Quantz heute – eine Buchbesprechung

Die meisten werden wohl schon mal was vom „Versuch einer Anweisung, die Flöte traversiere zu spielen“ von Johann Joachim Quantz gehört. Das ist eine eine Flötenschule, die Quantz 1752 herausgegeben hat. Er war der Flötenlehrer Friedrich des Großen und diente diesem Jahre lang an dessen Hof, an dem auch der deutlich jüngere Carl Philipp Emmanuel Bach angestellt war. Quantz‘ Flötenschule ist heute neben der flötistischen Seite vor allem ein Wegweiser dafür, wie zur damaligen Zeit Musik gemacht wurde, was „in“ war und gefiel.

Vielleicht hat der eine oder andere, so wie ich, schon mal versucht, das Original zu lesen. Davon gibt es auch eine sehr schöne Faksimile-Fraktur-Ausgabe beim Bärenreiter-Verlag. Ich bin offen gestanden nicht sehr weit gekommen. Die über 250 Jahre alte Sprache, die Schrift und die teils sehr ausführlichen und komplizierten Ausführungen haben mir die Luft ausgehen lassen.

Das Buch das ich heute vorstelle, ist da die optimale Lösung. Der Flötist und Musikwissenschaftler Hans-Peter Schmitz hat 1987 unter dem Titel „Quantz heute – Der „Versuch einer Anweisung, die Flöte traversiere zu spielen“ als Lehrbuch für unser Musizieren“ einen erläuterten Extrakt des Schmökers herausgeben. Darin zitiert er die Paragraphen Quantz’s, die ihm für unser Spiel heute relevant erscheinen, hat diese Texte in der Rechtschreibung an heutige Gepflogenheiten angeglichen und erläutert dazwischen die Bedeutung, stellt Verbindungen zu Bach oder Händel und unserem Musikverständnis her und erläutert Begrifflichkeiten und Zeitgeist. Das ist in etwa vergleichbar mit der der Buchreihe „Königs Erläuterungen“ die wir in der Schule immer hatten, um uns die Literatur Klassiker näher zu bringen. Genau wie damals, wo sich der eine und die andere die eigentliche Lektüre gleich ganz geschenkt hat, kann man auch hier darauf verzichten, sich durch den dicken Quantz zu quälen.

Das Büchlein von Schmitz ist ca. DIN A 5 Format und mit knapp 80 Seiten sehr schmal. Die Gliederung besteht ganz nach Quantz aus 18 Hauptstücken zu verschiedenen Themen, ergänzt durch ein Vorwort, die Quantzsche Einleitung , das Literaturverzeichnis (unter dem Titel Anmerkungen) und ein Register der genannten Dinge und Menschen.

Im Band sind auch zahlreiche Abbildungen enthalten, die im Faksimile die Notenbeispiele Quantz’s zeigen. Die Themen der Hauptteile sind:

  • Kurze Historie und Beschreibung der Flöte traversiere
  • Von Haltung der Flöte und Setzung der Finger
  • Von der Fingerordnung oder Applikation und der Tonleiter oder Skala auf der Flöte
  • Von dem Ansatz (Embouchre)
  • Von den Noten, ihrer Geltung, dem Takt, den Pausen und den übrigen musikalischen Zeichen
  • Vom Gebrauch der Zunge bei dem Blasen auf der Flöte
  • Vom Atemholen bei ausübung der Flöte
  • Von den Vorschlägen und den dazu gehörigen kleinen wesentlichen Manieren
  • Von den Trillern
  • Was ein Anfänger bei seiner besonderen Übung zu beobachten hat
  • Vom guten Vortrag im Singen und Spielen überhaupt
  • Von der Art das Allegro zu spielen
  • Von den willkürlichen Veränderungen über die simplen Intervalle
  • Von der Art das Adagio zu spielen
  • Von den Kadenzen
  • Was ein Flötist zu beobachten hat, wenn er in öffentlichen Musiken spielt
  • Von den Pflichten derer, welche akkompagnieren oder die einer konzertierenden Stimme zugesellten Begleitungs- oder Ripienstimmen ausführen
  • Wie ein Musikus und eine Musik zu beurteilen sei

Die Titel zeigen schon, dass Quantz weiter über den flötistischen Tellerrand blickt. Dabei greift er manchmal auch in die Moralkiste und doziert zu Charaktereigenschaften und schlechten Gewohnheiten. Vieles was man da liest wird noch heute so gelehrt, auch manches von dem Schmitz zu Recht sagt, dass es vielleicht gar nicht so ganz sinnvoll ist. Schon eindrucksvoll, wie lange sich diese tradierten Aussagen halten.

Der musikalische Geschmack hat sich in den mehr als 250 Jahren natürlich erheblich verändert. Besonders interessant ist, dass es damals absolut unerwünscht war, alle gleichartige Töne einer Sequenz gleich laut, gleich lang und gleich betont zu spielen. Damals war „Ungleichheit“ und Abwechslung das Ziel. Schmitz weist darauf hin, dass sich dieser Trend erst umkehrte, als die Gesellschaft im 19. Jahrhundert weg von der ungleichen Betrachtung der Menschen (mit Adel, Ständen und ähnlichem) mehr zur Gleichberechtigung kam. Das Gesellschaftsbild hat also den musikalischen Geschmack geprägt. Mich kann das immer wieder begeistern. Musik ist eben Teil des Lebens.

Da wo heutige Schulen häufig aufhören, nach dem Erlernen von Anblastechnik, Griffen und musikalischen Symbolen, geht Quantz viel weiter. Er erläutert, worauf man beim Zusammenstellen eines Konzertprogramms achten soll, wie man sich an die Raumakustik anpasst usw. Schmitz übersetzt das perfekt in unsere Zeit, bildet das Bindeglied und erläutert alles das, was ohne Musik historische Vorkenntnisse heute nicht direkt verständlich ist.

Ganz ähnlich wie das Fürstenau-Buch von Schmitz für Fürstenaus Zeit, ist dieser kleine Band eine Abkürzung zu Quantz, die ich sehr empfehlen kann. Leider wird das Büchlein nicht mehr verlegt und ist nur noch im Antiquariat mit etwas Glück und für zu viel Geld erhältlich.

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