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An den Feiertagen und den Arbeitnehmer-freundlichen Tagen drum herum hatte ich Zeit genug und konnte meine aktuelle Lektüre beenden:

Don Campbell
Die Heilkraft der Musik
Klänge für Körper und Seele
Droemersche Verlagsanstalt, München 1998 (ISBN 3-426-29032-4)

Wie gewohnt zunächst die Formalitäten: das Werk liegt mir als fest gebundenes Buch vor, das Format ist in etwa DIN A 5 und es umfasst insgesamt fast 370 Seiten. Das Original wurde von Ilse Fath-Engelhardt aus dem Amerikanischen übersetzt.

Insgesamt erhält man 12 Kapitel, ein Adressen-Verzeichnis eine Bibliographie, ein Quellenverzeichnis unter dem eigenartigen Titel „Anmerkungen zu den Kapiteln“ und eine Liste der anderen Veröffentlichungen (das schließt auch Hörbücher und Cassetten ein) des Autors.

Die Gliederung lehnt sich an musikalische Begriffe an und umfasst nach Ouvertüre und Einführung acht Inhaltskapitel, eine Coda und ein Nachspiel. Die Titel der Kapitel lauten:

  1. Der Mozart-Effekt
  2. Die Anatomie des Klanges, des Hörens und des Horchens
  3. Die heilenden Eigenschaften des Klanges und der Musik
  4. Ein ursprüngliches Heilinstrument
  5. Die Anwendung der Musik in Therapie und Rehabilitation
  6. Orchestrierung von Körper und Geist
  7. Steigerung der Lernfähigkeit und Kreativität durch Musik
  8. Die Brücke zwischen Leben und Tod
  9. Das Lied der Ewigkeit
  10. Geschichten von wunderbaren Heilungen

Das Buch befasst sich mit allen Formen der Anwendung von Musik zum Zwecke der Heilung. Das heißt, es geht sowohl um das Musik hören als auch um das Musik machen im weitesten Sinn (von Trommeln bis Summen).

In der Einleitung beschreibt der Autor, wie er selbst sich durch Intonieren (Summen, Singen, alle Arten stimmhafter Geräusche) von einem unfallbedingten Gerinsel in seinem Gehirn befreien konnte. Ich gestehe, mich hat diese „Wunderheilung“ gleich als Eröffnung des Buches tendenziell eher skeptisch gestimmt.

Insgesamt ist das Buch eine große Sammlung von wahren Geschichten, in denen verschiedene Techniken der Behandlung mit Musik den unterschiedlichsten Menschen halfen, entweder gesund zu werden, weniger zu leiden oder friedvoll sterben zu können. Es ist somit eher eine Sammlung von Fallbeispielen als eine Anleitung zur Musikanwendung.

Mir persönlich waren diese Beispiele in vielen Fällen zu wenig belegt, zu allgemein beschrieben. Betrachtet man jedoch die umfangreichen Quellennachweise im Anhang, so bietet sich vermutlich die Möglichkeit, den besonders interessanten Fällen durch eigene Recherche nachzugehen.

In dem Buch, das mittlerweile schon gut 15 Jahre alt ist, werden auch viele Studien zur medizinischen Wirkung der verschiedenen musikalischen Anwendungen beschrieben. Die Ergebnisse dieser Studien machen eigentlich Hoffnung auf eine alternative Musik-Medizin. Dennoch habe ich bisher wenig von derartigen Anwendungen gehört oder gelesen. Die Beispiele und Studien stammen jedoch auch fast ausschließlich aus Amerika.

Besonders beeindruckend fand ich eine Untersuchung, bei der Krebszellen in Vitro mit Schall zum Absterben gebracht wurden. Als Schallquelle wurde in dem dargestellten Beispiel ein Xylophon eingesetzt, echte Musik also quasi.

Die Konzentrationshilfe Musik ist ja bekannt, das verbesserte Lernverhalten beim Hören von Musik wird ja auch häufig als Mozart-Effekt bezeichnet (Campbell verwendet diesen Begriff allgemeiner in seinem Buch). Was mir neu war, ist die Technik des Intonierens. Das bedeutet ein Summen oder Singen von Tönen. Die Tonhöhe, der Laut und die Intensität ist sehr individuell und muss vom „Patienten“ getestet werden. Campbell hat so sein Blutgerinnsel weggebrummt und beschreibt auch andere Anwendungen gegen Schmerzen, psychische Probleme und andere Widrigkeiten.

