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Ich bin ein Blattspieler. Irgendwie schon immer gewesen, vermutlich auch, weil ich als Kind fast nie geübt habe. Blattspiel ist meiner Meinung nach hauptsächlich eine Konzentrationsfrage, eine intellektuelle und weniger eine musikalische Leistung. Assoziatives Denken ist von Vorteil, eine schneller Erfassung des Notentextes von Nöten.  Die Tatsache, dass ich ganz gut vom Blatt spielen kann, bringt mir viele der wenigen Muggen, die ich so habe. Für einen Kirchenmusiker ist es sehr praktisch, wenn man sich einfach hinstellen und etwas spielen kann, nachdem es nur einmal oder gar nicht zuvor zusammen gespielt wurde. Minimaler Aufwand also. Das ist gerade bei reduzierten Kirchenmusiketats natürlich ein schlagendes Argument.

So schön ich es finde, auf diesem Weg zu Muggen zu kommen, so schade finde ich es, dabei dann immer nur an der Oberfläche der Musik zu kratzen. Auf der anderen Seite probe ich mit so vielen Kammermusik-Ensembles, mit denen wir aber keine Auftritte haben. Damit fehlen Ziele und auch hier wird zwar ein bisschen ausgearbeitet aber nicht bis ins letzte Detail, weil eben ein echtes Ziel fehlt.

Im Endergebnis bin ich aktuell immer ein bisschen unzufrieden, weil ich das Gefühl habe, eine echte Herausforderung fehlt. Ein Stück, das wirklich Arbeit verlangt, ein relativ technisch einfaches Stück, das musikalisch ausgereizt wird. Irgendwas, auf das man im Endergebnis richtig stolz sein kann.

Vielleicht wäre es ja besser, nicht vom Blatt spielen zu können? Andererseits gäbe es dann vielleicht keine Muggen mehr. Eine ausgewogene Mischung, das wäre sehr schön. Ich spiel ja auch gern vom Blatt, aber in der Probe täte es das auch…..

Das mag vielleicht erst mal komisch klingen, aber das tut man ja ständig, wenn man neue Noten auflegt. Mit manchen Gruppierungen spielt man das dann zum ersten Mal und übt es in der Folge konsequent und manchmal spielt man auch viele verschiedene Sachen durch, um die Literatur kennenzulernen, einfach aus Spaß oder um dann ein Werk zum richtig Üben auszuwählen.

Ein Grundproblem beim Spielen unbekannter Noten in der Gruppe ist die Wahl des Tempos. Nach meiner Erfahrung hat jeder so seine intuitiven Grundtempi für die verschiedenen Bezeichnungen. Dieses automatisch gespielte Tempo beim Alleinespielen muss in der Gruppe natürlich erst mit allen abgestimmt werden. Und das ist nicht immer einfach.  Ich musiziere mit einigen, bei denen die Vorstellung eines Allegro relativ genau mit der meinigen übereinstimmt. Andere Kollegen haben es für mein Gefühl immer ausgesprochen eilig. Jemand deutlich langsameres hatte ich noch nicht, vielleicht bin ich ja einfach schon an der unteren Grenze mit meinem Tempoempfinden.

Seltsamerweise hat das intuitiv angeschlagene Tempo nicht immer etwas damit zu tun, wie gut der Tempomacher dann auch die eigene Stimme in diesem Tempo im Griff hat. Ich für meinen Teil überfliege gern ein Stück zunächst, identifiziere die technisch anspruchsvollen Stellen und versuche dann, mir vorzustellen, wie schnell ich das wohl hinbekommen würde. Das geht am Ende nicht immer auf, weil manchmal die Tücke im Detail steckt, aber es kommt meist in etwa hin um durchzukommen.

Während des Spielens kommt es dann eigentlich immer zu Tempoverlusten. Weil man eben genauer gucken muss, die Läufe nicht gehen oder einfach, weil eigentlich ohne Lampenfieber fast jedes Stück bei uns ein wenig verschleppt. Ich selbst neige dazu, das Tempo zu bremsen zu versuchen, wenn ich merke, dass ein Mitmusiker an einer technisch schwierigen Stelle richtig Probleme bekommt. Ich finde, auch das ist Teil des Begleitens, dass man erkennt, wenn etwas nicht geht und nachgibt. Der “Solist”, der mit der interessanten und/oder wichtigen Stimme, hat das Sagen, daher darf man ihn oder sie nicht hetzen, finde ich. Das ist etwas anderes, wenn man ein Stück probt (unter Umständen). Beim Blattspiel finde ich wichtig, dass jeder das Recht hat, am Ende anzukommen.

