Ich hatte ja kürzlich von meinem enttäuschenden Probenabend berichtet. Ostermontag kam dann die Stunde der Wahrheit….. die eigentliche Mugge. Als Viertel vor acht mein Wecker klingelte war ich nicht gerade begeistert. Während Badbesuch, Kaffe kochen und trinken und Schuhe anziehen nahm ich mir fest vor, direkt nach Noten zu fragen, das Mitspielen aus Chorpartituren mit dem Umblätterproblem vorneweg zu verweigern und in dem Fall, dass keine Noten da sein sollten, mein Instrument gar nicht erst auszupacken. Ich sammelte also meine Anspannung und den Rest meines Dienstags-Zorns und latschte die (glücklicherweise nur) zwei Straßen durch den österlichen Nieselregen zur Kirche. So ein Vorsatz jetzt aber mal durchzugreifen macht mich immer recht nervös, nervöser als das Musizieren in jedem Fall.
Ich schlug da also auf, wackelte auf meinen Dirigenten los und fragte mit strenger Stimme, ob er denn Noten für mich hätte. Und er? Sagt “Nö” und lacht. Scherzkeks. Ich mit meiner Vorspannung kam mir ganz gut verarscht vor. War dann aber doch erleichtert, als er die Notenausgabe rauszog. Es war die zweite Flöte, die erste ist wohl mit der Stammbesetzung im Urlaub. Cheffe hatte aber, und das hat mich sehr versöhnt, mit Bleistift an einigen Stellen die erste Stimme aus der Partitur in die Noten abgeschrieben. Das nenne ich Einsatz.
Mein forscher Vorstoß, die Sopranstimmen zu verweigern, wurde verständnisvoll aufgenommen und akzeptiert. Damit hatte ich meine Durchsetzungs-Vorsätze umgesetzt und wars zufrieden. Das frühe Aufstehen war gerechtfertigt und mein Tag schon fast gerettet.
Das Einspielen umfasste glücklicherweise auch das Anspielen der fraglichen zwei Nummern aus der Schöpfung. In der nackigen Flötenstimme stellte sich das Mitspielen zunächst ganz fremd dar (da hatte die Probe vom Dienstag mit Spiel aus der Partitur nun wirklich nix geholfen). Das Vivace war so langsam, dass ich anfangs dachte, er gäbe Halbe, nicht Viertel und gar nicht erst reingefunden habe. Nachdem Vorzähler und Einheit geklärt waren, klappte das aber und so musste ich nur jeweils die zweite Hälfte jedes Satzes im Gottesdienst vom Blatt spielen.
Als Tüpfelchen auf dem i wurden die Solisten aus dem Chor, das heißt hinter mir, wegen der Akustik zwischen die Streicher, das heißt vor mich, postiert, was mein Gehör noch zusätzlich entspannt hat. Alles in allem also ein tatsächlich versöhnliches Ende des Dramas.
Zweimal an einem Tag bloggen ist normalerweise gar nicht meine Art (schon mangels Ideen und Zeit). Aber eben habe ich mich echt geärgert und weil es noch so grummelt, muss ich nun Dampf ablassen.
Ich habe Urlaub diese Woche (ein Glück, war und ist bitter nötig). Im Allgemeinen bemühe ich mich da, den Schwerpunkt auf für mich befriedigende Tätigkeiten zu legen. Dazu kann schon auch Bügeln und Putzen gehören, weil ich den Dreck irgendwann nicht mehr ertrage und nach der Arbeit oft nicht so gut den Hintern hoch bekomme (wenn ich nicht sowieso bei irgendeiner Probe bin). Bisher war dieser Urlaub diesbezüglich sehr angenehm. Bügeln, bisschen staubsaugen, mal wieder was richtig schönes kochen, schön Essen gehen, üben, homepageln, gestern der bisherige Höhepunkt: Flötenunterricht
Heute dann Reifen wechseln, Auto waschen, ein paar Erledigungen machen, bloggen… alles ganz ok und Teil meiner Planung. Heute Abend stand dann eine Probe auf dem Zettel. Ich helfe Ostermontag bei meinem ehemaligen Orchester im Gottesdienst aus. Irgendwelche Ausschnitte aus der Schöpfung. Mache ich kostenlos, war ja mal meine musikalische Heimat, da ist das selbstverständlich. Probe war schon in der Kirche für Montag, fern der Orchesterräume. Um halb acht sollte es losgehen und darum habe ich heute mittag sicherheitshalber meinen Dirigenten angerufen, bestätigt, dass ich komme, wo und wann das ganze stattfindet, gefragt, ob ich einen Notenständer brauche und erinnert, dass er bitte die Noten mitbringen soll.
Beim Packen meiner Tasche habe ich in weiser Voraussicht schon mal meine aktuelle Lektüre mit eingesteckt, ich kenne den Laden ja. Es ging los, wie es immer ist, das erste Stück ohne Flöte. Na gut, Buch raus und gelesen (hat mich mein Instinkt doch wieder ganz gut geführt). Das nächste Stück…. ohne Flöte. Sie fangen an, Chef bricht ab: “Claudia, spiel doch mal den Sopran mit, das ist mir wichtig”. Man reicht mir einen handgeschriebenen Zettel, irgendwas choralartiges. Mitgespielt. Ist ok (begeistert mich nicht, aber wenn ich schon da bin…..).
