Vergangenen Freitag hatte ich die Ehre, für einen Tag als Reporter unterwegs sein zu dürfen. Das Beethovenfest in Bonn bietet dieses Jahr eine spezielle Twitter-Aktion an, bei der für jeden Tag des Festivals (vom 5. September bis 5. Oktober 2013) ein Beethovenfest-Reporter (@befeboreporter) gesucht wird, der von einem Konzert des Festivals twittert. Dafür gibt es zwei Freikarten. Gewählt werden kann jeder noch nicht vergebene Veranstaltungstag.

Ich fand im Programm nur eine Veranstaltung mit solistischer Flöte an einem Tag, an dem ich nicht kann. Daher musste ich sozusagen „fremd gehen“.  Die Wahl fiel mir leicht, als ich den Namen Christian Lindberg im Programm entdeckte. Er gehört zu meinen jüngsten Entdeckungen. Ende Juni hatte ich nach einer weiteren Aufnahme der Flötistin Sharon Bezaly gesucht und war auf ein Portrait des Komponisten Christian Lindberg gestoßen, die ich mir dann besorgte.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir der Name zuvor gar nichts sagte, obwohl Herr Lindberg wohl schon um die dreißig Jahre als bedeutender Posaunen-Solist unterwegs ist. Ich entdeckte ihn also zuerst als Komponist. Die CD umfasste Helikon Wasp für Posaune und Orchester, das Flötenkonzert „The World of Montuagretta“ mit Sharon Bezaly, ein Werk für Chor und Posaune und ein Doppelkonzert mit Posaune und Trompete.

Am ersten Stück Helikon Wasp bin ich sozusagen hängengeblieben. Eine faszinierende Mischung von Rhythmik, wunderbaren Melodien, Zitaten aus den vier Jahreszeiten von Vivaldi, Hummelflug und ähnlichem, Gerufenes, gesungenes (Kopfstimme), Geräuschhaftes (Musizieren auf Blechbläser-Mundstücken). Das Stück selbst als Kritik am verstaubten, teils elitären Konzertbetrieb.

Jetzt also sollte ich so kurz nach der Entdeckung dieses Mannes die Gelegenheit haben, ihn live zu sehen und zu hören, als Dirigent und Posaunist und mit einer Eigenkomposition.

Mit einer musikbegeisterten Freundin machte ich mich also auf den Weg zur Beethovenhalle in Bonn. Ich war zuvor erst einmal dort zu einem Konzert und sah meinen damaligen Eindruck bestätigt, dass mich die Atmosphäre schon im Foyer bedrückt. Ich weiß nicht, ob es an der Beleuchtung liegt oder an der Deckenhöhe. Jedenfalls wirkt das Betreten des Gebäudes auf meine Stimmung eher dämpfend. Ganz gut, dass eine Renovierung schon geplant ist.

Wir gingen recht spät in den Saal, fanden unsere (sehr guten) Plätze auf Anhieb in einer ansonsten fast leeren Reihe. Insgesamt war der Saal bestenfalls halb gefüllt. Ich stellte fest, dass ich es, da ich meist in der Philharmonie in Köln Konzerte besuche und dort die Bühne wie in einem Amphitheater zu Füßen der Zuschauer liegt, nicht mehr gewohnt bin, zur Bühne aufzublicken. Und da sieht man auch wirklich nicht viel: ein paar Streicher in der vordersten Reihe und die Haarschöpfe der Bläser, die auf Podesten im hinteren Bereich der Bühne sitzen. Dafür waren die Stühle sehr bequem.

Das Orchester saß schon auf der Bühne und schrubbelte und hupte so vor sich hin. Um 20 Uhr begann erwartungsvolle Stille und ein subjektiv lang erscheinendes Warten. Dann erschien der Konzertmeister, es wurde gestimmt und das Orchester saß in Stille, die sich, wie ich es empfand für den Hauptteil des Publikums in einem mittleren Schock löste, als Christian Lindberg auf der Bühne erschien. Das lag daran, dass er erstens im lockeren Laufschritt auftrat und zweitens keineswegs im Frack sondern in schwarzen Stretch-Jeans und einem Goldglitzerhemd, das über die Hose hing, zwei Knöpfe geöffnet, so dass der Blick auf eine silberne Kette mit großem Anhänger frei war. Im Gesicht trug Herr Lindberg ein breites Lächeln oder gar Grinsen und spontan hätte ich ihn aus Schweden nach Amerika verpflanzt.

Er schwang sich aufs Dirigenten-Podest und los ging’s mit dem Vorspiel zu den Meistersingern von Wagner. Und er dirigierte auswendig. Vom Instrumentalist zum Dirigent, eine zweite Karriere sozusagen. Ich war also darauf vorbereitet, dass er nicht unbedingt ein zweiter Karajan sein würde (auch aufgrund der Erzählung eines Orchestermusikers, der schon unter ihm gespielt hatte). Er schlug alle Takte im Detail aus, auch sehr deutlich, wie ich fand. Er gab auch Einsätze, dennoch erschien im gesamten Programm keine Einheit aus Orchester und Dirigent zu entstehen. Die Bewegungen wirkten einstudiert und mehr gelernt als empfunden. Die meiste Zeit stand er mit eng geschlossenen Beinen, die Haltung wirkte sehr angespannt. Ich stellte fest, dass Fräcke den Vorteil haben, die Anatomie des Dirigenten zu verdecken, was man vom Aufzug des Herrn Lindberg nicht  sagen konnte. Kurz, ich war den kompletten Abend sehr abgelenkt.

