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Das Paul-Hindemith-Institut in Frankfurt gibt seit 1971 Jahrbücher heraus, die wissenschaftliche Artikel und Originalquellen zu Hindemith der Öffentlichkeit zugänglich machen. Durch Zufall bin ich bei meinen (meist virtuellen) Zügen durch die Antiquariate auf die Ausgabe 18 aus dem Jahr 1989 gestoßen. Erschienen im Schott-Verlag unter ISBN 3-7957-0110-4, enthält das ca. DIN A 5 große Büchlein mit ca. 170 Seiten drei Beiträge:

  • Singspielhalle des Humors – zu den dramatischen Meisterwerken Paul Hindemiths (Friederike Becker)
  • Notizen zu meinen „Feldzugs-Erinnerungen“ (Paul Hindemith)
  • Die Unwirklichkeit der Bühne (Benno Elkan)

Zwischen seinem 18. und 25. Lebensjahr hat Paul Hindemith verschiedene ziemlich groteske Theaterstücke verfasst. Die Stücke haben praktisch alle irgendwie mit Musik zu tun, häufig wird darin Streichquartett gespielt. Die Figuren sind häufig an Kommilitonen und andere Bekannte angelehnt die Namen teils geradezu hinweisgebend (z. B. Cravalla für einen Komponisten). In dem über 4o Seiten langen Artikel über diese humoristischen Werke werden Zusammenhänge mit Hindemiths Biographie ebenso aufgedeckt wie andere Zusammenhänge mit zu der Zeit aktuellen Entwicklungen des Theaters und theoretischen Strömungen.

In einem weiteren Abschnitt dieser wissenschaftlichen Arbeit geht es um Filmmusiken und Hindemiths Verwendung des Films in seinen Theaterstücken. Interessant sind dabei auch die Hinweise auf die filmmusikalischen Tätigkeiten Hindemiths.

Einen weiteren Schwerpunkt dieses wissenschaftlichen Artikels bildet der Einsatz von Geräuschen in den Dramen Hindemiths. Gespickt sind alle Betrachtungen mit Ausschnitten aus den Originaltexten.

Der zweite Beitrag im Jahrbuch sind Tagebuchtexte aus Hindemiths Kriegserinnerungen. Der junge Komponist notierte sich ab dem Abzug ins Elsaß für jeden Tag seines beinahe einjährigen Kriegsdienstes die wesentlichen Ereignisse des Tage. Angereichert werden die Texte mit Fotografien und den handschriftlichen Notizen von der Rückseite der Bilder.

Hindemith war, wenig überraschend, nicht bei der kämpfenden Truppe sondern im Musikzug. Er hatte bei der Militärmusik die große Trommel zu schlagen. Daneben stellte er mit drei Kameraden aber vor allem ein Streichquartett, das häufig für die Vorgesetzten zur Unterhaltung spielte.

Neben den Angaben zu den jeweiligen Stationen listet Hindemith für Konzerte und Proben des Quartetts und der anderen Kammermusikbesetzungen auch täglich die gespielten Programme auf. Schön für Flötisten: darunter auch Mozarts Flötenquartette und die Serenade von Reger (Flöte, Violine und Bratsche). Der Flötist in seiner Truppe hieß Artur Nötzold und wird von ihm an der einen oder anderen Stelle ausdrücklich für sein Spiel gelobt.

Neben der Musik und den Marschbeschreibungen geht es viel um Essen und Trinken sowie das Ausbauen der wechselnden Unterkünfte. Die Aufzählung von Proben, Konzerten und anderen musikalischen Anlässen ist auch jedesmal begleitet von seiner Meinung zur Qualität der jeweiligen Session (immer distanziert mit: „es ist gut musiziert worden“ oder „heute ist nicht gut musiziert worden“).

Hindemith komponiert recht viel und gibt den Kameraden Harmonieunterricht. Militärisch sind die Musiker nur gelegentlich für Wachen oder Ausheben von Schützengräben zuständig. In seinen Beschreibungen gibt es recht viel Freizeit und auch Langeweile, sogar Zeit und Möglichkeit zum Geige üben.

