Ich bin ein Blattspieler. Irgendwie schon immer gewesen, vermutlich auch, weil ich als Kind fast nie geübt habe. Blattspiel ist meiner Meinung nach hauptsächlich eine Konzentrationsfrage, eine intellektuelle und weniger eine musikalische Leistung. Assoziatives Denken ist von Vorteil, eine schneller Erfassung des Notentextes von Nöten. Die Tatsache, dass ich ganz gut vom Blatt spielen kann, bringt mir viele der wenigen Muggen, die ich so habe. Für einen Kirchenmusiker ist es sehr praktisch, wenn man sich einfach hinstellen und etwas spielen kann, nachdem es nur einmal oder gar nicht zuvor zusammen gespielt wurde. Minimaler Aufwand also. Das ist gerade bei reduzierten Kirchenmusiketats natürlich ein schlagendes Argument.
So schön ich es finde, auf diesem Weg zu Muggen zu kommen, so schade finde ich es, dabei dann immer nur an der Oberfläche der Musik zu kratzen. Auf der anderen Seite probe ich mit so vielen Kammermusik-Ensembles, mit denen wir aber keine Auftritte haben. Damit fehlen Ziele und auch hier wird zwar ein bisschen ausgearbeitet aber nicht bis ins letzte Detail, weil eben ein echtes Ziel fehlt.
Im Endergebnis bin ich aktuell immer ein bisschen unzufrieden, weil ich das Gefühl habe, eine echte Herausforderung fehlt. Ein Stück, das wirklich Arbeit verlangt, ein relativ technisch einfaches Stück, das musikalisch ausgereizt wird. Irgendwas, auf das man im Endergebnis richtig stolz sein kann.
Vielleicht wäre es ja besser, nicht vom Blatt spielen zu können? Andererseits gäbe es dann vielleicht keine Muggen mehr. Eine ausgewogene Mischung, das wäre sehr schön. Ich spiel ja auch gern vom Blatt, aber in der Probe täte es das auch…..
Ich hatte ja kürzlich von meinem enttäuschenden Probenabend berichtet. Ostermontag kam dann die Stunde der Wahrheit….. die eigentliche Mugge. Als Viertel vor acht mein Wecker klingelte war ich nicht gerade begeistert. Während Badbesuch, Kaffe kochen und trinken und Schuhe anziehen nahm ich mir fest vor, direkt nach Noten zu fragen, das Mitspielen aus Chorpartituren mit dem Umblätterproblem vorneweg zu verweigern und in dem Fall, dass keine Noten da sein sollten, mein Instrument gar nicht erst auszupacken. Ich sammelte also meine Anspannung und den Rest meines Dienstags-Zorns und latschte die (glücklicherweise nur) zwei Straßen durch den österlichen Nieselregen zur Kirche. So ein Vorsatz jetzt aber mal durchzugreifen macht mich immer recht nervös, nervöser als das Musizieren in jedem Fall.
Ich schlug da also auf, wackelte auf meinen Dirigenten los und fragte mit strenger Stimme, ob er denn Noten für mich hätte. Und er? Sagt “Nö” und lacht. Scherzkeks. Ich mit meiner Vorspannung kam mir ganz gut verarscht vor. War dann aber doch erleichtert, als er die Notenausgabe rauszog. Es war die zweite Flöte, die erste ist wohl mit der Stammbesetzung im Urlaub. Cheffe hatte aber, und das hat mich sehr versöhnt, mit Bleistift an einigen Stellen die erste Stimme aus der Partitur in die Noten abgeschrieben. Das nenne ich Einsatz.
Mein forscher Vorstoß, die Sopranstimmen zu verweigern, wurde verständnisvoll aufgenommen und akzeptiert. Damit hatte ich meine Durchsetzungs-Vorsätze umgesetzt und wars zufrieden. Das frühe Aufstehen war gerechtfertigt und mein Tag schon fast gerettet.
Das Einspielen umfasste glücklicherweise auch das Anspielen der fraglichen zwei Nummern aus der Schöpfung. In der nackigen Flötenstimme stellte sich das Mitspielen zunächst ganz fremd dar (da hatte die Probe vom Dienstag mit Spiel aus der Partitur nun wirklich nix geholfen). Das Vivace war so langsam, dass ich anfangs dachte, er gäbe Halbe, nicht Viertel und gar nicht erst reingefunden habe. Nachdem Vorzähler und Einheit geklärt waren, klappte das aber und so musste ich nur jeweils die zweite Hälfte jedes Satzes im Gottesdienst vom Blatt spielen.
Als Tüpfelchen auf dem i wurden die Solisten aus dem Chor, das heißt hinter mir, wegen der Akustik zwischen die Streicher, das heißt vor mich, postiert, was mein Gehör noch zusätzlich entspannt hat. Alles in allem also ein tatsächlich versöhnliches Ende des Dramas.
Zweimal an einem Tag bloggen ist normalerweise gar nicht meine Art (schon mangels Ideen und Zeit). Aber eben habe ich mich echt geärgert und weil es noch so grummelt, muss ich nun Dampf ablassen.
Ich habe Urlaub diese Woche (ein Glück, war und ist bitter nötig). Im Allgemeinen bemühe ich mich da, den Schwerpunkt auf für mich befriedigende Tätigkeiten zu legen. Dazu kann schon auch Bügeln und Putzen gehören, weil ich den Dreck irgendwann nicht mehr ertrage und nach der Arbeit oft nicht so gut den Hintern hoch bekomme (wenn ich nicht sowieso bei irgendeiner Probe bin). Bisher war dieser Urlaub diesbezüglich sehr angenehm. Bügeln, bisschen staubsaugen, mal wieder was richtig schönes kochen, schön Essen gehen, üben, homepageln, gestern der bisherige Höhepunkt: Flötenunterricht
Heute dann Reifen wechseln, Auto waschen, ein paar Erledigungen machen, bloggen… alles ganz ok und Teil meiner Planung. Heute Abend stand dann eine Probe auf dem Zettel. Ich helfe Ostermontag bei meinem ehemaligen Orchester im Gottesdienst aus. Irgendwelche Ausschnitte aus der Schöpfung. Mache ich kostenlos, war ja mal meine musikalische Heimat, da ist das selbstverständlich. Probe war schon in der Kirche für Montag, fern der Orchesterräume. Um halb acht sollte es losgehen und darum habe ich heute mittag sicherheitshalber meinen Dirigenten angerufen, bestätigt, dass ich komme, wo und wann das ganze stattfindet, gefragt, ob ich einen Notenständer brauche und erinnert, dass er bitte die Noten mitbringen soll.