Ich habe das mal ausprobiert in der Badewanne (gute Akustik) und in der Tat festgestellt, dass es erst mal seltsam ist, in einer leeren Wohnung einfach so „Geräusche“ von sich zu geben. Dann musste ich merken, dass ich zumindestens im Liegen in der Wanne nicht in der Lage bin, einen Ton einfach gerade auszuhalten. Beim Summen entstehen immer ganz kurze Aussetzer. Irgendwas ist da also nicht locker (obwohl ich ja als Bläser eigentlich weiß, was Atmung ist). Campbell empfiehlt das Intonieren auch als Vorbereitung vor Streßsituationen wie Operationen zur Entspannung und beschreibt, dass er auch in fast allen Verkehrsmitteln summt ohne damit Mitreisende zu irritieren, weil es dafür einfach zu leise ist.

Ich glaube, dass stimmliche Arbeit (eben Intonieren) sicher gut ist, um Verspannungen zu lösen und auch als Lautäußerung schon psychologisch sicher vorteilhaft ist, da wir kulturell alle doch eher zur Stille und zum Mundhalten erzogen sind. Ich habe vor, dass mal öfter zu testen. Die physikalische Wirkung, dass ein Ton im Körper natürlich auch Resonanzschwingungen hervorrufen wird, ist sowieso klar und auch diese minimale Schwingung hat sicher ihre Wirkung. Wissen wir doch heute, wie wichtig auch die kleinsten physischen Struktureinheiten für das Wohlbefinden sind (Stichwort Faszien). Ein Thema, an dem ich mal dran bleiben möchte, schließlich hat diese „Medizin“ als Nebenwirkung nur Freude und Wohlbefinden.

Im Buch finden sich auch die mir schon länger bekannten Anwendungen von Musik für Schlaganfallpatienten, Parkinson, Alzheimer und Demenz. Die Taktung durch das Hören von Musik, das sich dazu bewegen oder Singen, sind bei vielen Bewegungsschwierigkeiten und auch bei Herz-Kreislaufproblemen nützlich, was wenig überrascht.

Unter den genannten Techniken ist besonders das Tomatis-Hörtraining häufig genannt. Hier werden zum Abbau frühkindlicher Traumata und Entwicklungsstörungen, für besseres Lernverhalten und viele andere Themen  Musik und Stimmlaute (häufig der Mutter) verblendet und durch systematisches Hören erstaunliche Effekte erzielt. Auch hier bin ich weniger überrascht, da ich selbst festgestellt habe, wie sehr die an meinem Arbeitsplatz laufende Musik zu meiner Leistungsfähigkeit und Motivation beigetragen haben (es gibt übrigens auch Studien hierzu und viele große Arbeitgeber setzen Musik sehr gezielt ein zur Leistungssteigerung).

Insgesamt muss man dieses Buch also eher als Anfang zum Thema ansehen, als Ideensammlung und Appetitanreger. In dieser Form hat es für mich perfekt funktioniert.

Im Kapitel Nachspiel finden sich ca. 180 Seiten mit Fallbeispielen zu verschiedenen Krankheiten, wobei die Darstellungen nach den Krankheiten alphabetisch sortiert sind und so auch zum Nachschlagen taugen. Los geht es mit „Aggressives und asoziales Verhalten“, über Aids, Krebs, Schnupfen und Trauer bis Zahnschmerzen.

Ich jedenfalls habe vor, bei Gelegenheit mal zu gucken, ob es hier vielleicht auch Kurse oder Praxen mit einigen der Techniken gibt. Speziell das Intonieren hat mich schon sehr neugierig gemacht.