Nächstes Stück: Keine Flöte. Frau Haider zückt ihr Buch und bemüht sich, den Inhalt zu verstehen, obwohl der Sopran mir direkt ins Genick singt. Wieder ein Abbruch, wieder der Dirigent: “Claudia, spiel doch mal den Sopran mit.” Hinter mir wird gesucht, ich erhalte eine Chorpartitur. Das ist schon schlecht, da muss man alle fünf Takte blättern und dann klappt der Schinken auf dem Notenständer alle Nase lang zu. Ätzend. Aber, die Schöpfung steht mir ja noch bevor und da gibt es Flötennoten.
Das nächste Stück: Hurra, die Schöpfung! Und…… der Dirigent hat die Noten vergessen. Wollen wir raten? “Claudia, spiel doch einstweilen mal den Sopran mit.” Ja super. Jetzt komme ich mir ziemlich verarscht vor. Beim Blick in die Noten stelle ich fest, dass der Klavierauszug unterhalb der Chorstimmen auch Eintragungen wie Fl.Ob. enthält. Dieser “Flob” meint offensichtlich die Bläser, ich lasse mir also das OK geben, lieber das zu spielen, als neben den fünf verschiedenen Tönen des Sopran noch einen sechsten mit der Flöte zu setzen. Ist ja toll, nur auch hier muss man alle drei Takte blättern, das Buch schlägt zu, solche Besetzungs-Eintragungen sind spärlich und eine vierstimmige Klavierstimme vom Blatt für mich nicht die angenehmste Vorlage. Und dann kommt: “Claudia, in Takt soundso wäre schön, wenn Du das spielst.” Ich hatte es gespielt und mir platzt der Kragen. “Hier steht alles durcheinander. Wenn Du Noten bringst, dann spiele ich die. Wenn nicht, stehe ich Montag nicht extra so früh auf.” “Ja, wir gehen gleich rüber, dann gebe ich die Dir.” “Nein, ich gehe gleich heim. Bring sie am Montag mit, üben werde ich die ohnehin bis dahin nicht mehr.” Grummel.
Super. Ich kann meine Abende auch netter verbringen als in einer kalten Kirche bei schiefer Musik und mit dem Chor im Genick. Schon gar, wenn ich Urlaub habe. Offensichtlich heißt “kostenlos” auch gleich “wertlos”. Da ärgere ich mich über meine Gutmütigkeit. Ich bin nicht der musikalische Mülleimer für West-Köln, der alles spielt, was übrig ist. Grrrrrrrrrr
Dieses Wochenende hatte es für mich persönlich ganz schön in sich.
Freitag ca. 6,5 h Probe, Samstag 4 h Probe, heute zweimal je ca. 3 h Probe.
Das ganze verteilt auf 3 vollkommen verschiedene Formationen.
Freitag eine erste Lese- und Abstimmungsprobe für das Musical Jekyll & Hyde, mit dem San Francesco Chor in Bedburg (es gibt übrigens noch vereinzelte Restkarten). Da bin ich der einzige Bläser und muss mich mit dem Orchester in Form eines Synthesizers arrangieren. Das bedeutet ein bisschen Kreativität, Blattlesen und recht viel solistische Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten und -pflichten. Ziel ist, Farbtupfer zu setzen, das Sahnehäubchen sozusagen….
Samstag und heute morgen dann Blasorchester. Hier gilt es im Satz zu spielen. Schwerpunkt ist Intonation und exaktes timing. Gefragt ist, sich hundertprozentig nach dem Dirigenten zu richten. Teil des Schwarms sozusagen und Individualismus schadet nur (außer an Solostellen).
Heute Nachmittag dann zum Abschluss Flötenquartett (Flöte und Streichtrio). Kammermusik mit Führungsverantwortung. Genau hinhören, Intonation ist wichtig und vollkommen anders als mit anderen Bläsern. Hinhören, reagieren, sich fügen und trotzdem auch ein bisschen gestalten.
Jede Aufgabe also vollkommen anders. Das einzige gemeinsame ist die Flöte. Einspielen war eigentlich nicht, üben schon gar nicht…. puh
Ich habe gemerkt, wie schwer es ist, sich auf die verschiedenen Anforderungen einzustellen und auch, dass am Ende so eines Wochenendes sowohl die Konzentration als auch die Kondition stark nachlassen. Da heißt es: trainieren, das steht mir die kommenden Wochen öfter mal bevor……
Jetzt hätte ich gerne noch Wochenende, schade eigentlich. Aber immerhin sehr erfüllte Tage, man kann seine Zeit auch schlechter verbringen als mit netten Menschen beim Musik machen
Jetzt Füsse hochlegen und Tatort gucken und dann ab ins Bett.
Das Orchester, in dem ich früher mal mitgespielt habe, hat eine Konzertreise nach Wien unternommen. Auf dem Programm stand unter anderem die Sinfonie in D KV 133 von Mozart. Bei diesem 4-sätzigen Werk ist im 2. Satz eine einzelne Flöte besetzt. In den anderen Sätzen spielen 2 Oboen. Für diesem einzelnen Satz wurde nun jemand gesucht, der das spielt. Die Auserwählte war ich.