Beim Packen meiner Tasche habe ich in weiser Voraussicht schon mal meine aktuelle Lektüre mit eingesteckt, ich kenne den Laden ja. Es ging los, wie es immer ist, das erste Stück ohne Flöte. Na gut, Buch raus und gelesen (hat mich mein Instinkt doch wieder ganz gut geführt). Das nächste Stück…. ohne Flöte. Sie fangen an, Chef bricht ab: “Claudia, spiel doch mal den Sopran mit, das ist mir wichtig”. Man reicht mir einen handgeschriebenen Zettel, irgendwas choralartiges. Mitgespielt. Ist ok (begeistert mich nicht, aber wenn ich schon da bin…..).
Nächstes Stück: Keine Flöte. Frau Haider zückt ihr Buch und bemüht sich, den Inhalt zu verstehen, obwohl der Sopran mir direkt ins Genick singt. Wieder ein Abbruch, wieder der Dirigent: “Claudia, spiel doch mal den Sopran mit.” Hinter mir wird gesucht, ich erhalte eine Chorpartitur. Das ist schon schlecht, da muss man alle fünf Takte blättern und dann klappt der Schinken auf dem Notenständer alle Nase lang zu. Ätzend. Aber, die Schöpfung steht mir ja noch bevor und da gibt es Flötennoten.
Das nächste Stück: Hurra, die Schöpfung! Und…… der Dirigent hat die Noten vergessen. Wollen wir raten? “Claudia, spiel doch einstweilen mal den Sopran mit.” Ja super. Jetzt komme ich mir ziemlich verarscht vor. Beim Blick in die Noten stelle ich fest, dass der Klavierauszug unterhalb der Chorstimmen auch Eintragungen wie Fl.Ob. enthält. Dieser “Flob” meint offensichtlich die Bläser, ich lasse mir also das OK geben, lieber das zu spielen, als neben den fünf verschiedenen Tönen des Sopran noch einen sechsten mit der Flöte zu setzen. Ist ja toll, nur auch hier muss man alle drei Takte blättern, das Buch schlägt zu, solche Besetzungs-Eintragungen sind spärlich und eine vierstimmige Klavierstimme vom Blatt für mich nicht die angenehmste Vorlage. Und dann kommt: “Claudia, in Takt soundso wäre schön, wenn Du das spielst.” Ich hatte es gespielt und mir platzt der Kragen. “Hier steht alles durcheinander. Wenn Du Noten bringst, dann spiele ich die. Wenn nicht, stehe ich Montag nicht extra so früh auf.” “Ja, wir gehen gleich rüber, dann gebe ich die Dir.” “Nein, ich gehe gleich heim. Bring sie am Montag mit, üben werde ich die ohnehin bis dahin nicht mehr.” Grummel.
Super. Ich kann meine Abende auch netter verbringen als in einer kalten Kirche bei schiefer Musik und mit dem Chor im Genick. Schon gar, wenn ich Urlaub habe. Offensichtlich heißt “kostenlos” auch gleich “wertlos”. Da ärgere ich mich über meine Gutmütigkeit. Ich bin nicht der musikalische Mülleimer für West-Köln, der alles spielt, was übrig ist. Grrrrrrrrrr
Wie kommt man bei einem Konzert über das Lampenfieber weg? Wie schafft man, dass Musik überzeugend klingt? Wie kann Musik, das Üben oder eine Probe zur Entspannung beitragen? Ich glaube, die Lösung für alle diese Fragen liegt darin, ganz in der Gegenwart zu sein. Wenn man es schafft, sich ganz auf den Klang zu konzentrieren, ganz im Moment, in der Musik zu sein, dann ist man nicht nervös, dann kann man abschalten und dann klingt es auch am besten. Das gilt natürlich für Konzerte, aber besonders auch für Proben. Wenn man in der Probe nicht zu hundert Prozent bei der Sache ist, wenn man die Zeit nur “ableistet” oder nur das nötige tut, dann kann man die Probe auch einfach lassen. Um richtig zu proben, muss man ja auch tatsächlich das proben, was man später im Konzert spielen möchte. Das heißt, man muss alles hineinlegen, absolut überzeugen wollen und den Ausdruck “leben”. So macht es dann auch am meisten Spaß und man entwickelt sich weiter.
Ich habe das früher nicht getan, bin von Probe zu Probe gerannt und habe nur vor mich hin gedudelt. Das ist Beschäftigungstherapie, mehr nicht. Musik ist ja eine Gegenwartskunst, das heißt, sie findet absolut im jetzt und hier statt. Selbst wenn man was aufnimmt, kann man ja nur aufnehmen, was auch gespielt wurde. Eine Korrektur ist nicht möglich, das macht die absolute Konzentration so wichtig. Wenn ich nun beim Spielen abschweife, an eine schwere Stelle oder den nächsten Satz denke, oder womöglich an das Bier danach, dann kann es fast nur schief gehen. Schwierig ist das insbesondere bei einfachen Stücken, für die man diese Konzentration nicht zwingend benötigt. Aber gerade da kann man mit voller Konzentration besonders viel rausholen.
Auch hier merkt man wieder, das hat was von Autogenem Training oder Meditation.
Im Job habe ich gerade richtig viel zu tun. Projektabschluss zum Monatsende, da muss ein dicker Bericht fertig sein. Arbeitstechnisch heißt das täglich so neun bis zehn Stunden vor dem PC sitzen und mit Word, Worten und Zahlen kämpfen. Die einzigen zwischenmenschlichen Kontakte finden dann in der Mittagspause statt, dazwischen stürzt Word auch mal ab, dann muss ich Daten auswerten, Informationen nachschlagen etc. Alles in allem ein recht trockenes Geschäft, dass sich im Hirn einnistet wie der Holzwurm. Auf dem Heimweg, zuhause und manchmal auch nachts drehen sich dann die Gedanken noch um das wie und was, ist das zu schaffen, wo mache ich weiter, was habe ich vergessen. Abschalten? Ein echtes Problem….