Wie jedes Jahr, so werden auch zum Jahreswechsel 2013/2014 eine Menge toller Konzerte im Fernsehen gezeigt. Hier eine Übersicht ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Dienstag 31.12.13, 17.30-19.00 Uhr, ZDF: Silvesterkonzert aus der Semperoper
    Staatskapelle Dresden unter Thielemann, Motto: Berlin-New York (Operette))
  • Dienstag 31.12.13, 18.55-20.15 Uhr, arte: Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker
    unter Sir Simon Rattle, mit Lang Lang als Solist: 3. Prokofjew Klavierkonzert, Brahms und Dvorak
  • Mittwoch 01.01.14,7.35-9.20 Uhr, SWR: Strauß & Co. – Neujahrskonzert
    wer spielt, weiß ich leider nicht. Thema: Walzermelodien
  • Mittwoch 01.01.14, 11.15-11.50 Uhr, ORF2: Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker
    unter Daniel Barenboim, Werke der Strauß-Familie
  • Mittwoch 01.01.14,  11.15-13.45 Uhr, ZDF: Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker
    Details siehe oben
  • Mittwoch 01.01.14, 18.05-19.10 Uhr, arte: Neujahrskonzert aus Venedig
    Chor und Orchester der Gran Teatro la Fenice di Venezia unter Diego Matheuz: Opern-Ausschnitte von Verdi, Puccini und anderen
  • Samstag, 04.01.14, 20.15-22.45 Uhr, 3sat: Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2014
    Details siehe oben
  • Montag 06.01.14, 11.45-13.15 Uhr, BR: Galakonzert der Berliner Philharmoniker
    Details siehe oben (Silvesterkonzert)
  • Montag 06.01.14, 20.15-22.10 Uhr, BR alpha: Festkonzert zum 200. Geburtstag Richard Wagners
    leider keine Details zu Mitwirkenden und/oder Programm

Einen würdigen Jahresausklang bietet die protestantische Kirche in Kirchheim an der Weinstraße mit einem Konzert für Flöte und Orgel. Die Musiker sind Tatjana Ruhland vom SWR Orchester in Stuttgart und Christian Schmitt (ECHO Preisträger an der Orgel). Los geht es am 29. Dezember 2013 um 15 Uhr in der Protestantischen Kirche in Kirchheim an der Weinstraße, der Eintritt ist frei.

Am 6. Februar 2014 um 20.30 Uhr ist im Konzertsaal der HfK Bremen das Diplomkonzert der Flötistin Lydia An, Studierende bei Susanne Meier, zu hören. Der Eintritt ist frei.

Andrea Lieberknecht gibt am 8. und 9. Februar 2014 in Schloss Nymphenburg einen Meisterkurs für Flöte. Zielgruppe sind Studenten und Flötisten, die beabsichtigen zu studieren. Für die aktive Teilnahme ist daher ein Lebenslauf erforderlich. Der Kurs wird mit einem Konzert am 7. Februar 2014 um 19 Uhr eröffnet. Für Mitglieder des Deutschen Tonkünstlerverbandes und der DGfF ist die Teilnahme ebenso  ermässigt wie für Schüler und Studenten. Aktive Teilnahme kostet zum vollen Preis 230 Euro, passive Teilnahme 120 Euro. Es sind auch Tageskarten erhältlich.

In der wahrlich exotischen Besetzung Flöte und Tuba ist am 23. Februar 2014 um 16 Uhr in der St. Jürgen Kapelle in Lübeck ein Konzert zu hören. Johanna Rabe und Albrecht Buttman spielen Eigenbearbeitungen.

Für alle, die lange im Voraus planen: am 23. August 2014 spielen um 18 Uhr Marianne Keller (Flöte), Lubomir Maly (Bratsche) und Milan Zelenka (Gitarre) in wechselnden Besetzungen. Der Eintritt kostet 19 Euro, das Konzert findet unter freiem Himmel im historischen Pfarrhof Wurz statt.

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Atem-Tonus-Ton

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Vor einigen Monaten habe ich hier ein Buch besprochen, in dem die Methode „Atem-Tonus-Ton“ für Flötisten behandelt wurde. Die Übungen und Erklärungen fand ich insgesamt gut, doch gibt es vieles, was in einem Buch schwer zu erklären ist. Daher freue ich mich, jetzt auch die Daten zu zwei Kursen dieser Methode hier ankündigen zu können.

