Am nächsten Morgen offenbarte sich der Preis für den ersten XXL-Flötentag. Meine Mitstreiterin wurde von einer Migräne-Attacke von Frühstück und Morgenveranstaltungen ferngehalten. Also machte ich mich alleine auf den kurzen Weg zur Musikhochschule. Der erste Termin in meiner Planung war der Meisterkurs von Davide Formisano um 10 Uhr. Auf dem Weg dahin traf ich unsere Begleiterin vom Vorabend und wir ergatterten uns gemeinsam zwei (schlechte) Plätze.

Formisano tauchte etwas zu früh auf (was ihn ehrt). Leider war da noch kein Klavierbegleiter da. Er informierte sich bei den Anwesenden erst mal über die Randbedingungen (wie viele und welche Studenten in der einen Stunde Zeit?). Die Eröffnung machte eine junge Frau mit den Trocknen Blumen von Schubert. In Ermangelung des Pianisten sang Formisano die wesentlichen Teile des Klavierparts (Hut ab). Bereits nach kürzester Zeit etablierte Formisano die drei Kernvokabeln der folgenden Stunde: Luftposition, Luftrichtung und Ansatz. Die letzteren beiden sind ja nicht unbedingt neu oder originell, den Begriff Luftposition kannte ich allerdings nicht. Formisano unterscheidet zwischen der Luftposition vorne, unmittelbar hinter den Lippen und derjenigen hinten (bei Formisano verdeutlicht durch einen Klaps aufs eigene Genick). Luft hinten heißt dann wohl auch offenen Hals und mehr Volumen.

 

Die Arbeit am Schubert drehte sich um die Vokale beim Spielen, welche die Klangfarbe beeinflussen, außerdem war viel die Rede von Stimmungen (das ist ein trauriges Stück). Formisano bestand auf Atemstellen erst alle vier Takte und empfahl, das Thema in Flageolett zu üben. Die notierten Akzente sah er eher relativiert und wollte an diesen Stellen nur einen „Vibratoschlag“, keinen harten Zungenstoß oder eine Dehnung. In den Variationen sollte Virtuosität vermieden werden, da diese nicht zur Stimmung des Werkes passt. Das Tempo muss in allen Variationen dem des Themas entsprechen, einzige Ausnahme ist die letzte, da steht auch Allegro dran. Dort schlägt er als Orientierung für die zu wählende Geschwindigkeit die französische Nationalhymne vor.

Die Erklärung während dieses ersten Drittels (das er deutlich überzog) wurden von sehr viel Vorspielen seinerseits ergänzt. Eigentliche spielte er mehr als er erklärte. Die gesprochenen Worte waren blumig und amüsant, das Gespielte gespickt von Zitaten aus der Orchester- und Sololiteratur (alle auswendig wiedergegeben). Insgesamt würde ich sagen, der Anteil der von der Schülerin gespielten Noten an den insgesamt in der Zeit erklungenen war höchstens 20%, den Rest gab er selbst zum besten.

Die zweite Kandidatin gab Poulenc zum besten. Auch hier war das Unterrichtsmuster sehr ähnlich, wir 

hörten sehr viel Formisano und sehr wenig von der jungen Frau. Ein wesentliches Thema war die Luft. Formisano berichtete von seiner Beobachtung, dass Schüler häufig bei hohen Tönen die Schultern hochziehen. Er meinte, Flöte spielen sei nicht ähnlich wie singen, es sei identisch, und er habe noch nie einen Tenor gesehen, der die Schultern hochzieht. Es müsse umgekehrt sein, die Schultern müssten runter, damit die Luft tief runter ginge, da ein hoher Ton eine lange Luftsäule benötigt. Das war sehr anschaulich und einleuchtend.

Der dritte im Bunde war ein alter Bekannter. Der junge Mann, der am Vortag bei Renggli bereits Prokofjew zum besten gegeben hatte, betrat mit einer Bach Sonate das Rund. Ich fand das ärgerlich. Sicher gab es für alle Meisterklassen viele Interessenten und ich hätte mir gewünscht, dass keiner doppelt dran kommt, sondern lieber mehr verschiedene eine Chance bekommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Doppelungen benötigt hat, weil sich nicht genug beworben hatten (aber vielleicht verschätze ich mich da auch).

