Eine Woche Urlaub, das war genau richtig, um dieses Taschenbuch auszulesen. Es geht um “Das Glück der Musik“, mal wieder von Ortheil. Dieses mal ist es kein Roman, sondern ein ganz spezielles Buch, eine Art „Hörtagebuch“. Ortheil hat 2005 in einer Art Selbstversuch die Musik Mozart`s in sein Leben integriert. Das ist jetzt eigentlich falsch formuliert, da diese Musik wohl schon sehr lang oder auch immer Teil seines Lebens ist. Was ich meine ist ein ganzes Jahr, in dem er täglich Werke von Mozart gehört hat. Klingt zunächst vielleicht unspektakulär,  doch jeder weiß, dass man es nicht immer schafft, überhaupt Musik zu hören und dass man (ich jedenfalls) ja auch gerne etwas mehr variiert. Jeden Tag Mozart bedeutet also schon eine gewisse Anstrengung.

Die schriftliche Aufarbeitung dieses Selbstversuchs ist bei Luchterhand erschienen. Entstanden ist ein Taschenbuch mit 221 sehr kurzweiligen Seiten. In Art eines Tagebuchs schreibt Ortheil kurze Absätze mit Datumsbezug. Die Texte beschreiben, wie er die Musik in seinen Alltag integriert hat, wo er was und wie (Lautstärke, Ohrstöpsel oder Lautsprecher, Beschäftigung während des Hörens…) gehört hat, setzen Mozart in direkten Bezug zum Hier und Heute. Er schreibt über die Stücke, ihre Entstehungsgeschichte,  Auszüge aus Mozart`s Biographie und auch seinen persönlichen Bezug zu den verschiedenen Werken. Es ist sowieso ein sehr persönliches Buch. Ortheil ist ein hervorragender Pianist und wirklicher Fachmann für Musik. Die persönliche Note dieses Buches (das vermutlich nie erschienen wäre, wenn Ortheil nicht bereits einen Namen als Autor hätte, ein Noname-Autor hätte vermutlich keinen Verleger für ein solches Buch gefunden) hat mich dazu gebracht, über mein Verhältnis zu Mozart`s Musik nachzudenken.

Als Kind war ich fast so etwas wie ein Mozart-Fan. Er war mir der liebste klassische Komponist. Seine Musik, so weit ich sie kannte, war für mich leicht verständlich, sie klang fröhlich und mich haben die Geschichten über das Wunderkind fasziniert. In der Grundschule haben wir dann irgendwann „Reich mir die Hand mein Leben“ besprochen. Eine wunderbare Melodie, die meine positive Einstellung zu Mozart noch bestärkte. Ich kaufte damals auch ein oder zwei Biographien, Mozart war sozusagen einer meiner Helden.

Mit dem älter werden erschlossen sich mir auch andere klassische Werke. Mit dem Erlernen der Querflöte rückte Quantz in die Rolle des Helden (die Flöte, die ich zur Konfirmation geschenkt bekam, habe ich nach ihm benannt). Ich musste auch feststellen, dass es für Querflöte wenig Originalwerke von Mozart gab. In den Duettheften fanden sich kleine Stücke, für Flöten bearbeitet, aber das war es auch schon. Ich habe um das Abitur und kurz danach die Zauberflöte live gesehen und auch Don Giovanni zweimal. Die Opern gefielen mir und natürlich auch die Flötenkonzerte. Darüber hinaus klang mein Interesse an Mozart ab. Je mehr ich später die sinfonischen Werke von Mahler, Bruckner,  die Flötenmusik der Romantiker und ähnliche spätere Werke kennenlernte, desto mehr schätzte ich die großen Besetzungen, die etwas schrägeren Harmonien und diese intensiven Klänge. Mozart wurde mir zu „einfach“ oder zu „langweilig“. Ich mochte die Sinfonien nicht, wenn ich sie in der Philharmonie hörte, zu wenig Bläser, zu „leise“.