Ich fand es sehr unangemessen, einen Hobby-Flöter wie mich in eine Musikstadt wie Wien zu verfrachten, um dort einen technisch nicht sehr anspruchsvollen einzelnen Satz einer Sinfonie zu spielen. Und das ganze zu einem ziemlich hohen Preis, bestehend aus Flug- und Hotelkosten, der leicht eine akzeptable Gage für einen Profi sein könnte. Ich befand mich in einer seltsamen Zwickmühle. Mein ehemaliger Dirigent war bereit, einen hohen Preis dafür zu zahlen, dass genau ich diesen Satz spiele. Mir war das peinlich und ich konnte es gar nicht nachvollziehen, weil ich einfach sicher war, dass sehr viele das genauso gut oder besser spielen würden wie ich. Sein Anliegen war eigentlich ein Kompliment für mich, gleichzeitig war es mir aber auch furchtbar peinlich. Ich konnte verstehen, dass oder hätte verstanden, wenn der Rest von Chor und Orchester wegen einer derartigen “überflüssigen” Ausgabe sauer gewesen wären. Und ich hatte die Befürchtung, dass diese Missstimmung sich in erster Linie gegen mich richten könnte, weil ich nicht bereit war, meinen Aufenthalt selbst zu bezahlen, um dem Orchester eine Besetzungslücke zu füllen. Mein Verstand sagte mir, ich sollte das nicht tun. Mein Bauchgefühl sagte mir, mein ehemaliges Orchester mit überwiegend netten Menschen und einem netten Dirigenten, sucht eine Flöte zur Aushilfe, Du kannst nicht nein sagen.
Naja. Ich habe Ja gesagt. Dann ging der Stress los. Ich musste Freitags viel früher als die Kernzeit normalerweise erlaubt, aus dem Büro los und habe damit mein Gleitzeitkonto belastet. Damit alles reibunsglos klappt, habe ich bereits Mittwochs per Web Checkin meine Boardkarte ausgedruckt. Donnerstag habe ich dann erkannt, dass mein Ticket kein Gepäck umfasste, mein Koffer jedoch dank Notenständer, Konzertschuhen etc. nicht auf 8 kg Gewicht für Handgepäck zu bringen war. Also habe ich versucht, das Gepäck nachzubuchen. Im Internet, weil es da nur die Hälfte kostet wie am Schalter. Leider geht das aber nicht mehr, wenn man schon eingecheckt ist. Also habe ich den Koffer wenigstens für den Rückflug nachgebucht und auch dafür schon eingecheckt. Leider war es aber kein Checkin sondern eine Platzreservierung (die nur genauso aussah wie der Checkin). Somit hatte ich insgesamt 20 Euro für das Gepäck auf dem Hinweg, und 19,50 für Reservierung (überflüssig) und Gepäck rückwärts zu bezahlen. Meine Begeisterung für die Veranstaltung und den Fluganbieter stieg ins Unermessliche……
Es folgte ein angenehmer Flug, die Nachricht, dass die gebuchte Pension dank Wasserrohrbruch kein Zimmer für mich hatte und ich ein Stück weiter in einer anderen sehr schönen Pension zum gleichen Preis das kleinste Zimmer der Welt beziehen durfte, dann ein schöner Abend mit neuen Freunden in Wien und eine schlafarme Nacht dank meiner Unverträglichkeit mit fremden Betten und einer Straßenlaterne unmittelbar vor dem Zimmerfenster.
Am Samstag dann um 9 Uhr die Probe in der Votivkirche. Viele bekannte Gesichter und das ungute Gefühl eine Art teurer Luxus zu sein, der den anderen aufgezwungen worden ist. Ich war also etwas unsicher und fühlte mich nicht so recht wohl in meiner Haut. Die Kosten dieser Reise, übernommen vom “Kollektiv” machten aus der einfachen Partie in der Sinfonie plötzlich eine sehr schwierige Partie. Die Verantwortung, nun auch den “Vorschusslorbeeren” oder “Erwartungen”, die in Form dieser ungewöhnlichen “Beauftragung” zu mir rübergeschoben worden waren, gerecht zu werden, lag schwer auf meinen Schultern und machte mich unverhältnismäßig nervös. Erschwerend kam dazu, dass das Konzert am Sonntag um 17 Uhr stattfinden sollte, mein Flieger um 20.45 Uhr starten sollte und Einchecken laut Ticket um 20.15 Uhr angesetzt war. Laut Fahrplan sollte der Weg von der Kirche zum Flughafen mit öffentlichen Verkehrsmitteln ca. 1 Stunde dauern. Dabei musste ich allerdings zwei mal umsteigen und hatte keinerlei Vorstellung, wie weit es nach Ankunft noch von der Haltestelle zum Gate sein würde und wo ich das Gepäck loswerden könnte. Solche Unsicherheiten hasse ich. Das Ticket war nicht umbuchbar und Montag morgen sollte ich wieder an meinem Arbeitsplatz sein. Mir sass also meine paranoide Panik im Nacken, diesen Flug nicht zu bekommen.
