Blattspiel ist anscheinend eine der Fertigkeiten oder auch Vorlieben, die die Musikwelt teilt. Ich für meinen Teil spiele sehr gerne vom Blatt und kann das auch einigermaßen. Ich bin aber auch schon vielen Musikern begegnet, die sich geradezu weigern, vom Blatt zu spielen oder doch bemüht sind, in keine Situation zu geraten, die das erforderlich macht. Es gibt auch viele an sich ganz gute Musiker, die das in der Tat nicht gut können. Woran könnte das liegen?

Meiner Meinung nach gibt es eine handvoll Fähigkeiten, die einem das Blattlesen erleichtern. Zum einen eine gute Konzentrationsfähigkeit, dann eine Begabung zur Mustererkennung, man muss seine Technik (Tonleitern, Dreiklänge etc.) gelernt haben und ich denke, assoziatives Denken ist von Vorteil (wenn es den Begriff so überhaupt gibt). Eine kurze Reaktionszeit ist vermutlich auch eine wesentliche Eigenschaft des erfolgreichen Blattspielers. Ein bisschen Kaltschnäuzigkeit und/oder Frechheit, vielleicht auch Mut zu nennen, hilft weiter. Erfahrung und musikalisches Formverständnis tun ein übriges.

Kann man das alles lernen? Ich denke schon. Vermutlich gibt es wie bei allen Tätigkeiten Menschen, denen das leichter fällt und solche, die sich schwerer tun. Ich denke, den ersten Schritt zum Blattspielen habe ich gemacht als ich die ersten Jahre nie für den Unterricht geübt habe. Viel wesentlicher ist es aber, dass ich grundsätzlich Spaß daran habe, meinen Kopf zu benutzen. Knobelspiele, Kreuzworträtsel, Sudoku etc., damit kann ich Stunden verbringen. Die meisten Knobelspiele auf dem Computer oder Handy tragen entweder zu Reaktionsverbesserung oder Mustererkennung bei. Zudem neige ich dazu, überall Ähnlichkeiten zwischen Menschen oder Formen (die Wolke sieht aus wie…) zu erkennen. Das nenne ich assoziativ. Etwas unbekanntes auf etwas bekanntes beziehen. Dann merkt es sich leichter. Außerdem heißt das, dass das Hirn permanent im Archiv nach Parallelen sucht, sonst könnten einem Ähnlichkeiten ja nicht auffallen.

Auch beim Blattspiel hilft diese Assoziation oder das Erkennen von Mustern. Eine Tonfolge oder ein Rhythmus den man schon mal geübt oder gespielt hat wird in unbekannten Noten wiedererkannt und dann wie etwas bekanntes wiedergegeben. Wenn wir das ganze auf größere Muster erweitern, werden auch musikalische Zusammenhänge erkennbar. Hier kommt dann auch die Erfahrung ins Spiel. Je mehr ich schon gespielt habe, desto mehr Muster habe ich zur Verfügung. Deswegen ist es auch unter Umständen ganz leicht etwas klassisches zu spielen und bei einem Stückchen Swing geht es plötzlich nicht, weil man die rhythmischen Muster nicht kennt. Neue Musik ist extrem schwer vom Blatt zu spielen, hier sind die Muster oft nicht vorhanden, nicht erkennbar oder einfach fremd.

Wie geht man also ran? Zunächst mal muss man es versuchen und nicht immer nein dazu sagen. Sich trauen und dann eben im Zweifel falsch spielen. Am besten natürlich mit einfachen Dingen anfangen. Die ganze Zeit brav Technik üben, ein Großteil unserer Musik besteht aus Tonleitern und ähnlichen Schnipseln, die man trainieren kann. Dann spielt es auch kaum noch eine Rolle, wieviele Vorzeichen davor stehen (es gibt Leute, für die sind das Feinde :)). Wenn Stellen zu schwer sind für Blattspiel, dann aussetzen, den Fluss der Musik verfolgen und wieder einsteigen. Das ist vielleicht das wichtigste überhaupt. Sich nicht unter Druck setzen lassen und in Panik erstarren, sondern immer die Ohren offen halten. Wenn ich die eins im Takt erkenne, dann kann ich auch wieder einsetzen. Und damit ist schon die halbe Miete gewonnen, Töne fehlen oder sind falsch, aber die Musik geht weiter. Mut zur Lücke!

Anfangs wird man die richtigen Töne und den richtigen Rhythmus zu erreichen versuchen, irgendwann kann man dann auch vom Blatt die Dynamik oder Agogik mitnehmen. Noch später können wir erkennen, wer führen sollte und beim Blattspiel schon gestalten. Das geht tatsächlich und ich schwöre, es kann süchtig machen.

Warum ich Blattspielen so liebe? Ich weiß nicht genau, weil es spannend ist, weil es eine Herausforderung darstellt, weil man immer neue Musik erlebt, weil ich zum richtig super gut üben nicht tauge, weil es so viel Musik gibt und unser Leben zu kurz ist. Ich glaube, es braucht keinen Grund. Wenn Stück und Musiker zusammenpassen, dann eröffnen sich beim Blattspielen einfach jedesmal wieder neue Horizonte (pathetisch, gebe ich ja zu). So viel Abwechslung. Probiert es aus, habt Mut und gebt nicht auf. Beim Blattspiel darf doch jederzeit falsch gespielt werden, keiner hat es geübt…. also nur zu.