Es gibt auch eine umgekehrte Ansicht. Ein Mitmusiker merkt, dass das Tempo nicht mehr stimmt und zieht an. Meist wenn er nicht sooooo viel zu tun hat (einfach, weil er dann überhaupt erst merkt, dass es zu langsam ist und weil er dann gut anziehen kann, unstressigerweise). Das sind die Fälle, in denen die Begleitstimme (mit Nachschlag oder ähnlichen, eigentlich unterstützenden Stimmen) dann den “Solisten” jagt. Ich sage ehrlich: das hasse ich. Ich finde es unkollegial und auch unmusikalisch. Man kann so etwas absprechen, wenn ein Stück immer im gleichen Teil zu langsam wird und der technisch am meisten geforderte es eigentlich auch schneller könnte. Wenn aber eine Stelle für einen Mitmusiker wirklich an die Grenze des Machbaren geht, dann ist sie eben etwas langsamer, dann muss man danach wieder anziehen (oder man darf eben so ein schweres Stück gar nicht auflegen). Ich finde immer, ein Ensemble muss wie ein Organismus sein. Wir sind dann aber keine Eidechsen, die bei Gefahr einfach den Schwanz abstoßen, nein, wir wollen gemeinsam und am Stück am Ende ankommen (ich jedenfalls).

Meist wenn man dann mit dem ersten Spielen eines Stückes durch ist kommen direkt die ersten Kommentare zum Werk: “Das ist aber schön!”, “Naja, ein bisschen langweilig.” oder “Das gehört viel schneller, dann wirkt es sicher auch besser.”

Gerade die letzte Phrase höre ich häufig und habe sich wohl auch manches mal selbst ausgesprochen. In letzter Zeit denke ich aber, dass die Stücke, die nur in waghalsigem Tempo anhörbar sind einfach auch schlechte Stücke sind (meistens).  Ich denke auch, dass man die Frage, ob ein Stück durch höheres Tempo gewinnt, leicht schon beim langsamen spielen sicher erkennen kann. Im Regelfall können dutzendfache Wiederholungen eines einfallslosen Themas nicht durch Tempo geheilt werden. Auch Stücke, die ständig alle Stimmen doppeln, gewinnen nicht durch Geschwindigkeit. Zerhackte Kompositionen ohne einen inneren Zusammenhang gehen schneller nur einfach schneller vorüber. Daher tendiere ich jüngstens dazu, das Anliegen, ein Stück “mal im Originaltempo” zu versuchen, wobei dann aber innerhalb kürzester Zeit vielleicht das Originaltempo, nicht aber die Originalbesetzung verfügbar ist, weil in jeder Kurve ein weiterer Mitmusiker die Rennbahn verlässt, eher abzulehnen. Meistens verschwimmt dann alles, der eine rennt in Balkenpanik los, der andere sieht Sechzehntel und spielt nur noch zwei Drittel so schnell wie zu Anfang, alle spielen viel zu laut und vor lauter Panik hört keiner mehr hin, was eigentlich gerade abgeht. Und in diesem Tohuwabohu kann man dann erkennen, dass das Stück schneller plötzlich ganz toll ist? pffffff…. ich glaube nicht.

Blattspiel ist anscheinend eine der Fertigkeiten oder auch Vorlieben, die die Musikwelt teilt. Ich für meinen Teil spiele sehr gerne vom Blatt und kann das auch einigermaßen. Ich bin aber auch schon vielen Musikern begegnet, die sich geradezu weigern, vom Blatt zu spielen oder doch bemüht sind, in keine Situation zu geraten, die das erforderlich macht. Es gibt auch viele an sich ganz gute Musiker, die das in der Tat nicht gut können. Woran könnte das liegen?

Meiner Meinung nach gibt es eine handvoll Fähigkeiten, die einem das Blattlesen erleichtern. Zum einen eine gute Konzentrationsfähigkeit, dann eine Begabung zur Mustererkennung, man muss seine Technik (Tonleitern, Dreiklänge etc.) gelernt haben und ich denke, assoziatives Denken ist von Vorteil (wenn es den Begriff so überhaupt gibt). Eine kurze Reaktionszeit ist vermutlich auch eine wesentliche Eigenschaft des erfolgreichen Blattspielers. Ein bisschen Kaltschnäuzigkeit und/oder Frechheit, vielleicht auch Mut zu nennen, hilft weiter. Erfahrung und musikalisches Formverständnis tun ein übriges.