Vom eigentlichen Kriegsgeschehen ist in seinen Notizen nur sehr gelegentlich die Rede. Da fallen ein guter Freund und der Vorgesetzte, genannt „Graf“. Zudem gibt es am Ende viel Fliegerbeschuss durch die Engländer. Insgesamt sind die Eintragungen relativ emotionsfrei. Seine persönliche Einstellung zum Krieg wird erst ganz am Ende offenbar, als nach der Nachricht von der Abdankung des Kaisers das Ende nicht unmittelbar das Ende seines Kriegsdienstes folgte.

Einige der vielen genannten Stationen seiner Kriegszeit und des Rückmarsches habe ich in der folgenden Karte dargestellt.

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Den dritten Beitrag des Jahrbuchs bildet eine weitere Originalquelle. Der Bildhauer Benno Elkan beschreibt die Schwierigkeit eine rein virtuelle Idee, Dichtung, auf eine Bühne und damit in die Realität zu bringen. Der Artikel war Grundlage für eine Diskussion zum Thema Oper, die Hindemith mit Elkan geführt hat.

Aus Elkans Sicht ist die dramatische Umsetzung von Dichtung anscheinend egal ob möglichst realistisch oder minimalistisch der Tod für die Vorstellungskraft, die eigentliche Quelle der Dichtung. Der Konflikt, den er hier beschreibt, ist eigentlich unauflöslich und müsste in Konsequenz zum Ende aller Bühnenaufführungen führen.

An der bisherigen Darstellung der Inhalte kann man schon merken, welchen Teil des Buches ich am interessantesten fand: die Kriegstagebücher.

Mein persönliches Verhältnis zu Hindemith ist ein durchaus getrübtes. Ich musste als Teenager mal die „Acht Stücke für Flöte“ lernen und üben. Und ich habe nichts daran verstanden, kann mich auch an nichts erinnern. Für mich war die Musik damals total akademisch, konstruiert, emotionsfrei und unverständlich. Hindemith war damit für mich mehr ein Konstrukteur als ein Künstler, seine Musik etwas, das man besser meidet (nach dem Motto: Hindemith? weg damit…).

Ausgehend von diesem frühmusikalischen Schaden war ich dann total überrascht, aus dem ersten Teil dieses Jahrbuches zu lernen, dass dieser Komponist auch eine Menge Humor hat. Damit war bereits nach der Lektüre dieses ersten Artikels neugierig auf mehr. Es bildete sich der Vorsatz, Hindemith sozusagen eine zweite Chance zu geben. Nach beinahe 20 Jahren besteht ja die Hoffnung, dass die inzwischen gesammelten musikalischen Erfahrungen seine Musik zugänglicher für mich gemacht haben könnten.

Beim Lesen der Kriegstagebücher zeigte sich dann das Bild eines ganz normalen jungen Mannes. Die Beschreibung der Proben und Musizierstunden erinnerten mich an meine eigenen Erfahrungen, Blattspiel-Sessions, Kammermusikkurse etc. Skurril wurden die Beschreibungen durch den kriegerischen Hintergrund. Im Laufe der Zeit kippte das Gewicht von hauptsächlich Musik dann aber doch etwas zu existenzielleren Themen wie Verpflegung, Unterkunft etc.

Mich würde ja interessieren, ob die Bundeswehr heute in Afghanistan auch Musikeinheiten dabei hat und ob dort neben der Militärmusik auch immer noch Kammermusik gemacht wird. Kann ich mir eigentlich kaum vorstellen.

Sehr überraschend fand ich auch, dass Hindemith und ein Kamerad beim Rückmarsch vorübergehend ihre Truppe verloren und dann wiedergefunden haben und dass es dafür keinen Stress gab. Überhaupt haben mich die zahlreichen Freigänge in alle Richtungen sehr überrascht.

Den dritten Beitrag in dem Bändchen fand ich hauptsächlich schwer zu lesen. Die Perspektive und die Ausführungen waren irgendwie nach ersten Startschwierigkeiten ganz verständlich, mir aber dennoch zu abstrakt. Ich für meinen Teil liebe zum Beispiel die Oper. Zwar sind nicht alle Inszenierung meines, aber so richtig den Spaß kann mir eine Inszenierung auch nicht nehmen.

Bei all der ehemaligen Abneigung hat dieser kleine Band es also geschafft, den festen Vorsatz auf einen „zweiten Blick“ in mir zu festigen.