Im ersten Durchgang gefiel mir der Bach des jungen Mannes gar nicht. Ich dachte an den Abend zuvor u

nd die Bach-Zugabe Formisanos und erwartete nicht viel. Ich hatte ihm Unrecht getan. Formisano arbeitete mit dem Schüler und die Musikalität wurde deutlich besser. Auch Formisanos heute Bach-Darbietungen gefielen mir sehr viel besser als am Vorabend. Auffällig war aber insbesondere, dass der Kandidat deutlich mehr spielen durfte als die beiden Mädels zuvor. Zufall?

Eigentlich hatte ich gleich im Anschluss den Meisterkurs von Quintessenz besuchen wollen. Komischerweise kam aber keiner, um Formisano beim Überziehen zu bremsen. Als er fertig war, kam ein junger Mann und baute eine riesige Subkontrabassflöte auf. Ich war also im falschen Raum. Jetzt rächte sich das Programm, in dem die Spalten des Terminplans nicht nach Räumen sondern nach Art der Veranstaltung sortiert waren und die Räume gar nicht angegeben wurden.

Die unfreiwillige Pause nutzte ich zum Geld ausgeben (Noten) und Wasser einkaufen (benachbarter Supermarkt). Ich versuchte außerdem, meine Migräne-geschädigte Begleitung zu erreichen und es stellte sich heraus, dass sie schon eine ganze Weile auf dem Festival war. Wir legten also eine gemeinsame Mittagspause ein und planten dein weiteren Verlauf des Tages.

Meine morgentliche Begleiterin machte sich auf zum nächsten Meisterkurs (Bouriakov), die Genesene u

nd ich dagegen suchten den Konzertsaal auf. Dort fand noch der Soundcheck für Matthias Ziegler statt. Eine gute Gelegenheit, ein wenig die Beine auszustrecken. Im Anschluss folgte der Programmpunkt, der uns hierher geführt hatte: Solokonzert von Gergely Ittzes. Er hatte am Vortag schon angekündigt, dass es da viel um Multiphonics gehen würden. Es gab eine Bach-Bearbeitung für Altflöte (sehr schön und sehr zweistimmig), ein Werk des mir zuvor unbekannten ungarischen Komponisten Laszlo Lajtha und dann drei eigene Kompositionen von Ittzes. Der Protagonist wirkte etwas schüchtern auf der Bühne. Angenehm fand ich auch hier wieder seine Ansagen. Störend waren dagegen die hartnäckigen Klopfer an der Saaltür, die offensichtlich des Lesens nicht fähig waren. Vermutlich hatte die erneute Verspätung im Saal daran Mitschuld, weil eigentlich ein Programmwechsel hätte stattfinden müssen. Aber ein denkender Mensch hätte wenigstens nur einmal geklopft und dann einfach gewartet. Ganz schön ärgerlich. Die Eigenkompositionen arbeiteten viel mit Multiphonics. Bei einem der Werke erklang dank Zirkularatmung ein andauernd

er Bordunton, um den sich die Flötenmelodie als Mutliphonic herumbewegte. Die dritte Nummer zeichnete sich durch den Groove aus. Alles in allem eine Freude, die dazu führte, dass ich mir die CD kaufen musste….

Den folgenden Shakuhachi-Spieler ließen wir ausfallen und suchten nochmal die Ausstellung auf. Ab ca.vier Uhr ging es dann wieder in den abendlichen Konzertmarathon. Der nächste Programmpunkt war das Programm von Matthias Ziegler. Er spielte auf Altflöte, Kontrabass- und Subkontrabass (oder so ähnlich, jedenfalls alle sehr groß) mit elektronischer Abnahme. Das Besondere dabei ist, dass die Mikrophone in der Flöte platziert sind und damit die Nebengeräusche der Klappen und die Strömungsgeräusche der Luft verstärkt werden. Das erste Werk war der Flötenbauerin Eva Kingma, mit der er seit langem eng zusammenarbeitet, gewidmet und heißt Ave Kingma. Es folgten drei weitere Werke aus seiner Feder. Es war ganz erstaunlich, was Ziegler mit den für ihn modifizierten Instrumenten und der Abnahmetechnik an Klängen produzierte. Teilweise klang es wie ein Blubbern unter Wasser. Eine spannende Geschichte. Neue Musik, gut anzuhören und innovativ, wäre schön, ihn auch mal in Köln zu hören.

