zu meiner Anfängerzeit (inzwischen gut 30 Jahre her…. o Mann) lernte man Noten lesen, richtig greifen, richtig zählen und dann wurde versucht, möglichst schnell spielen zu können. Der richtige Ton kam durch den richtigen Griff, irgendetwas darüber hinaus wurde nicht diskutiert. Auf diese Art habe ich jahrelang gespielt, ohne mir zuzuhören. Der erste Lehrer, der mir was von Intonation erzählt hat, erklärte mir für jeden Ton einzeln, den musst Du höher spielen, den tiefer usw. Leider war daraus für mich kein systematisches Problem erkennbar. Ich war immer genau für das aktuell geübte Stück informiert, beim nächsten fingen wir wieder von vorne an. Erst bei einem späteren Lehrer habe ich gelernt, dass jeder Ton geprüft sein will, dass Laut und Leise, die Richtung aus der man zu einem Ton kommt (von oben oder unten), der harmonische Zusammenhang etc., dass all diese Parameter Einfluss darauf haben, ob und dass man stimmt. Und, o Wunder, ich habe gelernt, dass man sich zuhören muss, um das zu merken und korrigieren zu können. Na sowas….. Ich habe in der Tat über zehn Jahre gespielt, OHNE mir wirklich zuzuhören. Und als ich anfing, das zu versuchen, wusste ich auch, warum ich das vorher nicht getan habe. Was ich gehört habe war sterbenslangweilig…. Damals war man der Ansicht, dass diese Feinheiten für Anfänger zu schwierig sind, dass es leichter ist, sich zunächst nur mit den anfänglichen technischen Schwierigkeiten auseinanderzusetzen und den Rest dann später anzugehen.

Glücklicherweise ist das heute anscheinend ganz anders. Meine Nichten und Neffen spielen in einem Musikverein in Süddeutschland, dort gibt es für die Jugendausbildung die sogenannten D-Prüfungen, bei denen Theorie und Praxis trainiert werden. In dem Übungsheft zum ersten Kurs sind bereits Hörübungen enthalten. Welch ein Glück!

Hören ist meiner Meinung nach vor allem Übungssache. Je früher man damit beginnt, um so leichter ist es und um so besser wird man. Kinder sind da sowieso viel offener, sie lernen leichter und haben häufig nicht so große Versagensängste. Richtig spielen lernt man eben nur mit richtig hören…. und darum muss alles gemeinsam trainiert werden.

Ich bin auf diesem Weg, erst gar nicht zu wissen, dass es Intonation überhaupt gibt, dann in Einzelfällen auf relativ rüde Art korrigiert zu werden und am Ende dann wie der Ochs vor dem Berg zu stehen als ich mal die Zusammenhänge allmählich durschaut habe, zu einem Intonationsphobiker geworden. Mich treibt ständig die Panik, wenn irgendwas nicht passt, dass das immer ich bin und dann fange ich an zu suchen…. auch nicht gut.

Darum mein Appell: Zuhören, an alle Lehrer: Zuhören trainieren und an alle Schüler: genießt Euer eigenes Spiel… das ist das Ziel. Und auch das ist ein weiterer Grund, nicht autodidaktisch an die Flöte ranzugehen…..

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