Die Autorin des Buchs, Regula Schwarzenbach, gibt am 25. und 26. Januar 2014 in Zürich und am 5. und 6. April 2014 in Freiburg Kurse zu dieser Technik. Alle Informationen zur Anmeldung usw. sind auf der Webseite von Frau Schwarzenbach zu finden.

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Diese erste Biographie eines ganzen Kollektivs – eines Orchesters – die ich je gelesen habe, wurde von Herbert Haffner verfasst. Der ist laut Klappentext kein Berliner sondern lebt in Freiburg. Das Buch ist im Schott-Verlag erschienen und liegt mir als Hardcover-Ausgabe mit einem schönen Foto-Schutzumschlag vor. Das Cover zeigt zum einen das Orchester auf der Bühne der Berliner Philharmonie, darunter außerdem eine Außenansicht des Gebäudes.  Auf 336 Seiten in ca. DIN A 5 Format wird in acht Kapiteln die Geschichte des Orchesters erzählt. Abgerundet wird die Darstellung durch ein Personenregister und ein Literaturverzeichnis. Bildnachweis und Danksagung dagegen sind eher technische Details.

Wie schreibt man die Biographie eines Orchesters? Vermutlich gäbe es dazu verschiedene denkbare Ansätze. Haffner gliedert nicht überraschend nach den Chefdirigenten, so dass sich folgende Kapitel ergeben:

Beschrieben wird jeweils, wie es zu der jeweiligen Besetzung des Postens kam, eine kurze Biographie des jeweiligen Dirigenten ist obligatorisch, dazu kommen Informationen zu Vertragsbedingungen, Besetzungen des Managements und des Orchestervorstands, wirtschaftliche Randbedingungen, Gastdirigate, Beschreibung der Programme, wesentlicher Auftritte und Tourneen sowie Platten-, Film- und Fernsehaufnahmen. Dazwischen mischen sich politische Entwicklungen, die Einfluss auf den Verlauf des Orchesterlebens hatten (Kriege, Mauerfall, Nazi-Herrschaft etc.). Auch einige Anekdoten von betrunkenen Musikern, Unfällen und ähnlichem sind eingewoben.

Insgesamt liest sich diese Mischung recht unterhaltsam. Allerdings empfand ich die Auflistungen von Konzerten, Programmen und Dirigenten zeitweise verwirrend und ermüdend. Hier ein Beispiel von sehr, sehr vielen:

„Ungeachtet der politischen Situation kommt ab 1936 Karl Böhm als neuer Plattendirigent hinzu, dessen erste Aufnahme Otto Nicolais Ouvertüre zu Die lustigen Weiber von Windsor gilt. Schuricht spielt Beethoven und Bruckner ein, und am 10. Mai 1938 schließt der junge Karajan einen Plattenvertrag ab. Mit den Philharmonikern bannt er die Ouvertüre zu Mozarts Zauberflöte sowie Tschaikowskys Pathétique in Schellack. De Sabata spielt seine viel beachteten Werke von Brahms und Ottorino respighi ein, und im November 1937 nimmt sich Beecham mit den Philharmonikern gar die (noch heute geschätzte) Gesamtaufnahme von Mozarts Zauberflöte vor.“

Ca. jede zweite Seite solche und ähnliche Absätze…. da bleibt bei mir aber auch gar nix hängen.

Recht anschaulich fand die Darstellung der Arbeitsweise und des Führungsstils der jeweiligen Chefs. Ich habe mich nie sonderlich für Dirigenten interessiert, daher war hier vieles bis alles neu für mich. Dass Karajan beispielsweise wenig Uraufführungen gespielt und eher konservative Programme bevorzugt hat, wie Furtwängler sich im dritten Reich anstellte oder dass Sir Simon Rattle Schlagzeug studiert hat.

In Sachen Flötisten wird man am häufigsten mit dem Namen Nicolet fündig, er wird auch zitiert. daneben werden Emmanuel Pahud, James Galway und Andreas Blau erwähnt. Zoeller oder Andersen sucht man hingegen vergeblich. Überhaupt spielen einzelne Musiker eine geringe Rolle in diesen Darstellungen.

