blog-FLOETE

Der Blog zu flutepage.de

Durchsuche Beiträge in kammermusik

Ich für meinen Teil liebe Kammermusik. Für Flöte gibt es eine große Anzahl sehr interessanter Besetzungen. Ganz oben stand für mich da immer das Bläserquintett (Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott). Gleich danach hat mich immer das Quartett mit Streichern gereizt (Flöte, Violine, Bratsche und Cello). Des weiteren natürlich das Quartett, das ganz aus Flöten besteht, wobei es fast noch schöner wird, wenn auch Piccolo und Altflöte oder gar Bassflöte besetzt sind. Flöte und Klavier ist natürlich toll, dafür gibt es vermutlich auch so ziemlich am meisten Literatur (nur ein guter Pianist, der gern auch begleitet ist nicht so leicht zu finden). Die wohl allen bekannten Duette für zwei Flöten muss man wohl kaum erwähnen (vielleicht aber schon, dass es für diese Besetzung auch sehr spannende modernere Originalwerke gibt), gleiches gilt für andere Besetzungen nur aus Flöten (Trio bis Flötenorchester).

Bei der Gelegenheit möchte ich aber auch eine Lanze für all die etwas exotischeren Besetzungen brechen, für die leider in der Regel auch nicht die große Menge Literatur verfügbar ist: Trio mit Klarinette und Fagott, Trio mit Klarinette und Klavier, oder Cello und Klavier oder Horn und Klavier, Quartett basierend auf dem Bläserquintett, wobei wahlweise Oboe, Horn oder Klarinette fehlt, Duette mit Klarinette, Fagott, Horn oder Cello, Triobesetzungen mit zwei Streichern etc.

Eine unübersehbare Vielfalt also, die jede für sich eigene Herausforderungen bergen. Für die meisten Besetzungen gibt es gewisse musikhistorische „Hochzeiten“, aus denen ein Großteil der Werke stammen. Das liegt vor allem auch an der Instrumententechnik (Klarinetten gab es im Barock noch nicht, eine Traversflöte hätte neben einem Horn kaum Chancen gehabt, gehört zu werden etc.). Dementsprechend wird es Epochen geben, deren Werke man in der einen oder anderen Besetzung eher schwerlich spielen kann.

Wenn man nun also das Glück hat, ein Ensemble gerade frisch aufzubauen und hat alle erforderlichen Mitmusiker gefunden, so gibt es viel zu erforschen in Sachen Repertoire und auch in Sachen Zusammenspiel. Es dauert lange, ehe sich alle mehr oder weniger blind verstehen, man einen gemeinsamen Puls entwickelt und auch die Intonation und die Artikulation sich so angleichen, dass das Ensemble wie aus einem Mund „spricht“.

Damit das überhaupt erreicht werden kann, ist aber noch mehr als die Übung erforderlich. Man benötigt eine gemeinsame Klangvorstellung, jeder muss hinhören und das Miteinander muss im Vordergrund stehen. Funktionieren wird das nur, wenn auch alle sich für ähnliche Stücke begeistern. Wichtig ist auch, dass die qualitative Zielsetzung irgendwie zusammenpasst. Wann ist ein Stück schön? Wenn keiner einen falschen Ton spielt? Wenn die Intonation perfekt ist? Wenn man es so richtig schnell spielen kann? Wenn es einen Zuhörer fesselt und Emotionen weckt? Was ist überhaupt das richtige Tempo für ein Werk? Muss es das Tempo einer professionellen Darbietung sein? Oder ist es vielleicht wichtig, dass alle die Chance haben, ihre Stimme noch zu gestalten?

In all diesen Fragen kann es sehr viele verschiedene Ansichten geben. Innerhalb eines Ensembles wäre es jedoch hilfreich, wenn sich alle mehr oder minder zu diesen Themen einig wären. Wenn nicht, entsteht eine Art Tauziehen um die Gestaltung des Repertoires und der Proben.

Wie verläuft also so eine Beziehung in und zu einem Ensemble? Man trifft sich das erste Mal, lernt sich kennen. Entweder gibt es die Gruppe schon und man stößt dazu oder aber alle kommen erstmalig zum Musizieren zusammen. Die ersten Proben sind eine Art Beschnuppern, wer kann was gut und nicht so gut, wer mag welche Musik, welche Musik gibt es überhaupt für die Gruppierung? Das ist durchaus spannend und aufregend. Wir stehen ja am Beginn einer Entwicklung und momentan steht sozusagen die musikalische Welt offen und es gilt, sie zu erobern.

In einigen wenigen Fällen habe ich es auch erlebt, dass man erstmalig zusammen musiziert und da sofort ein Stückchen blindes Verständnis ist. Man ritardiert gemeinsam, jeder reagiert auf die dynamischen und agogischen Impulse des anderen, die gleichen Stücke sind von Interesse usw.

Es kann aber auch das Gegenteil geben. Die Mitmusiker reagieren nicht auf gestalterische Impulse, die angegebenen Tempi können gar nicht verstanden werden, die Dynamik wird ignoriert (auch wenn plötzlich eine Stimme quasi unhörbar weil übertönt wird). Diese eher unangenehmen Effekte wachsen sich dann hoffentlich im Verlauf des Ensemblelebens aus. Zu Beginn sind ja alle noch gestresst, vielleicht nervös, weil man keine Fehler machen, sich vor den relativ unbekannten Mitmusikern nicht blamieren möchte, man muss die Literatur erst kennen lernen, es müssen sich Strukturen bilden (mit wem spiele ich, wer ist flexibel, wem muss man nachgeben, weil er nix mitbekommt).

