Eva Kingma ist eine holländische Flötenbauerin, die sich insbesondere auf die tiefen Instrumente der Querflötenfamilie spezialisiert hat. Daneben hat sie das Böhmsystem erweitert und mit ihrem Kingma-System das Spiel von Viertelstönen ermöglicht. Ihre tiefen Flöten sind außerdem auch mit Ringklappen erhältlich. Alles in allem also eine sehr innovative Frau, die kennenzulernen und deren Instrumente zu testen wohl einen Tag Urlaub wert war.

Die zündende Idee dazu kam von Christian, meinem Co-Autor hier im Blog, der bei Brannen in Amerika eine Kingma-System-Flöte gesehen hatte und nun mehr wollte. Wir haben uns also dort verabredet.

Nach ziemlich exakt drei Stunden Fahrt auf einer beinahe leeren Autobahn und durch idyllische Alleen zwischen weidenden Pferden auf dunstig umnebelten Weiden kam ich in Grolloo an. Einem malerischen kleinen Dörfchen irgendwo im Nirgendwo (bin aber auch gar nicht fit in Niederländischer Geographie).

Da mein Kollege leider verkehrstechnisch ausgebremst wurde, hatte ich das Privileg, zuerst zu klingeln und die geräumige helle Werkstatt zu bestaunen, in der die Rohlinge für Subcontrabass-Flöten einen fast an eine Klempnerwerkstatt erinnern konnten. Frau Kingma empfing mich mehr als freundlich, Kaffee und eine Führung eingeschlossen. In solchen Momenten merke ich immer noch, warum ich eigentlich auch mal Ingenieur gelernt habe, die ganzen technischen Details und Werkzeuge können mich auch als Schreibtischtäter noch immer begeistern.

Das umgebaute Häuschen von der vergangenen Jahrhundertwende zeichnet sich nach Kingma’s umfangreichen Umbau durch reichlich Licht, helle Farben und großzügige Räume aus. Im Erdgeschoss die Werkstatt mit insgesamt drei Arbeitsplätzen, unter dem Dach ein großer Präsentationsraum mit Büroecke, Couch und Instrumenten.

Beim Probespielen bereute ich als erstes, dass ich mich nicht ein paar Tage zuvor mehr mit meiner Altflöte befasst hatte und daher zunächst mal „üben“ musste. Altflöte ist ein eigenständiges Instrument. Und auch wenn man die Griffe kann und ein Ton rauskommt, so ist doch der Anblaswinkel und der Ansatz hier meiner Meinung nach übewürdig und anders als bei der „normalen“ Flöte.

Ich habe die letzten Wochen zwar gelegentlich auf meiner Jupiter-Alt gespielt, aber nur kurz und es war auch schon einige Tage her.  Trotz allem war der Unterschied meines Billiginstruments zu diesen handgemachten Altflöten naturgemäß sehr spürbar. Zunächst einmal waren die Kingma-Altflöten ergonomisch sehr viel angenehmer (das gilt naturgemäß für die Ringklappenversion nicht in gleichem Maße wie für die mit geschlossenen Klappen, zumal mit kleinen Händen wie meinen). Die Ansprache ist in allen Lagen weich wie Butter und der Ton hat einen wirklichen Kern, wohingegen meine Altflöte immer klingt, als fehle im Zentrum des Tones irgendwas (wie ein Gespensterton).

Nach ein paar Stunden vergleichen der Instrumente mit offenen und geschlossenen Klappen, mit der weiteren und engeren Bohrung sowie der verschiedenen Altflötenköpfe hatte ich am Ende gar nicht mehr dieses Gefühl, eine übergroße, sperrige Flöte in der Hand zu haben. Es fühlte sich einfach an wie Flötespielen. Das fand ich schon sehr erstaunlich, da ich vom Spielen meines eigenen Instruments leicht Schmerzen in Schulter, Nacken und Rücken bekomme.

Nach dem dann der „verkehrsbehinderte“ Christian angekommen war, erhielten wir neben einem weiteren Kaffee eine Kurzeinweisung in das Kingma-System. Im Grundsatz funktioniert die Vierteltonmechanik, indem im Böhmsystem geschlossene Klappen sozusagen als Ringklappen konstruiert werden, für deren Loch in der Mitte dann eine zweite Klappe auf die Klappe aufgesetzt wird. Dazu kommen ein oder zwei zusätzliche Klappen für Tonlöcher direkt im Flötenrohr. Auch für diese zusätzlichen Klappen ist der Durchmesser der Tonlöcher etwa halb so groß wie der der regulären Tonlöcher, da ja der erzielte Tonhöhenunterschied auch nur ein Viertelton ist.

