Nach den Meisterkursen ging es nach einer kurzen Pause mit Shoppingabstecher (wir beide hatten synchron unsere Mitschreib-Materialien zuhause vergessen, eine eher dämliche Form der Telepathie) in den Konzertsaal. Dort hatte man mittlerweile fast eine halbe Stunde Verspätung gegenüber dem gedruckten Programm.

Während des ganzen Festivals wurden die Türen zum Saal während der Konzerte in jeder Applausphase geöffnet. Dazwischen waren die Türen verschlossen, die Griffe von außen nicht zu betätigen. Der „Türöffner“ saß während des Konzertes im Saal und vor der Tür war (auch dank der unermüdlichen Instrumententests in nicht mal 10 Metern Abstand) kaum zu hören, ob im Saal gerade gespielt wurde, oder nicht.

Wir also ab in den Saal und auf dem von der Bühne aus linken Flügel gesetzt. Der erste Programmpunkt war András Adorján im Trio mit Wen-Sinn Yang (Cello) und Adrian Oetiker am Klavier. Gespielt wurden ein Trio von Haydn und eines von Mendelssohn-Bartholdy (im Original für Violine, Cello und Klavier aber bearbeitet vom Komponisten selbst).

Auch Adorján hatte ich zuvor nie gehört und war entsprechend gespannt. Man merkte von Beginn, dass diese drei gut eingespielt waren. Leider war allerdings auf unseren Plätzen die Akustik etwas unausgewogen und der Flügel zu laut. Dennoch kam die Spannung und Stimmung gut rüber. Besonders der Mendelssohn war wirklich sehr schön und der Pianist absolut bewundernswert.

Im Programm nahm diese Veranstaltung 1 Stunde und 45 Minuten ein. Gedauert hat das Konzert vielleicht etwas mehr als eine halbe Stunde, aber man wusste ja nicht, ob die bezüglich der Länge noch freie gute Stunde nicht gekürzt würde, um damit die halbe Stunde Verspätung wieder reinzuholen. Wir blieben also sicherheitshalber sitzen, denn wenn man zu spät kommt, ist die Türe ja zu. Zudem füllte sich der Saal zunehmend, weil ca. ab 19 Uhr keine Parallelangebote mehr im Programm standen.

Wir wechselten aufgrund der akustischen Defizite in den Mittelblock und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Das war als nächstes Davide Formisano. Meinen Begleitern (mittlerweile zwei) war der wohl bekannt, mir nicht. Wie der Name ahnen lässt ein Italiener, der aktuell die Flötenprofessur in Stuttgart innehat.

Mit in etwa der vor der Pause vorgelegten Verspätung ging es also los. Formisano wurde von Michael Baumann begleitet, der an diesem Abend insgesamt fast drei Stunden als Begleiter auf der Bühne mit den verschiedenen Flötisten schuftete. Und obwohl man davon ausgehen muss, dass da kaum Proben stattgefunden hatten, fand bei allen kleinen Unstimmigkeiten den Klavierbegleiter wirklich fantastisch (was nicht überraschen kann, wenn man seinen Lebenslauf gelesen hat).

Formisano startete mit der Prokofiev Sonate, es folgte Joueurs de Flûte von Roussel und dann Airs valasques von Doppler. Bereits beim Auftritt des Flötisten wurde ganz klar, dass er keinen Mangel an Selbstbewusstsein hat, fast wie ein Stierkämpfer betrat er die Bühne und nahm huldvoll den tosenden Applaus entgegen. Mit glasklarem rundem Ton und einer absolut brillianten, perlenden Technik bewies er, dass er den Applaus durchaus verdiente. Noch nie zuvor habe ich einen Solisten gesehen, der während eines Stückes den Blick hebt und, wie ein Leuchtturm sein Licht, die Augen von links nach rechts über den ganzen Saal streifen lässt. Und das nicht nur einmal. So perfekt er spielte, diese Attitüde irritierte mich etwas, es schien, als ginge es durchaus mehr um ihn als um die Musik…. So blieb er auch der einzige an diesem Abend, der nach zwei erneuten Auftritten auch noch eine Zugabe gab (Bach Partita auswendig). Stilistisch gefiel mir die allerdings weniger. Er scheute sich auch nicht, bei einem weiteren Auftritt durch schwungvolle Gesten, den für ihn zu schwächlichen Applaus noch etwas anzuschüren. Very italian.

Dank Zugabe und Applausorgien mit noch mehr Verspätung als Formisano trat nun die mir seit mittags bekannte Andrea Lieberknecht auf. Das gewählte Abendkleid mit Spaghettiträgern würde ich als eher unvorteilhaft bezeichnen, nachdem ich sie mittags ganz leger in Jeans und Strickjacke gesehen hatte. Sie eröffnete die laut Programm ihr zur Verfügung stehenden 45 Minuten mit der Partita c-moll von Bach. Auch hier war wieder Herr Baumann am Klavier. Frau Lieberknecht brachte verkrumpelte Papiertaschentücher mit auf die Bühne und legte sie auf dem Notenständer ab, so dass auch das Publikum noch Sicht darauf hatte. Diese dienten, wie sich herausstellte, dazu sich den Mund nach jedem Stück zu wischen und sie dann wieder an gleicher Stelle zu deponieren. Sehr gewöhnungsbedürftig. Nach dem Bach stützte sich die Solistin bei der Verbeugung am Flügel ab, ging ab und kehrte lange nicht wieder. Das führte in unserer Reihe schon zu Spekulationen über ihren Gesundheitszustand und ob sie wohl weiterspielen würde. Sie tat es, es folgten die Sinfonische Kanzone von Karg-Elert (immer wieder schön) und die Sonate von Erwin Schulhoff (mir neu aber sehr schön). Das komplette Programm überzeugte mich musikalisch sehr, sehr gefühlvoll und farbig vorgetragen. Die Bewegungsdynamik war allerdings etwas gewöhnungsbedürftig, zumal sie so viel Bewegung am Morgen noch versucht hatte einer der Studentinnen abzugewöhnen.