Kann man das alles lernen? Ich denke schon. Vermutlich gibt es wie bei allen Tätigkeiten Menschen, denen das leichter fällt und solche, die sich schwerer tun. Ich denke, den ersten Schritt zum Blattspielen habe ich gemacht als ich die ersten Jahre nie für den Unterricht geübt habe. Viel wesentlicher ist es aber, dass ich grundsätzlich Spaß daran habe, meinen Kopf zu benutzen. Knobelspiele, Kreuzworträtsel, Sudoku etc., damit kann ich Stunden verbringen. Die meisten Knobelspiele auf dem Computer oder Handy tragen entweder zu Reaktionsverbesserung oder Mustererkennung bei. Zudem neige ich dazu, überall Ähnlichkeiten zwischen Menschen oder Formen (die Wolke sieht aus wie…) zu erkennen. Das nenne ich assoziativ. Etwas unbekanntes auf etwas bekanntes beziehen. Dann merkt es sich leichter. Außerdem heißt das, dass das Hirn permanent im Archiv nach Parallelen sucht, sonst könnten einem Ähnlichkeiten ja nicht auffallen.

Auch beim Blattspiel hilft diese Assoziation oder das Erkennen von Mustern. Eine Tonfolge oder ein Rhythmus den man schon mal geübt oder gespielt hat wird in unbekannten Noten wiedererkannt und dann wie etwas bekanntes wiedergegeben. Wenn wir das ganze auf größere Muster erweitern, werden auch musikalische Zusammenhänge erkennbar. Hier kommt dann auch die Erfahrung ins Spiel. Je mehr ich schon gespielt habe, desto mehr Muster habe ich zur Verfügung. Deswegen ist es auch unter Umständen ganz leicht etwas klassisches zu spielen und bei einem Stückchen Swing geht es plötzlich nicht, weil man die rhythmischen Muster nicht kennt. Neue Musik ist extrem schwer vom Blatt zu spielen, hier sind die Muster oft nicht vorhanden, nicht erkennbar oder einfach fremd.

Wie geht man also ran? Zunächst mal muss man es versuchen und nicht immer nein dazu sagen. Sich trauen und dann eben im Zweifel falsch spielen. Am besten natürlich mit einfachen Dingen anfangen. Die ganze Zeit brav Technik üben, ein Großteil unserer Musik besteht aus Tonleitern und ähnlichen Schnipseln, die man trainieren kann. Dann spielt es auch kaum noch eine Rolle, wieviele Vorzeichen davor stehen (es gibt Leute, für die sind das Feinde :)). Wenn Stellen zu schwer sind für Blattspiel, dann aussetzen, den Fluss der Musik verfolgen und wieder einsteigen. Das ist vielleicht das wichtigste überhaupt. Sich nicht unter Druck setzen lassen und in Panik erstarren, sondern immer die Ohren offen halten. Wenn ich die eins im Takt erkenne, dann kann ich auch wieder einsetzen. Und damit ist schon die halbe Miete gewonnen, Töne fehlen oder sind falsch, aber die Musik geht weiter. Mut zur Lücke!

Anfangs wird man die richtigen Töne und den richtigen Rhythmus zu erreichen versuchen, irgendwann kann man dann auch vom Blatt die Dynamik oder Agogik mitnehmen. Noch später können wir erkennen, wer führen sollte und beim Blattspiel schon gestalten. Das geht tatsächlich und ich schwöre, es kann süchtig machen.

Warum ich Blattspielen so liebe? Ich weiß nicht genau, weil es spannend ist, weil es eine Herausforderung darstellt, weil man immer neue Musik erlebt, weil ich zum richtig super gut üben nicht tauge, weil es so viel Musik gibt und unser Leben zu kurz ist. Ich glaube, es braucht keinen Grund. Wenn Stück und Musiker zusammenpassen, dann eröffnen sich beim Blattspielen einfach jedesmal wieder neue Horizonte (pathetisch, gebe ich ja zu). So viel Abwechslung. Probiert es aus, habt Mut und gebt nicht auf. Beim Blattspiel darf doch jederzeit falsch gespielt werden, keiner hat es geübt…. also nur zu.

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