Und obwohl ich eigentlich, wenn ich um halb acht heimkomme, müde und unfit aufs Sofa sinke, habe ich festgestellt, dass es sich lohnt, sich zum Üben aufzuraffen. Wenn ich das nämlich tue, dann wird der Kopf frei. Tonübungen haben was von Meditation irgendwie. Luft fließen lassen, den Ton an den Lippen und in den Fingern spüren. Je stupider, je besser. Sonorite zum Einspielen, dann auch ein bisschen Technik (Tonleitern im Maximaltempo), da denken überhaupt nur die Finger. Das Körperliche am Spielen läßt mich irgendwie wieder zusammenfinden, Kopf und Rest, und der Körper, der den ganzen Tag vernachlässigt und ignoriert wurde, hat wieder zu tun. Das ist geradezu heilsam.
Oft komme ich an solchen Tagen gar nicht über die Übungen raus, weil mir Stücke oder gar richtig Üben viel zu anspruchsvoll sind. Aber wenn es sich dann doch ergibt, wenn der Ton gut ist, alles fließt und das Gefühl einfach Lust auf mehr macht, dann ist das die eine halbe Stunde des Tages, die mir wirklich was gibt, wo ich dann endlich mal wieder das Gefühl habe, dass ich noch lebe. Und wenn nicht, zwanzig Minuten oder eine halbe Stunde Ton und ein bisschen Technik, das reicht schon, um richtig auf der Höhe zu bleiben und wenigstens nicht mehr ausschließlich an die Arbeit zu denken. So eine Art Softreset. Für mich ganz ungewohnt, mein Leben lang habe ich das eigentlich immer gemieden und wollte nur spielen. Und jetzt bin ich ein wahrer Tonübungssüchtiger. Vielleicht ist das ja auch so eine Art flötistische Altersweisheit.
Vermutlich kennt das jeder, auch jemand der selbst keine Musik macht. Musik kann Erinnerungen wecken und sogar die Gefühle, die man mal in einer Situation hatte. Ich habe das in letzter Zeit ziemlich häufig in den verschiedensten Zusammenhängen wieder erlebt.
Als kürzlich Whitney Houston starb und schon morgens der Radiowecker ihre Lieder spielte, da bekam ich so ein eigenartiges Gefühl. Das ist die Musik meiner Teenager-Tage, sie wieder zu hören hat ein bisschen meines damaligen Selbstgefühls wieder hochgeholt. Das war eigenartig, aber auch schön.
Heute hatte ich ein ähnliches Gefühl, nur für die Zeit als ich in den zwanzigern war. Heute habe ich mir nämlich eine Aufnahme des Shea Stadion Konzertes von Billy Joel auf Video angesehen. Das ist meine Musik, wenn ich mich von irgendeinem Musiker als “Fan” bezeichnen würde, dann von ihm. Diesmal kam zu diesem Erinnerungsschwall noch dazu, dass er inzwischen ganz gut gealtert ist. Da sass also ein fast zwanzig Jahre älterer Mann und spielte die Musik von “damals”. Da konnte ich aber sehr deutlich merken, wie viel Zeit seit damals vergangen ist. Ich habe mir fest vorgenommen, die Platten wieder rauszuholen…. schön.
Noch etwas viel besondereres ist aber Musik, die man selbst gespielt hat. Wir haben heute Flute en vacances von Casterede gespielt. Ein wunderschönes Stück. Wir haben das an der Musikschule im Quartett gespielt. Da war ich so zwischen 15 und 17 Jahre alt, ich weiß es nicht mehr so genau. Dann, ca. 10 Jahre später habe ich das wieder in einem Quartett gespielt, in Sankt Augustin. Beim ersten Mal an der Musikschule habe ich die erste Stimme gespielt. Das war damals ganz schön schwierig für mich und ich habe ordentlich geübt, vor allem am vierten Satz. Welche Stimme ich 10 Jahre später gespielt habe, das weiß ich gar nicht mehr. Naja und nun spielen wir es wieder, diesmal im Trio (die vierte Stimme ist sowieso ad libitum). Wir haben uns erst mal alle Stimmen angesehen, um dann heute zu entscheiden, wer welche übernimmt. Was soll ich sagen, die erste lief einfach noch immer. Beinahe ohne Probleme. Alle anderen Stimmen waren mir sehr fremd, obwohl ich definitiv in den 90ern nicht die erste hatte. Aber ich habe keine andere wiedererkannt. Daran habe ich gemerkt, dass ich damals an der Musikschule wohl wirklich gut geübt habe. Und das hat gehalten, bis heute. Beim Proben kam heute dann so vieles wieder hoch. Ich habe die Gesichter meiner Mitmusiker an der Musikschule wieder vor mir gesehen. Ich konnte mich an den Proberaum erinnern und sogar an meine Haltung den anderen gegenüber, wie die Atmosphäre war bei den Proben und all das. Einfach alles war wieder da…. was Musik so alles bewegt. Und außerdem: wie lohnend wahres Üben doch ist, das hält eine Ewigkeit. Ist das nicht eine wunderbare Motivation?
Und je länger man musiziert, desto mehr akustische Erinnerungen sammeln sich an. Ich habe so oft Besuch von meiner Vergangenheit, wenn ich Pretty Woman im Radio höre oder den Radetzky Marsch oder die Sportpalast-Polka oder Billy Jean von Michael Jackson oder den Dritten Mann aus Harry Lime oder Words oder Africa von Toto oder In the Mood oder Just a Gigolo, oder, oder, oder…. so ist das, wenn man Blasmusik gemacht hat und Tanzmusik und Big Band und Orchester und Kammermusik. Natürlich (und glücklicherweise) sind nicht alle Erinnerungen mit viel Emotion verbunden und manchmal weiß ich auch nur: “das hab ich schon mal gespielt, was ist das bloß?”
Altern mit Musik. Vielleicht nicht immer schön, aber auf jeden fall VIEEEEEEEEEEELLLLLL besser als ohne…..
Das mag vielleicht erst mal komisch klingen, aber das tut man ja ständig, wenn man neue Noten auflegt. Mit manchen Gruppierungen spielt man das dann zum ersten Mal und übt es in der Folge konsequent und manchmal spielt man auch viele verschiedene Sachen durch, um die Literatur kennenzulernen, einfach aus Spaß oder um dann ein Werk zum richtig Üben auszuwählen.