Mit der Lektüre von Ortheils Buch ist mir das erst so richtig bewusst geworden. Er beschreibt Klänge und Strukturen, Stimmungen und Werke so lebendig, dass ich nun unbedingt eine Mozart-Gesamtaufnahme haben möchte. Ich möchte mich wieder mit Mozart beschäftigen. Ortheil hat wie ein Appetitanreger gewirkt. Meine Flöten-Fixierung wurde in den letzten Jahren (glücklicherweise) ohnehin bezüglich meiner Hörgewohnheiten allmählich „aufgeweicht“. Jetzt möchte ich unbedingt die Klavier-, Violin- und Kammermusik Mozarts kennenlernen.

Was ich als Kind mit Mozart verband, waren kleine Tänze und Melodien, wie sie sich in unzähligen Blockflöten-Heftchen finden oder in Anfängersammlungen für Klavierschüler. Es ist Zeit, das Bild zu vervollständigen, mein Mozart-Bild erwachsen werden zu lassen. Darauf freue ich mich.

Für Musikfreunde ist dieses Buch eine Fundgrube, finde ich. Ein ungewöhnliches Buch, vermutlich geradezu einzigartig. Eine Liebeserklärung und auch ein Blick auf den Menschen Ortheil, was ich, da ich seine Bücher sehr schätze, auch genossen habe.

Neben meiner Beziehung zu Mozart hat mich das Buch auch meine Hörgewohnheiten reflektieren lassen. Im Buch beschreibt der Autor, wie er in Kirchen (wenn sonst keiner da war), in Zugabteilen oder gar im Frühstückraum des Hotels Musik hörte. Der Bezug zwischen Gehörtem und der Umgebung bzw. dem Raum des Hörenden ist ein wesentliches Thema des Buches. Ich für meinen Teil war nie ein wirklicher Hörer. Ich höre Musik im Auto, allerdings meist eher Pop-Radio (WDR2 zum Beispiel). Gelegentlich auch Klassik von CD (das geht mit einem Hybrid besser als mit meinen früheren Benzinern). Ansonsten höre ich seit einigen Jahren im Büro Klassik. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht, es tut mir gut und ich lerne endlich viel mehr Musik kennen. Zuhause höre ich so gut wie nie (früher habe ich beim Wochenendfrühstück Sinfonien gehört und beim Putzen Pop oder Rock). Meine Hörgewohnheiten haben sich mit jedem Umzug, mit jeder neuen Wohnung geändert. Ich habe eine zeitlang versucht, auf meinem Fussweg zur Arbeit Musik vom mp3-Player zu hören, meist die Stücke, die ich gerade geübt habe. Für mich hat das nie funktioniert. Ich fühle mich entfremdet, wenn ich im Freien Musik auf den Ohren habe. Das ist ganz seltsam und schwer zu beschreiben. Eine kurze Zeit habe ich in Hotels auf Dienstreise zum Einschlafen Klassik gehört, ich wollte damit etwas gutes für mich tun, Privatsphäre in der „aufgezwungenen“ Fremde. Das war auch nicht das richtige. So blieb und bleibt Musik für mich immer auf ganz private Räume beschränkt. Die Verknüpfung von Orten mit Musik gibt es für mich nur in der Musikausübung.  Ich bedauere das seit der Lektüre des Buches. Auch hier hat mir das Werk Lust auf mehr gemacht, auf mehr Mut, mehr Musik und ein bisschen Experimentieren.

Ich denke, dass meine Unfähigkeit zum Improvisieren, die Gebundenheit an Noten auch mit meinen Hörgewohnheiten zusammenhängt. Ich weiß, dass Hören der Schlüssel zum Spielen ist. Ich habe seit langem das Hören auf mein Spielen entdeckt und entwickelt. Jetzt denke ich, dass auch das Hören von Musik ganz allgemein, ein wesentlicher Schlüssel ist. Musik kommt über das Ohr in den Kopf, das könnte der Weg sein, sich von Noten zu befreien und auch mal „einfach zu spielen“. Mich macht das ganz aufgeregt und neugierig. Jetzt muss ich nur noch den Schritt ins Experimentieren gehen. Musik mitnehmen, draußen hören, entdecken, genau wie Ortheil in seinem Buch. Sehr aufregend. Für mich war diese Lektüre ein Türöffner (hoffe ich wenigstens)…..