Für mich war die Lektüre trotz allem sehr spannend und ich war sehr schnell durch den Band durch. Da sind so viele gestreute Informationen, die mich einfach durch das Buch durchgezogen haben. Zum Beispiel war mir nicht wirklich bewusst, auch wenn ich das schon mal gehört hatte, wie sehr das Dritte Reich auch die weibliche Gleichberechtigung zurückgeworfen hat. Wurden die Berliner doch bereits 1887 von einer Frau dirigiert, danach auch 1923 und 1929. Das letzte weibliche Vorkriegs-Dirigat am 1935 eröffnete eine über vierzig jährige Pause.

Ähnlich spannend sind die Querelen zwischen Karajan und dem Orchester, das Ringen um die Rückkehr Furtwänglers nach dem dritten Reich oder die Konkurrenz zu den Wienern auch im Zusammenhang mit den Salzburger Festspielen.

Gewürzt wird das Buch übrigens auch mit Fotos, Programm- und Zeitungsausschnitten und einigen Zitaten der Musiker, Dirigenten und Intendanten. Die wechselnden Finanzierungs- und Firmierungskonstrukte in denen das Orchester existierte mögen für wirtschaftlich bewanderte Menschen von Interesse sein, für mich war das eher schwer zu verfolgen.

Herausgegeben 2007 kommt der zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre im Amt befindliche Rattle ein wenig kurz in der Charakterisierung, fand ich. Vermutlich waren die redaktionellen Arbeiten aber schon ein bis zwei Jahre vor dem Erscheinen abgeschlossen, was diese Tatsache leicht erklärt.

Unter den verschiedenen Gästen am Pult der Philharmoniker habe ich übrigens auch viele wenig bekannte Komponisten entdeckt, die ich zuvor nur durch einzelne Notenausgaben oder CD-Aufnahmen namentlich kannte, z. B.: Volkmar Andreae oder Hans Chemin-Petit.

Für alle Kölner, die Bychkov noch gut als Chef des WDR-Orchesters in Erinnerung haben, wird die Episode von dessen Konzertbesuch bei einer Tournee des Orchesters in Leningrad amüsieren. Als Siebzehnjähriger stieg er da über das Dach und durch das Fenster der Damentoilette ein, um dem Konzert lauschen zu können. Er wurde allerdings erwischt und verhaftet.

Alles in allem also eine unterhaltsame Mischung von Fakten und Geschichten und für einen Musikliebhaber sicher eine kurzweilige Lektüre. Hier darum für alle Neugierigen die bibliographischen Infos komplett:

Herbert Haffner

Die Berliner Philharmoniker – eine Biografie

Bestellnummer ED 20104

ISBN 978-3-7957-0590-9, erschienen 2007

Ich für meinen Teil liebe Kammermusik. Für Flöte gibt es eine große Anzahl sehr interessanter Besetzungen. Ganz oben stand für mich da immer das Bläserquintett (Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott). Gleich danach hat mich immer das Quartett mit Streichern gereizt (Flöte, Violine, Bratsche und Cello). Des weiteren natürlich das Quartett, das ganz aus Flöten besteht, wobei es fast noch schöner wird, wenn auch Piccolo und Altflöte oder gar Bassflöte besetzt sind. Flöte und Klavier ist natürlich toll, dafür gibt es vermutlich auch so ziemlich am meisten Literatur (nur ein guter Pianist, der gern auch begleitet ist nicht so leicht zu finden). Die wohl allen bekannten Duette für zwei Flöten muss man wohl kaum erwähnen (vielleicht aber schon, dass es für diese Besetzung auch sehr spannende modernere Originalwerke gibt), gleiches gilt für andere Besetzungen nur aus Flöten (Trio bis Flötenorchester).

Bei der Gelegenheit möchte ich aber auch eine Lanze für all die etwas exotischeren Besetzungen brechen, für die leider in der Regel auch nicht die große Menge Literatur verfügbar ist: Trio mit Klarinette und Fagott, Trio mit Klarinette und Klavier, oder Cello und Klavier oder Horn und Klavier, Quartett basierend auf dem Bläserquintett, wobei wahlweise Oboe, Horn oder Klarinette fehlt, Duette mit Klarinette, Fagott, Horn oder Cello, Triobesetzungen mit zwei Streichern etc.

