Das heutige Buch habe ich nicht nur gelesen, sondern auch „ausprobiert“. Zu großen Teilen jedenfalls. Es handelt sich um Übungen, die dazu führen sollen, dass man längere Phrasen spielen kann, mehr Klang entwickelt und weniger verspannt.  Wie gewohnt zunächst ein wenig allgemeines und äußerliches. Das Büchlein ist etwas größer als DIN A 5 und ziemlich dünn (87 Seiten).  Erschienen ist es im Zimmermann Verlag.  Hier die bibliographischen Infos:

Regula Schwarzenbach – Letizia Fiorenza

Höhenflüge mit Bodenhaftung

Die Methode Atem-Tonus-Ton für Flötistinnen und Flötisten

Ein Übungsbuch für Neugierige

Neben sieben Inhaltskapiteln finden sich ein Vorwort, eine Einführung, ein Anhang mit Begriffsdefinitionen, ein Literaturverzeichnis und die Biografien der Autorinnen und der Fotografin. Der inhaltliche Aufbau ist:

  1. Vorbereitende Übungen (lockern und Körperbewusstsein schaffen)
  2. Die Kraft aus Beinen und Becken (wichtig für den tiefen Atem)
  3. Die Brustresonanz (Lockerung des Brustbereichs, gut für Atmung und Klang)
  4. Die Kopfresonanz (Lockerung von Kiefer und Rachen, wichtig für Atmung und Klang)
  5. Übungen mit Hilfe einer Partnerin oder eines Partners
  6. Die Verbindungen
  7. Die Brücke zur Musik

Ganz grundsätzlich finde ich das Buch und seine „Aussage“ sehr sinnvoll und auch hilfreich. Ich glaube, die Übungen können einen flötistisch und auch in Sachen „Wohlbefinden“ weiterbringen. Mein Problem bei der Bewertung des Systems ist, dass ich diese und ähnliche Übungen schon seit mehreren Jahren in Einzelstunden mit einem „Trainer“ oder „Therapeuten“ mache. Beim Ausprobieren der einzelnen Übungen merke ich, dass mir unbekannte Bewegungsabläufe nur nach Text und Bild schwer nachzuvollziehen sind, bzw. ich aus meiner Erfahrung aus den Übungsstunden skeptisch bin, ob das alles so richtig ist, wie ich es mache. Ein anwesender Trainer korrigiert ziemlich viel oder zeigt auch Spielräume auf. Das finde ich sehr hilfreich. Ein Buch kann das natürlich nicht leisten.

Ich gehe die Übungen jetzt mal von vorne nach hinten durch und gebe meinen Senf dazu. Wen das anspricht, dem möchte ich in jedem Fall empfehlen, vielleicht zu versuchen, mal einen Wochenendkurs oder so etwas für solche Übungen zu besuchen, danach ist es sicher auch nach Buch einfacher.

