Bei dem vor mir liegenden Band handelt es sich um ein Buch aus dem Antiquariat. Der Band „Händel“ ist eine Ausgabe aus der Reihe „Berühmte Musiker – Lebens- und Charakterbilder nebst Einführung in die Werke der Meister“. Es ist die zweite Auflage des Buchs und erschien 1906 in der schlesischen Verlagsanstalt. Der Autor ist Fritz Volbach, einen Dirigenten, Komponisten und Musikwissenschaftler, der 1940 verstarb.

Das Buch, etwas größer als DIN A 5 und in dunkelrot mit Goldprägung gebunden, umfasst etwas weniger als 100 Seiten und ist sehr liebevoll gemacht. Die Darstellungen enthalten viele Stiche, Notenbeispiele und sogar Faksimiles von Handschriften Händels (Notenauszug und Testament). Im Anhang findet sich ein Werkverzeichnis, die zitierten Quellen und Bühnenpläne von Händel-Aufführungen um die Jahrhundertwende zwischen neunzehntem und zwanzigstem Jahrhundert.

Die Biographie ist aufgeteilt in folgende Kapitel:

  • Händels Abstammung
  • Die Kinderzeit
  • Lehrjahre
  • Händel in Hamburg
  • Händel in Italien
  • Händel in London
  • Oper und Oratorium
  • Lebenskämpfe
  • Der Lebensabend.

Neben den direkten Informationen zu Händel und seinen Werken, fand ich insbesondere die Einblicke in die Zeit- und Musikgeschichte und deren Wechselwirkung auf den Lebensweg Händels spannend. Zusätzlich bietet dieses hundert Jahre alte Schätzchen auch ein paar Hinweise auf den Umgang mit Händels Musik um 1900. Die Sprache darf man natürlich auch nicht vergessen, es ist kaum zu glauben, wie viel 100 Jahre an einer gelebten Sprache ausrichten, aber dazu später noch mehr.

Händel selbst bleibt ohne menschliches Profil, die Beschreibung seines Weges ist nicht so gefasst, dass man sich ein Bild seines Charakters oder persönlicher Eigenschaften machen könnte (abgesehen von seinem offensichtlichen Arbeitseifer).  Die Darstellungen sind sozusagen eher unpersönlich und distanziert. Auffallend ist die tendenziell verherrlichende Formulierung, die heute so wohl nicht mehr zeitgemäß wäre. Hier ein paar Zitate:

„Vor allem aber war es sein eigenes geniales Gefühl, welches ihn die UNzulänglichkeit der bisherigen Form der Oper fühlen liess und ihn in neue Bahnen zwang.“

„Die Art, wie Händel hierbei verfährt, zeigt wieder einen neuen Zug seiner genialen Gestaltungskraft, die den Gegenstand stets von der richtigen Seite erfasst.“

Um solche Zitate zu finden, muss man einfach nur eine beliebige Seite aufschlagen, auf jeder einzelnen sind derartige Aussagen vorhanden.

Die Besonderheiten einzelner Werke werden immer wieder mit Notenbeispielen erläutert. Hierbei geht es praktisch ausschließlich um Opern und Oratorien, die Kammermusik spielt in dem Buch eigentlich keine Rolle. Somit ist auch Händels Umgang mit der Flöte in seinen Werken kein Thema, das auch nur gestreift würde.

Die neben Händel zweit wichtigste Figur in dieser Biographie ist der Musikwissenschaftler Friedrich Chrysander, der um 1900 zu einer Händel Renaissance in Deutschland beigetragen hat. Er war 1856 der Mitbegründer der Deutschen Händel Gesellschaft.  Er war der erste Herausgeber des Gesamtwerks Händels basierend auf systematischer Quellenforschung.  Seine Biographie Händels blieb unvollendet.

Volbach beschreibt, dass Chrysander Händels Werke für die erneute Aufführung gute hundert Jahre nach dem Tod des Komponisten bearbeitet hat. Seine Begeisterung für die Bearbeitung ist kaum weniger ausgeprägt als die für die Komposition selbst.

Zur Abrundung dieser Besprechung, als Appetizer oder einfach nur, um eine Vorstellung von dem Buch im Leser dieses Artikels zu ermöglichen, hier noch ein paar kurze Textausschnitte, die die Besonderheit der Sprache des Autors aus heutiger Sicht aufzeigen können:

„Während das Ohr sich den immer reicher hervorquellenden Tönen hingibt, ist für das Auge nicht minder gesorgt.“

„Kaum sind die Klänge des Te Deums verrauscht, so sehen wir den Meister bereits wieder ei einem neuen Werke.“

„Alle diese Unannehmlichkeiten, all dieser Aerger haben trotzdem nicht vermocht, auf Händels Schaffenskraft lähmend zu wirken.“

Alles in allem fand ich die Lektüre kurzweilig, wenn auch ungewohnt. Über Händels Biographie habe ich nicht sooooo viel neues gelernt, wohl aber über sein Werk. Besonders habe ich aber auch etwas über die Zeit um Neunzehnhundert gelernt. Und da ich alte Bücher, in ihrer Machart, der Sprache und mit der Liebe zum Detail, die man da sieht, sowieso total genial finde, hat sich für mich das Lesen in jedem Fall gelohnt.