Was aber passiert, wenn sich all dies nicht einspielt? Was, wenn sich die Vorstellungen von Tempo, von „geübt“ und von interessantem Repertoire nicht übereinander bringen lassen? Was, wenn keine Klangvorstellung entsteht? Dann kann es passieren, dass man mit wenig Vorfreude zu Proben fährt und sie mit noch schlechterer Laune wieder verlässt. Das ist vielleicht die Besetzung, die man immer schon spielen wollte, das sind vielleicht total nette Menschen. Aber hat es Spaß gemacht? Habe ich das Gefühl, den Abend sinnvoll genutzt zu haben? Nein, vielleicht trotzdem nicht.

Wenn man nun viel Zeit hat neben seinem Job, oder man hat nur dieses Ensemble, dann mag eine Abwägung ergeben, dass es schon ok ist, diesen einen Abend jede Woche oder alle paar Wochen so verbringen. Wird die Zeit aber knapper, oder gibt es Dinge, an die man mit Sehnsucht während einer Probe denkt (jetzt könnte ich üben, oder mit einer Freundin quatschen, oder Sport machen oder, oder, oder…) , dann wird die Aussage wahr, dass die Zeit für dieses Ensemble nicht mehr ausreicht. Man ist nicht mehr in der Lage, die Dinge, die einem Freude machen, zu tun, weil man in einer Probe sitzt, die einen nicht erfüllt.

Jeder hat ja nur 24 Stunden am Tag. Die meisten von uns verbringen ca. 8 Stunden an fünf Tagen die Woche sozusagen „fremdbestimmt“. Gut für die, die Ihre Arbeit lieben, weniger gut für die vielen anderen. Es bleiben die Abende und das Wochenende. Gemeinsam Musik machen ist in dieser freien Zeit eine echte Verpflichtung. Wer Proben vereinbart oder gar Konzerte, der kann nicht einfach sagen „heute ist das Wetter schön, ich geh lieber schwimmen“ (wer es doch tut, wird bald nur noch alleine spielen). Proben wollen vorbereitet werden, das bedeutet bei etwas anspruchvollerem Repertoire auch üben. Wir gehen also eine Verpflichtung in der Zeit ein, die eigentlich zu unserer freien Verfügung steht und in der wir uns eigentlich „erholen“ sollen. Daher finde ich es wichtig, in der Freizeit Dinge zu machen, die mir Energie geben, gute Laune, Freude oder gar Erfüllung.

Nun gibt es Proben zu denen man in Stress und Hektik relativ unwillig aufbricht, die man aber mit einem Lächeln im Gesicht verlässt, weil man musiziert hat. Das gemeinsame Spiel kann tatsächlich sehr starke Glücksgefühle entstehen lassen. Nach dem Musizieren geht es einem besser als zuvor, die Müdigkeit ist verflogen, die Vorfreude auf die nächste Probe schon groß. Wer das je erlebt hat, der wird wissen, wovon ich spreche. Wer das je erlebt hat, der wird auch merken, wenn dies nicht der Fall ist. Es entsteht eine Art Sucht nach diesem Gefühl. Die im Spielen freigesetzte Energie trägt einen gleich durch den nächsten Tag. Die Freizeit ist gut genutzt, weil sie Kraft für die Aufgaben des Tages gibt. Das ist der Idealfall. Und das ist es, was man suchen muss, wenn man seine Gesundheit erhalten möchte.

Mit einem Ensemble besteht eben eine zwischenmenschliche Beziehung, genau wie eine Partnerbeziehung im Grunde. Und genau wie bei einer Partnerbeziehung ist es an der Zeit zu gehen, wenn die Energiebilanz aus dieser Beziehung dauerhaft negativ ist. Sicher gibt es immer mal Tiefs und man kann solche dann ja auch für eine Zeit ausgleichen aus anderen Quellen. Auf die Dauer ist das aber nicht möglich und jeder tut gut daran, dann auch die Konsequenz zu ziehen und auch dem Ensemble die Chance zu geben, die Person zu finden, die dazu passt wie das fehlende Puzzleteilchen, anstatt mehr oder weniger unwillig seine Pflicht zu tun.

Manchmal kommt ja so das eine zum anderen. Bei mir war das beispielsweise eine Altflöte, die seit ca. 5 Jahren in meinem Besitz ist und eigentlich erst einmal (für Jekyll & Hyde) so richtig produktiv (sprich mit Zuhörern) zum Einsatz kam. Geübt habe ich dann auch nicht sonderlich viel drauf. Die Versuche, ein vollständiges Flötenquartett auf die Beine zu stellen, weil man das Ofenrohr da öfter brauchen kann, sind bisher auch nicht ganz erfolgreich gewesen.

Die zweite Zutat, das was dazu gekommen ist zur Altflöte, war die Bekanntschaft mit dem überaus engagierten, engergiegeladenen und sympathischen Kopf und Herz hinter Flutissimo (Namen nenne ich hier grundsätzlich nicht). Der neben seinem unermüdlichen Einsatz für die Böhmflöte als Upgrade für alle Spielmannszüge auch gleich noch ein Flötenorchester gegründet hat und leitet. Das Projektorchester NRW.

Irgendwann bekam ich eine Aufnahme von ihm, geschickt per Mail mit dem Kommentar „leider sind wir in den tiefen Flöten noch etwas dünn“….. da zählte ich eins (eine allmählich oxidierende Altflöte) und eins (eine fehlende Altflöte) zusammen und heraus kam eine Anmeldung zur Probenphase des Orchesters letztes Wochenende.

Als ich vor einigen Wochen (oder Monaten?) meine Anfrage diesbezüglich startete, wurde ich kurz danach durch zahlreiche Mails von den verschiedenen engagierten Mitorganisatoren bezüglich der erforderlichen Schritte erleuchtet, erhielt Zugriff auf den Mitgliederbereich der Homepage und wurde sanft und perfekt in Richtung Probentag begleitet.

