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Ich möchte gleich zu Anfang betonen, dass hier mit Technik weder die Finger-, noch die Ansatz- oder Atemtechnik gemeint ist, sondern die moderne Technik: Computer, DVD, Fernsehen etc.

Vielleicht fragt sich mancher, wo ich die Termine, die hier veröffentlicht werden, immer hernehme. Anfangs habe ich gesucht. Das war sehr aufwändig. Irgendwann bin ich dann auf Google Alert gestoßen. Hier kann man sozusagen bestimmte Suchbegriffe abonnieren. Sehr praktisch und ein wahrer Segen. Neben einer Menge Termine erhalte ich auch andere Nachrichten zu flötistischen Themen. Das ist wirklich interessant und kostet mich leider auch eine Menge Geld. Wegen der vielen Hinweise auf Noten, Bücher, CDs und auch DVDs, die mich immer sehr leicht in Versuchung führen einzukaufen.

Auf diesem Weg wurde ich auch auf die erste DVD aufmerksam, die seit heute auf Flutepage geführt wird. Mangels Kollegen habe ich sie als Buch erfasst mit einem Klammerhinweis, dass es sich um eine DVD handelt. Das gute Stück zeigt Flötenunterricht bei Pierre-Yves Artaud. Um 1990 gabe es im französischen Fernsehen eine Serie mit 12 Folgen, in denen der Unterricht der damals bekanntesten Musiker gezeigt wurde. Die ist eine Folge dieser Serie, von harmonia mundi auf DVD veröffentlicht. Leider ist das ganze auf Französisch, was ich ja nicht verstehe. Deutsche und Englische Untertitel sind aber vorhanden, so dass man nur durch das Lesen ein wenig vom Hören abgelenkt wird.

Als ich mir das Fundstück heute endlich ansehen wollte, bekam ich einen ganz schönen Schrecken. Mein DVD-Player verweigerte die Wiedergabe mit einer Meldung, dass der Fernseher irgendwie nicht für diesen Film tauge (Tücken der Technik). Nach einer kurzen Panikattacke, habe ich die verschiedenen Einstellungen durchsucht und war schließlich erfolgreich, indem ich das Farbsystem von PAL auf NTSC umgestellt habe. Nochmal Glück gehabt, ich dachte schon, ich könnte gar nicht gucken….

Der Film zeigt Aufnahmen von Artaud mit zeitgenössischer Musik und Unterrichtsstunden mit drei Schülern: Veronique Lorand, Clara Novakova und Emmanuel Pahud. Letzterer gerade nach Ende seiner Pubertät mit einer zeitgemäßen riesengroßen Brille auf der Nase, blutjung und schmal. Irgendwie hatte ich fast den Eindruck, ein wenig indiskret zu sein, indem ich da so weit in die Vergangenheit eines der ganz großen unserer Zeit blicke.

Im Unterricht werden Syrinx von Debussy, zwei Werke von Taira und Cassandra‘ Dream Song von Ferneyhough erarbeitet. Alles sehr spannend, zumal Ferneyhough selbst Anweisungen zu seinem Werk gibt. Ein echtes Zeitzeugnis und eine Gelegenheit, von einem ganz großen noch was zu lernen. Ich fand es toll…. trotz Startschwierigkeiten und Untertiteln.

Gestern war der 300. Geburtstag von Friedrich dem Großen. Und gestern war Pahud in der Kölner Philharmonie und zwar zusammen mit der Kammerakademie Potsdam und Trevor Pinnock. Das ist exakt die Besetzung, die auf der aktuell so heftig beworbenen neuen CD Flötenkönig zu hören ist.

Das Programm des Abends war denn auch eine Hommage an den musikalischen Hof Friedrichs, zu hören waren Werke von Carl Philipp Emanuel Bach, Franz Benda und Johann Joachim Quantz. Eingerahmt wurde dieses Sanssouci-Programm durch zwei Werke von Haydn.

Die Stückauswahl hatte uns ein bisschen verwundert, hätte es doch nahe gelegen, an seinem Ehrentag auch ein Werk des Königs erklingen zu lassen. Aber schließlich kam es auch so, denn die Zugabe Pahuds war der dritte Satz aus Friedrichs C-Dur-Konzert.

Die Philharmonie war, wie nicht anders zu erwarten, recht gut gefüllt. Das Publikum war eine interessante Mischung des üblichen dem Rentenalter nahen Konzertpublikums, einiger Schulklassen (vermute ich) und nach meiner Einschätzung einer nennenswerten Anzahl Flöte spielender Teenager, Frauen, Kinder, Männer.  Spürbar wurde die Mischung mit offensichtlich größeren Anteilen wenig Konzert erfahrener Besucher, als bei beinahe jedem Werk zwischen den Sätzen geklatscht wurde.

