Blattspiel mit dem Ensemble

Das mag vielleicht erst mal komisch klingen, aber das tut man ja ständig, wenn man neue Noten auflegt. Mit manchen Gruppierungen spielt man das dann zum ersten Mal und übt es in der Folge konsequent und manchmal spielt man auch viele verschiedene Sachen durch, um die Literatur kennenzulernen, einfach aus Spaß oder um dann ein Werk zum richtig Üben auszuwählen.

Ein Grundproblem beim Spielen unbekannter Noten in der Gruppe ist die Wahl des Tempos. Nach meiner Erfahrung hat jeder so seine intuitiven Grundtempi für die verschiedenen Bezeichnungen. Dieses automatisch gespielte Tempo beim Alleinespielen muss in der Gruppe natürlich erst mit allen abgestimmt werden. Und das ist nicht immer einfach.  Ich musiziere mit einigen, bei denen die Vorstellung eines Allegro relativ genau mit der meinigen übereinstimmt. Andere Kollegen haben es für mein Gefühl immer ausgesprochen eilig. Jemand deutlich langsameres hatte ich noch nicht, vielleicht bin ich ja einfach schon an der unteren Grenze mit meinem Tempoempfinden.

Seltsamerweise hat das intuitiv angeschlagene Tempo nicht immer etwas damit zu tun, wie gut der Tempomacher dann auch die eigene Stimme in diesem Tempo im Griff hat. Ich für meinen Teil überfliege gern ein Stück zunächst, identifiziere die technisch anspruchsvollen Stellen und versuche dann, mir vorzustellen, wie schnell ich das wohl hinbekommen würde. Das geht am Ende nicht immer auf, weil manchmal die Tücke im Detail steckt, aber es kommt meist in etwa hin um durchzukommen.

Während des Spielens kommt es dann eigentlich immer zu Tempoverlusten. Weil man eben genauer gucken muss, die Läufe nicht gehen oder einfach, weil eigentlich ohne Lampenfieber fast jedes Stück bei uns ein wenig verschleppt. Ich selbst neige dazu, das Tempo zu bremsen zu versuchen, wenn ich merke, dass ein Mitmusiker an einer technisch schwierigen Stelle richtig Probleme bekommt. Ich finde, auch das ist Teil des Begleitens, dass man erkennt, wenn etwas nicht geht und nachgibt. Der „Solist“, der mit der interessanten und/oder wichtigen Stimme, hat das Sagen, daher darf man ihn oder sie nicht hetzen, finde ich. Das ist etwas anderes, wenn man ein Stück probt (unter Umständen). Beim Blattspiel finde ich wichtig, dass jeder das Recht hat, am Ende anzukommen.

Es gibt auch eine umgekehrte Ansicht. Ein Mitmusiker merkt, dass das Tempo nicht mehr stimmt und zieht an. Meist wenn er nicht sooooo viel zu tun hat (einfach, weil er dann überhaupt erst merkt, dass es zu langsam ist und weil er dann gut anziehen kann, unstressigerweise). Das sind die Fälle, in denen die Begleitstimme (mit Nachschlag oder ähnlichen, eigentlich unterstützenden Stimmen) dann den „Solisten“ jagt. Ich sage ehrlich: das hasse ich. Ich finde es unkollegial und auch unmusikalisch. Man kann so etwas absprechen, wenn ein Stück immer im gleichen Teil zu langsam wird und der technisch am meisten geforderte es eigentlich auch schneller könnte. Wenn aber eine Stelle für einen Mitmusiker wirklich an die Grenze des Machbaren geht, dann ist sie eben etwas langsamer, dann muss man danach wieder anziehen (oder man darf eben so ein schweres Stück gar nicht auflegen). Ich finde immer, ein Ensemble muss wie ein Organismus sein. Wir sind dann aber keine Eidechsen, die bei Gefahr einfach den Schwanz abstoßen, nein, wir wollen gemeinsam und am Stück am Ende ankommen (ich jedenfalls).

Meist wenn man dann mit dem ersten Spielen eines Stückes durch ist kommen direkt die ersten Kommentare zum Werk: „Das ist aber schön!“, „Naja, ein bisschen langweilig.“ oder „Das gehört viel schneller, dann wirkt es sicher auch besser.“

Gerade die letzte Phrase höre ich häufig und habe sich wohl auch manches mal selbst ausgesprochen. In letzter Zeit denke ich aber, dass die Stücke, die nur in waghalsigem Tempo anhörbar sind einfach auch schlechte Stücke sind (meistens).  Ich denke auch, dass man die Frage, ob ein Stück durch höheres Tempo gewinnt, leicht schon beim langsamen spielen sicher erkennen kann. Im Regelfall können dutzendfache Wiederholungen eines einfallslosen Themas nicht durch Tempo geheilt werden. Auch Stücke, die ständig alle Stimmen doppeln, gewinnen nicht durch Geschwindigkeit. Zerhackte Kompositionen ohne einen inneren Zusammenhang gehen schneller nur einfach schneller vorüber. Daher tendiere ich jüngstens dazu, das Anliegen, ein Stück „mal im Originaltempo“ zu versuchen, wobei dann aber innerhalb kürzester Zeit vielleicht das Originaltempo, nicht aber die Originalbesetzung verfügbar ist, weil in jeder Kurve ein weiterer Mitmusiker die Rennbahn verlässt, eher abzulehnen. Meistens verschwimmt dann alles, der eine rennt in Balkenpanik los, der andere sieht Sechzehntel und spielt nur noch zwei Drittel so schnell wie zu Anfang, alle spielen viel zu laut und vor lauter Panik hört keiner mehr hin, was eigentlich gerade abgeht. Und in diesem Tohuwabohu kann man dann erkennen, dass das Stück schneller plötzlich ganz toll ist? pffffff…. ich glaube nicht.