Als nächstes erschien Wally Hase, die eigentlich mit Harfe hätte auftreten sollen. Leider war die Harfenistin durch eine plötzlich Dienstplanänderung nicht verfügbar und Frau Hase hatte spontan auf ein Soloprogramm umgestellt. Da zeigt sich der Unterschied zwischen Profi und Amateur. Das Ersatzprogramm bestand aus zwei Werken von Flothuis (Aubade und Piccolo Suite). Ersteres war ein Geburtstagsgeschenk an einen Mitgefangenen im Lager Herzogenbusch. Als letztes Werk gab Frau Hase aus den Les Folies d’Espagne Thema und acht Variationen zum Besten. Es war zwar schade, dass das Duo nicht zustande kam, dennoch überzeugte das Soloprogramm sehr. Die Werke von Flothuis werde ich mir jedenfalls merken.

Es folgte ein ganz besonderes Trio. Zwei Flöten und Klavier, gespielt von Maxence Larrieu (stolze 79 Jahre alt) und sein ehemaliger Student Jürgen Franz, der inzwischen eine Professur in Hamburg hat. Die drei spielten eine Triosonate von Carl Philipp Emanuel Bach, ein Trio von Kuhlau und „La Sonnambula“ von Doppler. Es war einfach wunderschön anzusehen, wie Herr Franz seinen alten Lehrer anstrahlte und auf ihn zu achten schien. Auch wenn vielleicht die klangliche Qualität und das Volumen bei dem alten Herren nicht mehr mit dem seines jüngeren Kollegen mithalten konnte, so war doch Technik und Musikalität noch immer auf hohem Niveau. Satz für Satz konnte man zusehen, wie der alte Herr aufblühte und mehr und mehr mitging. Der Applaus war tosend und beim Abgang tätschelte Franz seinem alten Meister noch die Schulter. Ein sehr gefühlsbetonter Programmpunkt, der wieder einmal zeigte, wie eng das Schüler-Lehrer-Verhältnis in der Musik sein kann. Wunderbar. Der mir zuvor unbekannte Herr Franz hat sich damit bei mir gleich als großer Sympathieträger eingeführt.

Im folgenden kam die größte Besetzung des Tages auf die Bühne, die 14 Berliner Flötisten unter der musikalischen Leitung des Soloflötisten der Berliner Philharmoniker, Andreas Blau. Ein ganzes Orchester, rechts flankiert von der riesigen Subkontrabassflöte, in der Mitte sitzend mehrere Altflöten, umringt von Flöten und Piccoli (je nach Stück). Nachmittags hatten wir noch die Anreise beobachtet. Der ganze Haufen war anscheinend nur für dieses kurze Konzert angereist. Gespielt wurde dafür auch ein verhältnismäßig langes Programm, beginnend mit einer
Sinfonia von Friedrich dem Großen, gefolgt von der Gajaneh-Suite
von Chatschaturjan.

Bühnenaufbau für 14 Berliner Flötisten

Bühne vor den 14 Berliner Flötisten (Foto: Regine Jansen)

Die mehrsätzige Suite aus Bizets Carmen, eine Serenade von Richard Strauss, Scherzo aus dem Sommernachtstraum, zwei Tangos, der Hummelflug und Pink Panther rundeten das Programm ab. Den Schluss bildete ein musikalischer Scherz für Soloflöte und 13 Flaschen. Dieses Werk hätte man sich getrost sparen können. Faktisch diente es nur dazu, Herrn Blau ein solistisches Podium zu bilden. Die Flaschen war nicht einmal gestimmt, besonders witzig fand ich das nicht, es wirkte eher ein wenig dilettantisch. Im gesamten Programm musste man bei manchem schnellen Satz fürchten, dass der große Haufen auseinanderbricht. Ursache war vermutlich der Versuch des Leiters, das ganze noch zu beschleunigen, wobei vor allem die tiefen Register kaum folgen konnten, auch aufgrund der räumlichen Distanz vermutlich. Dabei mag auch die den Musikern vermutlich nicht vertraute Akustik eine Rolle gespielt haben. Insgesamt war es nett aber nicht so richtig begeisternd für mich.

