“Soviel Musik war nie” das ist der Titel eines Buches aus dem Jahr 1997. Der Autor ist Klaus Peter Richter, Lehrbeauftragter am musikwissenschaftlichen Institut der Universität München. Als Untertitel steht da “Von Mozart zum digitalen Sound – eine musikalische Kulturgeschichte”. Nachdem ich es gelesen habe, finde ich den zweiten Teil dieses Untertitels etwas irreführend.

Schon die letzten Tage habe ich mich immer wieder gefragt, wie ich dieses Buch hier besprechen kann oder soll. Schwierig wird das zum einen dadurch, dass ich es nicht vollständig verstanden habe. Zum anderen ist es ein ungewöhnliches Buch (jedenfalls nach meinen Lesererfahrungen) und ich möchte vermeiden, dem Autor irgendetwas zu unterstellen. Also vorbeugend: was ich schreibe ist das, was ich gedacht und empfunden habe bei der Lektüre. Gut möglich, dass es nicht das ist, was der Autor beabsichtigt hat.

Also, zum Buch. Der Titel “Soviel Musik war nie” beschreibt zum einen die Allgegenwart der Musik im heutigen Alltag (vom Kaufhaus über öffentliche Toiletten, Autoradio, Walkman, Mp3-Player etc.). Musik ist immer und überall für jeden verfügbar, der das möchte. Auf einer anderen Ebene spricht es aber auch von der verfügbaren Bandbreite von Musik. Nicht nur stilistisch (Klassik, Pop, Rock, Folk, Jazz etc.) sondern auch bezüglich der zeitlichen Bandbreite (Renaissance bis Zeitgenossen, die Hits der 50s, 60s, 70s, 80s, 90s). Aktuell hören und spielen wir die Musik der kompletten Menschheitsgeschichte, aller Regionen und Zeiten. Das ist schon ziemlich ungewöhnlich und rechtfertigt die Aussage “Soviel Musik war nie”.

Richter teilt sein Buch in zwei Hauptabschnitte, von denen der zweite deutlich der bei weitem längere ist:

  1. Eine Bestandsaufnahme
  2. Wie es dazu kam

Was mich an diesem Buch so irritiert hat, ist die Aufeinanderfolge von Aufzählungen und Beispielen. Ich verliere dabei gelegentlich ein wenig den Faden. Der Autor spricht eigentlich keine Wertung aus zu dem was er beschreibt. Seine Sprache ist aber für mein Empfinden wertend. Ich hatte den Eindruck, dass die von ihm beschriebene Entwicklung ihm nicht behagt. Er erscheint mir deutlich kritisch, ohne dass er dies explizit ausspricht. Sprachlich ist das Werk sehr anspruchsvoll, wie ich finde. Der Stil erinnert an eine Konzertkritik oder einen anspruchsvollen Feuilleton. Es würde mich nicht wundern, wenn Herr Richter sich auch in diesem Bereich betätigen würde.

Was ich definitiv mitgenommen habe, ist eine für mich nachvollziehbare Erklärung dafür, warum sich in unserer Zeit die E-Musik so weit von der U-Musik entfernt hat und warum die Musik der aktuellen, noch lebenden Komponisten von E-Musik nicht unser Musikleben dominiert, sondern viel mehr die Hits der vergangenen Jahrhunderte von Bach bis Schubert. Richter beschreibt hier die Entwicklung von der Ordnung der Kontrapunktzeit, die er als “übergeordnete” Ordnung bezeichnet, über die individuellere, menschlichere, subjektive Form bei Mozart oder Beethoven (hier steht das “ich” mehr im Vordergrund, die Musik wird zum Dialog, individualisiert und vermenschlicht), weiter über die harmonischen Erweiterungen der Romantik (Chromatisierung), die zu einer Auflösung und Ausdehnung des harmonisch zulässigen führte (Wagner als Extrem) bis zur neuen Konstruktionsmethode der Zwölftontechnik, in der die Harmonie in den Hintergrund tritt. Und etwa ab diesem Punkt haben die Komponisten dann einen großen Teil ihrer Zuhörerschaft verloren, weil ab hier die emotionale Seite des Musikhörens eingeschränkt wurde. Die Musik wurde zu einer durchkonstruierten Kunst. Die Option, eigene Gefühlszustände zu unterstützen oder auch zu verändern durch die Musik, die man hört, ist bei diesen Konstrukten kaum noch gegeben. Der Zugang erfolgt eher intellektuell. Dem Konzert geht eine Erläuterung voran, die den Bauplan der Werke offenbart. Man folgt der Musik dann mehr mit dem Gehirn als mit dem Herz. Für mich beschreibt das meine Hörerfahrung in vielen Konzerten zeitgenössischer Musik ganz gut. Häufig fasziniert mich die technische Seite, das was die Interpreten so mit ihren Instrumenten anstellen, interessante Instrumentierungen und ähnliches. Aber diese Faszination ist eine intellektuelle.

