In Windeseile waren die ersten beiden Tage vergangen. Da es Samstag Abend eigentlich schon ein bisschen Sonntag morgen war, musste der tägliche Warm-up mit Jürgen Franz schon wieder dran glauben. Los ging es für uns erst um 11 Uhr mit der Masterclass bei Renate Armin-Greiss. Auf sie war ich schon besonders gespannt. Ein Interview in Flöte aktuell vor einigen Monaten und ein Besuch von ihr in Düsseldorf (öffentlicher Unterricht und ich hatte keine Zeit) hatten mich neugierig gemacht.

Auch bei Frau Armin-Greiss waren wieder drei Schüler auf der Tagesordnung. Die erste junge Frau war aus Serbien extra für das Festival angereist. Sie spielte die 24. Caprice von Paganini. Beim Anspielen des Stückes überzeugte sie mich sehr, das klang sehr individuell und gestaltet. Frau Armin-Greiss erläuterte zunächst einiges zum Stück. Da dies die 24. und letzte der Capricen ist, stellt sie eine Art Finale dar und fasst alle Einzelthemen der vorherigen Capricen zusammen. Außerdem wies sie darauf hin, dass das Original für Violine eine Oktav tiefer notiert ist. Frau Armin-Greiss empfahl eine italienische Ausgabe in Bearbeitung von Maha Luciata (konnte ich online nicht finden), die besonders nahe am Originaltext bleibt.

Als gute Übungsstücke zum Spannungsaufbau empfahl Frau Greiss-Armin die Passacaglia von Dohnanyi, les Folie d’Espagne von Marais und die Trocknen Blumen von Schubert. Außerdem hilft das Üben von Doppelklängen.

Die zweite Kandidatin spielte die Suite von Widor. Hier ginge es Frau Greiss-Armin vor allem um die Gestaltung der Bögen. Die Analyse der richtigen Atemstellen basierte hauptsächlich auf der harmonischen Entwicklung.

Als dritter Fall der Stunde trat ein junger Mann italienischer Herkunft vor das Publikum. Er spielte eine Andersen Etüde aus op. 15. Beim ersten Anspielen war ich irgendwo zwischen sprach- und fassungslos. Das war eher ein Maschinengewehr als eine Flöte. Null Melodie, null Zusammenhang, null Musik, dafür aber saumäßig schnell. Frau Greiss-Armin nahm ihn sanft aber beharrlich in die Mangel und versuchte im klar zu machen, dass das nicht das Ei des Kolumbus war. Sie wies darauf hin, dass die Metronom-Angaben fehlerhaft seien (viel zu schnell). Sie erzählte von ihren eigenen Erfahrungen mit dieser Etüde während des Studiums (Andersen op. 15 war die Bibel bei Nicolet). Wichtig war ihr die Zweistimmigkeit. Auch hier wurden die Atemstellen diskutiert, die sich wiederum nach dem harmonischen Verlauf richten sollten. Übrigens gibt es bei der Königlichen Dänischen Bibliothek kostenlos die Erstausgabe der Etüden zum Download.

Als Bild für die Aufgabe des Musikers beim Spielen führte Frau Greiss-Armin einen Bergführer an. Der Flötist muss den Weg kennen und ihn so vermitteln, dass der Zuhörer ihm folgen kann. Schönes Bild. Es war eine sehr interessante Stunde, obwohl der Plan von Frau Greiss-Armin ein ganz anderer gewesen war. Sie hatte eine Stunde zu Syrinx und Bilitis von Debussy geben wollen. Obwohl Frau Wentorf von der DGfF die Idee ganz toll gefunden hatte, war sie irgendwo in der Vorbereitung einfach verloren gegangen.

Als zweiter Punkt unserer persönlichen Tagesordnung hatten wir den Meisterkurs bei Karl-Heinz Schütz ausgesucht. Eigentlich sollte der im gleichen Raum stattfinden, war aber verlegt worden und wir huschten in den anderen Hörsaal und platzierten uns auf die Treppe. Aufgrund unseres Irrwegs hatte der Unterricht schon begonnen. Auf dem Pult stand die Freischütz-Fantasie von Taffanel. Herr Schütz sagte im wesentlichen das gleiche wie Frau Greiss-Armin. Er meinte, man müsse den Zuhörer an der „Nase“ packen, was faktisch  das gleiche war wie der Bergführer in der vorherigen Stunde. Die wesentlichen Aussagen zum Stück und zur Studentin war einmal, dass das Tempo durchlaufen muss („keine Privat-Tempi“). Als nächstes ging es ums Luftholen. Die junge Frau ließ die Flöte am Kinn und hob sozusagen den ganzen Kopf, um den Mund zu öffnen. Nun wurde geübt, einfach nur den Kiefer fallen zu lassen. Eigentlich logisch und dennoch nicht so leicht umzusetzen, wenn man es anders gewohnt ist.