 

Bach mal anders

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Am Donnerstag, 20. Mai 2013,  um 20 Uhr findet im Flöten Atelier von Stefan Keller in der Schweiz ein besonderes Konzert statt. Werke für Flöte solo von Bach dem Vater und Sohnemann Carl Philipp. Einmal im bekannten Original und dann mit live electronic in einer neuzeitlichen Version. Anmeldungen sind erwünscht. Hier die Adresse:

FLUTE TRENDS Atelier
Mellingerstr. 10
Bushaltestelle EGRO
5443 Niederrohrdorf

Fon: +41 56 470 16 60

Ein Taschenbuch von 1963, Verfasser ist Dr.  med. D. Kerner. Es gibt dazu übrigens auch einen zweiten Band sowie inzwischen eine Neubearbeitung aus dem Jahr 2007.

Hier geht es aber um dieses blau-schwarze Büchlein mit leicht vergilbten Seiten.  Erschienen ist es im Friedrich-Karl Schattauer Verlag in Stuttgart. Mit nicht einmal 220 Seiten durchaus kein dicker Wälzer.

Behandelt werden hier die Biographien von zehn Komponisten: Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Chopin, Reger, Debussy, Mahler, Berg und Schönberg. Jedem der Kandidaten ist ein Kapitel gewidmet, dass die Biographie kurz abhandelt, wobei der Schwerpunkt auf Informationen zu Erkrankungen liegt (logisch). Schön sind die vielen Wortzitate aus Briefen und anderen Schriftstücken von Zeitzeugen. Teilweise werden auch Arzt-und Obduktionsberichte zitiert. Sinnvollerweise endet dann auch jedes Kapitel mit einer wissenschaftlich korrekten Literaturliste der Quellen.

Eingefasst werden die biographischen Kapitel von einem Vorwort und einem Ausklang, der die gefundenen medizinischen Fakten nochmals zusammenfasst. Jedem Kapitel ist ein Stückchen Poesie vorangestellt. In der Mitte des Büchleins finden sich einige Abbildungen der portraitierten, darunter insbesondere viele Fotografien von Totenmasken.

Je nach Quellenlage wird nach der kompletten Biographie vom Autor in fast kriminalistischer Weise aus den Quellen ein „moderner“ Befund hergeleitet. Das gilt insbesondere für die Fälle Mozart und Beethoven. Bei den jüngeren Lebensgeschichten, die größtenteils auch medizinisch besser belegt sind, bleibt eine solche Zusammenfassung teilweise aus bzw. fällt eben sehr kurz aus.

Schön fand ich die Zusammenhänge, die zwischen Gesundheitsstatus und Produktivität hergestellt werden, auch die ausführlichen Zitate von Angehörigen, den Komponisten selbst und ihrem Umfeld fand ich spannend. Leider konnte ich den medizinischen Betrachtungen teils nicht folgen, weil mir die Fachbegriffe einfach nichts sagen. Im Ergebnis kommt der Mediziner auf eine Quecksilbervergiftung als Todesursache bei Mozart, Syphilis (wenn ich es recht verstanden habe) bei Beethoven und Schubert, Schumann erlag einer Hirnsklerose (?), Chopin einer Lungentuberkulose, Debussy hatte eine bösartige Wucherung im Darm, Reger starb an den Folgen von Bluthochdruck, Berg und Mahler wurden jeweils von einer Sepsis dahingerafft und Schönberg wurde das Opfer eines schwachen Herzen.

Interessant ist auch, dass die Fakten teilweise vorsätzlich verschleiert wurden, um das Andenken der verblichenen aufzuhübschen (insbesondere in Sachen Syphilis).

Im „Ausklang“ stellt der Autor auch noch die eher dünne Nachkommenschaft der genannten dar. Besonders schön ist in diesem Zusammenhang, dass eine für mehrere Fälle wesentliche Zeitzeugin, Alma Mahler-Werfel, zum Zeitpunkt der Entstehung des Buches noch lebte, ebenso einige der direkten Nachkommen Mahlers und Schönbergs. Ich finde, solche zeitlichen Zusammenhänge zeigen einem erst, wie nahe deren Lebenszeit der unsrigen doch ist, auch wenn das heute fern scheint. Das gleiche gilt für die zeitlichen Zusammenhänge von Biographien und Weltkriegen. Solche Zusammenhänge mache ich mir eigentlich viel zu selten bewusst, wenn ich nicht gerade Biographien lese.