Ein Grundproblem beim Spielen unbekannter Noten in der Gruppe ist die Wahl des Tempos. Nach meiner Erfahrung hat jeder so seine intuitiven Grundtempi für die verschiedenen Bezeichnungen. Dieses automatisch gespielte Tempo beim Alleinespielen muss in der Gruppe natürlich erst mit allen abgestimmt werden. Und das ist nicht immer einfach. Ich musiziere mit einigen, bei denen die Vorstellung eines Allegro relativ genau mit der meinigen übereinstimmt. Andere Kollegen haben es für mein Gefühl immer ausgesprochen eilig. Jemand deutlich langsameres hatte ich noch nicht, vielleicht bin ich ja einfach schon an der unteren Grenze mit meinem Tempoempfinden.
Seltsamerweise hat das intuitiv angeschlagene Tempo nicht immer etwas damit zu tun, wie gut der Tempomacher dann auch die eigene Stimme in diesem Tempo im Griff hat. Ich für meinen Teil überfliege gern ein Stück zunächst, identifiziere die technisch anspruchsvollen Stellen und versuche dann, mir vorzustellen, wie schnell ich das wohl hinbekommen würde. Das geht am Ende nicht immer auf, weil manchmal die Tücke im Detail steckt, aber es kommt meist in etwa hin um durchzukommen.
Während des Spielens kommt es dann eigentlich immer zu Tempoverlusten. Weil man eben genauer gucken muss, die Läufe nicht gehen oder einfach, weil eigentlich ohne Lampenfieber fast jedes Stück bei uns ein wenig verschleppt. Ich selbst neige dazu, das Tempo zu bremsen zu versuchen, wenn ich merke, dass ein Mitmusiker an einer technisch schwierigen Stelle richtig Probleme bekommt. Ich finde, auch das ist Teil des Begleitens, dass man erkennt, wenn etwas nicht geht und nachgibt. Der “Solist”, der mit der interessanten und/oder wichtigen Stimme, hat das Sagen, daher darf man ihn oder sie nicht hetzen, finde ich. Das ist etwas anderes, wenn man ein Stück probt (unter Umständen). Beim Blattspiel finde ich wichtig, dass jeder das Recht hat, am Ende anzukommen.
Es gibt auch eine umgekehrte Ansicht. Ein Mitmusiker merkt, dass das Tempo nicht mehr stimmt und zieht an. Meist wenn er nicht sooooo viel zu tun hat (einfach, weil er dann überhaupt erst merkt, dass es zu langsam ist und weil er dann gut anziehen kann, unstressigerweise). Das sind die Fälle, in denen die Begleitstimme (mit Nachschlag oder ähnlichen, eigentlich unterstützenden Stimmen) dann den “Solisten” jagt. Ich sage ehrlich: das hasse ich. Ich finde es unkollegial und auch unmusikalisch. Man kann so etwas absprechen, wenn ein Stück immer im gleichen Teil zu langsam wird und der technisch am meisten geforderte es eigentlich auch schneller könnte. Wenn aber eine Stelle für einen Mitmusiker wirklich an die Grenze des Machbaren geht, dann ist sie eben etwas langsamer, dann muss man danach wieder anziehen (oder man darf eben so ein schweres Stück gar nicht auflegen). Ich finde immer, ein Ensemble muss wie ein Organismus sein. Wir sind dann aber keine Eidechsen, die bei Gefahr einfach den Schwanz abstoßen, nein, wir wollen gemeinsam und am Stück am Ende ankommen (ich jedenfalls).
Meist wenn man dann mit dem ersten Spielen eines Stückes durch ist kommen direkt die ersten Kommentare zum Werk: “Das ist aber schön!”, “Naja, ein bisschen langweilig.” oder “Das gehört viel schneller, dann wirkt es sicher auch besser.”
Gerade die letzte Phrase höre ich häufig und habe sich wohl auch manches mal selbst ausgesprochen. In letzter Zeit denke ich aber, dass die Stücke, die nur in waghalsigem Tempo anhörbar sind einfach auch schlechte Stücke sind (meistens). Ich denke auch, dass man die Frage, ob ein Stück durch höheres Tempo gewinnt, leicht schon beim langsamen spielen sicher erkennen kann. Im Regelfall können dutzendfache Wiederholungen eines einfallslosen Themas nicht durch Tempo geheilt werden. Auch Stücke, die ständig alle Stimmen doppeln, gewinnen nicht durch Geschwindigkeit. Zerhackte Kompositionen ohne einen inneren Zusammenhang gehen schneller nur einfach schneller vorüber. Daher tendiere ich jüngstens dazu, das Anliegen, ein Stück “mal im Originaltempo” zu versuchen, wobei dann aber innerhalb kürzester Zeit vielleicht das Originaltempo, nicht aber die Originalbesetzung verfügbar ist, weil in jeder Kurve ein weiterer Mitmusiker die Rennbahn verlässt, eher abzulehnen. Meistens verschwimmt dann alles, der eine rennt in Balkenpanik los, der andere sieht Sechzehntel und spielt nur noch zwei Drittel so schnell wie zu Anfang, alle spielen viel zu laut und vor lauter Panik hört keiner mehr hin, was eigentlich gerade abgeht. Und in diesem Tohuwabohu kann man dann erkennen, dass das Stück schneller plötzlich ganz toll ist? pffffff…. ich glaube nicht.
Im Bereich Extras – Spieltechnik der Flutepage gibt es endlich ein paar erste Infos zum Thema Verzierungen. Eine gut gegliederte Quelle des teilweise zunächst unreguliert erscheinenden Themengebiets war das Buch Interpretation von Peter-Lukas Graf. Bisher finden sich auf Flutepage Informationen zu Trillern mit Nachschlägen und Vorschlägen, mehr folgt….
Beim Verfolgen veralteter Verlinkungen auf www.flutepage.de bin ich auf eine Veröffentlichung gestoßen, die als Quelle auch auf diese Website verweist. Ein Jungforscher hat eine “Silent-Flöte” zum Üben ohne Belästigung der Nachbarn entwickelt (wenn das funktioniert, wäre es ja wirklich toll). Der ganze Artikel steht online: http://www.issuu.com/jungewissenschaft/docs/juwi_78
Frei nach der aktuellen Anti-Aids-Kampagne, habe ich mich gestern mal wieder am Improvisieren versucht. Als bekennender Noten-Abhängiger ist das für mich immer eine ganz spezielle Herausforderung. Noten sind ja irgendwie eine Deckung, ein Handbuch, was zu tun ist. Jedenfalls taugen sie immer gut dazu, sich dahinter zu verstecken.
