Der Titel ist diesmal ganz wörtlich gemeint. Aktuell lese ich einen dicken Schinken  von Manfred Spitzer „Musik im Kopf“, der natürlich hier noch ausführlich besprochen wird, sobald ich durch bin. Weil aber bei den Besprechungen immer gar nicht genug Platz ist, um den Inhalt wirklich zu würdigen, will ich jetzt schon mal ein paar von den Dingen, die ich besonders faszinierend finde, hier versuchen darzustellen. Ein bisschen was aus dem Buch ist auch schon auf den Seiten zur Physik des Flötenspiels und zu den Obertönen zu finden.

Aktuell lese ich das Kapitel über die Lokalisierung von musikverarbeitenden Bereichen des Gehirns und über die Auswirkung des Musizierens auf die Gehirnstrukturen. Das ist ja ein beliebtes Thema, vom Mozart-Effekt bis zum Wunderkind aufgrund des Musizierens. In den letzten Jahren hat die Wissenschaft bei der Analyse der Hirntätigkeit durch die neuen bildgebenden Verfahren zusammen mit der aktuellen computergestützten Auswertetechnik unglaubliche Fortschritte gemacht.

Die Verarbeitung von Musik im Gehirn muss ja sehr viele Schritte gehen. Erst mal sind die Signale aus dem Ohr überhaupt aufzunehmen und in einer höheren Ebene dann in musikalische Zusammenhänge zu setzen. Was ich damit meine, versteht jeder, der sich daran erinnert, wie er vielleicht zum ersten Mal etwas komplizierter strukturierte Werke gehört hat. Ich konnte zum Beispiel in der Mittelstufe kaum Mahler oder Bruckner ertragen, weil es für mich nur laut und erdrückend war. Heute liebe ich beide…. heute erkenne ich auch die Strukturen und Zusammenhänge. Das macht mein Gehirn. Das meine ich also mit Weiterverarbeitung. Dafür spielt natürlich das Gedächtnis eine Rolle (Wiedererkennen oder auch einfach nur bei einem Ton noch wissen, dass zuvor die Quinte dazu erklang, um daran zu merken, dass es ein konsonantes Intervall ist).

In der Musik treffen sich die Sprachverarbeitung (beim Singen), das reine Hören, das motorische Lernen (zum Instrumentspielen), das Lernen von Zusammenhängen (Musikgeschichte, Musiktheorie), Gefühle beim Hören…. kurz eigentlich fast alles, was das Menschsein so ausmacht. Dementsprechend ist die Verarbeitung von Musik auch ziemlich weit im Gehirn verteilt. Ein bisschen da und ein bisschen dort…. Beeinflusst wird die Ausbildung der Verarbeitungszentren sowohl von der Art des Musikumgangs (mehr intellektuell, eher gefühlsmäßig, viel Hören, viel Spielen, Unterricht mit Worten oder Unterricht durch Vorspielen….) wie auch durch die Intensität und den Zeitraum in dem die Auseinandersetzung stattfindet. Bei Kindern, die schon im Alter unter 9 Jahren mit dem Musikmachen begonnen haben, bewirkt das sogar eine Vergrößerung der Bereiche, die Töne verarbeiten, auf relativ unterer Ebene.

Wie ich schon im Zusammenhang mit einer früheren Lektüre  gelernt habe, ist es zum Beispiel möglich, dass Menschen, die aufgrund einer Hirnschädigung nicht mehr sprechen können, sehr wohl Lieder mit Text deutlich singen können. Ähnlich wie Aphasie, bei der das Gehirn die Sprachverarbeitung trotz vorhandenem Hörvermögen, nicht mehr leisten kann, gibt es Amusie. Das heißt, dass das Gehirn die musikalischen Zusammenhänge nicht mehr herstellen kann. Das bedeutet, Musik machen und auch Musik hören sind nicht mehr richtig möglich (je nach Ausprägung jeweils mehr oder weniger). Das ist eine Horrorvorstellung. Ravel litt ab 1933 an diesem Problem, der Arme. Untersucht ist das Phänomen noch nicht so gut wie die Sprachproblematik, da diese ja viel offensichtlicher und auch behindernder ist.

Die bei Sprache etwas einheitlicher erscheinende Repräsentanz im Gehirn wird vom Autor übrigens auch auf die bei allen Menschen sehr ähnliche Form des Spracherwerbs zurückgeführt. Die Bekanntschaft mit Musik dagegen gestaltet sich ja bei jedem Kind individuell sehr verschieden (Vorsingen von Liedern durch die Eltern, Radio und/oder Musik hören zuhause, Instrument lernen, im Chor singen etc.).

Weiterhin eines meiner Lieblingsthemen und sehr spannend….