H(irn) und O(hr) das A und O…

Derzeit lese ich mal wieder ein sehr spannendes Buch Musicophilia: Tales of Music and the Brain von Oliver Sacks (wahlweise gibt es das auch auf deutsch). Der Herr ist Neurologe und hat unter anderem das Buch geschrieben, das dem Film „Zeit des Erwachens“ zugrunde liegt. In dem Werk, das ich momentan verschlinge geht es darum, was das Gehirn so beim Musik hören und machen zu tun hat und welche Probleme und Phänomene dabei auftreten können.

Die Form des Buches ist zunächst etwas ungewohnt, da echte Krankheitsfälle beschrieben werden, sowohl aus der Korrespondenz des Autors als auch aus der Fachliteratur. Das ganze ist ganz in Art einer wissenschaftlichen Arbeit mit Fußnoten gespickt. Trotz dieser tendenziell trockenen und wissenschaftlichen Darstellungsform sind für mich die Inhalte absolut faszinierend.

Nach ersten Kapiteln über musikalische Vorstellungskraft (beim Angucken von Noten sich die Melodie vorstellen können und ähnliches), musikalische Halluzinationen (Musik im Kopf, die genauso klingt, als spiele sie eigentlich vor der eigenen Haustür) und den Verlust der Fähigkeit Musik aufzunehmen (auf englisch amusia), geht es an der Stelle, wo ich momentan bin, um absolutes Gehör und auch um die Folgen von verschiedenen Formen der Schwerhörigkeit sowie um die Zusammenarbeit zwischen Hirn und Ohr. Und das ist derartig faszinierend, dass  ich es einfach nicht für mich behalten mag.

Zum absoluten Gehör gibt es mittlerweise sehr viele Studien und Statistiken. Dabei zeigt sich, dass es einen Zusammenhang zwischen musikalischer Ausbildung und dem Auftreten des Phänomens gibt. Wesentlich scheint vor allem die frühe Ausbildung vor dem achten Lebensjahr in diesem Zusammenhang zu sein. Außerdem wurde festgestellt, dass bestimmte Völkergruppen deutlich häufiger Menschen mit absolutem Gehör hervorbringen als zum Beispiel wir Mitteleuropäer. Das sind vor allem asiatische Völker, bei denen die Sprache auf Tonhöhenunterschieden aufbaut (z. B. Mandarin). Alles in allem wird durch diese Befunde eine Theorie (unbewiesen) unterstützt, die annimmt, dass zu Zeiten des Neandertalers womöglich Sprache als eine Art Singen zunächst ohne Silben entstand. Aufgrund dieser Kommunikationstechnik entwickelte sich im Gehirn die Fähigkeit, Tonhöhen genau wie Farben sehr genau erkennen zu können. Mit der Weiterentwicklung der Sprache in Silben und Worten und mit wenig oder keinem Gewicht mehr auf der Tonhöhe, ging diese Fähigkeit nicht wirklich ganz verloren. Sie ist bei kleinen Kindern noch weitgehend vorhanden. Beim Erlernen unserer heutigen Sprache ist diese Fähigkeit aber nicht nötig, kann sogar zu Verwirrung führen (wenn Papa tief und Mama hoch spricht und doch beide das gleiche sagen) und wird allmählich abgebaut, wenn nicht durch die musikalische Förderung dagegen gearbeitet wird. Die Phase, in der sich das absolute Gehör durch Schulung fördern lässt liegt somit nicht zufällig in den gleichen Entwicklungsjahren wie die Zeit, in der Kinder Sprachen mit muttersprachlichem Akzent und großer Leichtigkeit erwerben. Damit wäre das absolute Gehör sozusagen eine aussterbende Fähigkeit, vergleichbar mit den Weisheitszähnen.

Daneben habe ich gerade heute erst gelernt, dass es durch Gehörschäden (z. B. bei zu lauter Musik) passieren kann, dass man einzelne Töne unsauber hört. Im Buch gibt es Beispiele von Musikern und Komponisten, die in den oberen Oktaven Töne um bis zu eine kleine Terz verfälscht hören. Das scheint durchaus keine seltene Erkrankung zu sein und es trifft manchmal nur einzelne Töne. Welch eine Horrorvorstellung.

Und für alle, die bei sich selbst solche Effekte beobachten, hier noch eine erstaunliche Beobachtung aus dem Buch: das Gehirn kann diese physiologisch bedingte Veränderung teilweise ausgleichen. Durch Konzentration und Übung korrigiert das Hirn die falsche Meldung aus dem Ohr. Dabei wurde festgestellt, dass dies besser funktioniert, wenn man trotz des Problems die Ohren weiter fordert. Das heißt auch, Hörpausen, Zeiten großer Ruhe und das Vermeiden von Musik und Tönen ist kontraproduktiv.

Und wieder einmal bin ich absolut fasziniert, was unser Gehirn so alles fertig bringt und es macht einem Angst, sich den einen oder anderen Defekt vorzustellen. Hoffentlich trifft mich so was nie.

3 Gedanken zu „H(irn) und O(hr) das A und O…“

  1. Das Buch heißt „Der einarmige Pianist: Über Musik und das Gehirn “ und den Link repariere ich gleich. Danke für den Hinweis!

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