Ich für meinen Teil liebe Kammermusik. Für Flöte gibt es eine große Anzahl sehr interessanter Besetzungen. Ganz oben stand für mich da immer das Bläserquintett (Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott). Gleich danach hat mich immer das Quartett mit Streichern gereizt (Flöte, Violine, Bratsche und Cello). Des weiteren natürlich das Quartett, das ganz aus Flöten besteht, wobei es fast noch schöner wird, wenn auch Piccolo und Altflöte oder gar Bassflöte besetzt sind. Flöte und Klavier ist natürlich toll, dafür gibt es vermutlich auch so ziemlich am meisten Literatur (nur ein guter Pianist, der gern auch begleitet ist nicht so leicht zu finden). Die wohl allen bekannten Duette für zwei Flöten muss man wohl kaum erwähnen (vielleicht aber schon, dass es für diese Besetzung auch sehr spannende modernere Originalwerke gibt), gleiches gilt für andere Besetzungen nur aus Flöten (Trio bis Flötenorchester).

Bei der Gelegenheit möchte ich aber auch eine Lanze für all die etwas exotischeren Besetzungen brechen, für die leider in der Regel auch nicht die große Menge Literatur verfügbar ist: Trio mit Klarinette und Fagott, Trio mit Klarinette und Klavier, oder Cello und Klavier oder Horn und Klavier, Quartett basierend auf dem Bläserquintett, wobei wahlweise Oboe, Horn oder Klarinette fehlt, Duette mit Klarinette, Fagott, Horn oder Cello, Triobesetzungen mit zwei Streichern etc.

Eine unübersehbare Vielfalt also, die jede für sich eigene Herausforderungen bergen. Für die meisten Besetzungen gibt es gewisse musikhistorische „Hochzeiten“, aus denen ein Großteil der Werke stammen. Das liegt vor allem auch an der Instrumententechnik (Klarinetten gab es im Barock noch nicht, eine Traversflöte hätte neben einem Horn kaum Chancen gehabt, gehört zu werden etc.). Dementsprechend wird es Epochen geben, deren Werke man in der einen oder anderen Besetzung eher schwerlich spielen kann.

Wenn man nun also das Glück hat, ein Ensemble gerade frisch aufzubauen und hat alle erforderlichen Mitmusiker gefunden, so gibt es viel zu erforschen in Sachen Repertoire und auch in Sachen Zusammenspiel. Es dauert lange, ehe sich alle mehr oder weniger blind verstehen, man einen gemeinsamen Puls entwickelt und auch die Intonation und die Artikulation sich so angleichen, dass das Ensemble wie aus einem Mund „spricht“.

Damit das überhaupt erreicht werden kann, ist aber noch mehr als die Übung erforderlich. Man benötigt eine gemeinsame Klangvorstellung, jeder muss hinhören und das Miteinander muss im Vordergrund stehen. Funktionieren wird das nur, wenn auch alle sich für ähnliche Stücke begeistern. Wichtig ist auch, dass die qualitative Zielsetzung irgendwie zusammenpasst. Wann ist ein Stück schön? Wenn keiner einen falschen Ton spielt? Wenn die Intonation perfekt ist? Wenn man es so richtig schnell spielen kann? Wenn es einen Zuhörer fesselt und Emotionen weckt? Was ist überhaupt das richtige Tempo für ein Werk? Muss es das Tempo einer professionellen Darbietung sein? Oder ist es vielleicht wichtig, dass alle die Chance haben, ihre Stimme noch zu gestalten?

In all diesen Fragen kann es sehr viele verschiedene Ansichten geben. Innerhalb eines Ensembles wäre es jedoch hilfreich, wenn sich alle mehr oder minder zu diesen Themen einig wären. Wenn nicht, entsteht eine Art Tauziehen um die Gestaltung des Repertoires und der Proben.

Wie verläuft also so eine Beziehung in und zu einem Ensemble? Man trifft sich das erste Mal, lernt sich kennen. Entweder gibt es die Gruppe schon und man stößt dazu oder aber alle kommen erstmalig zum Musizieren zusammen. Die ersten Proben sind eine Art Beschnuppern, wer kann was gut und nicht so gut, wer mag welche Musik, welche Musik gibt es überhaupt für die Gruppierung? Das ist durchaus spannend und aufregend. Wir stehen ja am Beginn einer Entwicklung und momentan steht sozusagen die musikalische Welt offen und es gilt, sie zu erobern.

In einigen wenigen Fällen habe ich es auch erlebt, dass man erstmalig zusammen musiziert und da sofort ein Stückchen blindes Verständnis ist. Man ritardiert gemeinsam, jeder reagiert auf die dynamischen und agogischen Impulse des anderen, die gleichen Stücke sind von Interesse usw.

