Heute Nachmittag hatte ich eine Probe im Gemeindesaal einer Kölner Gemeinde für Gottesdienst und ein kleines Matinee-Konzert morgen. Direkt im Anschluss fand in der Kirche ein Konzert des Gospel-Chores des neuen Organisten der Gemeinde statt. Der Chor kommt, genau wie der Organist aus Wuppertal und ist gut 30 Mann/Frau stark. Da ich mit dem Chef der Truppe ja auch gelegentlich spiele, war es nahe  liegend, sich das Konzert anzuhören, wenn ich schon da bin….

Wir haben fast bis Beginn der Veranstaltung geprobt und kamen daher ganz knapp vor Beginn in die Kirche. In der zweitletzten Bank waren noch Plätze zum Gang frei, ansonsten war es ziemlich gut gefüllt, was für diese Gemeinde nicht unbedingt die Regel ist. Ich war zunächst sehr positiv überrascht.

Das Konzert begann und in seinem Verlauf musste ich leider zu der Meinung kommen, dass ein bisschen weniger und dafür interessierteres Publikum vielleicht angenehmer gewesen wäre. Nach der ersten Nummer gab es eine Begrüßung durch die Pfarrerin und durch den Dirigenten (gleichzeitig Organist, wie gesagt). Ich erfuhr, dass nach dem Konzert noch Freibier und für angemeldete Gäste ein Abendessen geplant war. Vielleicht war das der Grund, dass die Bänke so gut gefüllt waren?

Der Chor mit E-Piano-Begleitung schlug sich ordentlich, es gab drei Solisten, Händeklatschen und ein wenig Choreographie. Die Stücke waren schön und es wäre schön gewesen, einfach zuhören zu können. Ich für meinen Teil lasse mich von Konzerten gerne „einwickeln“, tauche ab aus dem Alltag und verliere mich im Zuhören. Leider scheine ich mit dieser Form des Genießens ziemlich alleine zu sein.

Mein Proben-Mitmusiker musste nach wenigen Titeln gehen, weil seine zwei Kinder nach einem halben Tag Proben, bei denen sie zugehört hatten, verständlicherweise nach Hause wollten. Danach saß ich dann alleine da und versuchte mich auf die Musik zu konzentrieren. Das war ziemlich schwierig, da vor mir, neben mir und hinter mir eigentlich permanent geredet wurde. Einen wesentlichen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen konnte ich da kaum feststellen. Plätze tauschen, rein und raus gehen, tuscheln, lachen…. es war die volle Bandbreite dabei. Ich frage mich nur, warum muss man dafür in ein Konzert gehen?

Im Verlauf des Konzertes wurde vom Chor natürlich auch geschnippt und geklatscht. Ebenso von meinen Bank-Nachbarn. Eine Wahrnehmung der Differenz zwischen dem Chor (klatschen auf 2 und 4) und den eigenen Aktionen (irgendwo grob um die 1 und 3) war da anscheinend nicht vorhanden. Dafür amüsierte man sich wohl auch zu sehr über die seltsame Frau (das war ich), die da saß und versuchte trotz der permanenten Aktivitäten des Vordermannes (nach links beugen um mit der Nachbarin zu reden, nach rechts rutschen, nach rechts beugen, mit dieser Nachbarin reden, gerade sitzen, wieder nach rechts, wieder nach links, Jacket gerade ziehen (dafür halb aufstehen)….) vielleicht einen Blick auf den Chor zu erhaschen und sich irgendwie auch auf die Musik zu konzentrieren. Das war für meine Banknachbarn ausgesprochen amüsant, dass da jemand zuhören wollte. Fremde Welt eben….

Wenn man schon mal gehört hat, dass Kinder vor allem durch Nachahmung lernen, muss man sich nicht wundern, wenn Kinder in Konzerten unruhig sind, haben sie es doch von Ihren tuschelnden, rumrutschenden, aufstehenden Eltern genau so gelernt. Die zwei bereits den ganzen Tag ruhig gestellten Jungs meines Übe-Partners waren still gewesen, die Kinder meines Bruders können bei einem Konzert zuhören. Heute konnten das weder die Kinder noch die Erwachsenen….

Hat ein Chor, der sich auf ein Konzert vorbereitet, von Wuppertal nach Köln kommt und einen ganzen Nachmittag für Probe und Konzert opfert ohne Eintritt zu nehmen, keinen Respekt verdient? Ich finde das unhöflich. Es schadet der Konzentration der Musiker oder Sänger, es stört diejenigen, die zuhören möchten. Es wäre doch einfach, im Fernsehen oder Radio ein Konzert zu genießen, da kann jeder nebenher tun was er will, es wird niemanden stören.

Hätte Eintrittsgeld etwas geändert? Vermutlich wären weniger Leute gekommen und die hätten dann vielleicht auch zugehört. Das ist kein Appell gegen freie Konzerte. Es ist ein Appell für ein Mindestmaß an Achtung für die Ausübenden. Das gilt auch für die Philharmoniekonzerte, für Publikum, das nach dem letzten Ton im Laufschritt den Saal verlässt.

Besonders befremdet hat mich, dass mir einige Zappelphilippe als aktive Mitglieder der Gemeinde bekannt sind. Ist ein Konzert nur eine Veranstaltung, um den Terminkalender voll zu bekommen? Ist das der Versuch, durch Programm wieder mehr Interesse an der Gemeinde zu erzeugen? Meinetwegen… aber wenn es mich selbst nicht interessiert, dann bleibe ich draußen. Ganz sicher ist ein Konzert nicht der Ort für irgendwelche Problemgespräche, wie sie anscheinend auf der Bank vor mir stattfanden.

Das heute war extrem schade und es hat mir ziemlich die Laune verdorben. Morgen spiele ich in der gleichen Gemeinde. Im Regelfall sind da maximal 10 Zuhörer, die aber diese Bezeichnung dann auch verdienen. Hoffen wir, dass das morgen nicht viel anders sein wird….