Gestern war es wieder so weit. Emmanuel Pahud war in der Philharmonie. Ein durchaus häufiger Gast in den letzten Jahren, wie nicht nur ich festgestellt habe. Gestern war er in Begleitung des Franz Liszt Kammerorchesters aus Ungarn. Zu unserer großen Überraschung war das Nachmittagskonzert um 16 Uhr fast vollständig ausverkauft.

Nachdem wir unsere Plätze eingenommen hatten (der Nachteil eines Platzes in der Mitte sind die vielen Leute, an denen man vorbei muss um hinzukommen, wenn man nicht sehr früh dran ist und das schaffe ich selten), hatten wir perfekten Blick auf einen Halbkreis von Notenständern, die auf Steh-Höhe eingestellt waren. Außerdem das schöne Cembalo der Philharmonie und drei weitere Pulte zum sitzend spielen. Mich hat dieser Aufbau sehr an mein letztes Pahud-Konzert in der Philharmonie erinnert. Da war er mit dem Kammerakademie Potsdam und seinem Friedrich-Geburtstagsprogramm unterwegs. Und das Orchester spielte im Stehen… sehr beschwingt und mitreißend. Entsprechend erfreut war ich über diesen Anblick.

Die Eröffnungsnummer war das dritte Brandenburgische von Bach. Die Aufstellung der Musiker und ihre stehende Beweglichkeit führte zu einer schwungvollen und plastischen Darbietung dieses wohlbekannten Werks. Kein bisschen staubig oder trocken. Eine würdige Eröffnung, die die Sehnsucht nach dem Solisten nicht übermächtig werden ließ.

Nach dem verdienten Applaus strömte eine Menge zusätzlicher Streicher auf die Bühne, Stühle wurden aufgestellt (ich war ein bisschen enttäuscht deswegen) und im Handumdrehen saßen da knappe 20 Streicher auf der Bühne. Kurz danach federte Pahud im gewohnt sportlich-tänzerischen Trab auf die Bühne. Kein Dirigent weit und breit, das wiederum war eine gute Nachricht, fand ich.

Pahud eröffnete mit dem „La Tempesta die Mare“-Konzert von Vivaldi. Nicht unbedingt mein Lieblings-Vivaldi, aber das macht ja nichts. Der Konzertmeister und Pahud ersetzten einen Dirigenten vollkommen. Die Mischung von Streichern und Flöte war einfach perfekt. Pahud tänzelte vor dem Notenständer herum und brillierte in gewohnter Weise. Die Streicher begleiteten elegant und leicht und da keine Vermittlung durch einen Dirigenten zwischen den Partien klemmte, klappte das sehr unmittelbar. Eine schöne Lösung für das Programm. Pahud überraschte im Vivaldi mit einer Artikulation, die ich noch nie gehört habe. Für Doppelzunge war es viel zu schnell, es klang wie rhythmische Flatterzunge mit Griffen, so dass rasend schnelle Skalen entstanden. Unglaublich.

Dem Vivaldi und dem gebührenden Applaus für alle Beteiligten, folgte eine Suite von Purcell (zum Schauspiel „The Moor’s Revenge“). Auch hier profitierte die Musik von der direkten Kommunikation und erhöhten Aufmerksamkeit, die ohne Dirigent alle fest an den Konzertmeister band. Ansonsten konnte man dem Werk anhören, dass es dreißig Jahre älter als der Vivaldi war und noch dazu aus einer nördlicheren Region kam, es hatte nicht die Leichtigkeit des Vivaldi.

Der nächste Programmpunkt führte wieder den Maestro auf die Bühne. Eine weitere Reminiszenz an das vergangene Jahr: C-Dur Konzert vom alten Fritz. Für Pahud mehr ein spielerisches Vergnügen als eine echte Herausforderung. Ich hatte in dieser ersten Hälfte des Konzerts, die hiermit abgeschlossen wurde, schon das Gefühl, dass er sehr zur Unterhaltung spielte. Ein bisschen war ich an den großen James Galway erinnert, dem ja häufig zu wenig Ernsthaftigkeit vorgeworfen worden war. Nicht dass Pahud nicht stilistisch korrekt gespielt hätte, nur die Programmauswahl schien mir bis hierher sehr auf Gefallen ausgerichtet (eine erlaubte Zielsetzung natürlich). Leichte Kost aber sehr gut genießbar. Ein Konzert wie eine große Portion Eis.

Es folgte die Pause mit unfassbar langen Schlangen vor den Waschräumen (bei denen in solchen Fällen der Wasserdruck nicht mehr zum Spülen genügt, wie ich kürzlich bei einem Konzert von Sabine Meyer lernen musste). Das Publikum war im Schnitt noch etwas älter als gewöhnlich. Nicht wie in Düsseldorf, wo eine unübersehbare Menge von jüngeren Damen und Mädchen das Bild prägten. Versammelte Flötenstudentinnen und -schülerinnen der Region. Dort war natürlich der Saal kleiner, aber gestern dominierte in jedem Fall offensichtlich die Ruhestandsfraktion. Wir kämpften uns über die verstopften Treppen (für dieses Publikum ist die Stufendichte in der Philharmonie eine echte Herausforderung).  Im menschengefüllten Foyer konnte ich zunächst die zuvor auf den Treppen im Stau erspäten Bekannten nicht mehr entdecken. Bis wir sahen, dass es schon in der Pause einen Signiertisch gab, an dem mutterseelenallein Pahud saß. Keine Schlange davor, gar nix. Aber mein lieber Lehrer im Gespräch mit ihm. So wurde ich also meinem Grundsatz untreu, dass ich mir nie Autogramme abhole. Ich neige gar nicht zum Personenkult und was mich an Pahud interessiert ist etwas für die Ohren, sein Flötenspiel, nicht seine Signatur. Was soll’s, da war kein Mensch und es war eine witzige Gelegenheit Mr. Faust zu überraschen, der den Solisten unterhielt, von dem keiner eine Unterschrift wollte (Vielleicht hätte man frühzeitig Hinweise anbringen sollen, dass es in der Pause Autogramme gibt?).Signiertes Konzerprogramm