Mit mittlerweile noch deutlich mehr Verspätung betrat der nächste und bisher jüngste Solist die Bühne: Denis Bouriakov, ein shooting star der Flötenszene, mir bis dahin auch unbekannt. Der junge Mann wirkte eher etwas schüchtern und farblos, spielte aber wie der Teufel. Makellloser Klang, unfassbar schnelle und exakte Zunge und Finger. Mit Unterstützung von Herrn Baumann (der Held des Abends für mich, bei so unterschiedlichen Charakteren, die er da zu bedienen hatte) gab er das mit Abstand längste Programm des Tages zum besten: Violin-Sonate in e-moll von Bach (unfassbar schnell), Fantasie von Gaubert. Es folgte ein Solostück von T. Ichiyanagi namens „In a living memory“, dann die Poulenc-Sonate (ich liebe sie) und La Campanella von Paganini, ein Rausschmeisser um nochmals die Virtuosität zu beweisen. Als maximaler Kontrast zu Frau Lieberknecht stand Bouriakov praktisch vollkommen starr und ohne eine Miene zu verziehen vor seinem Notenständer. Bei aller Brillianz und Perfektion des Spiels vermisste ich da noch etwas Bühnenpräsenz und Kontakt mit dem Publikum. Aber er ist noch soooooo jung, das kommt bestimmt noch.

Inzwischen war es fast elf Uhr abends (statt 21.30 Uhr wie im Programm notiert). Aufgrund der geschlossenen Cafeteria und keiner Pause mehr seit ca. 14 Uhr knurrten die Mägen, die Augen vielen beinahe zu und es wurde diskutiert, wie man wohl nach Ende der Veranstaltung noch an etwas Essbares kommen könnte. Sitzen kostete Anstrengung und ein bisschen mehr Sauerstoff wäre auch durchaus willkommen gewesen.

Vom nächsten Auftritt wollte ich aber wenigstens noch eine Nummer mitnehmen, angekündigt war nämlich das Flötenquintett Quintessenz aus Leipzig. Die vier Damen im kleinen schwarzen und ihr Mitkämpfer an der Bassflöte eroberten die Bühne und Gudrun Hinze war die erste Protagonistin des Abends, die das Wort an uns richtete. Da wurde mir erst bewusst, wie sehr das eigentlich die ganze Zeit gefehlt hat. Das Ensemble gab fünf Stücke zum besten, jedes von einem anderen Mitmusiker angesagt. Das gesprochene Wort zusammen mit der schwungvollen Darbietung erzeugten in der Tat eine Art „hallo-Wach“-Effekt und wir haben uns das ganze Programm angehört. Das bestand aus „La Danse de Puck“ von Debussy, vier Sätzen aus dem Sommernachtstraum, einer Parodie auf den Karneval von Venedig (von Dietrich Sprenger), der Rigoletto-Fantasie und einem Überraschungs-Narrenstreich. Bis zu diesem Konzert kannte ich Quintessenz nur dem Namen nach. Von Gudrun Hinze kannte ich eine sehr geliebte Piccolo-CD. Das Ensemble aber übertraf meine Erwartungen bei weitem. Die erste Flötistin, postiert in der Mitte, füllte mit ihrem strahlenden Ton und Musikalität den Saal und verzauberte selbst die übermüdetsten Zuhörer. Ihre Mitmusiker standen ihr aber kaum nach, Intonation und Zusammenspiel perfekt, musikalische Gestaltung erst recht und dann noch die eine oder andere humoristische und/oder choreographische Einlage. Ergänzt wurde das Programm unter dem Titel „Narrenspiele“ von einer lautstarken Ratsche und einer Kazoo-artig klingenden Flöte (ich vermute mal eine Matusi-Flöte mit Membran). Ein wirklich perfekter Abschluss für uns um 23.30 Uhr in der Nacht.

Auf dem Programm stand jetzt noch Tilmann Dehnhard mit einem modernen Programm, ich fürchte allerdings, nachdem der Saal schon bei Quintessenz nur noch zu weniger als der Hälfte gefüllt war, dass dieser maximal noch eine handvoll Zuhörer vorfand. Wir jedenfalls machten uns vom Acker und landeten nach einer kurzen Irrfahrt auf der Suche nach dem Hotel unserer Mitstreiterin bei einem zwielichtigen McDonalds um wenigstens noch etwas in den Magen zu bekommen. Gegen 0.30 Uhr lagen wir dann glücklich und erschlagen in den Betten und hatten schon vereinbart, den morgendlichen Warm-up um 9.00 Uhr tapfereren Flötern zu überlassen. Ein bisschen Schlaf und ein ordentliches Frühstück waren nach diesem ereignisreichen Tag dringend erforderlich.

Das Gesamtfazit war für diesen Auftakt: schön, anstrengend und relativ schlecht organisiert. Wir nahmen uns vor, die folgenden zwei Tage uns selbst die erforderlichen Pausen zu schaffen. Für den Konzertabend wäre etwas weniger mehr gewesen……

Tag zwei folgt in Kürze…….