Nach einem entspannten Samstag mit Probe, Sightseeing und Abendessen, rückte der “Tag der Entscheidung”, der Sonntag näher. Bis spätestens 11 Uhr musste das Pensionszimmer geräumt sein. Blieb die Frage, wohin mit dem Gepäck für den Rest des Tages? Die Lösung lautete CAT (City-Airport-Train). Die bieten nämlich einen Eincheck-Service inklusive Gepäck Dropoff an. Also habe ich morgens erst mal mein Zimmer bezahlt, bin quer durch die Stadt zum Terminal des CAT gefahren, habe mir ein Ticket gekauft (nochmal 10 Euro) und den Koffer abgegeben. Mit der Aktion war ich den Koffer los und wusste gleichzeitig, wo ich am Abend lang musste, um zum Flughafen zu kommen, allerdings wies das neue Boardticket eine noch frühere Boardingzeit, nämlich 20.00 Uhr aus. Noch weniger Zeit zwischen Konzert und Flughafen . Also zurück Richtung Votivkirche und auf das Konzert warten. Es war jetzt erst ca. 11 Uhr und die Anspielprobe war für 16 Uhr angesetzt. Bis dahin war ich sozusagen obdachlos zusammen mit meiner Flöte. Mein Buch hatte ich leider schon ausgelesen und in Wien schien es keine Kioske zu geben. Nach einer kleinen Wanderschaft gelang es mir, eine ct als Lektüre zu ergattern. Der kalte Wind in Wien vertrieb mich gegen Mittag dann von meiner Parkbank in die Hotelbar. Mein Instrument durfte ich bei freundlichen Chor-Kollegen im Zimmer deponieren und gegen Mittag stießen dann Freunde zu mir, der Tag war gerettet.
Der letzte Akt, Einspielprobe und Konzert. Die Flötenstimme bei Mozart ist nicht schwer, aber unangenehm. Die Flöte als einziger Bläser liegt nackt und alleine über dem Orchester, spielt aber eigentlich fast ständig unisono mit den ersten Geigen. Das ganze dann nach ca. einer halben Stunde rumsitzen und zuhören, wenn die Flöte schon wieder kalt ist, das Einspielen so gut wie vergessen. Intonationsmässig heikel, jeder unsaubere Ton bestens zu hören. Wenn bei so einem Einsatz der Ansatz nicht fest wird, wann dann? Ich sass wie auf Kohlen, ein Auge immer auf der Uhr. Der zweite Satz begann und mein Ton war erwartetermaßen verbesserungswürdig. Glücklicherweise gelang es irgendwie, von Zeile zu Zeile die Luft tiefer runter und die Lippen lockerer und exakter zu bekommen. Von Takt zu Takt wurde der Klang besser und am Ende war ich mit meinem Klang dann ganz zufrieden. Der Abgang noch während des Konzertes war sehr befremdlich, die Tour zum Flughafen funktionierte aber problemlos und ich war mehr als rechtzeitig am Gate um dort dann ewig warten zu müssen, weil der Flieger auch noch Verspätung hatte.
Was ist das Fazit der ganzen Geschichte? Es ist schlecht, wenn ein Konzert durch zu viel drum herum zusätzlich befrachtet ist. Das Gefühl, teure Töne zu spielen, durch sein Spiel die eigene Anwesenheit rechtfertigen zu müssen und gleichzeitig den eigentlichen Spannungshöhepunkt auf der anschließenden Heimreise zu haben, ist in jedem Fall abträglich. Dass es trotzdem geklappt hat (obwohl ich das sicher erst sagen möchte, nachdem ich die Aufnahme gehört habe) macht mich zwar stolz, meine Neurosen während der ganzen Aktion sind mir dennoch peinlich. Alle Musiker und Sänger mit denen ich gesprochen habe oder die mich angesprochen haben, schienen sich in der Tat zu freuen, dass ich dabei war. Ob die allerdings überhaupt wussten, wer die Reise bezahlt hat, weiß ich nicht. Jedenfalls sollte ich daraus lernen, dass es nicht meine Verantwortung ist, wenn andere es gerne so haben möchten. Leichter gesagt als getan. Nochmal würde ich so eine Tour in der Form nicht mitmachen. Entweder schaffe ich es dann, mich von dem Verantwortungsgefühl zu distanzieren, oder ich werde es einfach nicht wieder machen.
Mit Transfer zum Flughafen, Gepäck, Reservierung hat mich die Fahrt jetzt doch noch zusätzlich 50 Euro gekostet, dazu kommen natürlich die “Lebenskosten” an so einem Wochenende. Also doch wieder eine Minus-Gage
Und diesmal meine ich ein Sinfonieorchester, in dem der Flötist (oder auch die Flötistin) immer mehr oder weniger ein Solist ist.
Zunächst mal ist das einfach nur toll und macht viel Vergnügen. Vor allem auch, wenn man zuvor nur Blasorchester kannte, in denen man in der Regel einfach untergeht. Jedem, dem am Gesamtergebnis gelegen ist, wird aber auch schnell die große Verantwortung bewusst, die man da hat. Ganz leicht kann man mit einem falschen Einsatz oder Griff, mit dem “Verrecken” eines Tones oder Intonationsproblemen, allen Mitmusikern ein Konzert vermasseln. Heikel also….
So was nennen wir eine Herausforderung
Besonders wichtig finde ich es in dieser Konstellation, dass alle Beteiligten, ihre jeweiligen Rollen verstehen und wahrnehmen. Nach meinem Verständnis heißt das, der Dirigent ist der absolute Chef. Demokratie hat während der Probe nichts verloren. Der Chef sagt an, das Orchester spurt. So einfach und so absolut. Meiner Meinung nach, heißt das aber nur, dass der Dirigent deutlich macht, was er möchte, nicht, wie man das zu erreichen hat. Flöte kann er im Regelfall ja nicht spielen, aber ich kann das. Schön wäre also: “An der Stelle bist Du zu tief” anstatt “Stimm nochmal, Du bist zu tief”. Wenn ich nämlich erfahre, dass ich irgendwo zu tief war (wenn ich es nicht selbst gemerkt habe), dann kann ich selbst einschätzen, ob es ein Intonations- oder ein Stimmungsproblem ist. Das heißt, der Dirigent soll und muss eine musikalische Vorstellung haben, die sollte er vermitteln. Die Mittel, mit denen die Musiker diesen Ausdruck erreichen, ist ihnen selbst überlassen. Das ist meine Meinung (wie immer in diesem Blog).