Nun kenne ich von anderen die Meinung, dass es doch egal sei, dass man klatschen soll, wenn einem etwas gefällt.  Ich bin da anderer Ansicht und zwar deswegen, weil man deutlich spüren kann, wie sehr das Klatschen zwischen den Sätzen die Musiker irritiert, es unterbricht den Fluss der Musik, den Spannungsbogen zwischen den Sätzen. Die Sätze sind schließlich durch einen inneren Zusammenhang verbunden. Es wäre also wirklich schön, wenn das Publikum dieses Konzentrationsbedürfnis, die Empfindung der Musiker, ein zusammengehörendes Werk aufzuführen, berücksichtigen würde. Mehr noch, als Hörer sollte man sich selbst darauf einlassen. Das kennt jeder, der öfter klassische Musik hört. Am Ende eines Satzes erwartet man bereits den Klang des Anfangs des nächsten. Ich möchte das mal mit einem guten Essen vergleichen. Ein gutes Gericht ergibt sich aus der Mischung der einzelnen Geschmacksrichtungen. Ein leckeres Stück Fleisch, etwas Gemüse, eine Soße. Man schiebt alles nacheinander in den Mund und genießt den Geschmack jedes einzelnen, woraus sich ein wunderbares Ganzes entwickelt. So ist es auch bei mehrsätzigen Werken, bei denen beispielsweise ein fröhlicher erster Satz in schnellem Tempo auf einen melancholischen langsamen folgt und dann vielleicht von einem furiosen Finale gefolgt wird. So stellt sich ein Gleichgewicht ein, die verschiedensten Bedürfnisse werden befriedigt, verschiedene Gefühle angesprochen. Der Applaus dazwischen kann den Genuss nur reduzieren. Was er im übrigen auch gestern tat, leider.

Zurück zum gestrigen Abend. Das Orchester spielte im Stehen. Ein zunächst sehr ungewohnter Anblick. Der Abend zeigte aber, wie viel Dynamik sich aus dem stehend Spielen ergab. Wenn ich recht gezählt habe, standen da 10 Geiger, drei Bratschen, zwei Kontrabassisten und je nach Werk zwei Flötistinnen, zwei Oboisten,  zwei Fagottisten, zwei Trompeter und zwei Hornisten. Und je nach Charaktertyp  und Musik standen sie eben nicht, sondern tanzten beinahe. Insbesondere der junge Konzertmeister lebte diese Musik, er animierte seine Mitmusiker, sprang sie teilweise geradezu an.

Ein frappierendes Beispiel waren die Synkopen der ersten Geige gleich zu Beginn des ersten Satzes der Sinfonia von Carl Philipp Emanuel Bach. Die Synkopen waren eine Provokation an den Rest des Orchesters. Und der Konzertmeister trat auf die anderen zu wie ein Grundschulkind, das immer wieder einen Schritt nach vorne tut, um den anderen ein „Ätschbätsch“ zu zu werfen. Foppen nennt man so etwas. Es war eine wahre Freude ihm zuzusehen und zuzuhören. Das Zusammenspiel profitierte ungemein von diesem stehend Spielen, das ein ganz eigenes Schwingen erzeugte.

Bemerkenswert war auch der Einsatz von Naturhörnern und -trompeten. Ein sehr feiner Klang. Ich habe nicht ganz verstanden, warum das Blech auf solchen „alten“ Instrumenten spielte, das Holz aber auf modernen.

Vor dem Orchester stand Trevor Pinnock am Cembalo. Im Programm wurde er als Dirigent bezeichnet. Dirigiert hat er aber ausgesprochen wenig. Er hat musiziert und wenn das Cembalo nichts zu tun hatte, legte er seine Hände links und rechts auf dem Cembalo ab. Er war mehr wie ein weiterer Kristallisationspunkt für die anderen, neben dem des Konzertmeisters (der in der Tat manchmal mehr Einfluss zu haben schien als Pinnock).

Nun zum erwarteten Hauptakteur des Abends, Emmanuel Pahud. Auftritt im Smoking (Jacke und Hose) mit schwarzem T-Shirt. Der gewohnt federnde Schritt auf die Bühne, Spiel von Noten und auch hier, das mir von ihm schon wohl bekannte Tänzeln. Weniger bekannt war mir aus anderen Konzerten das „Taktschlagen“ mit dem Fuss, das vielleicht gar keines war. Es ergab sich teils aus den „Tanzschritten“, teils wirkte es wie ein ungeduldiges Anmahnen, schneller zu spielen.  Jede lange Phrase war frühzeitig am Atemholen mit weit geöffnetem Mund zu erkennen. Insgesamt zeichnet sich Pahuds Spiel immer wieder durch eine ausgeprägte Körperlichkeit, ein Spiel mit dem ganzen Körper, unter vollem Einsatz und mit einer sichtbaren elastischen Körperspannung, der eines Balletttänzers vergleichbar, aus.

Gleich der Beginn des ersten Flötenkonzertes, Quantz G-Dur, offenbarte den unglaublichen Ton in der Tiefe. Ein eindrucksvoller Einstieg des Solisten. Dieses Konzert war eines der ersten, die ich auf Schallplatte hatte (die LP hieß: Flötenkonzert auf Sanssouci) und zu dem ich mir auch die Noten besorgte und versuchte, mit der Aufnahme mitzuspielen. Im gestrigen Konzert wurde mir erst bewusst, wie tief sich diese Musik in mein Gedächtnis eingegraben hatte. Jede zusätzliche Verzierung Pahuds liess mich aufschrecken. Gleichzeitig erschien mir aus dem Gedächtnis die Musik gestern viel leichtfüssiger, tänzerischer und eleganter.

Pinnock schien den ganzen Abend über die Intention und Agogik des Solisten geradezu zu wittern. Pahud flirtete mit dem Orchester, man beflügelte sich wechselseitig, kurz: es war ein Genuss.

„Empfindsamer Stil“. Das war zu sehen und zu hören. Lebendige Musik, vielleicht beschreibt das den Abend am besten. Ein Genuss, der nur durch meine hartnäckige Erkältung und die Notwendigkeit unablässig Hustenbonbons zu lutschen und das wie oft in Köln nach der Uhr aufbrechende Publikum, das bereits zehn Minuten nach zehn mitten im Konzert in Scharen den Saal zu verlassen begann, getrübt wurde. Anschließend dann mit wund gelutschter Zunge nach Hause.

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