Richter sagt, dass die emotionale Seite der Musik daher heute durch ältere Musik oder eben durch U-Musik bedient wird. Ein Grundbedürfnis der Menschen beim Musikhören ist die emotionale Wirkung. Die ergibt sich aus Struktur, Melodie und Harmonie. Wiedererkennen und verstehen sind wichtig und befriedigend. Ich finde, das trifft es ganz gut und die Entwicklung der Musik weg von diesen Strukturen finde ich auch erkennbar und nachvollziehbar.

Die Musikszene hat parallel zum “Verlust” der Publikumswirksamkeit der aktuellen ernsten Werke einen Kult um die Interpreten entwickelt. Auch hier kann ich Herrn Richter zustimmen. Heute sind Solisten und Dirigenten die modernen Stars. Klassische aktuelle Komponisten sind selten in Person bekannt (eine Ausnahme ist hier vielleicht Stockhausen gewesen). Diejenigen, die bekannt sind, sind dies häufig durch ihre Dirigiertätigkeit (Boulez oder Holliger). Mozart oder Beethoven waren dagegen nicht nur aufgrund ihrer Interpretentätigkeit Stars sondern gerade aufgrund ihrer Kompositionen (sehr gut in Ortloffs Roman zur Uraufführung des Don Giovanni in Prag beschrieben).

Richters Buch beschreibt ausführlich die Entwicklungen seit Erfindung des Recording, den CD- und Video-Wahn der Branche, die Verfügbarkeit von Musik und den Anspruch, der aus den perfekten Aufnahmen auch an Live-Veranstaltungen gerichtet wird. Auch hier hat er überall recht. Was mir fehlt ist aber die Seite der nicht-professionellen Musikausführung. Das Hausmusizieren, das von der Verfügbarkeit von Musik aller Zeiten und auch von wenig bekannten Komponisten profitiert, spielt in seiner Betrachtung keine Rolle. Im Buch geht es um Konzerte und Aufnahmen, um Kommerz und Musik. Ich glaube aber, dass wir heute auch so viel Musiktreibende wie noch nie haben und dass dies ein Luxus ist, der auch der Gesellschaft nutzt.

Ich denke, die Beobachtungen sind alle richtig und auch gut beschrieben (obwohl mich die Aufzählungen und die teils ziemlich hochgeschraubten Formulierungen dabei etwas irritieren). Nur die für mich immer mitschwingende Kritik teile ich nicht. Ich glaube, jede Gesellschaft hat ihre eigene Form mit Kunst, Musik und Kultur umzugehen. All das ist ja Teil der Gesellschaft. Es macht keinen Sinn, sich daneben zu stellen und zu kritisieren. Beobachten finde ich gut und selbst gestalten ist toll. Nörgeln ist sinnlos.

Besonders amüsant an der Lektüre war für mich die “Aktualität”. Das Buch ist mittlerweile 15 Jahre alt (steht schon eine Weile in meinem Regal und stammte auch aus irgendeinem Wühltisch oder Antiquariat). Alle monetären Zahlen sind noch in DM und die Verfügbarkeit von Musik über den PC wird als Prognose oder aller jüngste Entwicklung beschrieben. Eine Beispiel-Interpretin für “Crossover” ist Vanessa Mae, von der man heute schon fast nichts mehr hört.

Ich bin schon lange sehr fasziniert von der Wechselwirkung zwischen politischen, technischen und sozialen Entwicklungen und Musik. Daher war das Buch für mich sehr spannend. Ich finde allerdings auch, dass zwischen all den Beispielen und Aufzählungen eine wirkliche Aussage ein wenig untergeht. Ich fände eine eigene Meinung oder Bewertung des Autors in Klartext nicht schlecht. Insgesamt bleibt für mich das gelesene, die unendlich vielen Fakten, Zahlen und Namen, wenig greifbar und diffus. Overload oder so ähnlich. Hier für alle, die es selbst mal lesen möchten die exakten bibliographischen Angaben:

Klaus Peter Richter: Soviel Musik war nie.

Von Mozart zum digitalen Sound. Eine musikalische Kulturgeschichte.

Luchterhand Literaturverlag 1997,

ISBN 3-630-87989-6