Im Orchester, wie bei der Kammermusik, ist es von großem Vorteil, wenn man sich mit seinen Kollegen gut versteht. Aufgrund der Zahl der Mitmusiker werden das nicht alle sein, sondern die im nächsten Umfeld. Jeder der schon mal im Orchester gespielt hat, wird festgestellt haben, dass der Bläsersatz von gemeinsamer Kammermusik fast ebenso sehr profitiert wie von gemeinsamen Parties und ähnlichem
Das ist nur teilweise ein Witz. Wenn man ein Gefühl für den Mitmusiker entwickelt, dann spielt man besser zusammen. Der feinfühlige Dirigent wird auch das feststellen und den Bläsern auch ein wenig musikalische Freiheiten einräumen.
Als Flötist im Orchester hat man mehr Verantwortung als als “normaler” Geiger. Es gibt nur eine erste Flöte und nur eine zweite. Fehlt man, so fehlt eine Stimme komplett. Darum sollte man sich klar machen, dass es eine Verpflichtung ist, in einem Sinfonieorchester eine Bläserstimme zu übernehmen. Man sollte die Proben ernst nehmen, pünktlich kommen und rechtzeitig absagen, wenn es mal gar nicht geht. Und man muss dafür sorgen, dass man die Stimme auch beherrscht. Nicht sofort, aber vor dem Konzert. Das heißt auch, üben ist angesagt. Verstecken kann man sich auf so einem Posten nicht.
Heißt das jetzt, dass die Bläser in so einem Orchester die verhätschelten Helden sind? Ich finde, dass darf nicht so sein. Ja, vermutlich müssen Bläser häufig oder manchmal ein bisschen mehr tun, als ein Bratscher am dritten Pult oder so. Aber gerade in einem Laienorchester ist das “Commitment” das wichtigste. Jeder der Streicher besucht die Proben (hoffentlich). Keiner von den Tutti-Spielern kann sich beim Konzert in den Vordergrund drängen. Sie spielen alle ganz und gar zugunsten des Orchesters. Die Bläser tun das zwar auch, haben aber auch ein Podium, können sich hervortun, erhalten bei Gelingen oft persönliches Lob von den Zuhörern. Sie brauchen dafür aber die Streicher. Ohne Streicher kein Orchester. Daher sollten alle gleich behandelt werden. Egal ob von den Musikern oder vom Dirigenten. Jeder opfert oder schenkt seine Zeit. Und eigentlich ist auch keiner entbehrlich.
Ist es also ein Kriterium, wer wie gut spielt? Ich finde, auch das sollte keine Rolle spielen. Jemand, der sehr gut spielt, muss vielleicht kaum Engagement einbringen, um ein Programm zu bewältigen. Ein anderer, der noch nicht so sicher musiziert, übt vielleicht jeden Tag, um mithalten zu können. Und selbst, wenn ihm im Konzert noch nicht alles gelingt, so hat er doch alles gegeben. Das muss honoriert werden. Das ist Teil der Motivation und wird dazu führen, dass der gleiche Musiker irgendwann viel besser spielt. Ein Orchester ist ein ganzes. Jeder stellt seine Kraft in den Dienst des Ganzen und der Musik. Anders geht es nicht. Ich freue mich, wenn man mich für gelungenes Musizieren lobt. Aber ich mag nicht, dass ein Mitmusiker schlecht behandelt wird, weil er vielleicht nicht so gut gespielt hat oder einfach, weil er nicht so wichtig erscheint. Wie gesagt, dass ist meine Philosophie…. wer allerdings kein Engagement zeigt, andere runter macht oder das Gesamtgefüge stört, der ist ein echtes Problem und sollte auch so behandelt werden.
Für mich ist das schon immer und auch immer mehr ein heikles Thema. Geübt wird bei mir grundsätzlich im Stehen. Allmählich habe ich da auch ein ganz gutes Gefühl, die Atmung passt und die Gesamtspannung ist auch ok. In vielen Proben und im Orchester wird aber im Sitzen gespielt. Und das ist leider gar nichts meins. Atmung und Spannung passen nicht und ich glaube, mir fehlt auch die im Stehen vorhandene Beweglichkeit. Gerade in den letzen Monaten bewege ich mich relativ viel, einen Ausfallschritt nach vorne oder ein wenig zur Seite, Gewichtsverlagerung, auf die Zehenspitzen gehen, all das ist irgendwie auch Teil davon, die für den aktuellen Zustand richtige Spannung zu erzeugen. Mit dem Hintern auf dem Stuhl, dem Notenständer davor, ist man da reichlich eingeschränkt.
Die Grundregeln für das Spielen im Sitzen sind simpel und mir schon lange bekannt:
Im Fall des Orchesterspiels gehört unbedingt dazu, den Stuhl und den Notenständer so einzurichten, dass der Dirigent gut zu sehen ist. Beim Ensemblespiel sollte man die Mitmusiker im Auge behalten können. Der Notenständer muss so weit weg stehen und eine Höhe haben, die verhindert, dass man den Kopf senken muss und damit den Hals ein bisschen zu macht.