Eine unübersehbare Vielfalt also, die jede für sich eigene Herausforderungen bergen. Für die meisten Besetzungen gibt es gewisse musikhistorische „Hochzeiten“, aus denen ein Großteil der Werke stammen. Das liegt vor allem auch an der Instrumententechnik (Klarinetten gab es im Barock noch nicht, eine Traversflöte hätte neben einem Horn kaum Chancen gehabt, gehört zu werden etc.). Dementsprechend wird es Epochen geben, deren Werke man in der einen oder anderen Besetzung eher schwerlich spielen kann.

Wenn man nun also das Glück hat, ein Ensemble gerade frisch aufzubauen und hat alle erforderlichen Mitmusiker gefunden, so gibt es viel zu erforschen in Sachen Repertoire und auch in Sachen Zusammenspiel. Es dauert lange, ehe sich alle mehr oder weniger blind verstehen, man einen gemeinsamen Puls entwickelt und auch die Intonation und die Artikulation sich so angleichen, dass das Ensemble wie aus einem Mund „spricht“.

Damit das überhaupt erreicht werden kann, ist aber noch mehr als die Übung erforderlich. Man benötigt eine gemeinsame Klangvorstellung, jeder muss hinhören und das Miteinander muss im Vordergrund stehen. Funktionieren wird das nur, wenn auch alle sich für ähnliche Stücke begeistern. Wichtig ist auch, dass die qualitative Zielsetzung irgendwie zusammenpasst. Wann ist ein Stück schön? Wenn keiner einen falschen Ton spielt? Wenn die Intonation perfekt ist? Wenn man es so richtig schnell spielen kann? Wenn es einen Zuhörer fesselt und Emotionen weckt? Was ist überhaupt das richtige Tempo für ein Werk? Muss es das Tempo einer professionellen Darbietung sein? Oder ist es vielleicht wichtig, dass alle die Chance haben, ihre Stimme noch zu gestalten?

In all diesen Fragen kann es sehr viele verschiedene Ansichten geben. Innerhalb eines Ensembles wäre es jedoch hilfreich, wenn sich alle mehr oder minder zu diesen Themen einig wären. Wenn nicht, entsteht eine Art Tauziehen um die Gestaltung des Repertoires und der Proben.

Wie verläuft also so eine Beziehung in und zu einem Ensemble? Man trifft sich das erste Mal, lernt sich kennen. Entweder gibt es die Gruppe schon und man stößt dazu oder aber alle kommen erstmalig zum Musizieren zusammen. Die ersten Proben sind eine Art Beschnuppern, wer kann was gut und nicht so gut, wer mag welche Musik, welche Musik gibt es überhaupt für die Gruppierung? Das ist durchaus spannend und aufregend. Wir stehen ja am Beginn einer Entwicklung und momentan steht sozusagen die musikalische Welt offen und es gilt, sie zu erobern.

In einigen wenigen Fällen habe ich es auch erlebt, dass man erstmalig zusammen musiziert und da sofort ein Stückchen blindes Verständnis ist. Man ritardiert gemeinsam, jeder reagiert auf die dynamischen und agogischen Impulse des anderen, die gleichen Stücke sind von Interesse usw.

Es kann aber auch das Gegenteil geben. Die Mitmusiker reagieren nicht auf gestalterische Impulse, die angegebenen Tempi können gar nicht verstanden werden, die Dynamik wird ignoriert (auch wenn plötzlich eine Stimme quasi unhörbar weil übertönt wird). Diese eher unangenehmen Effekte wachsen sich dann hoffentlich im Verlauf des Ensemblelebens aus. Zu Beginn sind ja alle noch gestresst, vielleicht nervös, weil man keine Fehler machen, sich vor den relativ unbekannten Mitmusikern nicht blamieren möchte, man muss die Literatur erst kennen lernen, es müssen sich Strukturen bilden (mit wem spiele ich, wer ist flexibel, wem muss man nachgeben, weil er nix mitbekommt).