Die erste Pirsch durch Forum, Anmeldesystem etc. erfüllte mich zum einen mit Bewunderung für diese vollkommen durchdachte Organisation und Fürsorge, zum anderen spürte ich bei einigen der vereinsmässigen Kollektivmaßnahmen (z. B. alle brauchen die exakt gleiche Pultleuchte, wer keine hat, spielt nicht mit) meine mit dem Alter immer tiefer sitzende Unverträglichkeit mit dem deutschen Vereinswesen wieder einmal aufmuggen.

Kurz vor der Probe begab ich mich also auf das Portal und lud die dortigen Noten runter. Die ganzen alten Mails habe ich in der mir eigenen Ignoranz nicht nochmal gelesen. Das führte dazu, dass ich innerhalb von zwei Tagen (am ersten brach ich aus Verzweiflung irgendwann ab) meinem Drucker ein Kilo Papier abrang. In einer anderen Einheit gezählt: ca. 30 Arrangements gab es im Portal, ich habe sie alle geholt und gedruckt.

Abringen beschreibt dabei nur meinen Umgang mit dem aus Altersstarrsinn bockigen Brother-Drucker, der immer erst mal ca. 20 Seiten problemlos druckt und dann je gedruckte Seite gerne ca. 5 mal Papierstau beseitigt hätte…. grrrrrrr.

Sonntag morgen fiel ich dann pflichtschuldig kurz nach 8 aus dem Bett, schnappte mir das Papierbündel (wollen die das alles spielen????) und düste Richtung Wülfrath (für alle wie mich Unkundigen: auf der Nord-Ost-Schiene betrachtet zwischen Mettmann und Wuppertal aber etwas nördlich). Schöne Landschaft, dazu der erste strahlend blaue Sommerhimmel dieses Jahres, was will man mehr?

Dort angekommen finde ich die perfekte Organisation und eine für ein so großes Ensemble mir vollkommen neue Disziplin vor. Zunächst wird der Beitrag für den Probentag kassiert (10 Euro, dafür gibt es Kopien, wenn Noten fehlen und ein warmes Mittagessen). Meine kurzsichtige Frage nach dem richtigen Sitzplatz (weiß ich denn, wie die Stimmen im Flötenorchester verteilt sind?) zeigt wiederum, dass ich gute Organisation nicht gewohnt bin: auf jedem unbesetzten Stuhl liegt ein Namensschild (wow). Unbesetzt sind aber gar nicht so viele, da ca. 20 Minuten vor Probenbeginn tatsächlich schon viele mit ausgepacktem Instrument vor ihren Notenständern sitzen. Auch dafür nochmals meine Ver- und Bewunderung.

Ich platziere mich also und harre der Dinge die da kommen. Sehr schnell lerne ich, dass man natürlich nicht 30 Werke aufzuführen gedenkt (hätte zur sonstigen Organisation auch nicht gepasst), vielmehr wäre ich gut beraten gewesen, nochmal die Mails alle durchzusehen, da gab es nämlich ein gültiges Programm mit ca. 10 Titeln. Dafür hätten auch ich und mein bockiger Drucker vermutlich höchstens ne halbe Stunde gebraucht (seufz) und ich hätte in der Probe nicht stets mit zunehmender Verzweiflung den ganzen Haufen nach dem gewünschten Stück durchsuchen müssen.

Ich lerne außerdem, dass man nicht aus NRW sein muss, um hier zu spielen (meine Nebensitzerin ist aus Aschaffenburg angereist, nochmal wow, warum das „wow“ ist, zeigt die Karte für alle Geographie-Dilettanten (ich bin einer)).

Außerdem lerne ich einiges über Spielmannszüge und deren aktuelle Modernisierungsarbeit (Nebensitzerin andere Seite). Ich lerne, dass es hier viele Menschen gibt, die Arrangements für Flötenorchester schreiben, häufig wohl als Bearbeitung von Blasorchesterausgaben. Ich darf mir das Genick von den sanften Tönen einer Kingma-Subkontraflöte kitzeln lassen (das macht in meinem Hinterkopf ein leises „will haben“ zum Dauerhintergrund). Und ich merke schnell, wer 8 Stunden mit einer Altflöte mit geradem Kopf spielen will, der sollte zuvor seinen rechten Arm trainieren (aua).

Was ist mein Fazit? Nie habe ich einen disziplinierteren, motivierteren oder besser organisierten Haufen von Hobbymusikern (und ein paar Profis) erlebt (und ich habe schon manches mitgemacht). Unser musikalischer Leiter hat mich mit der hier, wie auch in allen bisherigen sonstigen Begegnungen und Umständen, gezeigten gleichbleibenden Geduld, Freundlichkeit und Motivationskunst überzeugt (afrikanische Musik? dann stehen wir doch mal auf und tanzen das, genial). Ich gestehe, die Musikauswahl ist nicht so ganz die meine und Altflöte spielen sehr viel anstrengender als angenommen. Da ich in der vorangegangenen und den kommenden Wochen zunehmend feststellen musste, dass es mir nicht bekommt, wenn ich am Wochenende nicht wenigstens einen halben Tag frei habe, werde ich wohl nicht zum Dauergast aller Probephasen (wenigstens nicht dieses Jahr). Aber ich denke darüber nach, dass ich so ein Orchester für manchen Flötenschüler gerne zum lebendig werden lassen des Gelernten gehabt hätte und dass das für jeden Flötisten, der kein Ensemble oder Orchester hat, eine perfekte Umgebung ist, um gemeinsam zu musizieren.