Ganz früher habe ich dazu tendiert, mich auf dem Stuhl zu drehen und den rechten Arm irgendwie auf der Rückenlehne abzulegen. GANZ SCHLECHT! Ich hab das auch von anderen schon gesehen. schlecht ist auch, wie im Stehen, die Arme am Körper anliegen zu lassen, da bekommt man keine Luft.
Im Sitzen ist es besonders störend, wenn man vor der Probe zu viel gegessen hat, oder die Hose zu eng ist. Da staut sich alles und Luft geht gar keine mehr rein.
Werner Richter widmet dem Spielen im Sitzen in Bewusste Flötentechnik einen eigenen Abschnitt. Dadurch bin ich auch auf diesen Problembericht gekommen. Wesentlich finde ich den sehr naheliegenden Tipp, wichtige Stücke, die im Sitzen gespielt werden müssen, auch im Sitzen zu üben. Ich nehme mir das immer wieder vor und tu es dann nicht, weil ich dafür hier alles umräumen müsste (schlechte Ausrede). Es ist also von Vorteil, im eigenen Übezimmer einen tauglichen Stuhl und auch ausreichend Platz dafür zu haben. Tatsächlich kann ich viele Stücke, die im Stehen super gehen, im Sitzen nur schlecht spielen.
Ein weiter wichtiger Tipp aus Bewusste Flötentechnik ist, dass Becken beim sitzend Spielen zu kippen.
Noch ein Wort zu tauglichen Stühlen: ich mag keine irgendwie schrägen Sitzflächen, keine Armlehnen und keine wackeligen Stühle. Auch solche mit einer richtigen Sitzkuhle sind nicht toll. Eine Kante am vorderen Rand ist auch nicht schön, da sitze ich drauf, weil ich zum Spielen immer nach vorne rutsche (macht die richtige Haltung einfacher). Ganz ohne Rückenlehne mag ich nicht, da bekomme ich Rückenschmerzen, weil ich wenigstens in den Pausen mich ab und an anlehnen möchte. Für Quartettspiel habe ich mir mal vier Klappstühle gekauft, die kann man leicht wegpacken und die gibt es günstig bei einem bekannten schwedischen Möbelhaus. Habe ich mir von einer früheren Mitmusikerin abgeguckt… noch schöner ist aber, wenn alle im Stehen spielen können und mögen… finde ich.
In den verschiedenen Kammermusik-Besetzungen, in denen ich schon gespielt habe, ist mir immer wieder das gleiche Phänomen begegnet. Nicht nur bei anderen, sondern natürlich auch bei mir selbst. Äußerungen wie “ich kann das noch nicht richtig, darum kann ich nicht darauf hören, was Du da machst”. Auch im Orchester (egal ob Blas- oder Sinfonie-) hört man das immer wieder, dort noch mit der Variante, dass man nicht gucken kann, was der Dirigent macht, weil man so mit den eigenen Noten beschäftigt ist.
Ich glaube das ist grundsätzlich ein Irrtum. Hier gilt Mut zur Lücke. Nach meiner Erfahrung werden gerade schwere Stellen viel einfacher, wenn man auf den Kontext hört. Plötzlich macht der Rhythmus Sinn, weil er sich mit anderen Stimmen ergänzt oder man stellt fest, dass jemand anders kurz davor oder gar gleichzeitig die gleichen Figuren spielt und kann sich daran orientieren. Oder man bemerkt schlicht, dass die schweren Begleitfiguren nur so schwer waren, weil man sie in Panik viel zu schnell angegangen ist und dann alles komisch war, weil nämlich der arme Mensch, der eigentlich die Melodie “zelebrieren” sollte, nur noch gehetzt seiner Stimme nachhechelt.
Meistens führt die mutige Entscheidung, in erster Linie zu hören und dafür dann auch mal ein paar Noten zu opfern oder meinetwegen ein falsches Vorzeichen zu tolerieren, dazu, dass plötzlich alles viel einfacher wird. Und nicht nur das, es macht auch mehr Spaß und klingt besser. Je älter ich werde, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass die Vorstellung, sich für das Konzentrieren auf eine Sache, hier das Spielen, gegenüber äußeren “Einflüssen”, zum Beispiel den Tönen der Mitmusiker, abschotten zu müssen, für Musik einfach vollkommen falsch ist. Es geht nicht so sehr um die reine Konzentration, es geht um eine Art Fließen. Es geht nicht darum, sich nicht ablenken zu lassen, sondern darum, sich voll auf die anderen einzustellen. Sich einlassen, öffnen und “kommunizieren” (doofes Modewort) ist der Trick.
Ein guter Trick ist, sich die Stimmen in den Noten zu notieren, die gerade von besonderem Interesse sind. Ich kenne das mit Stimmbenennung (besser Instrumentbezeichnungen als Namen, das hilft bei Wechseln im Ensemble
). Auch Brillen oder Ohren haben sich sehr bewährt. Eine sehr nette Variante finde ich, sind Willi’s Herzchen als Markierungen. Eigentlich führen auch solche Einzeichnungen einzig dazu, die Aufmerksamkeit vom Notenbild wegzulenken. Ich möchte wetten, wer sich traut wird feststellen, dass vielleicht mehr “falsche” Noten erklingen, die Bögen und der Sinn aber viel besser ankommen und plötzlich alles klingt.
