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Vom Sacken lassen

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Nach der erneuten Beschwerde meiner (un)freundlichen Nachbarin, von denen ich hier ja schon berichtet hatte ist meine Übe-mut mal wieder ganz tief gesunken. Dazu ein großes Arbeitspensum, morgens früher raus, abends später heimkommen und dann denken “19 Uhr? Lieber nicht, da wird wieder gemeckert”. Solch einen Zustand habe ich die vergangene Woche gepflegt und mir damit eine regelrechte “Flötsehnsucht” angezüchtet. Heute also kam ich nach Hause, wieder so 19 Uhr und dachte, mal sehen, ob es noch klappt. Und da schlug es wieder zu, das wundersame Phänomen “Sacken lassen”.

Derzeit übe ich an Image von Bozza. Schon eine Weile und es ist auch schon das zweite Mal, dass ich das im Unterricht auf dem Pult habe. Vor zwei oder drei Wochen dann die erste Stunde mit dem Stück und wie meist eine lange Liste von Unzulänglichkeiten und unüberlegtem Käse, wie ich ihn gern mal produziere (und wenn man darauf hingewiesen wird, fällt es einem wie Schuppen von den Augen). Ich also mit meiner Hausaufgabenliste nach Hause und bis zu meiner Übekrise (s.o.) eifrig auf den Problemstellen rumgekaut, wie Waldi auf seinem wöchentlichen Knochen. Der Erfolg war eher mässig, wie das häufig mit so kniffeligen Stellen ist.

Heute also habe ich endlich den inneren Schweinehund und die Vision meiner Lieblingsnachbarin kaltgestellt und mal probiert, ob noch was rauskommt aus dem guten Stück. Und, o Wunder, viel besser als erwartet, oder besser befürchtet. Wie das so ist…. ohne Erwartung beginnen (oder gar mit negativen Erwartungen) und einfach spielen und dann noch die Zeit, in der sich unverdautes in die Neuronen des Hirns hineinarbeiten konnte…. und voila….. nicht, dass ich das jetzt alles könnte. Aber immerhin hat es schon ein bisschen nach Musik geklungen.

Also: Sacken lassen! Das ist nicht nur ein Spruch, das ist millionenmal erprobt und funktioniert tatsächlich.
Nur zwanzig Minuten geübt, Stimmung kräftig angehoben, schlechtes Gewissen gemildert, keine Beschwerden…… jetzt kann der Abend weitergehen und zwar mit Heimarbeit.

In meinem Haus lebt eine junge Frau, die bereits nach zwei gespielten Tönen die Treppe heraufstürmt und klingelt. Und dann in den unfreundlichsten Worten auf ein Ende des Übens hinwirkt. Ungelogen, man fragt sich, wie schnell die die Treppe geht, dass sie so unmittelbar nach dem ersten Pup bereits klingeln kann. Obwohl ich derzeit selten länger als eine halbe Stunde am Tag spiele (ich hoffe, das liest jetzt weder mein Lehrer noch sonstige Leute, die denken, ich wäre im Sinne gemeinsamer musikalischer Ambitionen fleissiger), scheint es nicht möglich, das zu ertragen. Ich spiele keinesfalls nur Tonleitern oder neue Musik oder schreckliche Tonübungen. Da ich ohnehin schon sehr sensibilisiert bin, besteht ein gut Teil der Zeit tatsächlich aus Musik: Mozart, Haydn und andere verträgliche Geschichten.

Vor unserem Haus ist eine Ampel, mitten in Köln mit derzeit unfassbar langen Schlangen von Autos. Bei ca. jedem fünften dröhnt Musik aus dem Cockpit, von Hiphop, Heavymetal und Schlager bis hin zu arabischen Tönen. Dazu kommt das obligatorische Hupen und Bremsenquietschen. Am Wochenende wird das ergänzt durch das Sirenengeheul der Richtung Autobahn ausfahrenden Rettungsfahrzeuge . Hinter dem Haus befindet sich ein gut frequentierter Kinderspielplatz, auf dem glücklicherweise auch noch richtig geschrien werden kann und darf. Und neben an wohnen vornehmlich partyfreudige Studenten. All diese Störgeräusche werden hingenommen, aber drei Flötentöne mag man nicht ertragen. Richtig verstehen kann ich das nicht.