Neben der Genialität der Idee an sich ist eine Hauptfaszination des Systems für mich die Eleganz, mit der sich die zusätzlichen Klappen in das bekannte Griffsystem einfügen. Man kann eine Kingma-System-Flöte einfach spielen und die zusätzlichen Klappen komplett ignorieren. Ich habe in etwa 10 Minuten benötigt, um eine Vierteltonskala auf dem Instrument zu spielen, da sich die zusätzlichen Klappen immer in der Nähe der passenden regulären Klappen befinden und man so nicht viel nachdenken muss. Zum Beispiel liegen die Klappen zum Erhöhen des C2 direkt beim linken Zeigefinger. Das Kingma-System ist erhältlich auf den tiefen Kingma-Flöten, wird aber auch für normale C-Flöten angeboten, in diesem Fall hat man die Wahl zwischen einer Kingma-Brannen oder einer Kingma-Sankyo (mit den zu erwartenden Preisdifferenzen).

Das dritte Testobjekt war die Bassflöte. Bei Kingma sind Bassflöten wahlweise mit gebogenem Kopf als Querversion oder als T-Version senkrecht vor einem stehend mit einer Art Cello-Dorn erhältlich. Beide Modelle haben die bei der Altflöte bereits festgestellte durchgängig leichte Ansprache und einen satten warmen Klang. Ich war überrascht, wie einfach es war, auf Anhieb mit dem Instrument zurecht zu kommen. Ich fand es viel einfacher, als die ersten Versuche auf meiner eigenen Altflöte.

Auch bei den Bassflöten und den weiteren noch größeren Vertretern (Subcontrabass, Contrabass und Contr’alto) steht Ergonomie im Vordergrund. Aufgrund des Gewichtes wird daher auch Messing statt Silber eingesetzt, wodurch eine Bassflöte auch billiger wird als eine Altflöte (aus silber). Die Anordnung der Klappen wird wo nötig auch an die Bedürfnisse des Bestellers angepasst.

Wie vielleicht die Länge des Reiseberichts schon zeigt, hat mich diese Visite mehr als begeistert. Eva Kingma wird seit Jahrzehnten von einer Klangvorstellung für tiefe Flöten geleitet. Sie arbeitet die letzten Jahre zusammen mit Matthias Ziegler zusammen an der Weiterentwicklung ihrer Flöten. Auch seine Matsumiflöte (mit resonierender Membran) wird bei Kingma weiterentwickelt. Neben den eigenen Entwicklungen hatten wir auch Gelegenheit einen Zugkopf von Robert Dick, mit dem Frau Kingma früher eng zusammengearbeitet hat und den sie weiterhin unterstützt, zu sehen und zu hören. Bei diesem Kopf lässt sich die Mundlochplatte mit einem Teil des Kopfes verschieben, in dem man die Kinnpartie mit einer Art Klammer mit dem Mundstück verbindet und dann die Flöte verschiebt und so die Länge des Kopfes verändert.

Alles in allem ist dieses kleine Häuschen in Holland eine Ideenschmiede, die wohl auf diesem Gebiet ihres gleichen sucht. Die Offenheit zu Experimenten, die Begeisterung mit der Ideen verfolgt werden, sucht Ihres gleichen. Wunderbar, dass es solchen Enthusiasmus gibt und wir alle davon mitprofitieren können.

Die Kingma-Altflöten heißen übrigens ab jetzt Kingma-Brannen-Flöten und werden in einer Cooperation zwischen Frau Kingma und Herrn Brannen weiterentwickelt. Die Firma Brannen-Cooper hat damit nichts zu tun, diese wurde von Herrn Brannen verkauft, der sich nun ganz seiner neuen Cooperation widmet.

Zum Abschied wurden wir mit Putztuch, Demonstrations-DVD (Matthias Ziegler auf Kingma-Flöten), einer Preisliste und einer Übersicht der Kingma-Flötenfamilie versorgt. Jetzt habe ich zu grübeln. Ich fürchte, ich habe mich infiziert. Der Unterschied zwischen meiner Altflöte und einer Kingma ist einfach unfassbar. Eventuell werde ich den Service nutzen, meinen Kopf von Kingma umrüsten zu lassen und so zumindestens die Ansprache und den Klang zu verbessern (Austausch von Mundlochplatte und Kamin). Oder aber doch eine ganze Kingma-Alt und meine verkaufen? Oder vielleicht eine Bassflöte und damit eine Menge zusätzliches Repertoire für das Querflötenquartett erschließen? Es gibt so viele Möglichkeiten…..

Ich kann erst mal nur Danke sagen für die Zeit, die Einblicke und einen wirklich tollen Tag!

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