Bis wir die Treppe wieder runterkamen, war schon wieder der Pausengong zu hören und wieder mussten wir an unzähligen Knien vorbei zu unserem Platz (diesmal aber von der anderen Seite, Gerechtigkeit muss sein, wenn man in der Mitte sitzt).

Bei solchen Konzerten trifft man unweigerlich auf viele bekannte Gesichter. Die meisten davon kennt man mit einem silbernen Rohr quer vor dem Gesicht. So auch gestern. Der liebe Kollege aus dem Projekt-Blasorchester tippte uns kurz vor dem Saaleingang auf die Schulter. Eine gute Gelegenheit, gleich Werbung für den anstehenden nächsten Programmpunkt zu machen. Die Ballade von Martin. Ein super schönes Stück, auf das ich mich schon die ganze erste Hälfte gefreut hatte.

Auch jetzt wieder Auftritt des Orchesters und des Solisten, ohne Dirigent. Das Cembalo war in der Pause verschwunden und gegen einen Flügel getauscht worden. Obwohl er nur minimal geöffnet war, fand ich ihn ein wenig laut. Pahud spielte phänomenal, die Streicher begleiteten perfekt, trotz all der kniffligen Rhythmen (hier wäre vielleicht eine dirigierende Hand eine echte Hilfe gewesen). Die in der Tendenz eher düsteren Farben des Werkes, der spürbare Nebel in den leisen, tiefen Flötenteilen…. es war ein Stimmungsbild.

Der Schnitt zum folgenden Mozart-Divertimento der Streicher war denkbar hart, das fand ich ein wenig schade. Der Eindruck aus der ersten Konzerthälfte, dass dieses Ensemble auf Barock spezialisiert sein könne, war durch den Martin getilgt. Auch die Leichtigkeit des Mozarts inklusive der erstaunlichen Spannungen im Largo meisterten sie ebenso überzeugend wie das bisherige Programm. Zwischen Cello und Flügel stand auch bei diesem Werk, wie schon den ganzen Abend, dieser lange dünne Bassist, der seinen Kontrabass schwang wie einen Tanzpartner. Er selbst mit ausgeprägter Mimik und Körpersprache, ganz Musik. Neben dem schwer arbeitenden Konzertmeister wohl die eindrücklichste Erscheinung in diesem Orchester.

Zum Abschluss des Programms folgte das Flötenkonzert e-moll von Mercadante. Sehr passend nach dem Mozart. Eine Gelegenheit für den Solisten, nochmals alle Register zu ziehen. Klangfülle, Ausdrucksstärke, technische Brillianz. Auch hier wieder mit Tanzeinlagen und zeitweilig ausladenden Gesten als Orientierung für die Begleiter. Ein runder Abschluss für ein unterhaltsames Programm aus dem der Martin herausragte wie ein Leuchtturm (für mich wenigstens).

Ein tolles Konzert, Beifallsstürme, Blumen (mit denen man auch anstoßen kann, wie alle sehen konnten). Als Zugabe gab es die Badinerie von Bach, die mit einem Raunen aus dem Publikum begrüßt wurde (warum freuen sich immer alle so sehr, etwas zu hören, das sie schon in- und auswendig kennen?). Pahud spielte diesmal auswendig, variierte das Thema frei (bis hin zu jazzig anmutenden Synkopen). Der Saal tobte. Leider eigentlich nur der halbe Saal, die andere Hälfte war schon wieder auf den Treppen unterwegs zum Ausgang. Den ungarischen Musikern auf der Bühne schien dieses Fluchtverhalten nicht geläufig. Erstaunte Blicke von der Bühne auf die Ränge. Kein Wunder, dass danach keine weitere Zugabe mehr folgte. Manchmal empfinde ich es als peinlich den Musikern gegenüber, Teil eines solchen Publikums zu sein. Wenn es nach elf Uhr abends ist, kann ich das vielleicht noch irgendwie nachvollziehen. Aber an einem Sonntag gegen 18 Uhr? Was kann einen da antreiben? Die Angst, im Parkhaus nicht schnell genug zum Ausgang zu kommen? Ich finde den Blick auf die dem Ausgang zustrebenden Rücken peinlich, wie muss es sich für den Künstler auf der Bühne anfühlen? Übrigens fehlten gestern natürlich auch nicht die Hustenanfälle zwischen den Sätzen, die einen Glauben machen könnten, nicht die Grippe grassiere in Köln sondern vielmehr die Tuberkulose.