Und da vor allem tiefe Flöten immer fehlen und ich mir denke, es gibt auch andere, die sich so ein Ding gekauft haben, das nun meist nur rumliegt, kann ich nur sagen: meldet Euch an! Man muss ja nicht aus NRW sein und wenigstens die Altstimmen sind sooooooo schwer nicht.

Müllenborn 2013

2 Kommentare

Irgendwie scheint es, als wäre ich in diesem Jahr bis jetzt mehr unterwegs in Sachen Musik gewesen als zuhause. Vergangenes Wochenende war es auch wieder so weit. Kammermusikkurs in der Eifel. Diesmal nicht „Winds only“ sondern eher „Mostly strings“.

Letztes Jahr war ich schon mal da (zum ersten Mal) und habe berichtet. Dieses Jahr also wieder. So wild ich bereits direkt nach der Heimfahrt im letzten Jahr darauf gewesen war, so schwer fiel mir dann doch die Entscheidung, als es so weit war, sich anzumelden.

Zunächst hatte meine Begleiterin vom letzten Jahr bereits frühzeitig angekündigt, dass ihr Geburtstag sie dieses Jahr von einer Teilnahme abhalten würde. Dann war ich zudem noch zu eben diesem Geburtstag eingeladen (genau wie zu einem weiteren). Ich beschloss im Stillen, am Kurs teilzunehmen und zur abendlichen Feier mich dann vorübergehend abzusetzen. Als sich dann Anfang dieses Jahres herausstellte, dass die Feier gar nicht am Abend sondern eher am Mittag statt fände, musste ich meine „ich nehme alles mit“-Taktik fallen lassen und guter Rat war teuer.

Da aus meinen zwei Bläser-Quintetten drei andere Kollegen auch schon da gewesen waren und nur eine von diesen definitiv abgesagt hatte, schlugen wir dem Rest des Haufens auch vor, mitzukommen. Somit wäre das letztjährige Fagott-Problem bereits vermieden gewesen und wir hätten ein langes gemeinsames Wochenende mit Musik genießen können, eigentlich eine schöne Idee. Ich hatte damit gerechnet, dass der Vorschlag auf wenig Gegenliebe stoßen würde und hatte mich noch immer selbst nicht angemeldet, da teilte mir unsere Oboistin mit, dass sie schon angemeldet sei. Die zwei anderen Müllenborn-Erfahrenen zogen relativ schnell nach und so meldete auch ich mich auf den letzten Drücker noch an, weil ich ja kein Spielverderber sein wollte.

Leider gab es aber wieder keine Fagott-Anmeldung, dafür zu dem Zeitpunkt zwei Klarinetten, zwei Oboen und zwei Hörner. Nun ging also die händeringende Fagott-Pirsch von neuem los. Meinerseits leider vollkommen erfolglos. Ich spielte bereits mit dem Gedanken, mich doch wieder abzumelden, weil ich keine Lust auf etwas Elgar-ähnliches wie im Vorjahr hatte und mich durchaus auch mit einem Eine-Party-sonst-frei-Wochenende hätte anfreunden können, da kam von der Organisatorin die freudige Erfolgsnachricht: Fagott an Bord. Um spielbare Besetzungen zu erreichen, wurden allerdings die anderen Bläser (außer den Hörnern) auf einfache Besetzung zurückgestutzt und so blieb von meinem Quintett nur der Hornist noch übrig.

Am gleichen Tag erreichte mich die Information, dass am selben Wochenende Patrick Gallois in der Musikhochschule Düsseldorf zu Gast sein würde, öffentlicher Unterricht und Konzert eingeschlossen. Wenn ich etwas beweglicher wäre, ich hätte mich bestimmt in den Hintern gebissen. So aber wurde es nur der saure Apfel…. die freudige „ein Fagott, ein Fagott-Stimmung“ (frei nach Loriot) wollte ich jetzt, wo alle Besetzungen schon eingetütet waren nicht durch eine Absage zerstören.

Somit ging es diesmal am Mittwoch einer hektischen Woche bei miesem Wetter und irrem Verkehr mit deutlicher Verspätung auf die Piste. Unser Quintett-Hornist und ich zusammen mit mehreren Kabeltrommeln und wiederum säckeweise Noten. Wir kamen mit gut einer Stunde Verspätung an, gönnten uns noch einen Happen zu Essen und warfen uns dann in die mir jetzt schon bekannten Vorstellungs-, Einführungs- und Tutti-Spiel-Rituale.

Zu meiner Verwunderung stellte ich fest, dass man in Anwesenheit von „Neuen“ als „einjähriger“ schon ein richtiger alter Kenner der Materie ist. Irgendwie ulkig, konnte ich mich doch noch gut an meine leichte Nervosität und Unsicherheit im Vorjahr erinnern. „Was wird mich da wohl erwarten?“ so dachte ich damals. Diesmal grinste ich leicht in mich hinein, da auch den diesjährigen Neuen die Fragezeichen recht deutlich ins Gesicht geschrieben standen.

Ich erwischte durch Zufall das gleiche Zimmer wie im letzten Jahr (unter dem Dach), allerdings das andere der zwei Betten und eine andere Mitbewohnerin (logisch, die ursprüngliche war ja nicht da :)).

Die Aufteilung der Besetzungen ergab für die Bläser (abgesehen von den Hörnern) relativ wenig Abwechslung. Mit Austausch des jeweiligen Hornisten spielten wir einmal Sextett (Bläserquintett + Kontrabass) und einmal Nonett (Bläserquintett + Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass).

In den jeweils ersten Sitzungen wurden das Onslow-Nonett Op. 77 und eine Bearbeitung der Schubert-Fantasie in f-moll für 4-händiges Klavier ausgewählt.