Gestern habe ich also mit einer lieben und ausgesprochen fähigen befreundeten Pianistin unserer dritten Frau im Trio ein Geburtstagsständchen auf ihrer Party gebracht. Auf dem Programm standen Caravan, Girl from Ipanema und Take five (zum Anhören siehe unten). Alle drei in recht schlichten Arrangements in Art eines Songbooks. Und alle drei dazu gedacht, variiert zu werden. Wir hatten das natürlich auch geübt, Abläufe abgesprochen usw. Insgesamt drei Proben und dann gestern “die Show”.
Festgestellt habe ich, während der Proben und erst Recht im gestrigen Ernstfall, dass ich eigentlich immer ein bis zwei Durchläufe oder ca. 20 Minuten brauche, um mich reinzufinden und vor allem auch, um frei zu werden und mich zu “trauen”. Das hat mir gestern natürlich gefehlt. Probeläufe gehen ja vor Publikum schlecht….
Außerdem bekam ich mal wieder bestätigt, dass nach einem guten Essen, zwei Kölsch und entspannter Unterhaltung der Sprung auf “die Bühne” kaum mehr möglich ist. Ein bisschen zu müde, ein bisschen zu wenig konzentriert und ganz ohne die erforderliche Anspannung. Nicht so gut……
Auch eine frühere Erfahrung, dass es beim Improvisieren für mich sehr wesentlich ist, eine Klangvorstellung von dem zu haben, was meine Finger da greifen, schon bevor der Ton erklingt, wurde bestätigt. Gelernt habe ich das erstmalig als Teenager bei den ersten Improvisationsversuchen auf dem Alt-Saxophon. Da ich notorisch nie geübt habe und die Griffe denen der Flöte in weiten Bereichen gleichen, war ich immer aufs neue irritiert, wenn ich was gegriffen habe und der erklingende Ton dann regelmässig eine kleine Terz darüber lag (Alt-Saxophon ist in Es gestimmt, Flöte in C). Das ging so gar nicht. Auf der Flöte kam mir das bei meinen seltenen Versuchen schon einfacher vor, weil ich hier tatsächlich eine korrekte Erwartung des zu hörenden Klangs habe.
Gestern also hatten wir es mit einem angekündigt sehr tiefen Klavier zu tun. Und ich glaube in der Tat, das hat zu meiner Verwirrung noch beigetragen (so weit da noch was beizutragen war).
Da es ein Klavier war, das wie so häufig an der Wand stand, fehlten auch die bei der Probe dank Flügel häufig ausgetauschten Blicke, da ich nur in den Nacken meiner Begleitung starren konnte…. schade.
Trotz allem, es hat gut geklappt (nicht so gut wie in den Proben leider), was ich vor allem der Professionalität und guten Reaktionszeit meiner lieben Mitmusikerin zu verdanken habe, die über meine Aussetzer souverän hinweggespielt hat. Danke!
Wichtig ist, dass es beiden Geburtstags”kindern” gut gefallen hat und anscheinend auch den Gästen. Wichtig ist auch, dass ich meinen inneren Schweinehund bezwungen habe (normalerweise trau ich mich ja gar nicht), wichtig ist, dass es uns beiden viel Spaß gemacht hat und das Vorfreude auf mehr macht.
Gelernt habe ich, was ich eigentlich auch schon wusste, dass man für gutes Improvisieren wirklich viel üben muss. Man muss das Harmonieschema gut kennen, man sollte sich irgendwelche Patterns und Linien überlegen, man muss die Harmonien sicher in den Fingern haben (wenigstens Skalen und Akkorde). Das ist richtig viel Arbeit, für die man sich auch noch selbst einen Plan, ein Vorgehen entwickeln muss. Der zunächst verlockende Eindruck, keine Noten, absolute Freiheit, keine Arbeit ist also grundlegend falsch.
Und das gleiche gilt natürlich auch für Improvisieren im Klassischen. Ich sollte da noch eigene Kadenzen für Carl Philipp Emanuels Solosonate kreieren. Das gleiche Problem. Es ist so schwer, die Deckung zu verlassen…..
Ich denke, dieses freie Spielen ist aber total wichtig. Und ich hoffe (und glaube), dass dies in modernem Instrumentalunterricht ein fester Bestandteil ist. Kindern fällt das sicher viel leichter und sie gewöhnen sich dann frühzeitig daran. Ich glaube einfach, dass es ein sehr wesentlicher Bestandteil von Musikalität und Gestaltung ist, auch mal ohne Noten auszukommen. Und ich für meinen Teil leider manchmal darunter, dass mir das so schwer fällt bzw. ich es eigentlich gar nicht kann.
Hier unsere Playlist zum Anhören:
Dieses Wochenende hatte es für mich persönlich ganz schön in sich.
Freitag ca. 6,5 h Probe, Samstag 4 h Probe, heute zweimal je ca. 3 h Probe.
Das ganze verteilt auf 3 vollkommen verschiedene Formationen.
Freitag eine erste Lese- und Abstimmungsprobe für das Musical Jekyll & Hyde, mit dem San Francesco Chor in Bedburg (es gibt übrigens noch vereinzelte Restkarten). Da bin ich der einzige Bläser und muss mich mit dem Orchester in Form eines Synthesizers arrangieren. Das bedeutet ein bisschen Kreativität, Blattlesen und recht viel solistische Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten und -pflichten. Ziel ist, Farbtupfer zu setzen, das Sahnehäubchen sozusagen….
Samstag und heute morgen dann Blasorchester. Hier gilt es im Satz zu spielen. Schwerpunkt ist Intonation und exaktes timing. Gefragt ist, sich hundertprozentig nach dem Dirigenten zu richten. Teil des Schwarms sozusagen und Individualismus schadet nur (außer an Solostellen).
Heute Nachmittag dann zum Abschluss Flötenquartett (Flöte und Streichtrio). Kammermusik mit Führungsverantwortung. Genau hinhören, Intonation ist wichtig und vollkommen anders als mit anderen Bläsern. Hinhören, reagieren, sich fügen und trotzdem auch ein bisschen gestalten.