An dieser Stelle zum Abschluss vielleicht noch ein Wort-Zitat, das ich aus heutiger Sicht sehr witzig, wenn auch fast prophetisch, finde:

„Die Erfahrung lehrt, daß in der Regel erst einige Dekaden nach dem Tode eines Tonschöpfers dessen künstlerisches Vermächtnis Weltgeltung erlangt. So werden die Werke von Max Reger und Gustav Mahler in unseren Tagen allmählich Allgemeingut der Konzertsäle auf der ganzen Erde.

Aus dem Repertoire der modernen Musik ist der Name Alban Berg nicht mehr wegzudenken; auch Arnold Schönbergs Stunde wird kommen!“

Und recht hat er behalten, der Herr Dr. Kerner!

Die Hochschule für Musik in Dresden veranstaltet morgen, 21. Mai 2013 um 19.30 Uhr ein Konzert „Podium Flöte“ statt. Aus der Klasse Karin Hofmann spielen Franziska Schumann und Sophie Raiber.

An der Hochschule für Kunst in Bremen wird am 23. Mai 2013 um 20.30 Uhr ein Studiokonzert Flöte mit Studierenden der Klasse Susanne Meier gegeben.

Im Rahmen des 5. Kammermusikfestivals GAIA in Thun sind am 24. Mai 2013 um 18.30 Uhr im Rathaus Thun Kaspar Zehnder (Flöte), Jana Bouskova (Harfe), Reto Bieri (Klarinette), Alexander Sitkovetsky, Yura Lee (Violine), Yura Lee, Ilya Hoffman (Bratsche), Alexander Chaushian und Aleksei Kiseliov (Cello) zu hören. Unter dem Titel „Unconventional Marriages“ werden Werke von Reger, Debussy, Fauré, Ravel und Connesson zu hören.

Im Johann-Sebastian-Bach-Haus Bad Hersfeld spielt am 26. Mai 2013 um 17 Uhr das Trio cultur’elles (Flöte, Oboe und Harfe) . Der Eintritt kostet 5 Euro, das Konzert ist Teil der Konzertreihe „Mückenstürmer Classics“.

Bettina Arnold (Gitarre) und Elke Höhn (Flöte) spielen am 2. Juni 2013 um 20 Uhr im Blauen Haus in Döllnitz Werke von Piazzolla, Albeniz, Guiliani und Villa-Lobos. Der Eintritt ist frei.

Müllenborn 2013

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Irgendwie scheint es, als wäre ich in diesem Jahr bis jetzt mehr unterwegs in Sachen Musik gewesen als zuhause. Vergangenes Wochenende war es auch wieder so weit. Kammermusikkurs in der Eifel. Diesmal nicht „Winds only“ sondern eher „Mostly strings“.

Letztes Jahr war ich schon mal da (zum ersten Mal) und habe berichtet. Dieses Jahr also wieder. So wild ich bereits direkt nach der Heimfahrt im letzten Jahr darauf gewesen war, so schwer fiel mir dann doch die Entscheidung, als es so weit war, sich anzumelden.

Zunächst hatte meine Begleiterin vom letzten Jahr bereits frühzeitig angekündigt, dass ihr Geburtstag sie dieses Jahr von einer Teilnahme abhalten würde. Dann war ich zudem noch zu eben diesem Geburtstag eingeladen (genau wie zu einem weiteren). Ich beschloss im Stillen, am Kurs teilzunehmen und zur abendlichen Feier mich dann vorübergehend abzusetzen. Als sich dann Anfang dieses Jahres herausstellte, dass die Feier gar nicht am Abend sondern eher am Mittag statt fände, musste ich meine „ich nehme alles mit“-Taktik fallen lassen und guter Rat war teuer.

