An den Feiertagen und den Arbeitnehmer-freundlichen Tagen drum herum hatte ich Zeit genug und konnte meine aktuelle Lektüre beenden:

Don Campbell
Die Heilkraft der Musik
Klänge für Körper und Seele
Droemersche Verlagsanstalt, München 1998 (ISBN 3-426-29032-4)

Wie gewohnt zunächst die Formalitäten: das Werk liegt mir als fest gebundenes Buch vor, das Format ist in etwa DIN A 5 und es umfasst insgesamt fast 370 Seiten. Das Original wurde von Ilse Fath-Engelhardt aus dem Amerikanischen übersetzt.

Insgesamt erhält man 12 Kapitel, ein Adressen-Verzeichnis eine Bibliographie, ein Quellenverzeichnis unter dem eigenartigen Titel „Anmerkungen zu den Kapiteln“ und eine Liste der anderen Veröffentlichungen (das schließt auch Hörbücher und Cassetten ein) des Autors.

Die Gliederung lehnt sich an musikalische Begriffe an und umfasst nach Ouvertüre und Einführung acht Inhaltskapitel, eine Coda und ein Nachspiel. Die Titel der Kapitel lauten:

  1. Der Mozart-Effekt
  2. Die Anatomie des Klanges, des Hörens und des Horchens
  3. Die heilenden Eigenschaften des Klanges und der Musik
  4. Ein ursprüngliches Heilinstrument
  5. Die Anwendung der Musik in Therapie und Rehabilitation
  6. Orchestrierung von Körper und Geist
  7. Steigerung der Lernfähigkeit und Kreativität durch Musik
  8. Die Brücke zwischen Leben und Tod
  9. Das Lied der Ewigkeit
  10. Geschichten von wunderbaren Heilungen

Das Buch befasst sich mit allen Formen der Anwendung von Musik zum Zwecke der Heilung. Das heißt, es geht sowohl um das Musik hören als auch um das Musik machen im weitesten Sinn (von Trommeln bis Summen).

In der Einleitung beschreibt der Autor, wie er selbst sich durch Intonieren (Summen, Singen, alle Arten stimmhafter Geräusche) von einem unfallbedingten Gerinsel in seinem Gehirn befreien konnte. Ich gestehe, mich hat diese „Wunderheilung“ gleich als Eröffnung des Buches tendenziell eher skeptisch gestimmt.

Insgesamt ist das Buch eine große Sammlung von wahren Geschichten, in denen verschiedene Techniken der Behandlung mit Musik den unterschiedlichsten Menschen halfen, entweder gesund zu werden, weniger zu leiden oder friedvoll sterben zu können. Es ist somit eher eine Sammlung von Fallbeispielen als eine Anleitung zur Musikanwendung.

Mir persönlich waren diese Beispiele in vielen Fällen zu wenig belegt, zu allgemein beschrieben. Betrachtet man jedoch die umfangreichen Quellennachweise im Anhang, so bietet sich vermutlich die Möglichkeit, den besonders interessanten Fällen durch eigene Recherche nachzugehen.

In dem Buch, das mittlerweile schon gut 15 Jahre alt ist, werden auch viele Studien zur medizinischen Wirkung der verschiedenen musikalischen Anwendungen beschrieben. Die Ergebnisse dieser Studien machen eigentlich Hoffnung auf eine alternative Musik-Medizin. Dennoch habe ich bisher wenig von derartigen Anwendungen gehört oder gelesen. Die Beispiele und Studien stammen jedoch auch fast ausschließlich aus Amerika.

Besonders beeindruckend fand ich eine Untersuchung, bei der Krebszellen in Vitro mit Schall zum Absterben gebracht wurden. Als Schallquelle wurde in dem dargestellten Beispiel ein Xylophon eingesetzt, echte Musik also quasi.