Die vier Tage zeigten, dass in beiden Besetzungen die allerbeste Stimmung herrschte, die Probenarbeit entspannt, zielgerichtet und humorvoll verlief. Was kann man mehr wollen? Einmal angekommen habe ich so bis zur Rückreise keinen Gedanken mehr an den Besuch des Herrn Gallois in Düsseldorf verschwendet.

Die „Neuen“ so weit sie in meinen beiden Ensembles beschäftigt waren, erwiesen sich als echter Gewinn für Musik und Gemeinschaft. Die Abende verliefen entspannt und gesellig. Alles in allem könnte man sich höchstens darüber beschweren, dass dank des Wetters der obligatorische Grillabend inklusive Bierfässchen dran glauben musste. Dafür waren die Temperaturen übefreundlich: nicht zu heiß und nicht zu kalt.

Unsere Schlussaufführung verlief in beiden Fällen sehr erfreulich. Auch hier führte die Erfahrung vom Vorjahr zu stark reduzierter Nervosität. Allerdings muss ich sagen, auch wenn der Schubert mich als Ohrwurm auch heute wieder heimgesucht hat (da-da-da-diiiii-da, da-da-da-di-da-da….), den brauch ich glaube ich nicht nochmal. Das Stück ist auch in der Bearbeitung unfassbar lang und voller Wiederholungen, viel zu wenig Pausen und doch relativ schwer zu gestalten (wie? Soll ich das jetzt nochmal spielen…..pfffffff). Der Onslow war ein Vergnügen (vor allem dank unseres Frontman mit absoluten Alleinunterhalter-Qualitäten). Beide Stücke boten wenig flötistisch brenzliges vor dem man ernsthaft hätte zittern müssen und erlaubten so die Konzentration auf Zusammenspiel und musikalische Linie.

Es bleibt der feste Vorsatz: Nächstes Jahr unbedingt wieder. Allerdings habe ich mir vorgenommen, nicht mehr mit Tonnen von Noten anzureisen (wenigstens nicht, wenn ich die einzige Flöte bin), sondern vorzusortieren und eine Handvoll Werke zu wählen, die ich dann auch unbedingt beim Blattspielen mal machen möchte. Übrigens gab es in dieser Disziplin dieses Jahr einmal Flötenquintett (zwei Werke von Romberg) in der Besetzung Flöte – Geige – 2 Bratschen und Cello sowie ein Trio mit Cello und Kontrabass, in dem ich die Geige machte.

Besonders schön war für mich die Beobachtung der vielen richtig guten Geiger. Da konnte ich als Anfangs-Schrubber wirklich allerhand abschauen und staunen….

Impulse…

1 Kommentar

…. was für ein vielseitiger Begriff. Abgesehen von der physikalischen Bedeutung des „Impulses“ wird der Begriff ja in vielerlei Zusammenhang verwendet: einem Impuls folgen, impulsiv, Impulse geben etc.

Mir hat sich dieses Wort seit ein paar Tagen im Kopf festgesetzt und zwar im Zusammenhang mit einem Kammermusikkurs, den ich letzte Woche besucht habe, quasi als dessen Quintessenz.

Zunächst mal in alt gewohnter Weise die Fakten: Ich war von Montag Abend bis einschließlich Samstag auf einem Kammermusikkurs der Werkgemeinschaft Musik in der Jugendbildungsstätte in Altenberg. Es handelte sich um einen reinen Bläserkurs für zwei Quintette. Dabei sollten von jedem Quintett ein Werk und von beiden Quintetten zusammen zwei Dezette erarbeitet werden, wobei die Stimmen zwischen beiden Dezetten jeweils getauscht wurden. Der Dozent war Peter Wuttke, Oboist (Barockoboe) aus Essen.

Dem Namen nach und vom Erzählen kenne ich den Kurs schon lange durch eine Freundin, die früher immer da war. Dieses Jahr bin ich da gelandet, weil mich eine Oboistin fragte, die ich von einem anderen Kurs im letzten Jahr kenne. Erstaunlicherweise fehlte tatsächlich eine Flöte zur vollen Besetzung. So was gibt es eigentlich gar nicht. Die einmalige Chance ergriff ich spontan und freute mich fortan und war auch nervös, da die Veranstaltung durchaus den Ruf eines hohen Niveaus hat.

In Sachen Quintett standen zur Auswahl das vierte Quintett von Sobeck und die Ligeti-Bagatellen.  Ich wünschte mir frühzeitig Ligeti, weil der bei mir schon lange im Schrank steht und von meinen zwei Quintetten keines dazu zu motivieren ist, sich mit dem auseinanderzusetzen. Fortan habe ich dann heftig geübt, auch ein bisschen Piccolo, im Ligeti muss man ja wechseln.

Als Dezette waren Florent Schmitt (Lied und Scherzo) und eine Serenade von Jadassohn. Ich wählte für ersteres Flöte und war damit bei letzterem die zweite Stimme.

Bei der Anreise zeigte sich als erstes, dass die Unterkunft ein echter Knüller war. Zweierzimmer mit eigenem Bad und in super gutem Renovierungszustand. Die Mitmusiker waren bunt gemischt, im Alter zwischen Anfang zwanzig und um die 50, zwei Studenten und eine Menge engagierter Amateure. Menschlich passte das prima, wie die Woche (inklusive der späten Abende) noch zeigen würde.

Der Ligeti ist rein technisch nicht so wahnsinnig schwer. Die Dynamik (ganz häufig pp) und die Taktwechsel dagegen ließen zusammen mit den Tempoangaben schon einigen Spaß beim Proben erwarten. Und so war es dann auch.