Ich glaube, das schönste Gefühl beim Musizieren und auch das, was uns alle irgendwie süchtig danach macht, ist dieses gemeinsame Schwingen oder Fließen. Wenn plötzlich einer ritardiert und alle machen mit, obwohl es nicht da steht. Oder nach einer schönen Passage vergurkt sich einer oder kann das Tempo nicht halten und alle machen plötzlich langsamer und warten ein bisschen auf ihn. Das hat was von Vereinigung…. ganz unsexuell aber genauso befriedigend und genauso erfüllend….. kitschig und sentimental? Stimmt, aber ich bin sicher, wer das mal hatte, möchte es immer wieder. Das macht den Suchtfaktor aus. Und die größte Überraschung ist, dass das auch mit einem ganzen Orchester funktionieren kann.
Zu meiner Zeit und in der Region, aus der ich stamme (Enzkreis, Vaihingen/Enz und Umgebung), war der Musikverein, die Blaskapelle also, der wahrscheinlichste Einstiegspunkt für einen musikalischen Werdegang. Eigentlich war es sogar beinahe der einzige, da die städtische Musikschule erst einige Jahre nach meinen ersten Querflötentönen gegründet wurde.
Es gab Zeiten, in denen ich mit dieser Tatsache nicht so recht ins Reine kommen konnte, weil ich überzeugt war, ein anderer, professioneller oder qualifizierterer Einstieg hätte mich vielleicht zu einem Profimusikerdasein bringen können. Inzwischen sehe ich das ein bisschen anders.
Das ganz große Plus eines Vereins ist die Möglichkeit des Zusammenspiels, die sozusagen von Anfang an frei Haus mitgeliefert wird und klares Ziel von Beginn an ist. Im Rahmen des “Mitspielens” überwindet man viele Hürden relativ schnell, weil man eben irgendwie mitkommen muss. Viel später, als ich dann außerhalb dieses Vereinslebens Schüler unterrichtet habe (privat oder an Musikschulen), habe ich oft festgestellt, dass eine Bindung an das Instrument und eine Begeisterung für das Musizieren, auch über die Pubertät hinaus, ohne dieses gemeinsame Musizieren schwer zu erzielen ist.
In meinem Fall war da erst der Verein und später auch die Musikschule mit Ensembles und vielen Freunden, die ich durch diese Ensembles kennengelernt hatte. Und schon nach relativ wenig Jahren konnte und wollte ich mir ein Leben ohne die Flöte eigentlich nicht mehr vorstellen. Ursprünglich war da auch der Wunsch, das beruflich zu machen, den ich aber dann nicht weiter verfolgt habe. Die erste Krise kam dann erst während meines Ingenieur-Studiums, als mir eine Zielsetzung fehlte. Darüber konnte mir aber ein neuer Lehrer und meine erste Gelegenheit zum Spielen im Sinfonieorchester weghelfen. Und so hat die Beziehung zur Flöte alle anderen überlebt und überflügelt, wie auch diese Webpräsenz wohl zeigt.
Wie sieht es nun mit den Nachteilen aus? Die lassen sich natürlich nicht ganz von der Hand weisen. Auch wenn ich heute nicht mehr auf dem Laufenden bezüglich des Niveaus in durchschnittlichen Vereinen bin. Ich spreche also zunächst von meiner Zeit. Damals wurde in vielen Blaskapellen nicht gestimmt. Der Begriff “Intonation” begegnete mir erst Jahre später. Häufig hat man als Flöte innerhalb eines Blasorchesters auch kaum Chancen jemals wirklich gehört zu werden. Oder aber da sitzen 7 Flöten und spielen alle gleichzeitig und vollkommen unsauber. Als Flöte im Blasorchester hatte man so häufig einen relativ undankbaren Job. Was war das für ein Schock in der ersten Probe mit einem Sinfonieorchester, wo man plötzlich JEDEN Ton hören konnte. Erst schockierend und dann nur noch motivierend und begeisternd.
Seit letztem Jahr mache ich nun auch wieder Blasmusik. Im Kreisorchester zunächst des Siegburger Kreisverbands und heute des Erftkreises (aufgrund von Streitigkeiten, ein weiterer Nachteil des Vereinslebens und der dortigen Strukturen). Dieses Projektorchester hat den riesigen Vorteil von sehr guten Dirigenten (Musiker aus dem Gürzenich) und dazu sehr motivierte Mitmusiker, die ihre Wochenenden opfern. Zeitweise ist es dennoch entsetzlich laut und beinahe brachial und dann gehe ich auch sehr gerne wieder in eine kleine, ruhige Quintettprobe. Und natürlich ist das kammermusikalische Spiel auch eine ganz andere Disziplin, die ich heiß und innig liebe.
Das Spiel nach Dirigat bietet aber auch viele Herausforderungen und das “Abgeben” der Initiative an den da vorne und das sich “daraufeinlassen” ist auch manchmal eine ganz eigene Aufgabe. Wichtig ist nur, den Unterschied zu verstehen und zu leben. So erinnere ich mich an einen Flötennachbarn im Orchester, der mir ins Ohr sagte: “Das Tempo ist doch viel zu langsam, spiel doch einfach mal schneller”… irgendwas hatte der an der Aufgabenverteilung zwischen Orchester und Dirigent noch nicht verstanden…..