In der folgenden Pause wurde der Saal geräumt, damit der Stimmer das Cembalo in Form bringen konnte. Vor den verschlossenen Türen versammelte sich praktisch die gesamte Besucherschaft des Festivals. Man kann sich denken, dass die Luft bald kaum noch Sauerstoff enthielt. Alle blieben in der Nähe der Saaltüren, um später auch wieder einen einigermaßen guten Platz zu ergattern.

Als die Türen sich endlich öffneten, strömten alle für den letzten Akt des Tages zurück in den Saal. Es folgte das Galakonzert zu Ehren von Auréle Nicolet. Dieser war auch an beiden Tagen schon mehrfach im Konzertsaal zu sehen gewesen.  Trotz der stolzen 87 Jahre ist er noch immer gut zu erkennen mit seinem weiterhin dichten weißen Haarschopf. Immer wieder wurde er von Bewunderern umringt, die sich insbesondere ein Foto mit oder von ihm wünschten. Dass er da nicht immer begeistert war, kann ich gut nachvollziehen.

Das Konzert wurde mit einer Begrüßung durch Felix Renggli eröffnet. Auch er ist einer der ehemaligen Schüler des alten Herrn. Er erklärte, dass Nicolet selbst die Stücke ausgewählt hatte, die nun von vielen verschiedenen Flötisten, zumeist auch ehemalige Schüler, zum besten gegeben werden sollten. Der im Programm angekündigte Kersten McCall aus Amsterdam allerdings war wegen eines Flugausfalls nicht nach Freiburg gekommen, was zu einer Programmumstellung führte. Sein Programmpunkt, (t)aire(e) von Holliger wurde von Renggli selbst übernommen.

Die Eröffnung, Triosonate c-moll von Bach, bestritt ebenfalls Renggli auf einer Holzflöte, Michael Behringer (Cembalo), Ekatchai Muskelrat (Cello) und Petra Müllejans (Violine). Es folgte das Trio für Flöte, Piccolo und Altflöte von Holliger (Felix Renggli, Jutta Pulcini und eine junge Dame aus Argentinien), eines der wunderschönen Duette von Wilhelm Friedemann Bach, gespielt von Karl-Heinz Schütz und seiner Lehrerin Eva Amsler (beide Nicolet-Schüler). Davide Formisano (ebenfalls Nicolet-Nachwuchs) gab mit dem am Vortag schon bewunderten Baumann die Sonate von Jolivet, dann Renggli wie angekündigt mit (t)air(e) von Holliger, Sabine Poyé Morel (keine Nicolet-Schülerin) spielte mit Ursula Holliger (Harfe) und Genevieve Strosser (Bratsche) eine Sonate von Debussy. Den Schlusspunkt bildeten Karl-Heinz Schütz und Laetitia Bounol mit der Boulez Sonatine.

Insgesamt hatte das ganze Programm ein unglaubliches Niveau. Der Debussy war traumhaft, alle Ensemble wirkten sehr gut aufeinander eingespielt, insbesondere das letzte Flöte-Klavier-Duo, bei dem Renggli umblätterte, wobei sich auch auf seinem Gesicht das Staunen über den pianistischen Einsatz und das Zusammenspiel der beiden abzeichnete. Trotz der im Vergleich zu den bisherigen Konzerten übergewichteten Neuen Musik, war im ganzen Saal eine derartige Spannung und Stille, wie ich es selten bei einem Konzert erlebt habe. In der ersten Reihe saßen direkt nebeneinander der Ehrengast Aurele Nicolet, Peter-Lukas Graf und Heinz Holliger. Letzterer stand nach Rengglis Soloauftritt auf, um ihm seine Anerkennung zu zollen, eine sympathische Geste.

Der Abend endete gegen 22 Uhr und alle verliefen sich allmählich. Im Gasthaus zum Löwen trafen sich dann einige wieder, es scheint das Haus in Freiburg zu sein, dessen Küche am längsten geöffnet hat.

Seltsamerweise erschien dieser Tag der kürzere im Vergleich zum Freitag, obwohl ja der Anreisetag theoretisch nur ein halber gewesen wäre.

Tag drei folgt in Kürze…..