Es kann aber auch das Gegenteil geben. Die Mitmusiker reagieren nicht auf gestalterische Impulse, die angegebenen Tempi können gar nicht verstanden werden, die Dynamik wird ignoriert (auch wenn plötzlich eine Stimme quasi unhörbar weil übertönt wird). Diese eher unangenehmen Effekte wachsen sich dann hoffentlich im Verlauf des Ensemblelebens aus. Zu Beginn sind ja alle noch gestresst, vielleicht nervös, weil man keine Fehler machen, sich vor den relativ unbekannten Mitmusikern nicht blamieren möchte, man muss die Literatur erst kennen lernen, es müssen sich Strukturen bilden (mit wem spiele ich, wer ist flexibel, wem muss man nachgeben, weil er nix mitbekommt).

Was aber passiert, wenn sich all dies nicht einspielt? Was, wenn sich die Vorstellungen von Tempo, von „geübt“ und von interessantem Repertoire nicht übereinander bringen lassen? Was, wenn keine Klangvorstellung entsteht? Dann kann es passieren, dass man mit wenig Vorfreude zu Proben fährt und sie mit noch schlechterer Laune wieder verlässt. Das ist vielleicht die Besetzung, die man immer schon spielen wollte, das sind vielleicht total nette Menschen. Aber hat es Spaß gemacht? Habe ich das Gefühl, den Abend sinnvoll genutzt zu haben? Nein, vielleicht trotzdem nicht.

Wenn man nun viel Zeit hat neben seinem Job, oder man hat nur dieses Ensemble, dann mag eine Abwägung ergeben, dass es schon ok ist, diesen einen Abend jede Woche oder alle paar Wochen so verbringen. Wird die Zeit aber knapper, oder gibt es Dinge, an die man mit Sehnsucht während einer Probe denkt (jetzt könnte ich üben, oder mit einer Freundin quatschen, oder Sport machen oder, oder, oder…) , dann wird die Aussage wahr, dass die Zeit für dieses Ensemble nicht mehr ausreicht. Man ist nicht mehr in der Lage, die Dinge, die einem Freude machen, zu tun, weil man in einer Probe sitzt, die einen nicht erfüllt.

Jeder hat ja nur 24 Stunden am Tag. Die meisten von uns verbringen ca. 8 Stunden an fünf Tagen die Woche sozusagen „fremdbestimmt“. Gut für die, die Ihre Arbeit lieben, weniger gut für die vielen anderen. Es bleiben die Abende und das Wochenende. Gemeinsam Musik machen ist in dieser freien Zeit eine echte Verpflichtung. Wer Proben vereinbart oder gar Konzerte, der kann nicht einfach sagen „heute ist das Wetter schön, ich geh lieber schwimmen“ (wer es doch tut, wird bald nur noch alleine spielen). Proben wollen vorbereitet werden, das bedeutet bei etwas anspruchvollerem Repertoire auch üben. Wir gehen also eine Verpflichtung in der Zeit ein, die eigentlich zu unserer freien Verfügung steht und in der wir uns eigentlich „erholen“ sollen. Daher finde ich es wichtig, in der Freizeit Dinge zu machen, die mir Energie geben, gute Laune, Freude oder gar Erfüllung.

Nun gibt es Proben zu denen man in Stress und Hektik relativ unwillig aufbricht, die man aber mit einem Lächeln im Gesicht verlässt, weil man musiziert hat. Das gemeinsame Spiel kann tatsächlich sehr starke Glücksgefühle entstehen lassen. Nach dem Musizieren geht es einem besser als zuvor, die Müdigkeit ist verflogen, die Vorfreude auf die nächste Probe schon groß. Wer das je erlebt hat, der wird wissen, wovon ich spreche. Wer das je erlebt hat, der wird auch merken, wenn dies nicht der Fall ist. Es entsteht eine Art Sucht nach diesem Gefühl. Die im Spielen freigesetzte Energie trägt einen gleich durch den nächsten Tag. Die Freizeit ist gut genutzt, weil sie Kraft für die Aufgaben des Tages gibt. Das ist der Idealfall. Und das ist es, was man suchen muss, wenn man seine Gesundheit erhalten möchte.

Mit einem Ensemble besteht eben eine zwischenmenschliche Beziehung, genau wie eine Partnerbeziehung im Grunde. Und genau wie bei einer Partnerbeziehung ist es an der Zeit zu gehen, wenn die Energiebilanz aus dieser Beziehung dauerhaft negativ ist. Sicher gibt es immer mal Tiefs und man kann solche dann ja auch für eine Zeit ausgleichen aus anderen Quellen. Auf die Dauer ist das aber nicht möglich und jeder tut gut daran, dann auch die Konsequenz zu ziehen und auch dem Ensemble die Chance zu geben, die Person zu finden, die dazu passt wie das fehlende Puzzleteilchen, anstatt mehr oder weniger unwillig seine Pflicht zu tun.