Meine alte „Intonationsphobie“ war in dieser Woche gar kein Thema. Mit der Oboistin stimmte es von Anfang an wirklich gut und an dieser Front hatte ich keine Probleme. Zu meiner Überraschung dominierte dagegen das Thema „Rhythmus“ die ganze Woche. „Zu meiner Überraschung“ sage ich, weil ich eigentlich im Rhythmus eher immer eine meiner Stärken gesehen habe. Und mit dem Stichwort „Rhythmus“ sind wir dann auch schon wieder beim Titel. Im Ligeti drehte sich alles um Impulse. Den Anfangsimpuls, damit alle das Tempo verstehen, den Impulsen bei den plötzlichen Tempowechseln, Taktwechseln oder stringendi und ritardandi. Als Flöte ist man da häufig sehr in der Pflicht.

Prinzipiell kenne ich das aus meinen regelmässigen Kammermusikaktivitäten in verschiedenen Ensembles. Plötzlich aber war es unendlich schwer, diese Impulse zu geben. Wie kams? Ich habe viel darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass diese Form des „Leitens“ früher schon immer mal schwierig für mich war und eigentlich aktuell überall gut klappt, weil ich mich kompetent dafür fühle, die mit mir Musizierenden zu führen. In Altenberg allerdings war ich gefühlt in der „Defensive“, traute mir das nicht recht zu, hatte viel Respekt vor den Mitmusikern und fühlte mich gar nicht in der Position, denen irgendetwas vorzugeben. Ein Teufelskreis, der zu immer mehr Korrekturen, immer weniger Selbstbewusstsein und immer mehr Fehlern (inklusive abstürzender Töne in der dritten Oktave) führte.

Donnerstag war ich am Tiefpunkt, empfand mich als absoluten Bremsklotz der Nation und brachte irgendwie gar nix mehr auf die Reihe (meine Wahrnehmung). Da half nur frische Luft, einsame Analyse und ein paar Worte mit einigen meiner Mitmusiker in der Mittagspause. Das brachte mich jedenfalls wieder in probentaugliche Form. Freitag Abend hatten wir dann eine Art Generalprobe für die Quintette (gegenseitiges Vorspielen des geprobten Werkes). Gleich in unserer sichersten Nummer, der ersten, ging so manches übel schief und  dennoch kamen wir durch. Außerdem lag es nicht ausschließlich an mir, dass manches nicht klappte. Auch mancher meiner aus meiner Sicht so deutlich überlegenen Mitmusiker patzten und auf einmal schöpfte ich etwas Mut. Eine eigenartige Reaktion auf unsere Fehler.

Samstag stand dann dass Abschlusskonzert im Haus Fuhr in Essen (wunderschöner Saal) an. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal so nervös gewesen zu sein. Der Schmitt zu Anfang klappte nicht besonders. Es folgte Sobeck und dann Ligeti. Die 25 Minuten während unsere Kollegen musizierten waren für mich geradezu gespenstisch. Dann ging es raus und auf die Bühne. Und irgendwie fluppte es erstaunlich gut. Ich denke, die beste Version, die wir die ganze Woche hinbekommen hatten (in Summe).

Ab Sonntag hallte dann die Woche in mir nach. Kein so ganz positiver Blick zurück. Was ist da bloß alles passiert? Der Kurs war ein Impuls für mich. Der Anstoß dafür, meine musikalischen Aktivitäten ganz neu zu überdenken. Wie kann ich mich weiterentwickeln, wenn in den Kammermusikproben, an denen ich teilnehme, keiner da ist, der mich wirklich korrigiert, der mich auf  die Dinge, die ich selbst gar nicht bemerke, hinweist? Wenn in meinen Ensembles kaum Repertoire auf das Pult kommt, das mich zum Üben bringt? Wenn sich in jahrelangem Zusammenspiel kein gemeinsames musikalisches Empfinden und keine Ensembledynamik entwickelt? Ich habe mich schon oft gefragt, ob das nicht anders ginge. So gerne würde ich in Gruppen spiele, in denen ich irgendwo im Mittelfeld oder am unteren Ende der Leistungsskala wäre. Momentan habe ich nur ein Trio, in dem wir alle auf gleichem Niveau musizieren, ansonsten sehe ich das nicht (ich weiß, das klingt vermessen und unbescheiden, sorry dafür).

Dazu kommen Muggen, die meist mit einer Probe auskommen, wo also niemals wirklich an den Stücken gearbeitet wird. Auch nicht förderlich für eine echte Weiterentwicklung. Im Unterricht lerne ich immer sehr viel, allerdings ist das eine etwas andere Ebene, mehr in instrumentaler Spieltechnik und natürlich auch musikalischer Gestaltung, allerdings eben ohne die Aspekte des Zusammenspiels und der Kommunikation im Ensemble, die ich in Altenberg als Defizite identifiziert habe.

Ich habe das Bedürfnis, meine musikalischen Fähigkeiten und mein Selbstverständnis als Flötistin neu zu definieren, einen anderen Bezugsrahmen für mein Spielen zu finden. Nur wo und wie? Ich möchte nicht mehr so abhängig von Feedback und meinen Ängsten sein, bräuchte mehr Mut zum Fehler und Selbstbewusstsein, dann hätte ich viel souveräner spielen können. Die erforderliche Sicherheit, um den „Ton“ angeben zu können, wo es nötig ist, oder auch nur die eigene Stimme durchzuziehen, stammt beim alltäglichen Musizieren offensichtlich alleine aus der Wahrnehmung einer Überlegenheit hinsichtlich Instrumentenbeherrschung, musikalischer Erfahrung und Repertoirekenntnis (als „Legitimation“ sozusagen). Sobald das Umfeld wechselt und versiertere Musiker mich umgeben, knicke ich ein und büße alle musikalische Souveränität ein. Nicht gut.