Der Nachbar meiner Eltern, mein späterer Physiklehrer, spielte Flügel. Ich kann mich gut erinnern, dass ich häufig beim Lernen das Fenster geöffnet habe, wenn ich gehört habe, dass er übt. Das ist einfach schön! Ich verstehe ja, dass das nicht jedem zwingend gefallen muss. Aber es gibt ein Recht, zu üben, wenn man sich an die Zeiten hält und die Fenster schließt. Abgesehen von der Rechtmässigkeit des Übens sollte es auch so was wie Toleranz geben. Aber vermutlich ist das out.

Was ist der Lösungsansatz? Wir wollen ein freistehendes Haus kaufen. Und was passiert? Der Makler betuppt uns. Bzw. eigentlich hat er die Verkäufer angelogen. Wir hatten schon die Finanzierungsbestätigung an ihn weitergeleitet und dann wird die abschließende Besichtigung abgesagt weil eine Reservierung vorliegt. Den Verkäufern hatte er mitgeteilt, wir hätten kein Interesse mehr, hätten uns nicht mehr gemeldet und seien auch telefonisch nicht erreichbar. Dabei hatten wir für den Tag nach der Reservierung ja einen Termin vereinbart. Schon seltsam wie das wohl ohne Interesse und ohne Kommunikation ging?

Die Verkäufer hätten jedenfalls letzten Donnerstag abend sich mit uns für den Notar verabreden können und haben jetzt stattdessen eine Reservierung an der der Makler für den Fall, dass der Käufer das Geld nicht bekommt oder es sich noch anders überlegt, ca. 800 Euro verdient. Die absagende Dame des Immobilienbüros hatte noch so schön gesagt: “Die Reservierung läuft bis zum ????, wenn das dann nicht geklappt hat, würde ich mich gerne wieder bei Ihnen melden.” Klar, dass ich das Geld bekomme, wissen sie ja und…. schwuppdiwupp verdient der Makler 110% Provision am Häuschen…. so einfach kann es gehen….

Warum also, wollte der Makler nicht an unser verkaufen? Ich kann nur vermuten, dass wir zu “schwierig” waren: Wir hatten uns auf das unseriös erscheinende Angebot einer kostenpflichtigen Reservierung nicht eingelassen und auch noch Fragen zur Preisbildung gestellt… böse, böse. Menschen, die Fragen stellen, bevor sie sich bis zum Ende ihrer Tage verschulden werden von Maklern nicht gern gesehen. Der besagte Makler hatte seine Verkäufer auch nicht informiert, dass der Energiepass schon einige Zeit vorgeschrieben (“ernsthaften Interessenten unaufgefordert vorzulegen”) ist. Auch das ist eine Ordnungswidrigkeit. Aber Makler darf sich ja leider jeder nennen. Vielleicht hat die Übereinstimmung in der Anfangssilbe mit “Mafia” ja tieferliegende Gründe oder ist ethymologisch begründet?

Und die Moral von der Geschicht: Wen jemand im größeren Umfeld von Köln (soll heißen: Leverkusen, Pulheim, Frechen, Erfstadt, Porz oder so) ein freistehendes Haus mit über 100m² Wohnfläche verkaufen möchte. OHNE Makler! Dann möge er sich doch melden, falls der gewünschte Preis nicht über 250.000 Euro liegt. Ich bin für jeden Tipp dankbar.