Da aus meinen zwei Bläser-Quintetten drei andere Kollegen auch schon da gewesen waren und nur eine von diesen definitiv abgesagt hatte, schlugen wir dem Rest des Haufens auch vor, mitzukommen. Somit wäre das letztjährige Fagott-Problem bereits vermieden gewesen und wir hätten ein langes gemeinsames Wochenende mit Musik genießen können, eigentlich eine schöne Idee. Ich hatte damit gerechnet, dass der Vorschlag auf wenig Gegenliebe stoßen würde und hatte mich noch immer selbst nicht angemeldet, da teilte mir unsere Oboistin mit, dass sie schon angemeldet sei. Die zwei anderen Müllenborn-Erfahrenen zogen relativ schnell nach und so meldete auch ich mich auf den letzten Drücker noch an, weil ich ja kein Spielverderber sein wollte.

Leider gab es aber wieder keine Fagott-Anmeldung, dafür zu dem Zeitpunkt zwei Klarinetten, zwei Oboen und zwei Hörner. Nun ging also die händeringende Fagott-Pirsch von neuem los. Meinerseits leider vollkommen erfolglos. Ich spielte bereits mit dem Gedanken, mich doch wieder abzumelden, weil ich keine Lust auf etwas Elgar-ähnliches wie im Vorjahr hatte und mich durchaus auch mit einem Eine-Party-sonst-frei-Wochenende hätte anfreunden können, da kam von der Organisatorin die freudige Erfolgsnachricht: Fagott an Bord. Um spielbare Besetzungen zu erreichen, wurden allerdings die anderen Bläser (außer den Hörnern) auf einfache Besetzung zurückgestutzt und so blieb von meinem Quintett nur der Hornist noch übrig.

Am gleichen Tag erreichte mich die Information, dass am selben Wochenende Patrick Gallois in der Musikhochschule Düsseldorf zu Gast sein würde, öffentlicher Unterricht und Konzert eingeschlossen. Wenn ich etwas beweglicher wäre, ich hätte mich bestimmt in den Hintern gebissen. So aber wurde es nur der saure Apfel…. die freudige „ein Fagott, ein Fagott-Stimmung“ (frei nach Loriot) wollte ich jetzt, wo alle Besetzungen schon eingetütet waren nicht durch eine Absage zerstören.

Somit ging es diesmal am Mittwoch einer hektischen Woche bei miesem Wetter und irrem Verkehr mit deutlicher Verspätung auf die Piste. Unser Quintett-Hornist und ich zusammen mit mehreren Kabeltrommeln und wiederum säckeweise Noten. Wir kamen mit gut einer Stunde Verspätung an, gönnten uns noch einen Happen zu Essen und warfen uns dann in die mir jetzt schon bekannten Vorstellungs-, Einführungs- und Tutti-Spiel-Rituale.

Zu meiner Verwunderung stellte ich fest, dass man in Anwesenheit von „Neuen“ als „einjähriger“ schon ein richtiger alter Kenner der Materie ist. Irgendwie ulkig, konnte ich mich doch noch gut an meine leichte Nervosität und Unsicherheit im Vorjahr erinnern. „Was wird mich da wohl erwarten?“ so dachte ich damals. Diesmal grinste ich leicht in mich hinein, da auch den diesjährigen Neuen die Fragezeichen recht deutlich ins Gesicht geschrieben standen.

Ich erwischte durch Zufall das gleiche Zimmer wie im letzten Jahr (unter dem Dach), allerdings das andere der zwei Betten und eine andere Mitbewohnerin (logisch, die ursprüngliche war ja nicht da :)).

Die Aufteilung der Besetzungen ergab für die Bläser (abgesehen von den Hörnern) relativ wenig Abwechslung. Mit Austausch des jeweiligen Hornisten spielten wir einmal Sextett (Bläserquintett + Kontrabass) und einmal Nonett (Bläserquintett + Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass).

In den jeweils ersten Sitzungen wurden das Onslow-Nonett Op. 77 und eine Bearbeitung der Schubert-Fantasie in f-moll für 4-händiges Klavier ausgewählt.

Die vier Tage zeigten, dass in beiden Besetzungen die allerbeste Stimmung herrschte, die Probenarbeit entspannt, zielgerichtet und humorvoll verlief. Was kann man mehr wollen? Einmal angekommen habe ich so bis zur Rückreise keinen Gedanken mehr an den Besuch des Herrn Gallois in Düsseldorf verschwendet.