Die Konzentrationshilfe Musik ist ja bekannt, das verbesserte Lernverhalten beim Hören von Musik wird ja auch häufig als Mozart-Effekt bezeichnet (Campbell verwendet diesen Begriff allgemeiner in seinem Buch). Was mir neu war, ist die Technik des Intonierens. Das bedeutet ein Summen oder Singen von Tönen. Die Tonhöhe, der Laut und die Intensität ist sehr individuell und muss vom „Patienten“ getestet werden. Campbell hat so sein Blutgerinnsel weggebrummt und beschreibt auch andere Anwendungen gegen Schmerzen, psychische Probleme und andere Widrigkeiten.

Ich habe das mal ausprobiert in der Badewanne (gute Akustik) und in der Tat festgestellt, dass es erst mal seltsam ist, in einer leeren Wohnung einfach so „Geräusche“ von sich zu geben. Dann musste ich merken, dass ich zumindestens im Liegen in der Wanne nicht in der Lage bin, einen Ton einfach gerade auszuhalten. Beim Summen entstehen immer ganz kurze Aussetzer. Irgendwas ist da also nicht locker (obwohl ich ja als Bläser eigentlich weiß, was Atmung ist). Campbell empfiehlt das Intonieren auch als Vorbereitung vor Streßsituationen wie Operationen zur Entspannung und beschreibt, dass er auch in fast allen Verkehrsmitteln summt ohne damit Mitreisende zu irritieren, weil es dafür einfach zu leise ist.

Ich glaube, dass stimmliche Arbeit (eben Intonieren) sicher gut ist, um Verspannungen zu lösen und auch als Lautäußerung schon psychologisch sicher vorteilhaft ist, da wir kulturell alle doch eher zur Stille und zum Mundhalten erzogen sind. Ich habe vor, dass mal öfter zu testen. Die physikalische Wirkung, dass ein Ton im Körper natürlich auch Resonanzschwingungen hervorrufen wird, ist sowieso klar und auch diese minimale Schwingung hat sicher ihre Wirkung. Wissen wir doch heute, wie wichtig auch die kleinsten physischen Struktureinheiten für das Wohlbefinden sind (Stichwort Faszien). Ein Thema, an dem ich mal dran bleiben möchte, schließlich hat diese „Medizin“ als Nebenwirkung nur Freude und Wohlbefinden.

Im Buch finden sich auch die mir schon länger bekannten Anwendungen von Musik für Schlaganfallpatienten, Parkinson, Alzheimer und Demenz. Die Taktung durch das Hören von Musik, das sich dazu bewegen oder Singen, sind bei vielen Bewegungsschwierigkeiten und auch bei Herz-Kreislaufproblemen nützlich, was wenig überrascht.

Unter den genannten Techniken ist besonders das Tomatis-Hörtraining häufig genannt. Hier werden zum Abbau frühkindlicher Traumata und Entwicklungsstörungen, für besseres Lernverhalten und viele andere Themen  Musik und Stimmlaute (häufig der Mutter) verblendet und durch systematisches Hören erstaunliche Effekte erzielt. Auch hier bin ich weniger überrascht, da ich selbst festgestellt habe, wie sehr die an meinem Arbeitsplatz laufende Musik zu meiner Leistungsfähigkeit und Motivation beigetragen haben (es gibt übrigens auch Studien hierzu und viele große Arbeitgeber setzen Musik sehr gezielt ein zur Leistungssteigerung).

Insgesamt muss man dieses Buch also eher als Anfang zum Thema ansehen, als Ideensammlung und Appetitanreger. In dieser Form hat es für mich perfekt funktioniert.

Im Kapitel Nachspiel finden sich ca. 180 Seiten mit Fallbeispielen zu verschiedenen Krankheiten, wobei die Darstellungen nach den Krankheiten alphabetisch sortiert sind und so auch zum Nachschlagen taugen. Los geht es mit „Aggressives und asoziales Verhalten“, über Aids, Krebs, Schnupfen und Trauer bis Zahnschmerzen.

Ich jedenfalls habe vor, bei Gelegenheit mal zu gucken, ob es hier vielleicht auch Kurse oder Praxen mit einigen der Techniken gibt. Speziell das Intonieren hat mich schon sehr neugierig gemacht.