Alte Liebe und neues Glück

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Schon vier Jahre…. wie die Zeit vergeht. Schon vier Jahre habe ich meine “neue” Flöte. Und sie wird wohl für alle Ewigkeit die “neue” bleiben. Das kommt daher, dass da ja noch die “alte” ist. Ich habe sie behalten. Ich konnte und kann mich nicht trennen. Ich hatte ihr eigentlich ja “ewige Treue” geschworen. Und als ich nun kürzlich mit Verwunderung festgestellt habe, dass meine “neue” eben schon gar nicht mehr neu ist, da war sie fällig für eine Überholung. Naja… und da habe ich notgedrungen auf mein altes Schätzchen zurückgegriffen. Mit leicht schlechtem Gewissen ob der Untreue, mit ein wenig Grauen, wie das denn gehen mag und mit viel Verwunderung, wie schnell man doch ein Instrument als fremd empfindet.
Inzwischen ist die alte wieder im Schrank verstaut und die neue, die jetzt auch wieder ihrem Namen entsprechend aussieht und spielt, ist wieder in Gebrauch.
Aber bei aller Liebe für das gute Stück, auch mein altes Schätzchen hatte seine Vorteile und es hat mich nachdenklich gestimmt, die Unterschiede mal wieder zu spüren.
Für alle, die demnächst ein Instrument kaufen wollen ein paar Details zu den Unterschieden. Mein aktuelles Instrument hat einen absolut fetten, runden Sound und ermöglicht sehr lautes Spiel. Sie hat Ringklappen und ist deutlich dickwandiger als meine alte. Dafür ist die alte natürlich sehr leicht, benötigt deutlich weniger Luft und kann sehr leise gespielt werden. Die Klappen sind dabei geschlossen. Die Kopfstücke sind natürlich auch sehr unterschiedlich und ich denke, der Kopf der alten (von Mancke) ist etwas großzügiger, das heißt er erlaubt etwas ungenaueres Spiel, habe ich den Eindruck. Das verringert das Risiko von nicht ansprechenden Tönen. Alles in allem ist aufgrund des Alters von über 40 Jahren die alte Flöte in der Intonation stressiger, die neue benötigt dafür mehr Luft und Kondition. Jede hat also ihre Vorteile und so finde ich mich manchmal auch bei Gedanken über andere Köpfe etc. wieder. Eigentlich befürchte ich aber, dass ich den so geliebten Klang des aktuellen Instruments einfach mit mehr Luft und guter Kondition bezahlen muss und der Sound eben nicht ohne Arbeit zu haben ist.
Eine Empfehlung möchte ich aber noch loswerden. Die Überholung hat prima geklappt, der Endpreis lag gute 100 Euro unter dem Voranschlag und das finde ich wirklich sehr anständig. Die gute Adresse war Christoph Siewers in Köln.

Seit einigen Wochen lese ich ein Buch, das mir Freunde geschenkt haben. Eigentlich wollte ich erst eine Empfehlung schreiben, wenn ich ganz durch bin, aber da stieß ich heute im Fernsehprogramm auf einen Beitrag, der mich veranlasst hat, den Tipp doch vorzuziehen.
Das Buch heißt

Konzert für die linke Hand von Lea Singer

Es handelt sich um die Romanfassung der Biographie des Pianisten Paul Wittgenstein, Sohn einer reichen österreichischen Industriellenfamilie und Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein.

Puristen mögen jetzt sagen, hat ja nix mit Flöte zu tun. Richtig. Aber viel mit Musik. Brahms und Hindemith spielen kleine Nebenrollen und insgesamt zeichnet das Buch ein schönes Bild vom Verhältnis zwischen Mäzen und Künstler, von Wien vor, während und nach dem ersten Weltkrieg und von der Stelle, die Musik in einem Leben einnehmen kann. Das ist natürlich für jeden Menschen verschieden und genau das zeigt das Buch auch. Nebenbei habe ich auch noch viel geschichtliches dazugelernt (was nie meine Stärke war) und es ist sehr schön zu lesen, wie ich finde. Wunderbar verpackte Fakten sozusagen.

Nebenbei handelt das Buch von einer meiner Grundängste, da die Hauptfigur, wie der Titel ahnen lässt, im Krieg einen Arm verliert und seine gerade angebrochene Pianisten-Karriere beendet scheint. Nicht nur das, das Klavierspiel scheint zunächst verloren, wenn einen solch ein Schicksal trifft. Für mich war die Vorstellung, einen Finger zu verlieren oder ähnliches immer ein Horror, da ich nicht ohne Flöte spielen sein wollte. Verstärkt wurde diese Angst durch eine Freundin, die Cello spielte und dann durch einen Unfall die Fingerkuppe des Zeigefingers an der Griffhand verlor. Unvorstellbar! Dieses Buch allerdings macht tatsächlich Hoffnung, der “Held” spielt weiter…. sehr, sehr bewegend wie ich finde……

Der Anlass für diese verfrühte Empfehlung (obwohl ich sicher bin, die zweite Hälfte des Buchs wird genauso fesselnd bleiben) war wie gesagt das Fernsehprogramm. Am 16.9. zeigt der Bayrische Rundfunk um 23:40 Uhr eine Biographie von Paul Wittgenstein, die ich mir sicher ansehen oder aufnehmen werden. Vielleicht kann der filmische Beitrag ja noch den einen oder anderen für das Buch gewinnen.

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