Die „Neuen“ so weit sie in meinen beiden Ensembles beschäftigt waren, erwiesen sich als echter Gewinn für Musik und Gemeinschaft. Die Abende verliefen entspannt und gesellig. Alles in allem könnte man sich höchstens darüber beschweren, dass dank des Wetters der obligatorische Grillabend inklusive Bierfässchen dran glauben musste. Dafür waren die Temperaturen übefreundlich: nicht zu heiß und nicht zu kalt.

Unsere Schlussaufführung verlief in beiden Fällen sehr erfreulich. Auch hier führte die Erfahrung vom Vorjahr zu stark reduzierter Nervosität. Allerdings muss ich sagen, auch wenn der Schubert mich als Ohrwurm auch heute wieder heimgesucht hat (da-da-da-diiiii-da, da-da-da-di-da-da….), den brauch ich glaube ich nicht nochmal. Das Stück ist auch in der Bearbeitung unfassbar lang und voller Wiederholungen, viel zu wenig Pausen und doch relativ schwer zu gestalten (wie? Soll ich das jetzt nochmal spielen…..pfffffff). Der Onslow war ein Vergnügen (vor allem dank unseres Frontman mit absoluten Alleinunterhalter-Qualitäten). Beide Stücke boten wenig flötistisch brenzliges vor dem man ernsthaft hätte zittern müssen und erlaubten so die Konzentration auf Zusammenspiel und musikalische Linie.

Es bleibt der feste Vorsatz: Nächstes Jahr unbedingt wieder. Allerdings habe ich mir vorgenommen, nicht mehr mit Tonnen von Noten anzureisen (wenigstens nicht, wenn ich die einzige Flöte bin), sondern vorzusortieren und eine Handvoll Werke zu wählen, die ich dann auch unbedingt beim Blattspielen mal machen möchte. Übrigens gab es in dieser Disziplin dieses Jahr einmal Flötenquintett (zwei Werke von Romberg) in der Besetzung Flöte – Geige – 2 Bratschen und Cello sowie ein Trio mit Cello und Kontrabass, in dem ich die Geige machte.

Besonders schön war für mich die Beobachtung der vielen richtig guten Geiger. Da konnte ich als Anfangs-Schrubber wirklich allerhand abschauen und staunen….

Das hier ist die erste Besprechung eines Buches, das ich vor einigen Jahren schon einmal gelesen habe. Aber keine Angst, dem Text liegen ganz aktuelle Eindrücke zugrunde, gestern habe ich das Büchlein nach Lektüre der letzten Seite geschlossen.

Daher nun, wie gewohnt, erst mal zu den Äußerlichkeiten:

Einfach üben – 185 unübliche Überezepte für Instrumentalisten

Autor: Gerhard Mantel

In der Reihe Studienbuch Musik des Schott Verlags

3. Auflage 2004, Bestellnummer ED 8724

ISBN 3-7957-8724-6

Das Format ist gut gewählt. Mit ca. DIN A 5 Format und weniger als einem Zentimeter Stärke (186 Seiten) als  flexibles Taschenbuch und mit einer ordentlichen Klebebindung, die das Blättern gut überlebt, erlaubt die Ausgabe wirklich die Mitnahme, ohne das man sich behindert fühlt. So kann das Buch immer nah beim Notenständer bleiben, wenn man möchte. Gut gedacht!

Die „Rezepte“ sind in grauen Kästen zwischen den Fließtext gesetzt und durchnummeriert. Das Buch teilt sich in drei Hauptteile:

  • Was ist Üben?
  • Bewegungen
  • Mentale Organisation

In der Ebene darunter gibt es Kapitel, diese heißen im Was-ist-Üben-Teil:

  • Übestrategien
  • Wisse – Können – Übebiografie
  • Lernbausteine
  • Wiederholungen
  • Pausen
  • Fehler
  • Wie lang ist „Jetzt“?

Das Kapitel Bewegungen ist unterteilt in:

  • Funktionsbewegungen
  • Spannung und Entspannung
  • Üben von Grundbewegungen – Reißverschlussprinzip
  • Sensibilisierungsbewegungen
  • Ausdrucksbewegungen
  • Atem
  • Training
  • Sprache
  • Tastsinn

Die abschließenden Kapitel zum Thema „Mentale Organisation“ sind überschrieben mit:

  • Allgemeine Übeorganisation
  • Üben mit guter Laune
  • Rhythmus und Tempo
  • Das Prinzip der Variation
  • Räumliche Orientierung
  • Verknüpfungsstrategien
  • Textänderungen
  • Blattspiel
  • Mentales Üben

Auch unterhalb der Kapitel gibt es noch eine feinere Gliederung. Innerhalb dieser Unterabschnitte gibt es teilweise mehrere Rezepte.