Was aber passiert, wenn sich all dies nicht einspielt? Was, wenn sich die Vorstellungen von Tempo, von „geübt“ und von interessantem Repertoire nicht übereinander bringen lassen? Was, wenn keine Klangvorstellung entsteht? Dann kann es passieren, dass man mit wenig Vorfreude zu Proben fährt und sie mit noch schlechterer Laune wieder verlässt. Das ist vielleicht die Besetzung, die man immer schon spielen wollte, das sind vielleicht total nette Menschen. Aber hat es Spaß gemacht? Habe ich das Gefühl, den Abend sinnvoll genutzt zu haben? Nein, vielleicht trotzdem nicht.

Wenn man nun viel Zeit hat neben seinem Job, oder man hat nur dieses Ensemble, dann mag eine Abwägung ergeben, dass es schon ok ist, diesen einen Abend jede Woche oder alle paar Wochen so verbringen. Wird die Zeit aber knapper, oder gibt es Dinge, an die man mit Sehnsucht während einer Probe denkt (jetzt könnte ich üben, oder mit einer Freundin quatschen, oder Sport machen oder, oder, oder…) , dann wird die Aussage wahr, dass die Zeit für dieses Ensemble nicht mehr ausreicht. Man ist nicht mehr in der Lage, die Dinge, die einem Freude machen, zu tun, weil man in einer Probe sitzt, die einen nicht erfüllt.

Jeder hat ja nur 24 Stunden am Tag. Die meisten von uns verbringen ca. 8 Stunden an fünf Tagen die Woche sozusagen „fremdbestimmt“. Gut für die, die Ihre Arbeit lieben, weniger gut für die vielen anderen. Es bleiben die Abende und das Wochenende. Gemeinsam Musik machen ist in dieser freien Zeit eine echte Verpflichtung. Wer Proben vereinbart oder gar Konzerte, der kann nicht einfach sagen „heute ist das Wetter schön, ich geh lieber schwimmen“ (wer es doch tut, wird bald nur noch alleine spielen). Proben wollen vorbereitet werden, das bedeutet bei etwas anspruchvollerem Repertoire auch üben. Wir gehen also eine Verpflichtung in der Zeit ein, die eigentlich zu unserer freien Verfügung steht und in der wir uns eigentlich „erholen“ sollen. Daher finde ich es wichtig, in der Freizeit Dinge zu machen, die mir Energie geben, gute Laune, Freude oder gar Erfüllung.

Nun gibt es Proben zu denen man in Stress und Hektik relativ unwillig aufbricht, die man aber mit einem Lächeln im Gesicht verlässt, weil man musiziert hat. Das gemeinsame Spiel kann tatsächlich sehr starke Glücksgefühle entstehen lassen. Nach dem Musizieren geht es einem besser als zuvor, die Müdigkeit ist verflogen, die Vorfreude auf die nächste Probe schon groß. Wer das je erlebt hat, der wird wissen, wovon ich spreche. Wer das je erlebt hat, der wird auch merken, wenn dies nicht der Fall ist. Es entsteht eine Art Sucht nach diesem Gefühl. Die im Spielen freigesetzte Energie trägt einen gleich durch den nächsten Tag. Die Freizeit ist gut genutzt, weil sie Kraft für die Aufgaben des Tages gibt. Das ist der Idealfall. Und das ist es, was man suchen muss, wenn man seine Gesundheit erhalten möchte.

Mit einem Ensemble besteht eben eine zwischenmenschliche Beziehung, genau wie eine Partnerbeziehung im Grunde. Und genau wie bei einer Partnerbeziehung ist es an der Zeit zu gehen, wenn die Energiebilanz aus dieser Beziehung dauerhaft negativ ist. Sicher gibt es immer mal Tiefs und man kann solche dann ja auch für eine Zeit ausgleichen aus anderen Quellen. Auf die Dauer ist das aber nicht möglich und jeder tut gut daran, dann auch die Konsequenz zu ziehen und auch dem Ensemble die Chance zu geben, die Person zu finden, die dazu passt wie das fehlende Puzzleteilchen, anstatt mehr oder weniger unwillig seine Pflicht zu tun.

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