Was also bleibt? Eine Menge zum Grübeln, ein Haufen Baustellen und einige zu treffende Entscheidungen bezüglich der Zukunft meiner Kammermusikaktivitäten. Ein denkwürdiger Kurs und nachdrücklicher Impuls im Frühjahr, das war er wohl für mich, der Kammermusikkurs in Altenberg.

 

 

Endlich wieder eine Menge flötistischer Termine zum Versüßen der letzten Wintertage:

  • Flöte und Klavier gibt es kommenden Freitag, den 22. Februar um 20 Uhr im Museum am Dom in Trier. Es spielen Elya Levin (Flöte) und Jerome Weiss (Klavier). Auf dem Programm stehen Werke von Schubert, Ravel, Borne, Sancan und Skrjabin.
  • Flöte und Gitarre, wobei die Flöten auch Alt- und Bassflöten und das aus unterschiedlichsten Materialien sind. Das wird am 27. Februar ab 19.30 im Kulturzentrum Hof Jünger in Kirchhellen geboten. Die Künstler sind Thomas Döller (Flöte) und Jürgen Schwalk.
  • Am 1. März um 20 Uhr und am 3. März um 17 Uhr gibt es vom Ensemble „Schmids Laden-Künstler“ Musik französischer und deutscher Komponisten in Geisenhausen in Schmids Laden. Die Besetzung: Flöte, 2 Klarinetten und Klavier.
  • Wally Hase ist am 12. März um 20 Uhr in Neustadt an der Weinstraße im Saalbau zu hören. Begleitet vom Mitteldeutschen Kammerorchester wird unter anderem die h-moll Suite von Bach zu hören sein. Karten gibt es ab 10 Euro.
  • Am 24. März um 11 Uhr veranstaltet der Verein Kinderkultur Thüringen in Bilke-Saal Pößneck das erste Konzert einer ganzen Reihe von Familienkonzerten. Die erste Veranstaltung richtet sich besonders an Kinder zwischen 3 und 8 Jahren. Unter dem Motto „Wellenklang und Nixengesang“ wird in der Besetzung Karina Suslov (Viola), Susanne Ketter (Harfe), Anne Katrin Taubert (Gesang) undKathrin Bonke (Flöte und Moderation) musiziert.

Vor wenigen Wochen hatte ich es hier schon angekündigt, Pahud war gestern in Düsseldorf. In der schönen Besetzung Flöte und Gitarre (Christian Rivet), die man leider gar nicht so oft in den größeren Konzerthäusern zu hören bekommt.

Als ich Anfang Januar zwei Karten kaufte, war der mir noch unbekannte Robert-Schumann-Saal im vorderen Bereich schon ganz gut belegt. Allerdings schlossen sich die bestehenden Lücken in den Reihen bis gestern nicht vollständig und es scheint mir auch, dass nicht alle erschienen sind, was eventuell dem im Rheinland eher seltenen Schneefall geschuldet war.

Meine Anreise war auch durch die Wetterbedingungen geprägt. Da ich den Saal und die Verhältnisse vor Ort ebenso wenig kannte wie die Verkehrsverhältnisse um diese Zeit, brach ich zeitig auf. Wider Erwarten (normalerweise verfahre ich mich immer furchtbar in Düsseldorf) fand ich das richtige Parkhaus sehr schnell und war dann eine Stunde früher als gewünscht vor Ort. Nicht schlimm, mit einem guten Buch und einem Latte Macchiato lässt sich eine Stunde wunderbar überbrücken.

Die Freundin, mit der ich zum Konzert verabredet war, hatte leider mehr Schwierigkeiten, die richtige Parkhauseinfahrt zu finden, also habe ich den Telefonlotsen gemacht. Wir beide ließen dann schon mal ein bisschen Geld am CD-Verkaufsstand. Das Foyer zum Saal füllte sich und es wurde offenbar, was zu erwarten gewesen war, alle Flötenstudenten aus dem Umkreis von 50 km schienen vor Ort zu sein.

Schön fand ich das kleinformatige Programmheft, eine günstige Größe, passend für Hosentasche oder jede Form von Handtasche. Leider habe ich natürlich geschafft, das Heftlein irgendwo zwischen Konzert und zuhause zu verlieren oder zu verlegen.

Beim Einlass zeigte sich ein wunderschöner Saal in hellem Holz mit schwarzer Bestuhlung, lang und schmal. Der Eindruck vom Saalplan im Vorverkauf, dass der vorderste Block durch einen Gang von der restlichen Bestuhlung getrennt wäre, war ein Irrtum. Vermutlich sollte der Abstand zeigen, dass hinter dieser Reihe der Boden ca. 15 cm ansteigt. Ein wenig irritierend bei der Suche nach dem Sitzplatz.

Wir saßen in Reihe 6 und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Mit minimaler Verspätung betraten die beiden Protagonisten die Bühne. In der Mitte standen zwei ganz normale Notenständer, ein Stuhl und die Fußstütze für den Gitarristen.  Da sieht so eine Bühne richtig leer aus.

Das Programm wurde mit der C-Dur Sonate von J. S. Bach (nicht gesichert) eröffnet. Anfangs empfand ich das Zusammenspiel noch etwas wacklig. Kurz vor dem Beginn des ersten Satzes, als die Musiker gerade ihre Konzentration zusammensammelten, brach irgendwo im Saal ein Husten aus und man konnte den Gitarristen die Stirn runzeln sehen.  Der erste Hinweis auf sein während des ganzen Konzertes sehr ausdrucksvolles Mienenspiel. Im Verlauf der Sonate konnte man merken, wie das Timing stabiler wurde.