Die wichtigste Frage, die diese Besprechung beantworten sollte, ist die, ob es sich lohnt, dieses Buch zu lesen? Übt man besser, wenn man es gelesen hat? Leider finde ich diese Frage ausgesprochen schwer zu beantworten. Ich habe das Ganze jetzt schon zwei mal gelesen und so ganz viel ist mir nicht im Kopf geblieben.

Der Autor ist Cellist. Dementsprechend sind manche Rezepte eher aus Streichersicht formuliert. Das gilt insbesondere für den Abschnitt „Bewegungen“. Ein wesentliches Thema sind hier immer wieder Sprünge und die Lokalisierung der korrekten Zielposition. Ein sehr spezifisches Problem von Streichern und vielleicht noch von Pianisten und Posaunisten. Für die Flöte direkt zunächst wenig brauchbar. Allerdings muss man zugeben, dass für uns die exakte Ansatzposition bei einem Sprung eine ähnliche Schwierigkeit darstellen kann. Öffnung und Luftgeschwindigkeit müssen für jeden Ton genau passen, das vergisst man gerne, wenn man schon länger spielt. Also doch durchaus übertragbar.

Im Abschnitt Atmung geht es übrigens wenig um die für Bläser und Sänger wesentliche Leistungsatmung, eher um eine Ausdrucksatmung.

Dank meines halben Jahres Selbstversuche auf der Geige, konnte ich die Streicherbezüge beim zweiten Lesen jetzt besser verstehen und werde versuchen, mir manches davon auf der Geige zu Nutze zu machen.

Manches Rezept war mir auch vor der Lektüre schon bekannt: technische Stellen erst mal langsam üben, Wiederholungen, Üben mit guter Laune, vorwärts- und rückwärts üben, Rhythmisieren, Artikulation variieren, immer ein Stückchen vorne und/oder hinten anfügen etc. Einige Korrekturen gab es dann aber doch: man sollte mindestens 5 korrekte Versionen gespielt haben (ich mache meist nur 3).

Viele Rezepte wurden mit neurologischen, physiologischen und psychologischen Fakten erläutert, das fand ich richtig gut. Wichtig fand ich auch nochmal den Hinweis, dass man das Üben planen soll, dass man sich Ziele setzen muss, damit man wirklich was dazulernt. Das Organisieren des Übens ist wichtig. Schön ist die wiederholte Aufforderung zum Experimentieren und Übertreiben, ich denke, das ist wirklich ein guter Weg um maximale Ausdrucksmittel zu erlangen. Aufgefallen sind mir im Bewegungs-Abschnitt viele Beschreibungen, die mich an meine Rückenstunden (Mischung aus Gyrotonics und Feltenkraiss) erinnert haben. Auch hier habe ich dank meines „Trainers“ diesmal mehr verstanden.

Viele gute Hinweise also. Und eigentlich auch keiner, bei dem ich sagen würde, das ist totaler Blödsinn. Das Problem ist, dass eben so wenig im Kopf haften bleibt. Nach allem, was ich über das Lernen weiß, liegt das an dem sehr trockenen, wissenschaftlichen Stil und am Fehlen von Beispielen. Ich glaube, mit ein paar Ausschnitten aus Stücken hätte sich manches vielleicht besser eingeprägt als im puren Fließtext. Das merke ich auch an den Abschnitten, die ich mit meinen Rückenübungen verbinden konnte, davon ist mehr kleben geblieben als vom Rest.

Also was? Ich denke, wenn sich die Gelegenheit bietet, ruhig lesen. Üben will gelernt und geübt sein. Ein wesentliches Thema, das bei manchen Lehrern zu kurz kommt. Dann investiert man viel Zeit, ohne Fortschritte damit zu erreichen. Das kenne ich aus eigener Erfahrung. Der innere Schweinehund will getreten sein, da ist Hilfe in Form eines Buchs willkommen. Vielleicht lasse ich das Bändlein mal in der Nähe meines Pultes, statt es ins Regal zurückzustellen.

 

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