Da ich in den letzten Jahren bei meinen Nichten und Neffen (Schlagzeug und Marimbaphon, Posaune und Horn) sehe, dass die Vereine heute sogar bei den Kleinen schon mit Grundlagen der Gehörbildung anfangen und die Verbindung mit der Musikschule heute fast eine Selbstverständlichkeit ist (früher noch Konkurrenz und “akademisches” Feindbild), denke ich, dass ganz klar die Vorteile über die Nachteile gesiegt haben. Das Repertoire und die Dirigenten sind heute deutlich besser ausgebildet.
Eine echte Empfehlung also an alle, die ein Instrument lernen wollen oder ein Kind haben, dass das möchte. Geht in Vereine! Musik ist ein Gemeinschaftsprojekt!
Wie kommt es, dass man so wenig Flötisten trifft, die gerne Piccolo spielen?
Vermutlich liegt das daran, dass es so schwer ist und relativ undankbar, da falsche Töne und schlechte Intonation fast in allen Lebenslagen von jedem zu hören sind, weil das Piccolo sich meist in luftigen Höhen über allem anderen bewegt und heraussticht. Sticht… ja, das trifft wohl das Hörempfinden in den meisten Fällen auch ganz gut.
Es ist so schwierig, ein Piccolo angenehm und unauffällig erklingen zu lassen. Die Größe des Mundstücks erfordert einen noch viel exakteren Ansatz, jede kleine Abweichung von der Ideallinie ist ja in Relation zur Größe des Instrumentes schon ein Riesenfehltritt und wirkt sich auch so aus. Hier sind echte Feinmechaniker gefragt!
Als weiter Ursache für die weit verbreitete Abneigung würde ich vermuten, dass viele Flötisten und Flötistinnen ihre ersten Versuche am Piccolo auf entsetzlich schlechten Instrumenten machen müssen. Man braucht die Dinger ja nicht so oft, Orchester und Kapellen schaffen welche an, damit sie den Musikern geliehen werden können, aber investiert wird in solche Instrumente wenig (ich hatte eine Schülerin bei deren Vereins-Piccolo (Kunststoff-Instrument von Yamaha) die Klappen abfielen, weil die Gewinde für die Schräubchen im Korpus fast alle ausgebrochen waren).
In meinem Fall war das erst Piccolo ein uraltes Metallinstrument der Firma Grassi, das vermutlich schon sehr viele Flötisten aber noch nie eine Werkstatt von innen gesehen hatte. Die enge Mensur und meine Unkenntnis der Problematik führten zu wahnsinnigen Kraftanstrengungen. Das Ganze spielte sich in einem der unzähligen Musikvereine Süddeutschlands ab. Ich war etwa 10, spielte ein gutes Jahr die Querflöte und quälte mich nun mit Marschmusik, einer entsprechenden Marschgabel am linken Arm, dem Gleichschritt, dem Ansatz und der auswendig zu spielenden Locke (die Problematik der Pferdeäpfel kam dann beim ersten Ernstfall dazu)…….
Im nächsten Schritt dann der Florentiner-Marsch…. eine Hassliebe…. gegenüber Repertoire a la “Gruß aus Kiel” ein wirklich reizvolles Werk…. mit einem fetten Piccolopart, technisch sehr anspruchsvoll (damals jedenfalls für mich). Zunächst die solistische Einleitung und später das Genudel im Trio…. viel geübt und nie gehört, weil das Blech an der Stelle alles andere plattgetrötet hat.
Und dann wurde ein neuer Dirigent eingestellt und beim Probedirigieren wurde der Florentiner aufgelegt. Ich war schon gewohnt, dass keiner hört oder hören will, was und ob und wie ich diesen technischen Part von mir gebe…. aber weit gefehlt. Der “neue” hatte studiert, viel gelernt und probte das mit mir…. vor der versammelten Kapelle. Ich ca. 13 und seeeeeeehr peinlich berührt unter den Mitmusikern (die meisten um die 50)….. üble Erinnerungen.
Irgendwann hielt ich es dann für einen klugen Schachzug, mir selbst ein Piccolo zuzulegen. Erstens um nie wieder auf solchen Gurken spielen zu müssen und zweitens in der Hoffnung, dadurch vielleicht für ein paar Muggen attraktiver zu werden (hat auch einmal geklappt). Naja und dann kam die Bewerbung beim Landesblasorchester mit Vorspiel und mein damaliger Lehrer (Karl Strobel in Stuttgart) hat mit mir auch eine Piccolostelle eingeübt. Und da gab es dann tatsächlich ein paar Tipps, die mir seither das Leben leichter machen. Zum Beispiel hatte ich das Piccolo immer zu tief angesetzt. Und da merkte ich zum ersten Mal, dass das tatsächlich ein Instrument und kein archaisches Folterwerkzeug ist…
Inzwischen kann ich durch Querflöten-Quartett, Sinfonieorchester und Bläserquintett das Piccolo etwas besser leiden und akzeptieren, dass ich es eben nicht kann, weil man dieses schwierige Instrument einfach richtig gut üben muss, was ich ja nicht tue. Friede ist eingekehrt und seit ich von einer Freundin die CD von Gudrun Hinze erhalten habe auch Freude am Piccolo hören….. seit ein paar Tagen besitze ich das wunderschöne Piccolo-Konzert von Stephenson von dieser CD nun auch als Noten und habe sogar freiwillig Piccolo gespielt.
Vielleicht macht das Alter ja wirklich reifer und versöhnlich?