Jede Aufgabe also vollkommen anders. Das einzige gemeinsame ist die Flöte. Einspielen war eigentlich nicht, üben schon gar nicht…. puh
Ich habe gemerkt, wie schwer es ist, sich auf die verschiedenen Anforderungen einzustellen und auch, dass am Ende so eines Wochenendes sowohl die Konzentration als auch die Kondition stark nachlassen. Da heißt es: trainieren, das steht mir die kommenden Wochen öfter mal bevor……
Jetzt hätte ich gerne noch Wochenende, schade eigentlich. Aber immerhin sehr erfüllte Tage, man kann seine Zeit auch schlechter verbringen als mit netten Menschen beim Musik machen
Jetzt Füsse hochlegen und Tatort gucken und dann ab ins Bett.
Das Orchester, in dem ich früher mal mitgespielt habe, hat eine Konzertreise nach Wien unternommen. Auf dem Programm stand unter anderem die Sinfonie in D KV 133 von Mozart. Bei diesem 4-sätzigen Werk ist im 2. Satz eine einzelne Flöte besetzt. In den anderen Sätzen spielen 2 Oboen. Für diesem einzelnen Satz wurde nun jemand gesucht, der das spielt. Die Auserwählte war ich.
Ich fand es sehr unangemessen, einen Hobby-Flöter wie mich in eine Musikstadt wie Wien zu verfrachten, um dort einen technisch nicht sehr anspruchsvollen einzelnen Satz einer Sinfonie zu spielen. Und das ganze zu einem ziemlich hohen Preis, bestehend aus Flug- und Hotelkosten, der leicht eine akzeptable Gage für einen Profi sein könnte. Ich befand mich in einer seltsamen Zwickmühle. Mein ehemaliger Dirigent war bereit, einen hohen Preis dafür zu zahlen, dass genau ich diesen Satz spiele. Mir war das peinlich und ich konnte es gar nicht nachvollziehen, weil ich einfach sicher war, dass sehr viele das genauso gut oder besser spielen würden wie ich. Sein Anliegen war eigentlich ein Kompliment für mich, gleichzeitig war es mir aber auch furchtbar peinlich. Ich konnte verstehen, dass oder hätte verstanden, wenn der Rest von Chor und Orchester wegen einer derartigen “überflüssigen” Ausgabe sauer gewesen wären. Und ich hatte die Befürchtung, dass diese Missstimmung sich in erster Linie gegen mich richten könnte, weil ich nicht bereit war, meinen Aufenthalt selbst zu bezahlen, um dem Orchester eine Besetzungslücke zu füllen. Mein Verstand sagte mir, ich sollte das nicht tun. Mein Bauchgefühl sagte mir, mein ehemaliges Orchester mit überwiegend netten Menschen und einem netten Dirigenten, sucht eine Flöte zur Aushilfe, Du kannst nicht nein sagen.
Naja. Ich habe Ja gesagt. Dann ging der Stress los. Ich musste Freitags viel früher als die Kernzeit normalerweise erlaubt, aus dem Büro los und habe damit mein Gleitzeitkonto belastet. Damit alles reibunsglos klappt, habe ich bereits Mittwochs per Web Checkin meine Boardkarte ausgedruckt. Donnerstag habe ich dann erkannt, dass mein Ticket kein Gepäck umfasste, mein Koffer jedoch dank Notenständer, Konzertschuhen etc. nicht auf 8 kg Gewicht für Handgepäck zu bringen war. Also habe ich versucht, das Gepäck nachzubuchen. Im Internet, weil es da nur die Hälfte kostet wie am Schalter. Leider geht das aber nicht mehr, wenn man schon eingecheckt ist. Also habe ich den Koffer wenigstens für den Rückflug nachgebucht und auch dafür schon eingecheckt. Leider war es aber kein Checkin sondern eine Platzreservierung (die nur genauso aussah wie der Checkin). Somit hatte ich insgesamt 20 Euro für das Gepäck auf dem Hinweg, und 19,50 für Reservierung (überflüssig) und Gepäck rückwärts zu bezahlen. Meine Begeisterung für die Veranstaltung und den Fluganbieter stieg ins Unermessliche……
Es folgte ein angenehmer Flug, die Nachricht, dass die gebuchte Pension dank Wasserrohrbruch kein Zimmer für mich hatte und ich ein Stück weiter in einer anderen sehr schönen Pension zum gleichen Preis das kleinste Zimmer der Welt beziehen durfte, dann ein schöner Abend mit neuen Freunden in Wien und eine schlafarme Nacht dank meiner Unverträglichkeit mit fremden Betten und einer Straßenlaterne unmittelbar vor dem Zimmerfenster.
Am Samstag dann um 9 Uhr die Probe in der Votivkirche. Viele bekannte Gesichter und das ungute Gefühl eine Art teurer Luxus zu sein, der den anderen aufgezwungen worden ist. Ich war also etwas unsicher und fühlte mich nicht so recht wohl in meiner Haut. Die Kosten dieser Reise, übernommen vom “Kollektiv” machten aus der einfachen Partie in der Sinfonie plötzlich eine sehr schwierige Partie. Die Verantwortung, nun auch den “Vorschusslorbeeren” oder “Erwartungen”, die in Form dieser ungewöhnlichen “Beauftragung” zu mir rübergeschoben worden waren, gerecht zu werden, lag schwer auf meinen Schultern und machte mich unverhältnismäßig nervös. Erschwerend kam dazu, dass das Konzert am Sonntag um 17 Uhr stattfinden sollte, mein Flieger um 20.45 Uhr starten sollte und Einchecken laut Ticket um 20.15 Uhr angesetzt war. Laut Fahrplan sollte der Weg von der Kirche zum Flughafen mit öffentlichen Verkehrsmitteln ca. 1 Stunde dauern. Dabei musste ich allerdings zwei mal umsteigen und hatte keinerlei Vorstellung, wie weit es nach Ankunft noch von der Haltestelle zum Gate sein würde und wo ich das Gepäck loswerden könnte. Solche Unsicherheiten hasse ich. Das Ticket war nicht umbuchbar und Montag morgen sollte ich wieder an meinem Arbeitsplatz sein. Mir sass also meine paranoide Panik im Nacken, diesen Flug nicht zu bekommen.