Nach den Meistersingern betrat die Mezzosopranistin Dagmar Pecková die Bühne. Das führte in der Reihe hinter uns zu ausgiebigem Geläster. Frau Pecková trug ein ausladendes Abendkleid mit weißen Applikationen (von hinten Stichwort „Schneeflocke“). Es folgte die Arie der Kundry „ich sah das Kind“ aus Parsifal und „Herbstabend“ von Sibelius. Auch hier gelang es mir nicht, mich wirklich in die Musik zu vertiefen. Lindberg dirigierte jetzt mit Partitur. Für mich ergab sich daraus weder Verbesserung noch Verschlechterung zu den Meistersingern. Nun kann ich schwer sagen, ob die von mir empfundene „Uninspiriertheit“ aus einer Unstimmigkeit zwischen Orchester und Dirigent kam, oder ob das Orchester an sich nicht besonders in der Aufgabe aufging. Ich kannte das Beethovenorchester bis dahin nicht aus eigener Anschauung.

Ich für meinen Teil war ja hauptsächlich für den Lindberg angetreten, der als nächstes auf dem Programm stand. Das Stück „Kundraan“ für Posaune und Streicher. Das kannte ich noch nicht. Die Bläser, Schlagwerk etc. verließen also die Bühne und es gab eine kleine Umbaupause.

Auf deutlich geleerter Bühne begann das Stück mit einem Zwiegespräch zwischen Konzertmeister und erstem Bratscher. Ein wunderschöner Klangteppich, durchaus nicht sehr unharmonisch. In den Reihen der Streicher gab es verschiedene unbesetzte Stühle. Mitten in dieses melancholische Zwiegespräch der beiden brach plötzlich ein animalischer Schrei, die Quelle war nicht so recht auszumachen. Es ging ein Raunen und eine spürbare Verunsicherung durch den Saal. Unmittelbar darauf war ein leises Skandieren „Kundraan, Kundraan, Kundraan…“ zu hören. In Zweierreihen und mit gesenkten Köpfen schlurften sechs oder acht Streicher auf die Bühne (Gekichere im Saal). Die Körperhaltung und das stumpfe Wiederholen des Namens erinnerten mich spontan an eine Sekte. Die „Nachzügler“ nahmen ihre Plätze auf der Bühne ein und gleichzeitig stürmte Lindberg im bereits bekannten Laufschritt auf die Bühne. Diesmal in einem violetten Glitzerhemd, mit Posaune und Headset. Jetzt war auch klar, woher der Schrei kam.

Lindberg hüpfte in seiner sportlichen Art auf das Podium und los gings. Ganz in seinem mir schon bekannten persönlichen Stil wechselten sich auch hier epische Melodien und rhythmische Passagen ab. Über das Headset war parallel immer das teils noch zusätzlich forcierte Atmen des Solisten zu hören. Leider störte das den ansonsten so perfekten Posaunenton, wie ich finde. Das war natürlich auch die Absicht des Ganzen. Auch in diesem Stück, wie in Helikon Wasp ging es um das Wechselspiel zwischen Künstlern und Publikum. Der Kernsatz der sehr theatralisch von Lindberg eingeworfenen Sätze (soweit ich sie verstehen konnte): „I am here to entertain you, but on my terms“.

Es folgten in diesem Stück in Kopfstimme gesungene Passagen, Schnaufen, Spielen, Dirigieren mit der Posaune. Trotz dieser vielen Aufgaben wirkte Lindberg bei diesem Spiel lockerer, entspannter, als beim Programm zuvor. Es schien als ginge er hier wirklich in der Musik und Arbeit auf. Irgendwann mitten im Stück ging plötzlich die komplette Bühnenbeleuchtung aus. Über das Mikro fragte Lindberg, wer das getan hätte und trug dann eine Vision von Luzifer und einem kleinen Mädchen vor (auch hier wieder Gekichere im Saal).

Lindberg sprach das Publikum in seinen Textparts auch direkt an, sagte, er sei eine unangenehme Person, aber das seien wir doch eigentlich alle, er verabschiedete sich auch vom Publikum. Leider konnte ich wie gesagt nicht alles Gesprochene verstehen und der Text ist im Programmheft nicht enthalten (im Gegensatz zu den Texten von Wagner und Sibelius).

Es folgte die Pause und dann Sibelius‘ zweite Symphonie. Auch diese dirigierte Lindberg wieder auswendig, diesmal im schwarzen Glitzerhemd. Auch hier hatte ich nicht das Gefühl, mitgenommen zu werden. Die Gestik und Körpersprache des Dirigenten war bei allen doch so unterschiedlichen Werken immer die gleiche. Sehr athletisch, sehr verkrampft und irgendwie eingeübt.

Am Ende war ich vor allen Dingen verwirrt. Seine Musik hatte mich für Lindberg eingenommen, bevor ich ihn live sah. Nun kam da einer, den ich ohne diese „Vorbekanntschaft“ vermutlich relativ unsympathisch gefunden hätte. Durch und durch nur Show, kein eigentlicher Mensch zu erkennen. Seine Komposition gefiel mir ganz gut, wobei ich sagen muss, vieles der Farbigkeit, die ich an seiner CD schätze, war in diesem Werk schon aufgrund der reduzierten Besetzung nicht wiederzufinden. Übrig blieb dann so was mit Mitleid, die Befürchtung, was es mit einem Menschen machen muss, wenn er sich gar nicht mehr entspannen, gar nicht mehr er selbst sein kann. Für mich tritt Entspannung und Loslassen auf eine bestimmte Art gerade beim Musik machen ein. Wie schrecklich, wenn das nicht mehr möglich sein sollte. Kann so etwas mit einem Menschen passieren, wenn man zu lange als gefeierter Solist herumgereicht wird?

Da bleibt mir manches zum Nachdenken….