4 Gedanken zu „Blattspiel mit dem Ensemble“

  1. ja, das denke ich auch. Ist eine gute Methode. Und Flöte, Klarinette, Fagott finde ich ja auch eine sehr schöne Besetzung, haben wir auch lange gemacht (bis unsere Fagottistin vorübergehend ins Ausland verschwand). Und Orchester ist natürlich super. Toll.

  2. Im Moment spiele ich meist Duette mit Beate oder meinem klarinettierenden Kind, mit einer befreundeten Kirchenmusikerin mit Orgel oder Trio mit Klarinette und Fagott. Manchmal haben wir auch Quartettbesetzung mit Oboe. Kommt allerdings sehr selten vor. Seit September bin ich im Sinfonieorchester der Musikschule, das macht auch viel Spaß.
    Ich habe für mich festgestellt, dass mich meine Ungeduld sehr ausbremst. Ich habe eben nun mal „Balkenpanik“ (hach, das ist aber auch ein schönes Wort :-)) und wenn irgendwo nur Allegro drübersteht, ist das für mich schon Streß pur. Im Moment üben wir deshalb viel Blattspiel und werden bei jeder Wiederholung schneller. Ansonsten habe ich die Langsamkeit für mich entdeckt, auch wenn es mir total schwerfällt, da ich sehr ungeduldig bin. Ich übe in ganz langsamem Tempo so lange, bis auch die schwierigsten technischen Finessen wirklich sitzen und stelle dann nach und nach das Metronom schneller. Ich glaube, das ist effektiver, als von Anfang an zu schnell zu üben und dann jedesmal bei den Problemstellen in Schwierigkeiten zu kommen. Und ich bin ganz streng mit mir, was den Rhythmus angeht. Dann ist es auch leichter, wieder reinzukommen, wenn man dann doch mal rausgeflogen ist.

  3. Balkenpanik stammt aus einer Satzprobe dieses Jahr. Mit einem ausgesprochen wortgewandten und schlagfertigen Klarinettisten als Dirigent. Hat mir auch sofort gefallen und sagt einfach alles 🙂

    Ich finde, das Tempo kann man am Ende irgendwann versuchen zu machen. Zum Lesen ist das häufig tötlich und führt zu tausend anderen Unachtsamkeiten (dynamik nicht vorhanden, zuhören nicht möglich etc.). Was man gar nicht machen sollte ist ein Tempo anzustreben, dass oberhalb der eigenen technischen Möglichkeiten steht (und die eigenen sind dann immer die des Ensembles).

    Wir haben im Frühsommer eines der Rossini-Quartette (Flöte, Klarinette, Horn, Fagott) geprobt und aufgeführt. Die schnellen Sätze haben es echt in sich und das ging auch sehr an die Grenze des für uns spielbaren. Die nicht-Sechzehntel-Partien in diesen Sätzen werden aber zu langsam wirklich zäh, weil das Thema einfach ein gutes Tempo braucht. Wir haben uns dann geeinigt, ab wo wir wieder anziehen und das hat prima geklappt. Die Aufnahme des Konzertes ist richtig gut und die leichte Dehnung des Tempos an den kritischen Stellen hat mich noch nie beim Hören gestört. Auf die Art bleiben auch die Läufe noch musikalisch gestaltbar, wirklich von Vorteil für den Gesamteindruck. Ich bin da vollkommen Deiner Meinung.

    Gegen die Balkenpanik hilft übrigens gelegentliches mit dem Metronom prüfen und sich dann gegebenenfalls Pfeile in die Noten malen (Pfeil vorwärts für schneller werden, wenn man von selbst eher zu langsam ist, und umgekehrt). Bei mir funktioniert das ziemlich gut….
    In welchen Besetzungen spielst Du denn momentan?

    Liebe Grüße
    Claudia

  4. Oh, wie gut erkenne ich mich wieder 🙂
    Ich gehöre zu der Kategorie derer, die in Balkenpanik verfallen („zu Hülfe, alles schwarz!!!“)
    „Balkenpanik“ gefällt mir übrigens ausgesprochen gut!

    Und ich kann Deinen Betrachtungen zum Tempo nur zustimmen! Ich sehe es ganz genauso und erlebe es bei mir selbst und auch beim Zuhören oft, dass das Tempo auf Kosten des Tons geht und das finde ich schlimm. Lieber ein Stück langsamer, damit sicherer und mit dem schönstmöglichen Ton zu spielen, finde ich persönlich für alle Beteiligten schöner, als durchzurasen und zu spielen, als sei man auf der Flucht: gehetzt und atemlos. So wird meiner Meinung nach aus einem langweiligen Stück eher Musik, als wenn man es tothetzt. (Ist nur meine ganz persönliche Meinung.)

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