Nach einem entspannten Samstag mit Probe, Sightseeing und Abendessen, rückte der “Tag der Entscheidung”, der Sonntag näher. Bis spätestens 11 Uhr musste das Pensionszimmer geräumt sein. Blieb die Frage, wohin mit dem Gepäck für den Rest des Tages? Die Lösung lautete CAT (City-Airport-Train). Die bieten nämlich einen Eincheck-Service inklusive Gepäck Dropoff an. Also habe ich morgens erst mal mein Zimmer bezahlt, bin quer durch die Stadt zum Terminal des CAT gefahren, habe mir ein Ticket gekauft (nochmal 10 Euro) und den Koffer abgegeben. Mit der Aktion war ich den Koffer los und wusste gleichzeitig, wo ich am Abend lang musste, um zum Flughafen zu kommen, allerdings wies das neue Boardticket eine noch frühere Boardingzeit, nämlich 20.00 Uhr aus. Noch weniger Zeit zwischen Konzert und Flughafen . Also zurück Richtung Votivkirche und auf das Konzert warten. Es war jetzt erst ca. 11 Uhr und die Anspielprobe war für 16 Uhr angesetzt. Bis dahin war ich sozusagen obdachlos zusammen mit meiner Flöte. Mein Buch hatte ich leider schon ausgelesen und in Wien schien es keine Kioske zu geben. Nach einer kleinen Wanderschaft gelang es mir, eine ct als Lektüre zu ergattern. Der kalte Wind in Wien vertrieb mich gegen Mittag dann von meiner Parkbank in die Hotelbar. Mein Instrument durfte ich bei freundlichen Chor-Kollegen im Zimmer deponieren und gegen Mittag stießen dann Freunde zu mir, der Tag war gerettet.
Der letzte Akt, Einspielprobe und Konzert. Die Flötenstimme bei Mozart ist nicht schwer, aber unangenehm. Die Flöte als einziger Bläser liegt nackt und alleine über dem Orchester, spielt aber eigentlich fast ständig unisono mit den ersten Geigen. Das ganze dann nach ca. einer halben Stunde rumsitzen und zuhören, wenn die Flöte schon wieder kalt ist, das Einspielen so gut wie vergessen. Intonationsmässig heikel, jeder unsaubere Ton bestens zu hören. Wenn bei so einem Einsatz der Ansatz nicht fest wird, wann dann? Ich sass wie auf Kohlen, ein Auge immer auf der Uhr. Der zweite Satz begann und mein Ton war erwartetermaßen verbesserungswürdig. Glücklicherweise gelang es irgendwie, von Zeile zu Zeile die Luft tiefer runter und die Lippen lockerer und exakter zu bekommen. Von Takt zu Takt wurde der Klang besser und am Ende war ich mit meinem Klang dann ganz zufrieden. Der Abgang noch während des Konzertes war sehr befremdlich, die Tour zum Flughafen funktionierte aber problemlos und ich war mehr als rechtzeitig am Gate um dort dann ewig warten zu müssen, weil der Flieger auch noch Verspätung hatte.
Was ist das Fazit der ganzen Geschichte? Es ist schlecht, wenn ein Konzert durch zu viel drum herum zusätzlich befrachtet ist. Das Gefühl, teure Töne zu spielen, durch sein Spiel die eigene Anwesenheit rechtfertigen zu müssen und gleichzeitig den eigentlichen Spannungshöhepunkt auf der anschließenden Heimreise zu haben, ist in jedem Fall abträglich. Dass es trotzdem geklappt hat (obwohl ich das sicher erst sagen möchte, nachdem ich die Aufnahme gehört habe) macht mich zwar stolz, meine Neurosen während der ganzen Aktion sind mir dennoch peinlich. Alle Musiker und Sänger mit denen ich gesprochen habe oder die mich angesprochen haben, schienen sich in der Tat zu freuen, dass ich dabei war. Ob die allerdings überhaupt wussten, wer die Reise bezahlt hat, weiß ich nicht. Jedenfalls sollte ich daraus lernen, dass es nicht meine Verantwortung ist, wenn andere es gerne so haben möchten. Leichter gesagt als getan. Nochmal würde ich so eine Tour in der Form nicht mitmachen. Entweder schaffe ich es dann, mich von dem Verantwortungsgefühl zu distanzieren, oder ich werde es einfach nicht wieder machen.
Mit Transfer zum Flughafen, Gepäck, Reservierung hat mich die Fahrt jetzt doch noch zusätzlich 50 Euro gekostet, dazu kommen natürlich die “Lebenskosten” an so einem Wochenende. Also doch wieder eine Minus-Gage
Die vielen Jahre, in denen ich Flötenunterricht genommen und die wenigen, in denen ich auch welchen gegeben habe, haben mir sehr eindrücklich gezeigt, wie wichtig die richtigen Bilder sind. Der Lernprozess beim Flötespielen beginnt meiner Meinung nach mit einer richtigen Zielvorstellung, dem korrekten Gedanken sozusagen. Diese Zielvorstellung wird durch Worte hervorgerufen. Wahlweise kann ein Lehrer (oder auch Dirigent) dabei “technisch” bzw. “physiologisch” beschreiben oder aber auch “bildlich”. Ich glaube, die bildliche Beschreibung ist insbesondere bei Anfängern und bei nicht so sehr reflektierten Musikern die beste. Das heißt, man beschreibt beispielsweise eine Klangvorstellung (majestätisch… stelle Dir einen schreitenden König mit Krone und Mantel vor oder weich und zärtlich, wie das Fell einer Katze). Nach allem, was ich über das Gehirn weiß, ist diese bildhafte Arbeitsweise auch dem menschlichen Denken näher als die Abstraktion, die immer ein paar weitere Verarbeitungsschritte erforderlich macht.
In der technisch-physiologischen Sprachführung würde ein Lehrer vielleicht sagen: spiele mit härterem Stoss, kürzere Töne, lauter, betonter. Das ist recht abstrakt. Noch schwieriger wird es, wenn die Anweisung lautet: die Spitze der Zunge muss am Gaumen direkt hinter den Zähnen berühren. Solche Anweisungen lenken leicht von der Musik ab und führen auch zu Verkrampfung, weil man dann ganz auf den in der Anweisung genannten Körperteil fixiert ist.
Die Definition der Zielsetzung direkt klanglich zu definieren birgt den Vorteil, dass der Musizierende zur Kontrolle hören muss, was leider keine Selbstverständlichkeit ist.
Die Aufgabe eines Lehrer ist es, für jeden Schüler die passenden Bilder zu finden. Jeder ist da anders und eine Vorstellung, die dem einen hilft, mag einem anderen ganz fremd sein.
