Es ist nicht schwer zu erraten, dass es sich bei diesem Buch um eine Biographie handelt, genauer um eine Autobiographie. Allerdings nicht, wie man vielleicht auf blog-FLOETE erwarten würde, um die eines Flötisten. Nein, es geht um einen Dirigenten: Fritz Busch. Der Name war mir wohl bekannt, allerdings ohne dass ich damit besonders viel verbunden hätte. Für alle, denen es ähnlich geht, hier ein paar Eckdaten: Geboren 1890 in Siegen und verstorben 1951 in London gehört Fritz Busch zur wenig zu beneidenden Generation, die beide Kriege erleben musste. Aus armen Verhältnissen stammend verdiente sich die Familie mit Tanzmusik Geld dazu, Fritz konnte dann in Köln Klavier und Dirigat studieren und landete nach Stationen in Riga, Pyrmont, Aachen und Stuttgart schließlich an der Semperoper in Dresden, von wo ihn die Nazis nach Amerika vertrieben. Soweit der Kurzlebenslauf.

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Zum Buch selbst: ein Hardcover in gelber Leinenbindung (da war auch ein Schutzumschlag, wie der aussieht kann ich aber nicht mehr sagen) mit weniger als 250 Seiten. Sehr handlich und mit einem praktischen Lesezeichen fast wie ein Gesangsbuch. Das Büchlein ist 1978 im Henschelverlag in Berlin erschienen. Es handelt sich, wie vorne vermerkt ist, um eine geringfügig gekürzte Ausgabe mit einem posthumen Nachwort eines Musikers aus der Dresdener Staatskapelle, der noch unter Busch gespielt hatte. Es ist die 3. Auflage einer DDR-Ausgabe.

Das Inhaltsverzeichnis am Ende des Büchleins weist folgende Kapitel aus:

  • Elternhaus und Kindheit
  • Lehrjahre
  • Riga
  • Bad Pyrmont
  • Aachen
  • Krieg
  • Stuttgart
  • Dresdner Anfänge
  • Bayreuth
  • Dresdner Jahre
  • Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und Abschied von Deutschland
  • Coda
  • Nachwort

Dazu kommen einige schwarz-weiss Fotografien aus verschiedenen Lebensabschnitten. Der sprachliche Stil war mir sehr angenehm, schlicht und doch gut formuliert, wobei selbstverständlich die beinahe 60 Jahre seit Verfassen des Textes spürbar sind, was mir aber wie gesagt sehr angenehm war. Dies zeigt sich vor allem in der Wortwahl (einige Beispiele von der ersten Seite: Bauersleute, prachtvolles Haar, von graziler Statur, sich seßhaft machen….), die bunter ist, als man dies heute von nicht-literarischen Büchern hoffen würde (jedenfalls nach meiner Erfahrung).

Die Biografie  beschreibt die verschiedenen Etappen des Werdeganges eher kurz und allgemein, gewürzt wird das Ganze durch zahllose Anekdoten. Im Gesamten ergibt sich eine sehr kurzweilige Mischung aus erlebter Musikgeschichte (der Mann hat Reger, Richard Strauss, Hindemith und manche andere Größe persönlich gekannt), Geschichte (Teilnehmer des ersten Weltkriegs und Flüchtling vor der Nazidiktatur) und persönlichen und musikalischen Auffassungen. Ich habe es wirklich gerne gelesen, obwohl ich im allgemeinen kein übermässiges Interesse an Dirigenten habe.

Highlights waren für mich, dass Busch als Kind fast alle Instrumente ausprobiert, gespielt und auch gelehrt hat (genannt werden Trompete, Piccolo, Kontrabass und natürlich Klavier, was er später studiert hat, außerdem in Riga Horn etc.) und auch alle Genres irgendwann bediente (Tanzmusik in der Jugend, Klavierrepertoire, Bläserensemble, Oper etc.). Heutzutage wird im deutschen Musikbetrieb ja eher auf Spezialisierung gesetzt, damals noch nicht, und wenn man den Text so liest, erhält man den Eindruck, dass diese breite Vorbildung und Offenheit durchaus nicht geschadet hat.

Auch sehr schön war für mich als Exilschwaben der Bericht über Ankunft und Leben in Stuttgart. Busch als Wahl-Rheinländer (nach Studium in Köln und Arbeit in Aachen), der sich in der Schwaben-Metropole sehr wohl gefühlt hat, Gastfreundschaft und Atmosphäre in den höchsten Tönen lobt. Das hört man tatsächlich so eher selten und hat mich irgendwie angerührt. Ähnlich nett ist es, Orte beschrieben zu finden (wenn auch zu einer völlig anderen Zeit), zu denen man selbst einen Bezug hat. Die Familie Busch verlebte Fritz Schulzeit in Siegburg, wo ich einige Jahre in der Musikschule unterrichtete und von wo ich den Zug zur Arbeit genommen habe, später dann studiert er in Köln und beschreibt Konzerte des Gürzenich-Orchesters. Das spricht einen ganz anders an als Schilderungen aus der großen weiten Welt….

Dazu kommen natürlich die schon beeindruckenden Erzählungen von den Begegnungen und der Zusammenarbeit mit den verschiedenen Komponisten und Orchestern. Ich neige immer dazu, Namen wie Reger, Strauss oder Hindemith irgendwo außerhalb der Zeitzählung in meinem Kopf zu führen, solche Biographien tragen dann immer sehr dazu bei, die Herren auch in den Lauf der Geschichte ordentlich einzureihen. Und man stellt fesst, die liegen zeitlich viel näher beieinander als gedacht und irgendwie auch viel näher bei uns, als gefühlt. Neben den ganz Großen, die jeder kennt, tauchten aber auch einige weniger bekannte Namen auf, über die ich schon früher mal durch Noten, CDs oder Bücher gestolpert war und die durch ihr Auftreten in Anekdoten oder als Protagonisten im Musikleben plötzlich an Profil gewannen.

Eine weitere Entdeckung war der Name Donald Francis Tovey, ein britischer Komponist, mit dem Busch in der Aachener Zeit zu tun hatte und dessen Beschreibung mich sehr neugierig gemacht hat. Tatsächlich habe ich eine CD mit Musik für Flöte und Streicher gefunden, auf der sich ein Werk von ihm findet. Noch habe ich es nicht gehört, aber ich werde berichten und bin gespannt.

Erstaunlich fand ich die relative „Ungerührtheit“ mit der von den Kriegserlebnissen und anderen schweren Zeiten berichtet wird. Man merkt hier wohl den Zeitgeist, dass Gefühle und Privates nicht nach außen getragen werden, auch das Privatleben des Dirigenten spielt eine sehr untergeordnete Rolle. Schreibstil und fehlendes Selbstlob führt zusammen mit den Anekdoten zu einer sehr unaufdringlichen Lektüre, die das Gefühl übrig lässt, dass er wohl ein angenehmer Mensch gewesen sein muss, für den in der Tat die Musik im Zentrum stand, nicht sein Ruhm. Old school……