Im Gegensatz zu allen bisherigen Meisterklassen hatte Herr Schütz nur zwei Leute zu versorgen. Als zweites kam die Martin Ballade. Die junge Frau spielte wunderschön, sehr musikalisch und ausdrucksvoll. Ein Problem waren allerdings ihre Noten, die Ausgabe war nicht blätter-tauglich. Da nach Aussage von Schütz zwei Notenständer erst für Werke nach 1945 angemessen sind, bot er sich an, zu blättern. Allerdings war er bald so versunken in ihr Spiel, dass er das Blättern vergaß. Auf den Wink mit den Augen flog er dann durch den halben Hörsaal. Zu komisch.

Schütz wies darauf hin,  dass Martin stilistisch zwischen Syrinx von Debussy und Density von Varese steht. Er erklärte außerdem , dass technisch schwierige Stellen in allen Tempi gespielt werden müssen. Das heißt, es ist nicht gut, wenn man ein Stück nur schnell kann und nicht auch langsamer, sonst geht es schief, wenn der Pianist mal langsamer spielt.

Alles in allem war auch dieser Meisterkurs sehr interessant. Schön war auch zu sehen, wie die jungen Damen Herrn Schütz anschmachteten (sah zumindest so aus). Zwei gut investierte Stunden waren das gleich zu Beginn des Tages.

Nach einer Mittagspause und einem weiteren Besuch auf der Ausstellung (noch mehr Noten und ein paar CDs, außerdem ein Piccolo-Kopf zum Testen von den Brüdern Mehnert). Ab ca. 14 Uhr saßen wir dann wieder im Konzertsaal.

Es folgten vier verschiedene Konzerte: Renate Greiss-Armin, Bülent Evcil, Robert Aitken und Peter-Lukas Graf. Jetzt kam doch noch der Debussy, der am Morgen zu kurz gekommen war. Syrinx fand ich ziemlich schnell, aber sonst sehr interessant. Frau Greiss-Armin hatte sich eine Begleiterin aus Karlsruhe mitgebracht. Das Konzert war kurz und spannend. Ich glaube, ich werde mal die Augen nach Meisterkursen bei dieser Frau aufhalten.

Der nächste Flötist, Bülent Evcil, war im Programm falsch geschrieben (Vor- und Nachname vertauscht, u statt ü). Er ist ein Schüler Galways und das war sehr gut zu hören. Sein Programm war relativ lang: Oblivion von Piazzolla (schön), Yunusun Mezarinda von Ekren Zeki Un, Sultani Yegah Sirto von Sadi Isilay (sehr schön), Kocekce – Dance Rhapsody von Dede Effendi, Karneval von Venedig von Briccialdi und eine Bearbeitung von drei türkischen Volksliedern, die der Flötist selbst zusammen mit Yusuf Yalcin arrangiert hatte.

Am Programm kann man schon sehen, dass es eigentlich eine Tür zur orientalischen Musik öffnen sollte, Werbung für die Musik seines Landes. Der Piazzolla und der Briccialdi fielen da eigentümlich raus. Herr Evcil spielte mit Cordula Hacke, der haus und Hof Begleiterin des DGfF. Irgendwie schien es anfangs, als könne der Flötist sie nicht leiden, oder sei schlecht auf sie zu sprechen (vielleicht wegen der Fehler im Programm?). Jedenfalls machte er einige ziemlich eigenartige Gesten, postierte sich im Rücken der Pianistin (obwohl die ihn bat, doch etwas nach vorn zu kommen). Das Zusammenspiel war zeitweise schwierig (kein Wunder, sie hatte ja keinen Rückspiegel) und er wirkte genervt und ungehalten. Sein Spiel war hoch virtuos, der Ton typisch Galway. irgendwie sprang der Funke allerdings nicht über, zum einen, da er wie ein Stockfisch auf der Bühne stand, zum anderen, da seine Negativ-Ausstrahlung bezüglich Frau Hacke keine Sympathisanten im Saal fand. Seltsamerweise wurde er sehr freundlich, fast herzlich nachdem das Programm durch war. Handkuss, Händeschütteln, Strahlen…. vielleicht war er nur nervös gewesen? Es war jedenfalls ein seltsames Konzert. Ich denke, ich werde irgendwann eine zweite Chance suchen, falls ich ihn mal wieder irgendwo hören kann.

Der nächste Programmpunkt, Robert Aitken, war für mich eines der Highlights des Festivals. Er ist einer der ganz großen Namen für mich, ich habe drei sehr interessante CDs mit ihm. Auch er ist schon über siebzig und gehört zur weissharigen Ehrenlegion der Flötisten (für mich jedenfalls). Auf dem Programm standen nur zwei Werke, beide sehr modern. Zunächst „An Idyll for the Misbegotten“ von George Crumb für Flöte und drei Schlagzeuger, dann „Ghosts and Gargoyles“ von Henry Brant. Dieses Werk ist für einen Solo-Flötisten (Aitken), Dirigent, Schlagzeug und acht weitere Flötisten (2 Piccoli, 2 Altflöten, 2 Bassflöten, 2 Flöten) geschrieben. Die verschiedenen Flötenduette sind dabei im Saal verteilt (darum auch der Dirigent). Das Oktett war besetzt mit Jan Junker, Linn Annett Erno, Hans-Udo Heinzmann, Shing-Ing Lin, Katarzyna Bury, Thomas von Lüdinghausen, Lars Asbjornsen und Jorn Schau.

Beide Stücke waren sehr eindrucksvoll und gut zu hören. Die Trommeln verschiedener Größe im ersten Werk passten perfekt zur Flöte (die in beiden Stücken abgenommen wurde, leider mit leichtem Obertonmangel). Im zweiten Stück kam Aitken spielend auf die Bühne, musste zwischen Flöte, Piccolo und Bassflöte wechseln und später auch spielend wieder von der Bühne gehen (erschwert durch sein leichtes Humpeln). Er war der erste Flötist, den ich gehört habe, bei dem all die modernen Spieltechniken (Singen und Spielen, Whistletöne, Multiphonics etc.) völlig selbstverständlich und natürlich in die Musik einflossen. Das war vielleicht das interessanteste und innovativste der Konzerte dieses Festivals (außer vielleicht Matthias Ziegler, der konnte da mithalten). Toll! und schön, dass Aitken extra über den Teich kam um hier zu sein.

Den Abschluss der gesamten Veranstaltung machte das Konzert von Peter-Lukas Graf. Auch er ist bereits 84 Jahre alt. Er spielte mit seiner Tochter am Klavier. Das Programm bestand aus der Sonate F-Dur KV 376 von Mozart, den 3 Romanzen von Schumann (im Original für Oboe) und der Martin Ballade. Die Gestalt von Herrn Graf, mit unverändert dichtem weißen Schopf auf dem Kopf und kerzengerader Haltung) beeindruckte schon bevor er zu spielen begann. Tonqualität und -volumen sind nicht mehr wie sie einmal waren. Das kann wohl auch gar nicht gehen. Die Technik war weiterhin unglaublich virtuos. Von Stück zu Stück wurde die Musik immer fließender. Zwischen den Stücken verließen die beiden nicht die Bühne (im Gegensatz zu den meisten anderen Musikern dieses Festivals). Als Zugabe gab es einen kompletten Satz Bach auswendig (wow). Es war ein Erlebnis, Herrn Graf, der einer der ersten Flötisten war, die ich in meiner Jugend kannte und von denen ich Platten hatte, auch in hohem Alter nochmals live zu erleben. Von der DGfF gab es einen Blumenstrauss, überreicht von Frau Wentorf.

Damit war das Festival zu Ende. Keine Abkündigung oder ähnliches, die Türen öffneten sich, die Leute gingen raus und redeten noch ein paar Worte. Die Ausstellung war praktisch schon vollständig abgebaut, die Räume wirkten verwahrlost. Irgendwie blieben alle Enden offen.

Wir hatten glücklicherweise noch eine Nacht im Hotel und einen Tag Urlaub gebucht und konnten so das Wochenende noch schön beim Abendessen und mit einer gemütlichen Heimfahrt ausklingen lassen.

Was ist nun das Fazit? Für mich war es ein schönes und erlebnisreiches Wochenende. Dennoch gibt es da Optimierungspotential. Ein Programm mit allen Raumangaben in handlichem Format (DIN A 4 Faltblatt oder so) wäre schön gewesen, Eine Vorankündigung der Stücke in den Meisterkursen im Internet wäre auch schön gewesen. Der erste Tag hätte besser etwas später beginnen können (oder viel früher, dann weiß man gleich, dass man am Tag zuvor anreisen muss). Ein Schlusswort im Abschlusskonzert, vielleicht zusammen mit der Verkündung des Gewinners des Ensemble-Wettbewerbs, wäre toll gewesen. Irgendwie habe ich ein Gemeinschaftsgefühl vermisst, das sicher durch Moderationen oder ähnliches hätte entstehen können. Eine gute Idee wäre auch gewesen, die Notenaussteller vor dem Konzertsaal zu postieren, so dass im Saal nicht so viel vom Ausprobieren zu hören gewesen wäre. Kleinigkeiten all das…..

Hier als Nachlieferung auch noch ein paar Bilder vom Festival (bei Konzerten und Kursen war Fotografieren verboten). Herzlichen Dank nach Viersen an die Fotografin Regine Jansen!