Irgendwann wird man durch diese Vorstellung, indem man an sie denkt während man spielt, zu einem neuen Spielgefühl gelangen. Wenn der Erfolg sich einstellt, so kann man im nächsten Schritt des Lernprozesses versuchen, das Spielgefühl des richtigen Ergebnisses abzuspeichern. Der Gedanke wird dann irgendwann überflüssig und nur die Spielsituation intuitiv nachempfunden. Bei falsch gelernten Arbeitsweisen muss dieser Prozess wieder umgekehrt werden. Das heißt, automatische Abläufe müssen bewusst gemacht werden, dann durch neue Zielgedanken ersetzt und später wieder automatisiert werden. Ganz schön viele Schritte, die viel Zeit benötigen. Auch das ist ein Argument für qualifizierten Unterricht.
Und diesmal meine ich ein Sinfonieorchester, in dem der Flötist (oder auch die Flötistin) immer mehr oder weniger ein Solist ist.
Zunächst mal ist das einfach nur toll und macht viel Vergnügen. Vor allem auch, wenn man zuvor nur Blasorchester kannte, in denen man in der Regel einfach untergeht. Jedem, dem am Gesamtergebnis gelegen ist, wird aber auch schnell die große Verantwortung bewusst, die man da hat. Ganz leicht kann man mit einem falschen Einsatz oder Griff, mit dem “Verrecken” eines Tones oder Intonationsproblemen, allen Mitmusikern ein Konzert vermasseln. Heikel also….
So was nennen wir eine Herausforderung
Besonders wichtig finde ich es in dieser Konstellation, dass alle Beteiligten, ihre jeweiligen Rollen verstehen und wahrnehmen. Nach meinem Verständnis heißt das, der Dirigent ist der absolute Chef. Demokratie hat während der Probe nichts verloren. Der Chef sagt an, das Orchester spurt. So einfach und so absolut. Meiner Meinung nach, heißt das aber nur, dass der Dirigent deutlich macht, was er möchte, nicht, wie man das zu erreichen hat. Flöte kann er im Regelfall ja nicht spielen, aber ich kann das. Schön wäre also: “An der Stelle bist Du zu tief” anstatt “Stimm nochmal, Du bist zu tief”. Wenn ich nämlich erfahre, dass ich irgendwo zu tief war (wenn ich es nicht selbst gemerkt habe), dann kann ich selbst einschätzen, ob es ein Intonations- oder ein Stimmungsproblem ist. Das heißt, der Dirigent soll und muss eine musikalische Vorstellung haben, die sollte er vermitteln. Die Mittel, mit denen die Musiker diesen Ausdruck erreichen, ist ihnen selbst überlassen. Das ist meine Meinung (wie immer in diesem Blog).
Im Orchester, wie bei der Kammermusik, ist es von großem Vorteil, wenn man sich mit seinen Kollegen gut versteht. Aufgrund der Zahl der Mitmusiker werden das nicht alle sein, sondern die im nächsten Umfeld. Jeder der schon mal im Orchester gespielt hat, wird festgestellt haben, dass der Bläsersatz von gemeinsamer Kammermusik fast ebenso sehr profitiert wie von gemeinsamen Parties und ähnlichem
Das ist nur teilweise ein Witz. Wenn man ein Gefühl für den Mitmusiker entwickelt, dann spielt man besser zusammen. Der feinfühlige Dirigent wird auch das feststellen und den Bläsern auch ein wenig musikalische Freiheiten einräumen.
Als Flötist im Orchester hat man mehr Verantwortung als als “normaler” Geiger. Es gibt nur eine erste Flöte und nur eine zweite. Fehlt man, so fehlt eine Stimme komplett. Darum sollte man sich klar machen, dass es eine Verpflichtung ist, in einem Sinfonieorchester eine Bläserstimme zu übernehmen. Man sollte die Proben ernst nehmen, pünktlich kommen und rechtzeitig absagen, wenn es mal gar nicht geht. Und man muss dafür sorgen, dass man die Stimme auch beherrscht. Nicht sofort, aber vor dem Konzert. Das heißt auch, üben ist angesagt. Verstecken kann man sich auf so einem Posten nicht.
Heißt das jetzt, dass die Bläser in so einem Orchester die verhätschelten Helden sind? Ich finde, dass darf nicht so sein. Ja, vermutlich müssen Bläser häufig oder manchmal ein bisschen mehr tun, als ein Bratscher am dritten Pult oder so. Aber gerade in einem Laienorchester ist das “Commitment” das wichtigste. Jeder der Streicher besucht die Proben (hoffentlich). Keiner von den Tutti-Spielern kann sich beim Konzert in den Vordergrund drängen. Sie spielen alle ganz und gar zugunsten des Orchesters. Die Bläser tun das zwar auch, haben aber auch ein Podium, können sich hervortun, erhalten bei Gelingen oft persönliches Lob von den Zuhörern. Sie brauchen dafür aber die Streicher. Ohne Streicher kein Orchester. Daher sollten alle gleich behandelt werden. Egal ob von den Musikern oder vom Dirigenten. Jeder opfert oder schenkt seine Zeit. Und eigentlich ist auch keiner entbehrlich.
Ist es also ein Kriterium, wer wie gut spielt? Ich finde, auch das sollte keine Rolle spielen. Jemand, der sehr gut spielt, muss vielleicht kaum Engagement einbringen, um ein Programm zu bewältigen. Ein anderer, der noch nicht so sicher musiziert, übt vielleicht jeden Tag, um mithalten zu können. Und selbst, wenn ihm im Konzert noch nicht alles gelingt, so hat er doch alles gegeben. Das muss honoriert werden. Das ist Teil der Motivation und wird dazu führen, dass der gleiche Musiker irgendwann viel besser spielt. Ein Orchester ist ein ganzes. Jeder stellt seine Kraft in den Dienst des Ganzen und der Musik. Anders geht es nicht. Ich freue mich, wenn man mich für gelungenes Musizieren lobt. Aber ich mag nicht, dass ein Mitmusiker schlecht behandelt wird, weil er vielleicht nicht so gut gespielt hat oder einfach, weil er nicht so wichtig erscheint. Wie gesagt, dass ist meine Philosophie…. wer allerdings kein Engagement zeigt, andere runter macht oder das Gesamtgefüge stört, der ist ein echtes Problem und sollte auch so behandelt werden.