  •  Dehnen als Vorbereitungsübung – gute Idee, vor allem nach einem Tag Büroarbeit oder ähnlichem. Macht den Kopf frei und erleichtert den Einstieg. Werde ich beibehalten
  • Körpergerechte Haltung im Stehen: mit Füßen parallel, nicht durchgedrückten Knien, Schwerpunkt auf den Zehenballen – nicht ganz neu aber sinnvoll. Das mit dem Gewicht auf den Ballen ergibt sich bei mir spätestens, wenn ich mit Restluft spiele. Gar nicht bewusst, hat sich einfach ergeben.
  • Körpergerechte Haltung im Sitzen: ganz wichtig und viel schwerer als Stehen (finde ich). Ich habe die Tage jetzt auch endlich mal im Sitzen geübt, wenn man einen geeigneten Hocker schon für die Übungen geholt hat, dann ist der Weg nicht mehr so weit. Interessant war für mich Beckenbewegung, die ich aus meinen Übungsstunden kenne, aber ich habe das nie bewusst fürs Flötespielen verwendet. Kommt übrigens aus der Feldenkrais-Ecke. Das Becken-Kippen hilft, mit dem Atem tief zu kommen. Sehr gute Übung!
  • Federn in der körpergerechten Haltung auf den Ballen und runter mit den Fersen. Sehr gut, macht locker und aktiviert die Atmung noch weiter. Werde ich auch weiterhin machen vor dem Üben.
  • Standbein und Spielbein: Das habe ich nicht richtig hinbekommen. Irgendwie wird das nicht organisch bei mir. Eines der Beispiele, bei denen ich mir Führung wünschen würde. Es geht darum, beim Spielen bzwl Atmen das Gewicht von einem Bein aufs andere zu verlagern.
  • Widerstand – sich Aufrichten: bekomme ich auch nicht so recht hin. Vielleicht habe ich auch ein Koordinationsproblem.
  • Körperschwung (in die Knie, vorbeugen, aufrichten mit Armschwung): mache ich einfach vor dem Üben. Das kenne ich aus einem Übungsprogramm, dass ich in den 90ern mal angefangen habe: Callanetics, war auch gut für den Rücken. Die Übung macht wach und locker, ebenfalls ein guter Übergang vom Alltag zum Musizieren. Daumen hoch!
  • Beckenkreis: perfektes Mittel gegen Rückenschmerzen und Verspannungen. Auch Feldenkrais. Das kann ich gut, weil ich das in den Übungsstunden oft mache. Im Sitzen ist natürlich nahe am Spielen. Generell kann ich empfehlen die gleichen Bewegungen mit dem Becken mal auf dem Rücken liegend zu machen. Viel einfacher, viel entspannender und gerade für Anfänger ein guter Start. Ich nehme für die Sitzübungen übrigens den FROSTA-Hocker von Ikea. Unter 10 Euro, Höhe ist ziemlich gut, für mich eine perfekte Lösung.
  • Ball an der Wand: Konnte ich nicht üben, ich habe noch keinen Ball, will mir aber einen besorgen.
  • Beckenhocke: habe ich auch nicht gut hinbekommen. Zur Aktivierung des Beckenbodens gibt es aber auch noch eine Übung aus dem Callanetics-Programm: Knien, Hände links und rechts der Knöchel hinten und dann Po nach vorne (wie ein gespannter Bogen) und wieder runter. In der gedehnten Stellung ruhig ein bisschen aushalten.  Ist einfacher, finde ich….
  • Hängebauchschweinchen: geht zwar, war für mich aber jetzt keine richtige Offenbarung.
  • Spielen auf einem Bein: cool, erstaunlich und etwas, das ich gerne in meinem Programm behalten will. Wenn man balancieren muss, verändert sich das ganze Spiel und das zum Guten, finde ich. Genial einfach!
  • Nehmen Sie Platz! (während der Phrase aus dem Stand mit dem Hintern auf den Hocker, so dass man genau beim höchsten Ton unten ankommt) Funktioniert für mich nicht, weil ich nicht weiß, wie lange ich runter brauche oder wann ich da sein werde. Müsste man vielleicht mit Spiegel versuchen. Seltsam.
  • Kreisen der Schultern: einfach und hilfreich. Gut ist aber auch, die Schulter hoch zu ziehen bis zum Ohrläppchen und dann Schulter und Kopf parallel hoch und runter zu nehmen. Auf der unbeteiligten Seite lösen sich die Muskeln. Ganz cool!
  • Armschwung mit Flöte (Flöte mit einer Hand halten, die andere schwingt „blind“ ran, wechselseitig): einfach, machbar. Kann man öfter mal machen.
  • der kleine Körperkreis: konnte ich nicht so recht nachvollziehen. Da mache ich lieber die Lockerungsübungen, die ich von meinem „Trainer“ habe.
  • Summen mit Hilfe der Hände: interessant und tatsächlich irgendwie aktivierend.
  • Singen und spielen: immer gut, um den Halsbereich zu lockern, das mache ich seit Graf’s Check-up. Empfehlenswert!
  • Wirbelsäule abrollen: sehr gut, bekannt von Callanetics und Gyrotonics.
  • Kopf neigen: Beim Einatmen den Kopf  nach vorne bewegen ist für mich irgendwie anti. Müsste ich nochmal probieren. Beim ersten Mal war es nur befremdlich.
  • Pinselstriche: Beim Spielen den Kopf bewegen. Sehr interessant und auch übenswert, denke ich. In der Art minimaler Bewegungen gibt es viele Richtungen, in denen man Kreise machen kann. Gut zum Entspannen.
  • Beweglichkeit des Kiefers: kenne ich auch aus meinen Übungsstunden. Mit Hilfe ist das aber einfacher. Alleine finde ich es schwierig.
  • Obertöne spielen: auch seit Check-up im Repertoire. Nix neues aber empfehlenswert.
  • Kopfresonanz: die Sachen habe ich nicht ausgiebig getestet.
  • Übungen zu zweit: Habe ich nicht gemacht, sieht aber hilfreich aus und ist für Unterricht in der Gruppe sicher eine gute Idee.
  • Die Verbindungen: verschiedene Übungen, um Koordination zu verbessern und die isolierten Bewegungen miteinander zu verknüpfen. Auch diese Übungen sind mir aus Feldenkrais und Kinesiologie bekannt. Auf jeden Fall sinnvoll.

Im Abschlusskapitel „Die Brücke zur Musik“ wird erklärt, wie man das Ganze (wie andere Veränderungen des eigenen Spiels auch) in sein Musizieren integrieren kann.

Insgesamt dient dieses Programm schon mal dazu, den eigenen Körper mehr wahr zu nehmen. Das ist eine Hauptveränderung, die ich erlebe, seit ich regelmäßig in dieser Richtung tätig bin. Man merkt Verspannungen früher und kann auch besser los lassen. Das ist schon mal super. Wesentlich ist für mich das Verständnis, dass das Becken unser Zentrum ist. Ein großer, schwerer Knochen mit vielen Muskeln dran, dem man ruhig auch viel der Arbeit machen lassen kann. Das gilt fürs Flöten aber auch für andere Bewegungsabläufe. Mein „Trainer“ spricht manchmal von der Vorstellung, das Becken sozusagen wörtlich als Schale zu betrachten. Das ist ein gutes Bild. Für das Spielen kann man sich dann vorstellen, dass die Luft dieses Becken füllt, wie Wasser.  Ich denke, jeder hat andere Bilder, die ihn ansprechen oder ihm einleuchten. Wichtig ist, sich kennenzulernen und auch ernst zu nehmen. Es ist einfacher Bewegungsgewohnheiten zu ändern, als ich gedacht hätte. Und es führt zu sehr viel Veränderung im Klang. Nur nicht zu ehrgeizig sein, nehmt Euch Zeit, gebt sie Euch. Bei mir wurde durch das Training der Atem in jedem Fall freier und die Phrasen länger. Natürlich gepaart mit dem Flötenunterricht, den ich nehme.

Alles in allem ein vielversprechendes Buch, ein Kurs für diese Methode wäre mal reizvoll. Die positive Wirkung kann ich voll bestätigen, auch wenn ich nicht exakt die selben Übungen gemacht habe. Feldenkrais und andere körperorientierte Methoden machen ähnliches. Das hier vorgestellte Programm ist vermutlich expliziter in Richtung „Leistungsatmung“ ausgerichtet.