Vor mehr als 15 Jahren hat mir mein damaliger Lehrer Karl Strobel in Stuttgart das Grifflexikon der Boehmflöte von Burghard Schaeffer empfohlen. Seit damals ist dies das einzige Heft, das ich eigentlich immer in meiner Flötentasche mit mir herumtrage. Der rote Band, etwas größer als DIN A 4 ist komplett zweisprachig (deutsch-englisch) abgefasst.

Das Grifflexikon enthält umfassende Tabellen mit Griffen, beginnend vom c1 und hoch bis zum f4. Aufgeführt werden Griffe und Trillergriffe. Die Tabellen bezeichnen zunächst den Ton, dann den Griff und in der dritten Spalte Hinweise auf den „Zweck“ des Griffes. Unterschieden werden Griffe zur leichteren Ansprache, Korrektur der Intonation oder für schnelle Griffverbindungen.

Im Anschluss an die chromatische Liste folgen spezielle schwierige Griffverbindungen wie beispielsweise Tremoli verschiedener Intervalle und Multiphonics.

Für mich war der Band oftmals eine Hilfe, auch wenn es zunächst immer sehr viel Übung braucht, einen ungewohnten Griff in eine Tonfolge einzubauen.

Kürzlich bin ich nun auf eine Alternative zu meinem roten Nothelfer gestossen. James J. Pellerite’s „A Modern Guide to Fingerings for the Flute“. Wie der Titel schon ahnen lässt, steht dieses Werk komplett in Englisch geschrieben. Das Format entspricht dem der Täglichen Übungen im Alphonse Leduc Verlag. In etwa DIN A 4 im Querformat und auch in der bekannten beigen Farbe. Erschienen ist es bei Alfred Publishing.

Wie gesagt ist dieser zweite Kandidat noch nicht so lange in meinem Besitz und wurde dementsprechend auch noch nicht wirklich genutzt. Ich versuche trotzdem mal, die offensichtlichen Dinge zusammenfassen.

Die Griffdarstellungen gliedern sich in folgende Abschnitte:

  • Basic Fingerings (was man so in einer Flötenschule als Griff lernt)
  • Harmonics (keine Griffe sondern Beschreibung der Obertonreihe)
  • French Model Flute (Hinweise zu Griffen auf Flöten mit Ringklappen)
  • Trills (Halb- und Ganztontriller)
  • Tremolos (Terzen, Quarten, Quinten, Sexten, Septimen und Oktaven)
  • Altered Fingerings (modifizierte Griffe für Ringklappenflöten, um spezielle Effekte in Ansprache, Intonation und Klang zu erzeugen)
  • Quarter-Tones and Quarter-Tone Trills (Viertelstöne und Viertelton-Triller, für Flöte, Altflöte und Piccolo unterschieden)
  • Multiphonics and Special Sonorities (umfasst Mehrfachtriller, Akkorde etc.)

Insgesamt fällt sofort auf, dass dieser Band viel mehr Text umfasst. Der Schriftsatz ist für meinen Geschmack eher unangenehm zu lesen (geringe Zeilenabstände in einer Schreibmaschinen haften Serifen-Schrifttype). Die Griffbilder finde ich auf den ersten Blick etwas unübersichtlich. Bei Schaeffer wird eine stilisierte Flöte als Griffbild verwendet, hier ist oberhalb einer Spalte mit Griffen (jede Seite enthält zwei Spalten) eine Flöte abgebildet, von deren Klappen Pfeile abgehen. Die eigentlichen Griffe werden als horizontaler Strich mit Kreisen für gedrückte Klappen dargestellt. Man muss dann immer die Flucht nach oben verfolgen, um zu sehen, welche Klappe das darstellt.

Der Schwerpunkt bei Pellerite geht ganz klar stark in Richtung Neue Musik, was ja auch der Titel schon andeutet. Er umfasst deutlich mehr zum Thema Multiphonics. Die Suche nach einem Griff für ein bestimmtes Problem scheint mir auf Anhieb bei Schaeffer aufgrund der Sortierung einfacher. Dennoch bin ich fast sicher, dass einiges im Pellerite im Schaeffer fehlen wird, alleine aufgrund der besonderen Berücksichtigung von Ringklappenflöten (ich habe spät umgelernt von geschlossenen Klappen und nutze die neuen Möglichkeiten bisher kaum, dafür scheint mir der Pellerite eine gute Möglichkeit zu bieten, meine Kenntnisse zu erweitern).

Ich gestehe, ich habe die Texte noch nicht wirklich studiert. Ich werde das tun und gegebenenfalls berichten, falls sich dadurch noch wesentliches in meiner Einschätzung ändern sollte.

Man bedenke zudem, dass mich mit dem Schaeffer vieles verbindet und das schon lange, vermutlich bin ich also nicht so ganz unvoreingenommen. Selbst reingucken! Insgesamt scheinen sich beide Ausgaben aus meiner Sicht ohnehin eher zu ergänzen als in Konkurrenz zueinander zu stehen.