Nach einem kurzen Abstecher in den Konzertsaal, um zum Namen Mirjam Nastasi endlich auch ein Gesicht und einen akustischen Eindruck zu gewinnen (Flöte und Orgel, aber irgendwie konnte mich das Programm nicht mitreissen), ging es zur Mittagspause in die reichlich volle Cafeteria. Neben einem Imbiss erwartete mich da eine echte Überraschung. Am Nachbartisch sass ein ehemaliger Klassenkamerad (Abitur ist über zwanzig Jahre her). Da fahr ich also über 400 km von Köln nach Freiburg zu einer Flöten-Veranstaltung, um da, 200 km von unserem Schulort, zufällig über einen Klassenkameraden zu stolpern, dessen kleine Tochter seit einem Jahr flötet. Die Welt ist nicht klein…. sie ist winzig…

Naja, so viel zur Abschweifung. Der nächste Programmpunkt war der Meisterkurs mit Andrea Lieberknecht. Mit Mühe ergatterten wir zwei der letzten Plätze in dem zu kleinen Hörsaal. Es zeigte sich die für alle Meisterkurse typische Regelung von einer Stunde Zeit für drei „Schüler“.

Im Fall von Frau Lieberknecht traten drei junge Damen an. Die erste mit der Grand Fantasie d’Mignon von Taffanel, die zweite mit der Martin Ballade und die dritte mit der Reinecke Ballade. Insgesamt arbeitete Frau Lieberknecht mit allen dreien sehr nah am Notentext. Im ersten Drittel war daneben die Atmung das Hauptthema. Für Studentin zwei wurde die Haltung Mittelpunkt der Stunde (Schulterblätter runter, Brustbein hoch, Kopf und Schultern nicht nach vorne). Im letzten Fall wurde praktisch ausschließlich an der Gestaltung des Stücks gearbeitet („More drama“).

Für die Zuhörer war es spannend, zu hören und zu sehen, wie schnell Probleme und Ursachen identifiziert wurden und mit welchen Mitteln man gegen solche Schwierigkeiten angehen kann. Dennoch wäre es ergiebiger für mich  gewesen, wenn ich den Notentext vor mir gehabt hätte, vorher also gewusst hätte, welche Stücke denn gespielt werden sollen.

Nach einer kurzen Pause (sehr wertvoll zum Lüften des mittlerweile fast sauerstofffreien Raums), folgte der nächste Meisterkurs, somit mussten wir nicht erneut um Plätze kämpfen. Die nächste ganze Stunde wurde von Felix Renggli gegeben (da ich die Aufnahmen, die ich von ihm habe sehr schätze, einer, auf den ich mich schon lange gefreut hatte).

Unter den drei Kandidaten befand sich diesmal auch ein Herr. Gespielt wurden die Sonatine von Dutilleux, Faure Fantasie und Prokofiev-Sonate. Letzteres war die einzige nicht mehr Studierende, die ich auf dem Festival als aktive Kursteilnehmerin erlebt habe, ersteres der Herr in der Runde.

Rengglis Gestaltung der Stunde war eine vollkommen andere. Am Beispiel des Stücks und des aktuellen Protagonisten erläuterte er ganz allgemeine und grundsätzliche Sachverhalte. Dabei wurde nicht nur das Wie beschrieben, sondern auch ausführlich das Warum (das hilft mir immer sehr bei der Umsetzung).

Im ganzen konnten die Zuhörer aus dieser Stunde sehr viel mitnehmen. Es gab z. B. den Tipp, Passagen eines Werkes oder Technik mit Flatterzunge zu üben, da dies die Luft beschleunigt und damit dem Ton und der Phrase mehr Richtung gibt. Richtung war überhaupt ein zentrales Thema dieser Stunde. Die Richtung der Bewegung beim Spielen, die Richtung der Musik: Gestaltung, Spannung und Entspannung. Außerdem gab es eine kurze Lektion zum Thema Einstimmen. Warum stimmen wir auf A? Weil das im Orchester die gemeinsame leere Saite aller Streicher ist. Es gibt also keinen Grund, mit Klavier oder anderen Bläsern ausgerechnet auf A zu stimmen. Vielmehr, macht es Sinn, passend zum anstehenden Stück zu stimmen (Faure-Fantasie z. B. auf h oder für Barock-Werke auf der Tonart, in der das Stück steht).

Alles in allem zwei spannende Stunden mit vielen Anregungen und der Bestätigung meiner Ansicht, dass wirklich jeder Unterrichtende einen vollkommen persönlichen Stil pflegt. Im Vergleich dieser beiden ersten besuchten Meisterklassen, lag mir auf jeden Fall die Methode Renggli näher. Von beiden war ich mal wieder bezüglich ihrer analytischen Fähigkeiten begeistert. Es ist ja eine ziemliche Extremsituation, einem völlig fremden Menschen und Musiker gegenüber zu stehen und dann in nur 20 Minuten irgendetwas sinnvolles zu erarbeiten. Hut ab!

Damit war der Tag natürlich noch nicht zu Ende (es war jetzt erst ca. 17 Uhr). Weiter gings im Konzertsaal, aber dazu mehr ein andermal….