Dem Bach folgten zwei Duos von Francesco Molino. Sehr witzige Musik, die Pahud viel Gelegenheit zum Spiel und zur Gestaltung bot. Im Vergleich zu anderen Konzerten, die ich von ihm erlebt hatte, empfand ich das Zusammenspiel mit Rivet etwas anders. Ich habe von anderen Besetzungen ein sehr kommunikatives Zusammenspiel in Erinnerung. Gestern erschien die Arbeitshaltung des sitzenden Gitarristen, in seiner Position durch Fußstütze und Instrument weitgehend fixiert und auf die Noten konzentriert, für die Kommunikation etwas hinderlich. Pahud stand neben ihm und blickte sozusagen auf ihn herab. Rivet konnte nur durch extremes Verdrehen der Augen sehen, was Pahud so machte. Einen solchen Blick konnte ich ein oder zweimal beobachten. Damit war Pahud sozusagen genötigt, Rivet genau zu beobachten und damit nicht mehr im gleichen Maße beweglich wie vielleicht bei anderen Konzerten (ich habe ihn als Tänzer im Gedächtnis).

Das heißt natürlich nicht, dass er unbeweglich blieb, nein wie auch sonst spielte er sehr aktiv, nur die Blickrichtung war eben an den Mitmusiker gebunden. Die Körperarbeit schien mir sehr atmungsunterstützend, Pahud hat ja einen unfassbar großen Ton (wenn er möchte), mit der Erinnerung an die Übungen aus dem „Höhenflüge“-Buch, schien mir manches tänzerische gleichzeitig fast wie „Luftpumpen“.

Die eher unterhaltsamen Duos von Molinari wurden gefolgt von dem Solostück „Voice“ von Takemitsu. Die Komposition erfordert den Einsatz vieler moderner Spieltechniken wie singen und spielen, rufen, sprechen, Klappenklappern usw. Das war naturgemäß ein extremer Kontrast zur vorherigen Musik. Wie das leider oft so ist, wurde es im Saal unmittelbar unruhig. Von Husten über Rascheln und sogar unterdrücktes Kichern, Stühlerücken…. das Übliche. Leider scheint niemand Lust zu haben, seine volle Aufmerksamkeit auf solche Werke zu richten. Schade, es hätte sich wirklich gelohnt. Eine derartige Bandbreite an Klangfarben und Dynamik. Persönlich finde ich es immer sehr viel schwerer meine Stimme öffentlich zu nutzen als zu spielen. Daher habe ich den größten Respekt davor, wenn jemand den Mut für solche Stücke aufbringt (aber das nur am Rande, Pahud kratzt so was sicher nicht).

Den Abschluss der ersten Konzerthälfte bildete ein Werk von Ravi Shankar, das dieser ursprünglich für Flöte und Harfe komponiert und Rampal gewidmet hatte. Geprägt von indischer Harmonik entwickelt das Stück aus einer eher meditativen Stimmung zu Beginn immer mehr Bewegung. Pahud betonte in den schnelleren Teilen ausgesprochen jazzig, das Zusammenspiel harmonierte hervorragend und die Musik, obwohl ebenfalls in gewisser Weise fremdartig, fesselte das Publikum (endlich, ich empfand den Saal gelegentlich als sehr unruhig). Ein toller Abschluss vor der Pause. Mich würde interessieren, wie Rampal dieses Stück gespielt hat, ich kenne in jazziger Richtung von ihm nur die Aufnahme der Bolling-Suite und da schien mir das eher nicht sein bevorzugter Musikstil.

Der zweite Teil startete, nachdem sich in der Pause jeder Autogramme holen konnte, mit Gitarre solo. Ein Werk von Manuel de Falla zum Tode von Debussy. Spanisch und schwermütig, wie Komponist und Anlass erwarten lassen. Sehr schön. Es folgte der in dieser Besetzung wohl unvermeidliche Piazzolla. Flöte und Gitarre ohne Histoire du Tango ist wohl auch nicht denkbar. Auch hier hatte ich wiederum verschiedentlich den Eindruck, dass die beiden nicht hundertprozentig das gleiche Timing hatten. Auch die Blicke zwischen beiden nach dem Stück wirkten ein wenig belustigt. Nichtsdestotrotz, ein wunderbares Stück Musik und von zwei großartigen Musikern dargeboten.

Nach Programm den Abschluss bildeten Rumänische Volkstänze von Bartok. Von melancholisch bis furios, auch hier konnten beide wiederum ihre ganze Spielfreude ausleben und die Vielfalt ihres musikalischen Ausdrucksvermögens voll ausspielen. Zu recht wurde der Abend mit ausdauerndem Applaus beschlossen, der dem Publikum ein weiteres Werk (Titel konnte ich leider nicht verstehen) von Villa-Lobos und nochmals ein wenig Bartok bescherte.

Mein Eindruck im Ganzen war der, einer vielversprechenden Zusammenarbeit, die vielleicht noch ganz am Anfang steht. Es wäre toll, wenn der Name Pahud der unterschätzten Besetzung Flöte und Gitarre ein wenig Glanz geben könnte. Ein Genuss war es allemal, auch durch die geradezu humoristischen Einlagen in Form der Notensortiererei, schwungvollen Umblätterns, Stuhl Einrichtens etc., das jeweils von Pahud mit Schmunzeln beobachtet wurde. Ich wünsche mir mehr davon und denke, so wird das allen gehen, die gestern anwesend waren.

Auf Flickr gibt es auch die Bilder vom gestrigen Abend zu sehen.

 

Switch to our mobile site

%d Bloggern gefällt das: