In den verschiedenen Kammermusik-Besetzungen, in denen ich schon gespielt habe, ist mir immer wieder das gleiche Phänomen begegnet. Nicht nur bei anderen, sondern natürlich auch bei mir selbst. Äußerungen wie „ich kann das noch nicht richtig, darum kann ich nicht darauf hören, was Du da machst“. Auch im Orchester (egal ob Blas- oder Sinfonie-) hört man das immer wieder, dort noch mit der Variante, dass man nicht gucken kann, was der Dirigent macht, weil man so mit den eigenen Noten beschäftigt ist.

Ich glaube das ist grundsätzlich ein Irrtum. Hier gilt Mut zur Lücke. Nach meiner Erfahrung werden gerade schwere Stellen viel einfacher, wenn man auf den Kontext hört. Plötzlich macht der Rhythmus Sinn, weil er sich mit anderen Stimmen ergänzt oder man stellt fest, dass jemand anders kurz davor oder gar gleichzeitig die gleichen Figuren spielt und kann sich daran orientieren. Oder man bemerkt schlicht, dass die schweren Begleitfiguren nur so schwer waren, weil man sie in Panik viel zu schnell angegangen ist und dann alles komisch war, weil nämlich der arme Mensch, der eigentlich die Melodie „zelebrieren“ sollte, nur noch gehetzt seiner Stimme nachhechelt.

Meistens führt die mutige Entscheidung, in erster Linie zu hören und dafür dann auch mal ein paar Noten zu opfern oder meinetwegen ein falsches Vorzeichen zu tolerieren, dazu, dass plötzlich alles viel einfacher wird. Und nicht nur das, es macht auch mehr Spaß und klingt besser. Je älter ich werde, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass die Vorstellung, sich für das Konzentrieren auf eine Sache, hier das Spielen, gegenüber äußeren „Einflüssen“, zum Beispiel den Tönen der Mitmusiker, abschotten zu müssen, für Musik einfach vollkommen falsch ist. Es geht nicht so sehr um die reine Konzentration, es geht um eine Art Fließen. Es geht nicht darum, sich nicht ablenken zu lassen, sondern darum, sich voll auf die anderen einzustellen. Sich einlassen, öffnen und „kommunizieren“ (doofes Modewort) ist der Trick.

Ein guter Trick ist, sich die Stimmen in den Noten zu notieren, die gerade von besonderem Interesse sind. Ich kenne das mit Stimmbenennung (besser Instrumentbezeichnungen als Namen, das hilft bei Wechseln im Ensemble 😉 ). Auch Brillen oder Ohren haben sich sehr bewährt. Eine sehr nette Variante finde ich, sind Willi’s Herzchen als Markierungen. Eigentlich führen auch solche Einzeichnungen einzig dazu, die Aufmerksamkeit vom Notenbild wegzulenken. Ich möchte wetten, wer sich traut wird feststellen, dass vielleicht mehr „falsche“ Noten erklingen, die Bögen und der Sinn aber viel besser ankommen und plötzlich alles klingt.

Ich glaube, das schönste Gefühl beim Musizieren und auch das, was uns alle irgendwie süchtig danach macht, ist dieses gemeinsame Schwingen oder Fließen. Wenn plötzlich einer ritardiert und alle machen mit, obwohl es nicht da steht. Oder nach einer schönen Passage vergurkt sich einer oder kann das Tempo nicht halten und alle machen plötzlich langsamer und warten ein bisschen auf ihn. Das hat was von Vereinigung…. ganz unsexuell aber genauso befriedigend und genauso erfüllend….. kitschig und sentimental? Stimmt, aber ich bin sicher, wer das mal hatte, möchte es immer wieder. Das macht den Suchtfaktor aus. Und die größte Überraschung ist, dass das auch mit einem ganzen Orchester funktionieren kann.